Der “Spiegel”-Ansatz ist produktiver als die Kommunikationspartner-These. Das ist ein sinnvoller Perspektivwechsel.
Aber die zugrundeliegende Prämisse bleibt falsch:
“Die KI als Destillat der Weltkommunikation” überschätzt, was LLMs tatsächlich sind. Sie sind nicht “materialisiertes Gedächtnis der Gesellschaft” - sie sind komprimierte Korpusstatistik.
Konkrete Probleme:
“Reine Gesellschaftlichkeit”
LLMs repräsentieren nicht “Gesellschaft”, sondern Textkorpora
Diese Korpora haben massive Verzerrungen (Überrepräsentation englischsprachiger Online-Texte, bestimmter Plattformen, Zeiträume)
Das ist kein neutraler Querschnitt der “Weltkommunikation”
“Statistischer Erwartungshorizont der Gesellschaft”
LLMs zeigen statistischen Erwartungshorizont der Trainingsdaten
Das ist nicht dasselbe wie gesellschaftliche Normalität
Reddit-Diskussionen ≠ Gesellschaft
“Die KI übernimmt die Sinn-Sortierung”
Nein. Sie berechnet Token-Wahrscheinlichkeiten
Sinn entsteht durch menschliche Kuration dieser Outputs
Ohne iterative Qualitätskontrolle ist der Output nicht verwendbar
Der produktive Kern:
Die Beobachtung, dass LLM-Outputs zeigen, wie sehr auch menschliches Denken musterbasierten Strukturen folgt, ist interessant. Aber dafür braucht es nicht die theoretische Überhöhung zum “Gesellschaftsspiegel”.
Die Werkzeug-Perspektive leistet dasselbe: LLMs als Hilfsmittel, die statistische Muster aus Textkorpora verfügbar machen - mit allen Verzerrungen und Limitationen.
Ich denke, wir haben hier einen spannenden Punkt erreicht: Die Kritik an den Verzerrungen der Trainingsdaten ist völlig nachvollziehbar, aber sie bestätigt eigentlich meinen Punkt. Gesellschaft ist kein normatives Ideal eines neutralen Querschnitts, sondern die Gesamtheit der faktisch stattfindenden Kommunikation – inklusive aller Machtgefälle und Biases. Dass das LLM diese Verzerrungen widerspiegelt, macht es gerade zu einem authentischen (wenn auch unangenehmen) Spiegel der digitalen! Weltgesellschaft.
Vielleicht können wir uns darauf einigen , dass der Umgang mit KI uns zeigt, wie sehr das, was wir ‘Sinn’ nennen, auf musterbasierten Strukturen beruht. Ob man das nun als ‘Kommunikation’ oder als ‘komprimierte Korpusstatistik’ bezeichnet, ist letztlich eine Frage der theoretischen Etikettierung. Der operative Effekt bleibt: Wir haben erstmals ein System, das Sinn-Selektionen autonom rekombiniert. Selbstverständlich ist autonom aus deiner Sicht zu stark. Aber auch das mag an den individuellen Gewichtungen der Begriffe liegen.
Ich schlage vor, wir lassen diese Differenz in der Interpretation so stehen. Deine Werkzeug-Perspektive bewahrt die menschliche Exklusivität der Sinnstiftung, während meine Perspektive des Gesellschaftsspiegels die operative Macht der Muster in den Vordergrund rückt. Beides sind legitime Sichtweisen auf ein Phänomen, das unsere klassischen Kategorien ohnehin gerade sprengt.
Die Perspektive ist als theoretischer Ansatz legitim - aber sie basiert auf falschen empirischen Prämissen.
