Wortlaut der Rede: Rede von Navid Kermani zum 20. Juli „Dieser Tag lehrt Sie, Nein zu sagen“ | Kölner Stadt-Anzeiger
Etwa ab der Mitte geht es heftig zur Sache.
Wortlaut der Rede: Rede von Navid Kermani zum 20. Juli „Dieser Tag lehrt Sie, Nein zu sagen“ | Kölner Stadt-Anzeiger
Etwa ab der Mitte geht es heftig zur Sache.
ab da, wo “Afghanistaneinsatz war schon ok”, “Luftangriff bei Kundus war irgendwie nicht schön, aber manchmal ist es unübersichtlich, aber Befehlsverweigerung war keine Option” und “man muss dem deutschen Soldaten dankbar sein, dass er diesen Wahnsinn 20 Jahre lang mitgemacht hat”?
oder ab der Stelle wo er sagt “Menschen im Namen des Staates zu töten ist ok, wenn man sich im Privaten dafür ausreichend grämt”?
Ich meinte „ab der Mitte" wörtlich als Tipp: vorher viel Historisches, ab der Mitte wird’s konkret. Zustimmung war damit nicht gemeint.
dann mach es doch mal konkret.
Was ist “heftig zur Sache” und warum?
„Heftig" war für mich vor allem die Merz-Kritik, also dass ein amtierender Kanzler bei einem Staatsakt so direkt angegangen wird. Bei deinen anderen Stellen kann ich deinen Punkt durchaus nachvollziehen, ich sehe das gar nicht so anders. Und genau das ist ja der Beweis, dass die ganze Rede manchmal mehr bietet als die Auszüge aus dem Podcast.
Ich verstehe deinen Punkt, so ging es mir auch beim ersten Sehen, aber wenn man dann dahinter guckt ist es doch nur staatstragendes Kalkül und eigentlich Gratismut.
Wenn man mal jeden einzelnen Punkt abgeht ist es eigentlich noch viel “heftiger”:
Wenn ausgerechnet die Bundesregierung sich damit hervortut, das Völkerrecht als nachrangig zu behandeln, oder ausgerechnet ein deutscher Bundeskanzler als einziger westlicher Staatsführer die Drohung des amerikanischen Präsidenten verteidigt, eine gesamte Zivilisation auszulöschen, ist das nicht nur für unser Ansehen verheerend, auf das wir als Exportnation nicht zuletzt ökonomisch angewiesen sind.
aha, also erstmal ist das doof, weil vielleicht will keiner mehr bei uns einkaufen!
Nein, die Relativierung des Völkerrechts von höchster Stelle ist auch ein fatales Signal für unsere Demokratie. Denn wenn die Herrschaft des Rechts in unseren Außenbeziehungen erodiert, wird es nicht lange dauern, dass sie auch im Innern verächtlich gemacht wird.
und dann ist gar nicht die Relativierung schwierig, sondern “das Signal”…
An dieser Rede ist wirklich alles andere heftig als “zum Glück hat Merz noch die Kurve gekriegt”, denn was da alles nebenbei als “normal” abgehandelt wird verdeckt durch den kalkulierten “Aufreger”, der auch völlig staattragend inszeniert wird:
Dass jemand wie ich, der nach den Maßstäben der Partei, die die nächste Bundesregierung anführen könnte, nicht einmal ein echter, vollgültiger Deutscher ist, bei diesem hochoffiziellen Akt politische Repräsentanten des Staates scharf kritisieren kann, allein das zeigt, wie großartig unsere Bundesrepublik Deutschland ist.
HURRA! HURRA! HURRA!
Es ist das was, das System zulässt um sich selbst zu schützen. Wie immer.
Nicht nur Schutz, sondern auch aktive Bestätigung.
Man muss ja bei einem Soldatengelöbnis nicht viel erwarten, aber der Spin ist schon erstaunlich…
Ja, ich wollte es gerade nochmal umformulieren.
