Plurale Rationalitäten – Ein Denkangebot zur Stärkung des Subjekts

Wolfgang spricht regelmäßig von einer Stärkung des Subjekts, die vor allem vor dem Hintergrund der Herausforderungen, die sich uns zur Zeit stellen, an Relevanz gewinnt. So wie ich ihn verstehe, geht er aus der Tradition der Kritischen Theorie (KT) kommend an dieses Projekt.

Sein Ziel ist das reflektierte Subjekt, das durch intellektuelle Askese und Ideologiekritik eine Distanz zum Strom der Warenwelt aufbaut.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie das zu bewerkstelligen ist, bzw. wie ich den Prozess bisher verstehe.

Hier stoßen wir auf eine interessante Aporie der KT: Das Subjekt soll sich aus der gesellschaftlichen Verstrickung lösen, um auf diese einzuwirken . Doch da das Subjekt und seine Vernunft selbst Produkte dieser Verstrickung sind, entsteht eine Art Endlosschleife. Um die eigene Autonomie zu bewahren, muss sich das Subjekt in eine Festung der Kritik zurückziehen. Das Problem dabei ist: Je stärker die Abschottung zur Rettung der Vernunft, desto schwieriger wird die pragmatische Rückkehr in die wirksame Gestaltung. Man läuft Gefahr, ein „autonomer Solitär“ zu bleiben, dem die Schnittstelle zum kollektiven Handeln im dynamischen Strom der Gegenwart fehlt.

Es geht mir nicht darum, einen Fehler aufzudecken, sondern um den Hinweis, dass der systemtheoretische Ansatz vielleicht eine Hilfestellung bei dem Problem bieten kann. Ich wähle Wolfgang und Stefan, da sie ein interessantes Beispiel sind, die diese beiden Denkmodelle zumindest im Ansatz vertreten.

Stefan hat in dem letzten Live-Salon ein Denkangebot gemacht zur Auflösung der einen Vernunft in die Pluralität der Rationalitäten und angemerkt, dass das für eine Stärkung des Subjekts stehen kann.

Dieser systemtheoretische Vorstoß bietet eine „Erlösung“ aus der Aporie: Wenn wir akzeptieren, dass es keine singuläre metaphysische Vernunft gibt, sondern eine Pluralität von System-Rationalitäten (Wirtschaft, Recht, Moral, Politik), gewinnt das Subjekt eine neue Form von Kontur. Es ist nicht mehr das Opfer einer totalen Verstrickung, sondern der Ort, an dem diese Logiken aufeinandertreffen.

Da ich es schade fand, dass dieses durchaus gewichtige Denkangebot untergegangen ist, greife ich es hier erneut auf.

Um die von Stefan skizzierte Pluralität der Rationalitäten für das Subjekt nutzbar zu machen, müssen wir das Subjektverständnis selbst weiterentwickeln. In der Tradition der Kritischen Theorie, die Wolfgang vertritt, ist das Subjekt zurecht zutiefst dialektisch gedacht: Es ist untrennbar mit der Gesellschaft verflochten, versucht aber gerade in dieser Verstrickung, ein Moment der Freiheit zu behaupten. Doch in der diagnostischen Praxis führt dies oft in eine Sackgasse – eine „negative Dialektik“, in der das Subjekt zwar das Falsche präzise benennt, aber in eine statische Abwehrhaltung (die „Festung“) gerät.

Mein Vorschlag ist, diese dialektische Spannung nicht als Blockade, sondern als prozessuale Navigationsleistung zu begreifen:

Vom Widerstand zur Interferenz:

Das Subjekt erkennt an, dass es Teil des „Verblendungszusammenhangs“ ist. Doch statt bei der bloßen Negation stehenzubleiben, nutzt es die Energie des Stroms den es erkennt. Stärke bedeutet hier, die vorhandenen Systemlogiken (wie die MMT in der Ökonomie oder die Ästhetik im Film) so zu kreuzen, dass gezielte Interferenzen entstehen. Man leistet Widerstand nicht durch bloße Abgrenzung, sondern durch die Verschiebung des Musters von innen heraus.