Die falschen Prämissen:
1. Datengröße:
Behauptung: LLMs bilden “digitale Weltgesellschaft” ab
Realität: ~0,0001-0,001% des zugänglichen Internets
Hochselektive Kuration durch Qualitätsfilter, Lizenzierung, Sprachfilter
2. Autonomie:
Behauptung: “Autonom rekombiniert”
Realität: Vollständige menschliche Kontrolle auf allen Ebenen (Training, RLHF, Prompting, Kuration, Deployment)
3. Repräsentativität:
Behauptung: “Authentischer Spiegel” der Kommunikation
Realität: Systematische Verzerrungen (Reddit/StackOverflow überrepräsentiert, Social Media/nicht-englische Inhalte/Deep Web massiv unterrepräsentiert)
Die legitime Kernfrage:
“Wie sehr basiert menschliche Sinnkonstitution auf musterbasierten Strukturen?” - Das ist eine interessante Frage.
Aber um sie produktiv zu bearbeiten, braucht es korrekte Fakten über das Werkzeug, nicht theoretische Überhöhung basierend auf falschen Größenordnungen.
Ich gehe noch mal etwas zurück. Mir scheint das Verständnis der Interaktion innerhalb des umrissenen Kommunikationsmodells in der Hinsicht sinnvoll zu sein, dass es gerade eine Differenz der menschlichen Kommunikation zur KI überwinden kann, bzw. die Unterschiede in dieser funktionalen Perspektive eben nicht relevant sind. Zu der geäußerten Kritik an diesem Ansatz sei auf diesen Satz verwiesen:
Heißt: Ob die KI selbst versteht, wie sie Informationen ordnet etc. ist für diesen Ansatz irrelevant, entscheidend ist, dass bzw. wie der Output interpretiert wird.
Dies ist ein Ansatz, der gut neben dem, der KI mit der Affordanz eines Subjektes ausstattet (was nicht heißt, dass man sie nicht als Werkzeug gebraucht) und der nach der Integation in Prozesse menschlicher Selbstverständigung fragt, bestehen kann, da das Erkenntnisinteresse ein anderes ist (ich kenne Luhmanns Systemtheorie bisher leider nur aus Erwähnungen in anderer Literatur und gehe einfach mal hauptsächlich von dem aus, was hier geschrieben wurde).
Die Spiegel-Theorie finde ich hingegen nicht ganz so produktiv. Zum einen wegen der schon gemachten Einwände, zum anderen müsste man die KI dafür als ein Außerhalb betrachten, de facto findet sie aber innerhalb der menschlichen Weltkommunikation statt, ist ein Teil von ihr. Das man KI und Subjekt/Gesellschaft/Weltkommunikation neben einander stellt und sie gemäß ihrer Funktionsweise vergleicht, kann hingegen sinnvoll sein.
Ich verstehe deine Verteidigung nicht ganz. Du sagst, es sei irrelevant ob die KI selbst versteht, entscheidend ist nur wie der Output interpretiert wird. Aber genau das ist doch das Problem: Wenn Sinnkonstitution ausschließlich im interpretierenden Menschen stattfindet, warum brauchen wir dann überhaupt ein “KI-Kommunikationsmodell”?
Was erklärt dieser Ansatz, das die simple Werkzeug-Perspektive nicht erklärt? Welche analytischen Erkenntnisse folgen daraus?
Occams Messer: Wir haben zwei Erklärungen - LLM als Werkzeug, das Menschen in ihrer Kommunikation nutzen, versus LLM als Teil eines Kommunikationssystems mit eigenem “Modell”. Die erste ist einfacher und erklärt alle beobachtbaren Phänomene. Warum sollten wir die kompliziertere bevorzugen?
Es handelt sich ja nicht um ein spezielles KI-Kommunikationsmodell, sondern um eins, was sowohl die menschliche Interaktion als auch die Interaktion mit der KI (die nicht von Seiten der KI so verstanden wird, aber von der für uns entscheidenden menschlichen Gesellschaft, in der wir leben) gleichermaßen beschreiben kann, damit auch eine gemeinsame Basis für das Feststellen von Unterschieden innerhalb dieses Beschreibungsrahmens geben kann, ohne an den Unterschieden von KI und Mensch zu scheitern.