Das wird zwar eine Textwand, aber es ist doch zu verlockend:
Dass die Bundeswehr ihr Feierliches Gelöbnis am 20. Juli begeht, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn dieser Tag steht nicht etwa für den Gehorsam, der in einer Armee jeden Tag eingeübt wird. Der 20. Juli steht dafür, dass man Widerstand leisten muss, wenn Diensterfüllung ein Verbrechen ist.
Man könnte ja auch sagen: Als klar war, dass es sich nicht auszahlen würde… und die Verteidigung des “nationalen Interesses” als Motiv der Attentäter ist in der deutschen Geschichtsschreibung mittlerweile Konsens und “selbstverständlich” war es natürlich nicht, sondern politische Entscheidung… wann und von wem und zu welchem Zweck? wir kommen dazu…
Dass jungen Menschen gleichsam mit dem Tag ihres Eintritts in die militärische Laufbahn die Tugend des Neinsagens nahegebracht wird, wäre in kaum einer anderen Armee vorstellbar und war auch bei der Gründung der Bundeswehr noch undenkbar. Denn die Attentäter des 20. Juli 1944, die wir heute gemeinsam ehren, galten den meisten Bürgern der jungen Bundesrepublik noch als Verräter.
Nicht nur den Bürgern, sondern auch vielen Politikern, wieso denn eigentlich? Und “keine Pflicht zum Gehorsam” gab es auch in der Wehrmacht und rechtswidrige Befehle sollten verweigert werden, diese “soldatischen Tugenden” waren Teil der Wehrmachtsausbildung…
Und mochten sich die Gründerväter der Bundeswehr auch glaubhaft auf das Erbe des 20. Juli berufen, waren doch viele der neuen Soldaten bis zum bitteren Schluss der Wehrmacht treu geblieben. Sie taten sich schwer, sich plötzlich in der Nachfolge von Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu sehen. Wie schwierig der Bruch mit der eigenen Vergangenheit war, zeigte der Streit um die Wehrmachtsausstellung.
Wenn man 1965 plötzlich findet… und “die neuen Soldaten” waren eben “die alten Soldaten”, was Kermani hier sprachlich geschickt verdeckt. Wie kann man sich eigentlich die personelle Kontinuität erklären?
Da kann man ja mal nachlesen, wer da 1995 (immerhin 30 Jahre nach dem Traditionserlass!) noch so Bauchschmerzen mit der Kritik an der Armee hatte…
Und so fielen die Reaktionen durchaus gemischt aus, als der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping 1999 den 20. Juli als Tag des Feierlichen Gelöbnisses festlegte.
ja durchaus… und was war eigentlich noch so 1999? Hat da nicht Herr Scharping auch den völkerrechtswidrigen Krieg im Kosovo mit der Propaganda vom “Hufeisenplan” in Deutschland… aber wer stört sich schon an diesen Details, wenn es darum geht, dass Soldaten im Namen des Völkerrechts “Nein!” sagen sollen…
Liebe Rekrutinnen und Rekruten, Sie wissen jetzt schon besser als ich, der nie eine Waffe getragen hat, warum es wichtig ist und im Gefecht sogar überlebenswichtig werden kann, als Soldat gehorsam zu sein. Man kann nicht jeden Befehl infrage stellen, wenn man im Krieg bestehen will, und weil das so ist, achten Armeen bereits im Frieden streng auf Disziplin, Kameradschaft und die Einhaltung der Hierarchie. Diese genuin soldatischen Tugenden haben Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, bis gestern gelernt und werden Sie von morgen an weiter lernen.
Was hier spannend ist: “Gehorsam” ist wird als persönliche Versicherung gegen den eigenen Tod dargestellt und dann der Wechsel ins Passiv “wenn man im Krieg bestehen will”, hier kommt nur die Feststellung “und weil das so ist” und der “Gehorsam” wird in kleineren Häppchen serviert “Disziplin, Kameradschaft und die Einhaltung der Hierarchie” und mit der Bezeichnung “Tugend” garniert.