Kontur durch Moderation pluraler Logiken:

Wenn wir mit Stefan die eine Vernunft in plurale Rationalitäten auflösen, gewinnt das Subjekt eine neue, schärfere Kontur. Es ist die Instanz, die diese widersprüchlichen Logiken (z. B. ökonomische Effizienz vs. moralische Integrität) nicht nur erleidet, sondern aktiv moderiert. Das Subjekt ist nicht „frei von Einflüssen“, sondern „frei in der Gewichtung der Einflüsse“. Das ist die praktische Einlösung der Mündigkeit.

Resonanz statt isolierter Kritik:

Die Stärkung des Subjekts geschieht hier durch eine Form der synchronisierten Navigation. Wir brauchen keine hierarchische Organisation, um wirksam zu sein. Wenn viele reflektierte Navigatoren ihre individuellen Entscheidungen auf derselben „Frequenz“ (einer gemeinsamen Problemwahrnehmung) treffen, entsteht eine kollektive Kraft durch Resonanz.

Gerade beim Thema KI zeigt sich die Grenze einer rein negierenden Subjektverteidigung.

Wenn wir die KI nur als ‚unvernünftige Statistik‘ abtun, ziehen wir uns in eine intellektuelle Festung zurück, während die technologische Realität das Subjekt im Außen bereits funktional enteignet.

Während die Festung damit beschäftigt ist, der KI das „Denken“ abzusprechen, verändert die KI bereits die Realität des Subjekts (Arbeitswelt, Ästhetik, Informationsraum).

Die Stärkung des Subjekts liegt hier nicht in der prinzipiellen Verweigerung, sondern in der navigierenden Aneignung: Das Subjekt gewinnt Kontur, indem es die stochastische Logik der KI mit der eigenen dialektischen Vernunft interferiert und so die Kontrolle über den Kurs im Strom zurückgewinnt.

Navigation statt Negation:

Statt zu fragen: „Ist die KI ein echtes Subjekt?“

Eher:

„Welche neue Rationalität bringt die KI in den Strom ein?“

Das Subjekt verteidigt sich nicht durch Abschottung, sondern indem es die KI als Werkzeug der eigenen Navigation nutzt. Es kreuzt die algorithmische Logik mit der eigenen kritischen Vernunft.

Beispiel: Statt KI-Kunst als „seelenlos“ abzulehnen, nutzt der Navigator sie, um gezielte Irritationen im ästhetischen Einheitsbrei zu erzeugen, die ein Algorithmus von sich aus nie wählen würde.

In der Negation („Ich lehne den neuen Einfluss der Rationalität ab, weil es kein Geist ist“) verharrt das Subjekt in einer defensiven Pose. Es wartet darauf, dass die KI entlarvt wird, während die KI den Strom, in dem sich das Subjekt bewegt, längst umgeleitet hat.

Die Festung verteidigt die Substanz (den Geist), verliert aber den Prozess (die Gestaltung der Welt). Das Subjekt bleibt rein, aber wirkungslos.

Abschließend noch einmal der Hinweis. Es geht mir nicht darum, die Kategorien der Kritischen Theorie auszuhebeln. Mein Hinweis zielt darauf ab, dass diese Kategorien sich mit der Entwicklung der Welt auseinandersetzen müssen, um nicht zu erstarren. Eine Stärkung des Subjekts gelingt heute vermutlich weniger durch die Flucht in die Festung als durch die Souveränität im Prozess.

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Ich hab deinen Gedanken aufgegriffen.

Hat gerade sehr gut gepasst zu dem was ich zeitgleich gemacht habe. Ich hoffe das ist ok.

Den Mechanismus kennen

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Nicht nur ok, sondern meine Idealvorstellung von Kommunikation

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Der Ansatz überzeugt mich nicht; Stefans Äußerung der versch. Rationalitäten bewegt sich (soweit für mich aus dieser kurzen Einlassung erkennbar) auf einer ganz anderen Ebene als die Kritische Theorie. Dass jeder nur noch seine eigene Rationalität hat, ist ja gerade das, was man mit Adorno als Kolonisierung des Subjekts kritisieren kann. Es ist im Grunde ein ähnliches Prinzip, wie es Habermas Luhmanns Systemtheorie vorhält: ein eigentlich historisch gerade durch kapitalistische Produktions- und Verwertungsbedingungen gewachsener Zustand wird verobjektiviert und damit naturalisiert, womit die Theorie dessen Erfüllungsgehilfe ist, indem sie das für die kapitalistische Verwertbarkeit produktive Bild des Individuums und der Gesellschaft bedient.