Diese Perspektive und die Werkzeug-Perspektive nehmen jeweils unterschiedliche Aspekte der KI in den Blick: als Werkzeug betrachtet man sie im Hinblick auf das Reich menschlicher Zwecke, ist also eher auf das Individuum oder eine Gruppe von Individuen vor dem Hintergrund eines Zieles innerhalb des Rahmens gesamtgesellschaftlicher Selbstkonstitution gerichtet. Die Kommunikationstheorie kann den Aspekt betrachten, dass die KI diesen Rahmen selbst mitprägt, ein Teil dessen ist. Das unterscheidet sie ja von gewöhnlichen Werkzeugen wie bspw. einem Hammer…
Du weichst der Frage aus. “Unterschiedliche Aspekte in den Blick nehmen” erklärt nicht, warum wir den komplizierteren Ansatz brauchen.
Was genau prägt die KI am “Rahmen gesamtgesellschaftlicher Selbstkonstitution” mit, das andere Werkzeuge nicht tun?
Die Druckerpresse hat auch den gesellschaftlichen Rahmen geprägt. Brauchen wir deshalb ein “Druckerpresse-Kommunikationsmodell”? Oder reicht: “Die Druckerpresse ist ein Werkzeug, das verändert hat, wie Menschen kommunizieren”?
Welches beobachtbare Phänomen erklärt dein Kommunikationsmodell-Ansatz besser als: “LLMs sind Werkzeuge, die menschliche Kommunikationspraktiken verändern”?
Ein naheliehendes Beispiel wäre z. B. dieses Diskussionsforum. Hier wird über grundsätzliche Fragen diskutiert und der Einsatz von KI prägt die Beiträge sowohl inhaltlich als auch formal. Es werden dadurch thematisch andere Schwerpunkte gesetzt, diese werden, gerade wenn man die KI ausformulieren lässt, auch anders kommuniziert, wodurch sich auch die Art der Interaktion untereinander verändert. Diese hängt wiederum unmittelbar mit dem Selbstverständnis zusammen, das wir von uns als Gemeinschaft der Diskutierenden haben (“Selbstkonstitution”).
Der Buchdruck hat zur Verbreitung eines Mediums geführt, innerhalb dessen die gesellschaftliche Selbstverständigung auch stattfindet. Er hat neue Möglichkeiten eröffnet, einen neuen Rahmen gesetzt, nicht innerhalb dieses Rahmens in an dem Beispiel veranschaulichten Weise diese mitgeprägt.
Vielleicht sollten wir einen Schritt zurück gehen und klären, warum ich überhaupt nach dem Mehrwert des Kommunikationsmodell-Ansatzes frage.
Es geht um ein epistemologisches Grundprinzip: Man kann Modelle beliebig kompliziert machen, aber nicht beliebig einfach. Eine einfache Erklärung zu finden ist schwierig, eine komplizierte zu konstruieren ist trivial. Jeder kann zu einem simplen Modell weitere Schichten hinzufügen.
Das macht einfache Erklärungen wertvoller. Wenn zwei Modelle dasselbe erklären, ist das einfachere vorzuziehen - nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil Komplexität an sich kein Erkenntnisgewinn ist.
Deshalb meine Frage: Was erklärt das Kommunikationsmodell, das die Werkzeug-Perspektive nicht erklärt? Wenn die Antwort “nichts” ist, dann fügt das Modell nur Komplexität hinzu ohne Erkenntnisgewinn.
Und wenn wir tatsächlich bei “nichts” landen - könnten wir dann vielleicht aufhören, über konkurrierende Erklärungen zu streiten, und stattdessen überlegen, was wir eigentlich verstehen wollen?
Was sind die konkreten Phänomene, die wir erklären wollen?
Der Mehrwert liegt gerade darin, den Prozess der Kommunikation als Ganzes zu beleuchten und blinde Flecken aufzudecken, die in der klassischen Differenz ‘Mensch als Teilnehmer / KI als Werkzeug’ unsichtbar bleiben. In dieser klassischen Gegenüberstellung liegt nämlich ein Kategorienfehler: Man versucht, eine operative Handlung (menschliche Kommunikation) mit einem statischen Objekt (Werkzeug) zu vergleichen. Das ist keine strukturelle Differenz, die Erkenntnis über den Prozess bringt.