Der heutige Tag lehrt Sie etwas anderes. Er lehrt Sie, dass Sie in bestimmten Situationen Nein sagen können und Nein sagen müssen, selbst wenn es Sie die Gemeinschaft, die materielle Existenz oder sogar das Leben kostet.
Also: Jetzt kommen wir zu dem, was Scharping wollte. Aktivierung “positiver Bezugspunkte” zur Stärkung der Akzeptanz einer Armee im eigenen Land. Die “bestimmten Situationen” heben wir uns für später auf…
Die Attentäter des 20. Juli brauchten lange, zu lange, um die Lektion zu lernen. Es steht uns als Bürgern eines demokratischen und friedlichen Staates nicht zu, sie dafür zu kritisieren.
Oha! Als Bürger haben wir nicht zu kritisieren? Interessant!
Keiner von uns kann sicher sagen, er oder sie hätte sich unter denselben Umständen auch nur ansatzweise bewährt. Umso dankbarer müssen wir jenen Deutschen sein, die in der Katastrophe - und ja, manche von ihnen in der Schuld - über sich hinausgewachsen sind: nicht nur Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Friedrich Olbricht und Werner von Haeften, die heute vor 82 Jahren an diesem Ort hingerichtet wurden, und ihre etwa zweihundert Mitstreiter.
“manche von ihnen in der Schuld”… wir denken noch mal kurz an die Wehrmachtsausstellung zurück und man kann sich ja mal die anderen Monarchisten, Antisemiten, Kriegsverbrecher etc. angucken, die sich am Attentat beteiligten. “Manche von Ihnen in der Schuld” ist schon arg strapaziert… aber wir sollen ihnen danken
Wir danken Eduard Wagner, Arthur Nebe, Graf von Helldorf, Wilhelm Canaris…
Ich möchte auch an Georg Eisler erinnern, an die Mitglieder der Weißen Rose, an den Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke, an Dietrich Bonhoeffer und die vielen anderen Aktivisten im Untergrund wie im Exil, die ihre Treue zu Deutschland dadurch erwiesen, dass sie untreu waren dem deutschen Staat. Wir verneigen uns vor ihnen.
Ja, hier ist er wenigstens konsequent! " […] die ihre Treue zu Deutschland dadurch erwiesen" werden hier nämlich geehrt (man kann sich mal die Positionen der Scholls angucken) und man beachte, wen er nicht nennt: die rote Kapelle, die Edelweißpiraten, die Wilden Cliquen usw. usf.
und hier kommt ganz der Theologe und die Beichte führt zur Vergebung. Die Untreue zum deutschen Staat ist gerade der noch größere Beweis der Treue zum Staat. Spannend aber, dass er keine Exkulpation durch eine abweichende Bezeichnung wählt sondern beide Male “deutscher Staat” sagt.
Liebe Rekrutinnen und Rekruten, das Gelöbnis, das Sie in wenigen Minuten ablegen werden, gilt nicht einem Führer. Es gilt einem demokratischen Staat und einem freien Volk. Dennoch wird es auch für Sie nicht immer einfach sein, den Punkt zu erkennen, an dem Sie Nein sagen müssen.
Ja, der Führereid ist abgeschafft, das war aber keine Leistung der Armee. Die schwört auf alles, was gerade aktuell den Souverän darstellt. Spannend hier: Wieso sollte es für einen Soldaten so schwierig sein den Unterschied zwischen Führerstaat und Demokratie im Soldatenalltag feststellen zu können? Wo mag da das Problem liegen?