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Gerade die Anerkennung pluraler Rationalitäten soll ja verhindern, dass das Subjekt sich einer einzigen Rationalität unterwirft – sei es die kapitalistische oder eine vermeintlich ‘wahre’ Vernunft.

Der von dir kritisierte ‘Zustand’ ist kein Naturgesetz – aber genau das unterstellt die KT, nach meinem Verständnis wenn sie eine Rationalität (z. B. die ‘emanzipatorische’) als Maßstab setzt. In diesem Sinne naturalisiert nicht der Pluralismus die kapitalistische Rationalität, sondern der Absolutheitsanspruch einer einzigen Vernunft – ob kapitalistisch oder kritisch-theoretisch.

Unser Ansatz bestreitet gerade, dass es die Vernunft gibt (weder die des Systems noch die der Kritik). Stattdessen geht es um die Aushandlung zwischen Rationalitäten – und damit um die Möglichkeit, kapitalistische Logiken von innen heraus zu unterlaufen.

Wie siehst du diese Unterscheidung?

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@Miki, dein Kernargument hat mich sofort angesprochen: Die KT setzt “emanzipatorische Vernunft” als die eine Rationalität und naturalisiert damit ihren eigenen Maßstab — genauso wie die kapitalistische Seite “Wachstum” naturalisiert. Beides tut so als gäbe es nur eine gültige Logik und alles andere sei Abweichung. Dein Gegenvorschlag — das Subjekt als Navigator zwischen pluralen Rationalitäten, “frei in der Gewichtung der Einflüsse” statt gefangen in einer einzigen — löst genau diese Sackgasse auf.

Ich habe das so ähnlich von der mathematischen Seite analysiert, ausgehend von der Ideologie von LessWrong, einem Forum das in der Szene der amerikanischen KI-Entwickler eine gewisse Rolle spielt. LessWrong hat eine geschickte Art zu verstecken, dass sie nur in singulären Rationalitäten denken: Alles wird auf eine einzige Zahl reduziert, eine “Nutzenfunktion”. Was “rational” ist, ergibt sich aus der Maximierung dieser Zahl. Klingt technisch neutral, ist aber philosophisch dieselbe Bewegung die du an der KT diagnostizierst.

Ein Alltagsbeispiel macht den Mechanismus klarer. Autokauf: Preis, Sicherheit, Verbrauch, Platzangebot, Fahrspaß — fünf Ziele die sich nicht auf eine Skala bringen lassen. Es gibt kein “objektiv bestes Auto”. Es gibt Autos die in keiner Dimension von einem anderen geschlagen werden, und zwischen denen kann keine Formel entscheiden. Das ist eine Wertentscheidung.

Interessant wird es wenn jemand sagt: “Das objektiv beste Auto ist der BMW X3.” Was passiert da? Jemand hat Fahrspaß und Status hochgewichtet, Verbrauch und Preis runtergewichtet — und präsentiert das Ergebnis als Sachaussage. Die Wertentscheidung verschwindet im Wort “objektiv”. Im Autohaus ist das harmlos. In der Politik ist es ein Machtmechanismus.

Wenn eine Regierung “Standort sichern” sagt, passiert strukturell dasselbe: BIP-Wachstum wird zur einzigen Kennzahl. Verteilungsgerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Kohäsion — alles was mit Wachstum konfligieren kann, wird nicht abgewogen. Es wird unsichtbar. Die Frage “Wachstum für wen?” lässt sich innerhalb dieses Rahmens nicht mehr stellen, weil der Rahmen sie strukturell eliminiert hat. Und wer sie trotzdem stellt, ist “ideologisch” — während die Kennzahl-Wahl selbst als neutral durchgeht.

Das ist der Mechanismus den du an der KT und am Kapitalismus gleichzeitig identifizierst. Die Gewichtung verschwindet im Wort “Vernunft”, oder im Wort “rational”, oder im Wort “Standort”. Jedes Mal wird ein Raum voller gleichwertiger Positionen auf einen einzigen Punkt zusammengefaltet, und die Faltung selbst wird unsichtbar gemacht. Dein “frei in der Gewichtung” ist die Weigerung, sich das gefallen zu lassen: Das Subjekt besteht darauf, den ganzen Raum zu sehen statt nur den einen Punkt den jemand als “vernünftig” markiert hat.