Wenn wir uns stattdessen darauf einlassen, den Prozess zu betrachten, zB die Selektion, gewinnen wir eine echte Vergleichsebene: Auch das menschliche Meinen ist in weiten Teilen moderiert, vorgeformt und musterbasiert. Wenn wir nun beobachten, wie ein LLM auf zumindest ähnliche Weise – nämlich durch Rekombination bestehender Sinn-Muster – Selektionen trifft, erhalten wir eine Grundlage für eine fruchtbare Differenz-Analyse.
Der unausweichliche Einwand, dass es falsch ist, der LLM die Selektion zuzusprechen, wäre dann ein Ausgangspunkt zu überlegen, ob das selbe, in abgeschwächter Form , auch für die Selektion des Menschen gelten kann.
Wir können fragen: Wo weicht die ‘reine’ statistische Selektion der Maschine von der ‘biologisch irritierten’ Selektion des Menschen ab? Diesen Erkenntnisgewinn verstellen wir uns, wenn wir die KI vorab zum passiven Werkzeug degradieren. Nur wenn wir die KI als operativen Teil des Selektionsprozesses ernst nehmen, können wir analysieren, wie sie den Rahmen dessen, was wir als sinnvoll und anschlussfähig empfinden, bereits im Vorfeld verschiebt. Das Ziel ist nicht, die KI zum Menschen zu erklären, sondern Prozesse in der Kommunikation , hier der Sinn-Konstitution , besser zu verstehen.
Ich glaube, da liegt tatsächlich was Interessantes. LLMs zeigen nicht nur theoretisch, dass Sprache musterbasiert funktioniert - sie demonstrieren es praktisch. Die Fähigkeit, auf die wir unsere Sonderstellung gestützt haben, ist ohne Bewusstsein, ohne Verstehen, ohne Intentionalität replizierbar.
“Das sprechende Tier” ist nichts Besonderes. Alle sprechen. Wir verstehen halt nicht alle.
Das ist keine philosophische Abstraktion mehr, sondern technologische Realität. Diese Verschiebung dessen, was als menschlich-einzigartig galt, ist schon bemerkenswert.
Die Frage ist aber: Brauchen wir für diese Einsicht das komplizierte Kommunikationsmodell? Oder liefert uns die technologische Illustration selbst schon die Erkenntnis?
Was ich mich auch frage: Wenn wir akzeptieren, dass LLMs uns was über menschliche Sprache zeigen - gibt es noch andere konkrete Phänomene, bei denen der Vergleich erhellend sein könnte? Vielleicht würde das helfen, den praktischen Nutzen des Ansatzes klarer zu sehen.
Meinem Verständnis nach sind das zwei Paar Schuhe: Man kann die Funktionsweise von Mensch und Maschine abstrakt miteinander vergleichen. Das ist aber nicht das Ziel des Kommunikationsmodells, das eine Beschreibunsgrundlage für eine menschliche KI-involvierte Kommunikation bietet und dafür einen Rahmen bietet, bei dem die Differenzen zwischen Mensch und KI außen vor bleiben, eben um eine gemeinsame Bescheibungsgrundlage zu gewährleisten.
Mir scheint aber auch, dass in deiner Konzeption, Miki, beides irgendwie zusammengehört. Könntest du das nochmal kurz erläutern, oder irre ich mich da?
Unter Berücksichtigung der Gedankengänge der bisherigen Diskussion würde ich so antworten.
Der ursprüngliche Gedanke war die Prozesse der Kommunikation die den Prozessen der KI zuschreibbar sind in Differenz zu stellen mit denen die dem Menschen zuschreibbar sind um auf den Überschneidungen und Unterschieden Aspekte zu beleuchten, die in der allgemeinen Differenz KI/Mensch nicht so gut sichtbar sind.