Man soll seinem Gewissen folgen, heißt es, und das klingt auch im Ideal der Inneren Führung an, das die Bundeswehr sich gegeben hat. Allein, dieses Gewissen ist ein sehr zweifelhafter Bürge. Terroristen berufen sich ebenfalls auf ihr Gewissen, wenn sie Hunderte Menschen in die Luft sprengen, und selbst Himmler glaubte, anständig zu sein, als er in Posen über die Auslöschung des jüdischen Volkes sprach.
und hier wird es eigentlich knackig: Wie soll man sich auf das Gewissen verlassen, wenn die Soldaten überzeugt sind von der Richtigkeit ihres Handelns? Um damit nicht in den Widerspruch mit den Soldaten und Armeen anderer Länder zu geraten nimmt Kermani die normative Hintertür “Terrorist” und “das Böse”…
Das Gewissen allein genügt nicht, um zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Das Gewissen braucht ein objektives Korrektiv, soll es nicht willkürlich sein. Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, besitzen ein solches Korrektiv in Gestalt unseres Grundgesetzes und der darin verankerten Grundrechte, die durch keine Mehrheitsentscheidung geändert werden dürfen. Diese Grundrechte stehen über jedem Befehl Ihres Vorgesetzten, gleich unter welchen Umständen.
Weil das Gewissen nicht zu greifen ist, nimmt Kermani dann das Grundgesetz. Dieses Grundgesetz ist standhaft! Jeder Vorgesetzte hält es ein…
Allein schon Artikel eins macht hinreichend klar, dass entwürdigende Rituale, sexuelle Belästigungen oder rassistische Äußerungen nicht mit Ihrem heutigen Gelöbnis zu vereinbaren sind und gemeldet werden müssen, sollten Sie davon Kenntnis erlangen.
aaaaach nein doch nicht… wenn das Grundgesetz unverrückbar ist und in der Bundeswehr nicht zu diskutieren, wie kann es dann zu diesen Vorgängen im Kasernenalltag so zuverlässig kommen, dass Kermani voraussetzt, dass jedem dort stehenden solche Dinge bekannt sind?
Nun sind Missbrauch, Willkür oder Extremismus in den eigenen Reihen vergleichsweise einfache, weil offenkundige Gründe, um Nein zu sagen.
Also: Es passiert jeden Tag, es gibt kein Mittel dagegen, aber das sind noch die “einfachen Gründe”… aha
Deutlich schwieriger wird die Beurteilung in einer Gefechtslage, sagen wir bei einem Auslandseinsatz, der für viele von Ihnen eine reale Perspektive ist.
Also im Gefecht wird es dann unübersichtlicher als in der Kaserne… und das “sagen wir bei einem Auslandseinsatz” kommt so en passant daher, dass man die Verschiebung von der Landesverteidigung weg gar nicht mitbekommt…
Seit ihrer Gründung 1959 war die Bundeswehr in siebzig Ländern im Einsatz. Allein seit 1991 haben mehr als fünfhunderttausend deutsche Soldaten im Ausland gedient. Wen diese Zahlen überraschen, mag dies als Hinweis darauf werten, wie wenig Bewusstsein über die Arbeit der Bundeswehr in Deutschland herrscht - und wie wenig Anerkennung ihr dafür zuteilwird.
aber keine Angst! Die Magie der großen Zahl sagt: Damit ist alles in Ordnung! Da muss man gar nicht in die einzelnen Einsätze gucken. Die waren alle gleich. Trust me! Und die Bundeswehr ist nur zur Landesverteidigung… deswegen gibt es keinen einzigen Einsatz zur Landesverteidigung, den er hier nennen könnte… merkwürdig…
Besonders für ihren größten Auslandseinsatz in Afghanistan steht die Politik in der Schuld der Bundeswehr. Denn mit dem ungeordneten Rückzug infolge der Machtübergabe an die Taliban, also praktisch der Kapitulation vor einem menschenverachtenden, frauenfeindlichen Regime, hat der Westen und damit auch Deutschland nicht nur die Millionen Afghanen und insbesondere die Afghaninnen im Stich gelassen, denen es den Wiederaufbau ihres Landes versprochen hatte.
Spannend spannend. Er nimmt sich einen Einsatz heraus und davon auch nur das Ende. Wie hat das denn angefangen? Wie lange ging das denn? und warum schuldet auf einmal die Politik der Bundeswehr etwas? Ist die Bundeswehr eine Parlamentsarmee oder eigenständiger Teil des Staates?