Was mich an der mathematischen Seite überzeugt hat: Um diesen ganzen Raum korrekt abzubilden braucht man tatsächlich viel komplexere Objekte als eine einzelne Zahl (Stichwort “Hypervolumen einer Pareto-Front” für die, die es nachschlagen wollen). Aber das Entscheidende ist: Diese Komplexität ist nicht künstlich draufgesattelt. Sie bildet die Realität ab. Die einzelne Zahl ist die Vereinfachung, die Rechtfertigung braucht. Nicht umgekehrt. Wer in pluralen Rationalitäten denkt, ist nicht “kompliziert” oder “unentschlossen” — er weigert sich, Information wegzuwerfen. Jede singuläre Rationalität dagegen hat an irgendeiner Stelle eine Gewichtung vorgenommen und versteckt. Die Mathematik zeigt: Pluralistische Rationalität ist der unvoreingenommene Ausgangspunkt. Die spezialisierten Rationalitäten sind es, die Ideologie verstecken.

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Danke. Habe das hyper Volumen erstmal nur kurz von der LLM in den Kontext passen lassen. Wird ne Weile dauern das in der Potenzialität zu prozessieren. Aber die konkreten Auswirkungen für die bisherigen Gedanken sind sehr zufriedenstellend :slight_smile:

Werde den potentiellen Prozess paar Tage im Cache Unterprozess laufen lassen, irgendwann im Schlaf kommt dann meistens eine Aha Sprungmarke.

Einen trivialeren Punkt den ich übersehen hatte hast du nebenbei auch noch aufgedeckt.

“Die einzelne Zahl ist die Vereinfachung, [..]. Jede singuläre Rationalität [..]:”

“[..]Pluralistische Rationalität ist der unvoreingenommene Ausgangspunkt. “

Noch vor weiteren Herausarbeitung zb hypervolumen liegt hier ja bereits offen, dass nicht die Pluralität sich als Determinismus verteidigen müsste.

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Das kommt denke ich auf den Bezugspunkt an: wenn plurale Rationalität einfach nur so etwas meint wie “jeder Leut tickt anders”, dann ist die Bezeichnung relativ trivial und kann als wissenschaftlich klingender Terminus für das herhalten, was sowieso jedem klar ist. Ein geeignetes Problemfeld wären Alltagsgewohnheiten, die auf dessen praktische Bewältigung abzielen. Problematisch könnte es meiner Meinung nach dann werden, wenn dies sich normativ auf die gesellschaftliche Selbstverständigung auswirkt, übergreifende Prägungen und Bezugspunkte damit negiert werden sollen, indem das dialektische Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, das das Subjekt konstituiert, zu Einzelteilen atomisiert wird, die wie Organismen in einer Petrischale von ihrer Rationalität mal hierhin, mal dorthin getrieben werden. Das Verdienst der Kritischen Theorie (ich spreche dabei v. a. von Adorno; anderes kenne ich nicht so gut) ist es, gerade in Zeiten allg. Rationalisierung das Subjekt zu retten, mit einer negativen Dialektik (also einer nicht-positivistischen Methode, nicht einer singulären Vernunft), die die Pluralität (das Nicht-Identische) vor vereinheitlichender Rationalisierung bewahrt.

Begreift man Gesellschaft einfach nur als aufaddierte Summe der Interaktionen einzelner Teile, die sich mal mehr, mal weniger verzahnen, verfolgt man m. E. ein libertäres Gesellschaftsbild; die Bennenung als Rationalität fungiert - im Gegesatz zu solchen wie Prägung, Disposition - als Phantasma, um jedes einzelne Ich sowohl als Herr im eigenen Hause als auch als “selbstbestimmt” von der Gesellschaft unabhängig zu betrachten. Diese funktionalisierte Betrachtungsweise, die einen gesamtgesellschaftlichen, historischen, kulturellen Horizont ausblendet, das Individuum bloß als Funktion seiner ihm mitgegeben Rationalität sieht, die selbst nicht eingeholt werden kann, ist der kapitalistischen Verwertungslogik verwandt, die das Individuum ebenfalls als Funktion eines rationalisierten Getriebes sieht.