Daher, ja es soll nicht primär das Wesen des Menschen in Differenz zu dem Wesen der KI beobachtet werden.
Trotzdem bleibt auch in der gewählten Abstraktionsebene die Differenz Menschen/KI übrig, aber nicht auf Ebene der Wesensbeschreibung, sondern auf Ebene des jeweils beschreibbaren Prozesses.
Die Differenz des Prozesses ist jedoch selbst innerhalb des selben Kommunikationsmodells.
Dass neben den Beleuchtungen über die Prozesse hinaus auch Beleuchtungen über das Verständnis des jeweiligen Wesens auftreten würde ich der Einfachheit halber auch unter Mehrwert einordnen.
Trotzdem würde ich die Wesens Erkenntnisse für separate Betrachtungen wegeordnen, da sie von dem eigentlichen Vorhaben ablenken.
Die Frage ist aber: Brauchen wir für diese Einsicht das komplizierte Kommunikationsmodell? Oder liefert uns die technologische Illustration selbst schon die Erkenntnis?
Das würde ich gerne dir überlassen.
Du könntest zb versuchen mit der Werkzeug Beschreibung herzuleiten, dass
Die Fähigkeit, auf die wir unsere Sonderstellung gestützt haben, ist ohne Bewusstsein, ohne Verstehen, ohne Intentionalität replizierbar.
Aber ich bin auch froh, wenn wir gemeinsam unsere Ressourcen bündeln für die Betrachtung von
gibt es noch andere konkrete Phänomene, bei denen der Vergleich erhellend sein könnte?
Dafür, das Konzept der Autorschaft auch in der Kunst abzuschwächen und sich mehr an Konzepten z. B. der Intertextualität zu orientieren, wäre ich auch. Das ist ja auch kein bahnbrechend neues Konzept, hat aber durch die KI als Textproduzent nochmals zusätzlich an Attraktivität gewonnen. Beibehalten sollte man aber meiner Meinung nach auf jeden Fall das Konzept des “impliziten Autors”, d. h. dass die Vorstellung eines Autors vom Text evoziert sein kann, bzw. eine solche Evokation zum Verständnis des Textes hilfreich ist. So finde ich z. B., dass der Genuss eines Thomas Mann-Textes größtenteils sich erst auf Grundlage der Vorstellung eines Autors entfalten kann, der sich in dem Gestus seiner Texte zur Welt verhält.
Die in Rede stehende strukturalistische wäre eine epistemisch grundsätzlich andere Heangehensweise. Damit würde der reale Autor hermeneutisch an Relevanz verlieren und der Leser emanzipiert werden. Aus der Perspekrive der Hermeneutik berachtet ist eine solche Verschiebung durch die “Herabsetzung” des Autors zum Kuratoren nicht unbedingt gegeben, denn man könnte seine Interpretation auf diesen genau so ausrichten wie auf jenen.