Ich habe Afghanistan während des Krieges zweimal bereist und weiß, wie viel Dankbarkeit die lokale Bevölkerung der Bundeswehr entgegenbrachte, die deutlich weniger aggressiv und hemdsärmelig auftrat als andere ausländische Armeen.
Also die Qualität der Bundeswehr lag in ihrem Benehmen hinter der Front nach dem Einmarsch im Vergleich zu anderen Armeen, die “wilde Sau” gespielt haben. Immerhin eine Verbesserung zur Wehrmacht!
Das plötzliche und so chaotische Ende des Einsatzes hat die jahrelange, gefährliche Arbeit unserer Soldatinnen und Soldaten über Nacht zunichtegemacht. Und nicht ein einziger Repräsentant des deutschen Staates war anwesend, als ein Großteil der Truppe ratlos, deprimiert, in vielen Fällen auch traumatisiert am 30. Juni 2021 auf dem Fliegerhorst Wunstorf landete. Weil zudem die parlamentarische Aufarbeitung des Versagens im Sande verlief, steht die Afghanistan-Mission dauerhaft für die fehlende Wertschätzung und Unterstützung der Bundeswehr durch Staat und Gesellschaft.
Und weil Kermani die historische Einordnung angefangen hat und nicht ich: Das kann man eins zu eins über die rückkehrenden Wehrmachtssoldaten sagen… aber wir erinnern uns: Es geht ja um das Gewissen des Soldaten und seine Pflicht “Nein” zu sagen…
Sicher, man kann darüber diskutieren, ob der Einsatz richtig war oder nicht. Aber wenn sich die Bundesrepublik zu einem Auslandseinsatz entschließt, muss sie ihre Soldaten ausreichend ausstatten, damit sie ihren Auftrag erfüllen können. Und sie muss ihnen vor allem: danken. Dass weder das eine noch das andere angemessen geschehen ist, erfüllt mich als Deutscher bis heute mit Scham.
Ja gut, also Afghanistan war kein Grund nein zu sagen… wir wissen es nicht genau und man müsste das mal diskutieren, aber bitte nicht auf der Gewissensebene, auch wenn Kermani mit “deutscher Scham” reagiert…
Aber kommen wir endlich zu dem Punkt ,an dem “Nein” sagen muss:
Aber zurück zu meiner Frage, wann der Punkt kommt, an dem Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, Nein sagen können und Nein sagen müssen. Es gehört zum Wesen von Kriegen, dass sie aus dem Ruder laufen und Situationen entstehen, die niemand vorausgesehen hat. Auch deutsche Soldaten haben in Afghanistan Fehler gemacht und am 9. September 2009 in Kundus viele Dutzend Zivilisten getötet. Aber pauschal lässt sich der Einsatz gewiss nicht als Unrecht bezeichnen, das eine Befehlsverweigerung gerechtfertigt hätte.
na gut, also bei Kriegsverbrechen muss man jetzt auch nicht “Nein” sagen, denn ja Herrgott unübersichtlich, Befehlsnotstand… alles kein Grund um Befehle zu verweigern.
Auch für die übrigen Auslandseinsätze der Bundeswehr gab es plausible Gründe, eine parlamentarische Legitimation und in den meisten Fällen ein Mandat der Vereinten Nationen. So umstritten einzelne Missionen waren, insbesondere der Kosovo-Einsatz, lag doch in keinem Fall ein offenbares Unrecht vor, das Widerstand grundsätzlich zur Pflicht gemacht hätte, wie man es für den deutschen Angriffskrieg von 1939 sagen muss. Aber wird das so bleiben?
Alles andere war auch schon ok. Und zur Vorbereitung auf “das Völkerrecht” kriegen wir aufgezählt, was noch keine Gründe sind um das soldatische Gewissen zur Befehlsverweigerung zu bringen. “Plausible Gründe”, “parlamentarische Legitimation”, “meistens mit Mandat” also bislang alles “völlig eindeutig!”