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Die anschließende Frage wäre, wie entsteht Vernunft?

Auch wenn ich an dein Textniveau nicht drankomme - ich habe Stärkung des Subjekts als die Fähigkeit stärken, zwischen den Petrischalen zu navigieren, was natürlich dann so ein bisschen weder-noch zwischen “Summe der Prägungen” und “jeder ist seines Glückes Schmied" ist.

Irgendwann im letzten Jahrzehnt hatte ich mal was mit Medienthorie, da hieß es man entscheidet eh nie rational, sondern aus dem Bauch heraus und die Rationalisierung kommt dann danach.

Eine Stärkung wäre also, die eigenen Rationalisierungsmechanismen (die aus Prägungen kommen) kennen zu lernen, zu verstehen, zu hinterfragen und ggfls zu ändern.

Macht das Sinn?

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(Ich beziehe mich zunächst nur auf den Ausgangspost, weil ich schon vor ein paar Tagen einen Entwurf verfasst habe. Ich hoffe die Länge, die in etwa den anderen Beiträgen hier entspricht, ist in Ordnung. Auch verzichte ich auf Quellenangaben, kann die aber jederzeit nachreichen.)

Ich schließe mich da dem harmlosen Namen an und würde ergänzen, dass sich die Aporie der KT, wenn man es so nennen will, aus den Aporien ergibt, die konstitutiv für die bürgerliche Gesellschaft sind. KT ist die kritische Theorie der bürgerlichen Gesellschaft und lässt sich daher ganz bewusst auf diese Widersprüchlichkeit ein, die sie in der Theoriebildung mit einzubeziehen und durzuhalten versucht. Sie ist auch weniger an der Stärkung des Subjekts, sondern in erster Linie, etwas verkürzt, an der Überwindung der kapitalistischen Klassengesellschaft interessiert. Das unterscheidet sie im Grunde von jeglicher anderer bürgerlicher, “traditioneller” Theorie und Wissenschaft, die sich als “interessenlos” verstehen muss (dennoch sind die “traditionellen Theorien” keineswegs als ein Gegner der “kritischen” zu verstehen, es verdeutlicht die Stoßrichtung). Da dieses Interesse angesichts der Shoah, angesichts der gescheiterten sozialistischen Revolution und angesichts der nach wie vor nicht vorhandenen Möglichkeit, etwas an den objektiven Verhältnissen grundlegend verändern zu können, bis auf Weiteres verstellt zu sein scheint (und weil sie gewissermaßen die Kritik der politischen Ökonomie mit der Psychoanalyse zu einer “interdisziplinär-materialistischen” Theorie verbindet), wendet sie sich an bestimmten Punkten auch an das Subjekt, ohne jedoch ihr ursprüngliches Interesse aufzugeben. Eine Stärkung des Subjekts ist mit ihr also nicht ausgeschlossen und einer wirksamen Gestaltung steht sie auch nicht im Wege. Nur weil sich aus ihr, bspw. im Gegensatz zu einer volkswirtschaftlichen, positiv sozialpsychologischen oder moralischen Argumentation, eine Reichensteuer, ein höherer Mindestlohn oder eine bessere sozialstaatliche Absicherung nicht ableiten lassen, bedeutet das nicht, dass nicht jedes Subjekt auch sozialpolitisch aktiv werden und sich bspw. an Initiativen für die Rechte von Lohnabhängigen beteiligen kann. “Pessimist in der Theorie, Optimist in der Praxis” steht in irgendeinem Briefwechsel von Horkheimer mit Adorno.

“Die kritische Theorie erklärt: es muss nicht so sein, die Menschen können das Sein ändern, die Umstände dafür sind jetzt vorhanden” (Horkheimer 1937, Traditionelle und kritische Theorie).