Was die Rollenbeschreibung bei der Textproduktion anbelangt, so wie es von dir auch gemeint war, finde ich den Begriff “Kurator” sehr passend. Ebenso ist der Vergleich mit einem Dirigenten aufschlussreich, allerdings meiner Meinung gerade in einer Weise, die durch Unterschiede zur KI-Nutzung bei der Gestaltung im künstlerischen Bereich zeigt, dass mit dem Übergang vom Autor zum Kurator eine Abgabe der Kompetenz stattfindet. Denn der Dirigent hat, auch wenn er die Instrumente nicht selbst spielt, unmittelbaren Einfluss auf die Formgebung in der Aufführungssituation. Gerade bei Rückblicken auf besonders gelungene Aufführungen mit Orchester berichten Dirigenten ja häufig von dem Gefühl der Verschmelzung (technisch ausgedrückt: es kommt zu einem sehr engen Wechselspiel reziproker Rückkopplungen bzgl. menschl. Verhaltensweisen) mit dem Orchesterkörper, bei dem sich kleinste Nuancierungen in Gestik und Mimik unmittelbar auf diesen übertragen. Dies passiert bei einem Kurator von KI-generierten Texten nicht auf gleiche Weise, der eher als Collageur agieren würde, d. h. Bestandteile, die nicht sein Gepräge tragen, arrangiert. Vergleichbar wäre der Kurator deshalb vielleicht (als Arbeitshypothese) eher mit einem Filmregisseur, den man wahrscheinlich besser als einen Dirigenten als Arrangeur begreifen kann…
Die Trennung von Philosophie und Kunst würde ich nach wie vor zumindest als graduellen Unterschied aufrechterhalten, bietet er doch einen Orientierungspunkt zwischen zwei Polen unterschiedlicher Äußerungsweisen (wie in meiner letzten Replik beschrieben). Auch Deleuze hat ja zwischen beiden Differenzen ausgemacht, indem man sich beiden Gebieten zwar strukturalistisch nähern kann, die Faktur der differenten Zeichen aber eine andere ist.
Finde ich schlüssig. Differenzen zwischen Mensch und KI gibt es wahrscheinlich auch bei dem in Rede stehenden Kommunikationsmodell, allerdings nicht in ihrer inneren Funktionsweise als Monade, sondern gemäß ihrer Rolle im Kommunikationsprozess. Wie diese genau aussehen könnten, müssten wir allerdings noch herausfinden. Ich würde vorschlagen, dass hier jeder mal das vertrauliche Zwiegespräch mit der KI seines Herzens sucht und sich genauer über Luhmanns Systemtheorie oder andere Kommunikationsmodelle informiert. Ein weiterer Schritt, den man dann gehen könnte, wäre, zu schauen, ob man von einer neutralen Beschreibung des Verlaufs von Informationsströmen bzw. einer mechanischen Beschreibung der Kommunikation mit einem Kommunikationsmodell wieder in den Bereich der Beschreibung der Rolle der KI im Prozess menschlicher Selbstverständigung, wie sie Anfangs in der Diskussion eine Rolle spielte, kommen könnte.
Mit der Werkzeug-Perspektive ist die Herleitung sogar direkter. Wenn LLMs Werkzeuge sind, die Sprache produzieren, dann ist die Fähigkeit nicht mehr an menschliche Kognition gebunden - sondern nur an die Fähigkeit, das Werkzeug zu bedienen. Ein Affe, der ein Interface bedienen könnte, könnte theoretisch syntaktisch korrekte Texte produzieren. Genau wie beim Feuer: Es ist egal, ob der Affe versteht was Verbrennung ist. Wenn er es nutzen kann, ist unsere Sonderstellung bzgl. Feuer weg.
Die Werkzeug-Perspektive führt zur Degradierung - direkter und radikaler als das Kommunikationsmodell.
Dafür, das Konzept der Autorschaft auch in der Kunst abzuschwächen und sich mehr an Konzepten z. B. der Intertextualität zu orientieren, wäre ich auch. Das ist ja auch kein bahnbrechend neues Konzept, hat aber durch die KI als Textproduzent nochmals zusätzlich an Attraktivität gewonnen. Beibehalten sollte man aber meiner Meinung nach auf jeden Fall das Konzept des “impliziten Autors”, d. h. dass die Vorstellung eines Autors vom Text evoziert sein kann, bzw. eine solche Evokation zum Verständnis des Textes hilfreich ist. So finde ich z. B., dass der Genuss eines Thomas Mann-Textes größtenteils sich erst auf Grundlage der Vorstellung eines Autors entfalten kann, der sich in dem Gestus seiner Texte zur Welt verhält.
Dem stimme ich zu.
Die in Rede stehende strukturalistische wäre eine epistemisch grundsätzlich andere Heangehensweise. Damit würde der reale Autor hermeneutisch an Relevanz verlieren und der Leser emanzipiert werden. Aus der Perspekrive der Hermeneutik berachtet ist eine solche Verschiebung durch die “Herabsetzung” des Autors zum Kuratoren nicht unbedingt gegeben, denn man könnte seine Interpretation auf diesen genau so ausrichten wie auf jenen.