Immerhin hatte der Bundespräsident in seiner Rede am 24. März im Auswärtigen Amt Gründe, daran zu erinnern, dass Deutschland dem Völkerrecht und der regelbasierten Weltordnung verpflichtet ist. Die Reaktionen der politischen Entscheidungsträger in Regierung und Parlament auf seine Rede, die von Häme über Abwehr bis hin zu Totschweigen reichten, machten deutlich, wie berechtigt seine Mahnung war. Schließlich häufen sich die Stimmen auch in Deutschland, dass die regelbasierte Ordnung nur noch etwas fürs Feuilleton sei. Kein Geringerer als der Bundeskanzler hat es sich zur Gewohnheit gemacht, das Völkerrecht klein- und Völkerrechtsverstöße schönzureden, wo es ihm politisch opportun erscheint.
ja ja, das ist nämlich erst gerade so… stimmts? stimmts? Die anderen Einsätze waren ja immer “meistens mit Mandat” oder “plausibel begründet” stimmts?
Liebe Rekrutinnen und Rekruten, Sie stehen am Anfang einer womöglich langen Laufbahn in der Armee. Es ist unwahrscheinlich, dass die nächsten Jahrzehnte so friedlich bleiben, wie es die letzten Jahrzehnte für Deutschland alles in allem waren. Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern.
Ach deswegen ist das Minenjagdboot wieder umgedreht! Es gab eine Aufwallung soldatischen Gewissens! Glück gehabt! und endlich kriegen die Rekruten was an die Hand! Wenn es offenkundiger Wahnsinn ist, dann bitte nicht mitmachen. Da war die Gründe nicht so “plausibel” (Mullahregime, Frauenrechte, wirtschaftlicher Schaden)
Ich spreche von offenkundigen Rechtsverstößen. Das Völkerrecht ist wie jedes Recht auslegbar und kennt viele Grenzfälle, etwa bei einer präemptiven Verteidigung oder wenn trotz eines unmittelbar bevorstehenden Völkermords kein Mandat der Vereinten Nationen einzuholen ist. Aber die Drohung, eine gesamte Zivilisation auszulöschen, oder der erklärte Angriff auf die zivile Infrastruktur eines Landes sind ein so offenkundiges Unrecht, dass man weder Jurist sein noch das eigene Gewissen befragen muss, um es zu erkennen.
Zum Glück wird die Bundeswehr nicht nach Gaza geschickt, oder bombardiert Versandhäuser und Tankstellen in Moskau. Alles von der Bundesregierung getragen, da hätte der Soldat es schwer zu entscheiden…
Und die zentrale Lehre, die nicht nur Deutschland, sondern die Menschheit aus den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und der Schoa gezogen hat, ist die Herrschaft des Rechts. Bereits im ersten Satz ihrer „Regierungserklärung“, die die Attentäter des 20. Juli vorbereitet hatten, bezeichneten sie „die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts“ als wichtigste Aufgabe des neuen Staates. Und so gehörte es zur obersten Priorität des ersten Kanzlers der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, Deutschland in die regelbasierte internationale Ordnung zu integrieren.
Derselbe Adenauer, der die Angehörigen der Hingerichteten vom 20. Juli keine Entschädigungen zahlen wollte? Und der ein “theoretisches Verhältnis zur Demokratie” hatte? Ich frage für einen Freund…
Denn ja, nicht nur Menschen, auch Gesellschaften, ja die Menschheit insgesamt ist imstande zu lernen: Die Anerkennung des Völkerrechts, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Einrichtung des Internationalen Gerichtshofs und des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, die Gründung der Vereinten Nationen sind Meilensteine der Zivilisationsgeschichte, und Deutschland hat sein Ansehen in der Welt nicht zuletzt dadurch wieder gewonnen, dass es die regelbasierte Weltordnung stets verteidigt und vorangebracht hat. Allerdings ist die Menschheit nicht nur imstande, aus der Geschichte zu lernen. Sie kann auch verlernen, und das sehen wir derzeit überall, da kaum noch jemand Faschismus und Weltkrieg selbst erlebt hat.