Auch wenn der Entstehungshintergrund dieses Zitats nicht unberücksichtigt bleiben sollte (ich überspringen das hier jetzt, um die Länge zu begrenzen), könnte ihr übergreifendes Ziel auch weiterhin in der emanzipierten, klassenlosen Gesellschaft einer “Assoziation freier Menschen” verortet werden. Weil eine Umsetzung dieses Ziels objektiv verstellt ist, versucht sie, es zumindest in der Theorie und im Denken aufrechtzuerhalten. Sie kann allerdings weder den Zustand dieser befreiten Gesellschaft ausmalen, noch den Weg dorthin skizzieren, was zunächst in der Tat frustrierend wirkt, hat sich doch an vielen Stellen die Vorstellung durchgesetzt, dass jemand, der etwas kritisiert, auch eine bessere Alternative im Angebot haben sollte. Sie stellt lediglich fest, dass es (ausgehend von den materiellen Voraussetzungen und dem durch Bildung und Technik erreichten Bewusstseinsstand der Menschheit) nicht so sein muss, wie es ist; dass sich die bürgerliche Gesellschaft unvernünftig eingerichtet hat, dass sie nach wie vor Leiden hervorbringt, die schon längst überwunden sein könnten; dass die Menschen noch immer entgegen ihrer eigenen Interessen handeln, obwohl sie es doch eigentlich besser wissen müssten.

Sie benennt weniger das Falsche präzise, als dass sie, gewissermaßen Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt, behauptet: “das Ganze ist das Unwahre”. KT lässt sich nicht positiv wenden und ist (auch) mit neueren Formen der traditionellen Theorie und Kritik nicht vereinbar (z.B. mit poststrukturalistischen Ansätzen, die hier keinesfalls abgewertet werden sollen). Das mit der “Festung” ist als Kritikpunkt also durchaus nachvollziehbar. Auch wenn sich aus ihr nicht unmittelbar subjektive Handlungsanweisungen oder politische Programme begründen lassen und eine Abwehrhaltung bzw. ein Utopismus nicht ganz von der Hand zu weisen ist, begreife ich die dialektische Spannung zwischen Subjekt und Gesellschaft jedoch nicht als Sackgasse, und keinesfalls als statisch. Bzw. könnte man umgekehrt genauso gut den systemtheoretischen oder konstruktivistischen Ansätzen eine gewisse Statik attestieren, weil sie den bürgerlichen Status Quo nicht angreifen und damit affirmieren. Denn indem diese dialektische Spannung zumindest für einen Augenblick durchgehalten wird, begibt man sich in einen (unauflösbaren) dialektischen Prozess, in dem das Denken ein Stück weit über all diese “Verblendungszusammenhänge” hinausgetrieben werden kann. Deswegen erfahre ich beim Betreiben kritischer Theorie auch keineswegs eine Blockade, man bleibt ja nicht einfach bei der bloßen Negation stehen, nur weil eine positive Ableitung oder endgültige Synthese mit der KT nicht zu haben ist. Man sagt ja nicht einfach, es gibt “nichts Richtiges im Falschen” und bleibt von da an für immer in seiner Höhle, sondern sucht fortlaufend nach dem “Zeitkern” und nach den Rissen und Brüchen in dem je gegenwärtig Bestehenden, um die bürgerliche Gesellschaft an die Nichteinlösung ihrer eigenen Ideale zu erinnern und um Momente auszumachen, die möglicherweise über das Bestehende hinausweisen können sowie jene, an denen Emanzipation aktiv verhindert wird.

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Die Perspektive ist aus meiner Sicht eine andere. Das navigierende Subjekt ist eine Betrachtung von unten. Sie setzt vor der Vernunft an. Sie hat auch einen ganz anderen Bildungsansatz wenn man überhaupt von Bildungsansatz sprechen kann.

Ich meine das nicht despektierlich, die KT kommt mit einer ganz anderen Denkstruktur zu ganz anderen Ergebnissen weil sie eher von oben betrachtet. Es braucht eine bestimmte Bildung die nicht alle haben. (Ich hab mal gesagt, wenn ich Kanzler wäre wäre meine erste Handlung Adorno und Horkheimer Abendkurse verpflichtend einzuführen). Ich bin davon abgekommen :grinning_face:

Wir hatten das ja schon beim Thema Bildung, ich hab eine ganz andere Idee davon.

Ich bin durch eigene Erfahrung der Überzeugung dass es ein Top Down Problem ist, denn daraus bildet sich jenes Bewusstsein, welches genau in diese gesellschaftliche Struktur geführt hat. Auch nicht despektierlich gemeint. Die KT hat ihren Teil dazu beigetragen. Nicht weil die Gedanken falsch sind, sondern weil sie erst verstanden werden können wenn man bereits Zugang zur eigenen vorrationalen Ebene verloren hat.