Dem stimme ich ebenfalls zu.
Dies passiert bei einem Kurator von KI-generierten Texten nicht auf gleiche Weise, der eher als Collageur agieren würde, d. h. Bestandteile, die nicht sein Gepräge tragen, arrangiert. Vergleichbar wäre der Kurator deshalb vielleicht (als Arbeitshypothese) eher mit einem Filmregisseur, den man wahrscheinlich besser als einen Dirigenten als Arrangeur begreifen kann…
Die Arbeitshypothese “Filmregisseur” kann ich ebenfalls gutheißen. Der Prozess des “Schaffens” endet aber nicht zwangsläufig beim Generieren. Die KI-Ausgabe ist kein fertiges Endprodukt, sondern ein hochverdichtetes Materialangebot. Der KI-Nutzer besitzt die Freiheit das Material direkt zu verwenden oder dieses lediglich als Input, Ressource zu verwenden (Super-Position). Ein Autor könnte also weiterhin eigenständig formulieren.
bietet er doch einen Orientierungspunkt zwischen zwei Polen unterschiedlicher Äußerungsweisen (wie in meiner letzten Replik beschrieben). Auch Deleuze hat ja zwischen beiden Differenzen ausgemacht,
Orientierungspunkte halte ich ebenfalls für wichtig. Den Begriff “Differenz” nutzt Deleuze eher im Sinne einer Nuancierung bzw. Graduierung. Ich stimme dir aber zu, dass Deleuzes Spätwerk „Was ist Philosophie?“ Philosophie und Kunst in unterschiedliche Zwecke einteilt: So dient die Philosophie dem Erschaffen von Begriffen und Konzepten, während die Kunst Affekte, Gefühls- und Wahrnehmungskomplexe erschafft. Beides kann durchaus parallel verlaufen.
Ich bin nicht ganz überzeugt, dass wir von der Betrachtung des Wesens, also was ist die KI, ein Werkzeug, zu
Die Fähigkeit, auf die wir unsere Sonderstellung gestützt haben, ist ohne Bewusstsein, ohne Verstehen, ohne Intentionalität replizierbar.
kommen würden.
Der Unterschied ist halt, dass man in dem einen Fall untersucht und beschreibt, als was die KI in unserem Verständnis gelten sollte.
In dem anderen Fall untersucht man den Prozess an sich in seiner Funktionsweise und beleuchtet ihn je nachdem wie Mensch und Maschine jeweils in ihrem Prozessieren Teil des Prozesses sind.
Wenn wir zum Beispiel das Feuer als Werkzeug betrachten bringt uns das wenig, und wenn dann nur indirekt, Erkenntnisse über den Prozess des Feuermachens beim Affen und den beim Menschen. Und somit auch wenig über den Prozess insgesamt.
Ich denke es ist eine gute Idee das weiter zu spinnen, und einen Kommunikationsprozess zu initiieren und zu untersuchen Forum> Mensch>LLM>Mensch> Forum.mit den jeweiligen Anschlüssen und Variationen in der Reihenfolge die entstehende mögen.
Ich bin überzeugt dass dort einiges Aufschlussreiches im Kontext
den Bereich der Beschreibung der Rolle der KI im Prozess menschlicher Selbstverständigung, wie sie Anfangs in der Diskussion eine Rolle spielte, kommen könnte.
beleuchtet wird.
Wenngleich ich meinen Fokus auf der Beobachtung der Abstraktionsebene sehe. Ich würde vorschlagen dass wir aber nicht weitere Anschlüsse (Primat Rückschlüsse auf menschliche Selbstverständigung / Kommunikationsprozess an sich ) vollziehen.
Da der Weg zu jeweiligen Punkten sich überschneidet und Ergebnisse in jedem Feld für beides wirken.