mit der Beichte ins Himmelreich, wir kennen es. Deutschland ist wieder wer! Welche Gesellschaft jetzt was aus diesen “Meilensteinen” gelernt hat müsste an ganz anderer Stelle diskutiert werden…
Wenn ausgerechnet die Bundesregierung sich damit hervortut, das Völkerrecht als nachrangig zu behandeln, oder ausgerechnet ein deutscher Bundeskanzler als einziger westlicher Staatsführer die Drohung des amerikanischen Präsidenten verteidigt, eine gesamte Zivilisation auszulöschen, ist das nicht nur für unser Ansehen verheerend, auf das wir als Exportnation nicht zuletzt ökonomisch angewiesen sind.
Der Präsident der USA ist kein westlicher Staatsführer?
Die Vernichtung einer Zivilisation ist aber nicht an sich Problem, sondern der Schaden der für Deutschlands Größe (Exportnation! Immerhin!) eintritt…
Nein, die Relativierung des Völkerrechts von höchster Stelle ist auch ein fatales Signal für unsere Demokratie. Denn wenn die Herrschaft des Rechts in unseren Außenbeziehungen erodiert, wird es nicht lange dauern, dass sie auch im Innern verächtlich gemacht wird. Dass unsere Eltern und Großeltern auf den Trümmern des Dritten Reichs einen funktionierenden Rechtsstaat aufgebaut haben, ist neben der europäischen Einigung das größte Geschenk, das uns als Bundesbürgern gegeben ist, mögen das auch jene bestreiten, die keine Ahnung haben, wie es sich tatsächlich in einem Unrechtsstaat lebt.
Jetzt wird die Trümmerfrau aktiviert… Die Großeltern haben es wieder aufgebaut! Wie konnte das eigentlich kaputt gehen? Wir haben es gleichzeitig selbst geschafft und geschenkt bekommen! Ist das nicht herrlich?
Mich, der ich nicht nur Deutscher bin, bringt die Geringschätzung unseres Rechtsstaates vielleicht noch mehr auf als die meisten von Ihnen. Denn als Kind iranischer Eltern bin ich zugleich Bürger eines Staates, der Anfang dieses Jahres mutmaßlich an die dreißigtausend Demonstranten innerhalb von zwei Tagen erschossen hat. Ich könnte jenen, die die Bundesrepublik für einen Unrechtsstaat halten, viel über wirkliches Unrecht erzählen.
Was irgendwie sinnlos eingestreuselt ist… Es gibt Staaten, die wir für niederträchtiger halten als den unseren. Ok. Hier werden Leute adressiert, die Deutschland für einen Unrechtsstaat halten.
Aber genauso könnten sie die eigene deutsche Geschichte studieren, um sich selbst der Lächerlichkeit zu überführen. Dass jemand wie ich, der nach den Maßstäben der Partei, die die nächste Bundesregierung anführen könnte, nicht einmal ein echter, vollgültiger Deutscher ist, bei diesem hochoffiziellen Akt politische Repräsentanten des Staates scharf kritisieren kann, allein das zeigt, wie großartig unsere Bundesrepublik Deutschland ist. Stellen Sie sich die gleiche Rede vor in dem Staat, als dessen Bürger ich geboren wurde - oder an diesem Ort vor 85 Jahren: Ich würde sie vermutlich nicht einmal überleben.
Hier wird der Scheck der Kanzlerkritik staatstragend eingelöst. Der Führer hätte Kermani erschießen lassen und das ist Beweis der Großartigkeit der deutschen Nation. Merz ist nicht Hitler und das wird man wohl noch sagen dürfen!
Liebe Rekrutinnen und Rekruten, so jung wie Sie sind, besteht die Möglichkeit, dass der Krieg im Laufe Ihrer militärischen Laufbahn nach Deutschland zurückkehrt.
Spannend spannend. Erst “sagen wir mal Auslandseinsatz” und jetzt kommt der Krieg “zurück nach Deutschland”… und wir sind bei der Landesverteidigung.
Schon jetzt währt der Frieden, in den wir geboren sind, länger als jemals zuvor in der Geschichte unseres Landes. Historisch betrachtet ist es unwahrscheinlich, dass noch Ihr Leben vollständig in eine Friedensphase fällt. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist eine der gegenwärtigen Fronten nahe an Deutschland gerückt, und würden die Ukrainer ihre Freiheit nicht so heroisch verteidigen, stünde womöglich jetzt schon auch unsere eigene Freiheit als Europäer unter Beschuss.
Ein Frieden, der übrigens durch Zerstörung der deutschen Armee begann und erst durch Abrüstung kein “kalter” Krieg mehr war… aber der Russe steht an der Elbe wir haben rein statistisch keine Wahl.
Es kann sein, dass Deutschland einmal auf Ihr Heldentum angewiesen sein wird, liebe Rekrutinnen und Rekruten. Sollten Sie dann auf einen Feind zielen, in einem Schützengraben oder Panzer, in einem Flugzeug oder Tausende Kilometer entfernt vor einem Monitor, werden Sie sich hoffentlich daran erinnern, wie essenziell der erste Satz unseres Grundgesetzes ist.
Der Soldat wird zum Helden und schießt (natürlich!) auf den Feind, aber nicht so wie der Wehrmachtssoldat der “sein Land verteidigt hat”, sondern er hat ein Grundgesetz im Herzen!
Ja, es kann Situationen geben in Ihrem Beruf, in denen Sie töten werden, und niemand von uns Zivilisten wird Sie darum beneiden. Aber nur wenn Sie dabei die Würde auch Ihres Feindes achten, werden Sie dem Gelöbnis gerecht, das Sie heute ablegen. Denken Sie bitte stets daran, in jeder Sekunde: Egal wie bösartig der Feind sich aus Ihrer Sicht verhält, er ist immer noch ein Mensch wie Sie. Denn wenn Sie den Feind als Tier, als bloßen Strich auf dem Monitor oder als Monster ansehen, um ihn leichter töten zu können, dann werden Sie sich selbst in ein Tier, eine KI oder ein Monster verwandeln.
und wenn der Soldat beim Krümmen des Abzugfingers dem Feind in seiner Würde als Mensch gedenkt ist dem Vermächtnis des 20. Juli Genüge getan.
Ich habe nie eine Waffe in der Hand gehalten, aber ich habe als Reporter genügend Kriege aus nächster Nähe gesehen, um zu wissen, wie schnell Menschen verrohen. Es gibt keinen Krieg, gestern nicht, heute nicht, morgen nicht, in dem der Kampf nicht unversehens in Mordlust, Sadismus und sexuelle Gewalt umschlagen kann.
Ja, also? Was wäre die Konsequenz? Wir lösen das im Soldatenherz…
An diesem Ort wurden heute vor 82 Jahren vier deutsche Offiziere hingerichtet, weil sie der Entmenschlichung entgegengetreten sind.
Da wird der Kreis der Erinnerungswürdigen aber erstaunlich klein, das mag am Ortsbezug liegen, aber oben war der Kreis noch größer, aber da waren ja auch “manche in Schuld”…
Danke, liebe Rekrutinnen und Rekruten, dass Sie sich verpflichten, die Bundesrepublik Deutschland und das Recht und die Freiheit ihrer Bürgerinnen und Bürger auch unter Einsatz Ihres Lebens zu verteidigen. Möge Gott Sie beschützen, und geben Sie acht auf sich selbst.
Das “Gott mit uns” darf natürlich nicht fehlen, dass wird die alten Generäle freuen, das “geben sie acht auf sich selbst” ist dann schon fast ein trauriger Abschiedsgruß…
Wann soll der Soldat jetzt nochmal “Nein!” sagen?
“Soldaten sind zum sterben da.” ( Harry Rowohlt)
Nach der Wahl wird die Hälfte der Bürgermeister hier schreien.