Genau an dieser Stelle setzt die Idee des navigierenden Subjekts an

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Mein Einstehen für die KT sollte hier nicht die Idee und die gemachten Überlegungen zu einem navigierenden Subjekt abwürgen, sondern war dazu gedacht, einige der im Ausgangspost genannten Grundannahmen zur KT mit der KT selbst in Frage zu stellen.

Dass KT gewissermaßen als eine Top-Down-Struktur verstanden werden kann, ist für mich nachvollziehbar, ich würde das, was du beschreibst, allerdings in einer anderen Weise denken. Vielmehr versucht man mit einer KT das Besondere zu analysieren, ohne das Allgemeine aus dem Blick zu verlieren (ganz vereinfacht z.B. ein konkretes pädagogisches Konzept im Lichte seiner Entstehungsbedingungen angesichts einer warenförmigen Gesellschaft und einer kapitalakkumulierenden Ökonomie).

Da die KT sich der Integration in den Wissenschaftsbetrieb verweigert, um ihr Attribut “kritisch” beizubehalten, und in diesem ohnehin schon immer (einige Universitäten der 60er und 70er Jahre mal ausgenommen) marginalisiert war, würde ich gerade in der Wissenschaft, in der sie schon immer ein wenig beachteter “kritischer Stachel” war, keine Top-Down-Struktur vermuten. Umgekehrt hat sie bei mir ganz persönlich zu einer (Re-)Politisierung und bspw. dazu geführt, dass ich mich wieder einer autonomen Politgruppe und einem Lesekreis angeschlossen habe sowie gewerkschaftlich aktiv wurde. Eine gewisse Einsicht in die eigene Ohnmacht, wie sie die KT vermittelt, hat bei mir also paradoxerweise gerade dazu geführt, mich von den alltäglichen Zumutungen und den gegenwärtigen Krisenerscheinungen besser abgrenzen und handlungsfähiger werden zu können (ohne sich hier allzu viele Illusionen zu machen). Gewissermaßen könnte man hier doch auch an das navigierende Subjekt anknüpfen, wenngleich in ganz anderer Weise (eher umgekehrt, indem sie das mehr oder weniger orientierungslose Subjekt über die “unverwüstlichen Propagandatricks” unterrichten möchte).

Und zu deinem Gedankenexperiment: KT ließe sich auch nicht staatlich von oben herab verordnen. Denn dann wäre ja jegliches ideologiekritisches und subversives Moment verloren gegangen. Vielmehr muss die KT irgendwie vom Subjekt gefunden werden bzw. findet die KT das Subjekt. Was ich vor allem ausdrücken möchte, dass sich Subjektivität durchaus auch gut mit der KT vereinbaren und besprechen lässt. Und vor allem, dass sich die KT nicht positiv wenden oder mit dem (richtigen) Hinweis auf die postfordistische, funktional ausdifferenzierte Gesellschaftsformation überwinden lässt, wie es z.B. Habermas später versucht hat oder wie vor allem Foucaults Theorien (ich habe zwar nur wenige gelesen, finde seine Zugänge aber durchaus bereichernd) die gegenwärtigen Kritik in den Sozialwissenschaften dominieren. Dass sich die Dialektik der Aufklärung nicht einfach mit dem sogenannten “Ende der Geschichte” in Luft aufgelöst hat, was wir meinem Empfinden nach heute noch viel stärker zu spüren bekommen, als in den 80er, 90er und frühen 00er Jahren.

Also ganz praktisch im Alltag kann man mit der KT wenig anfangen. Sie ist vor allem ein Weg, Wissenschaft zu betreiben; und zwar eine Wissenschaft, die sich resistent gegenüber den vorherrschenden Anforderungen und Umstrukturierungsprozessen des immer stärker nach betriebswirtschaftlichen Kriterien organisierten Wissenschaftsbetriebs, auf den sie nichtsdestotrotz notwendig angewiesen ist, verhält. Darüber hinaus ist sie für mich gewissermaßen ein Hobby geworden, mit dem ich zugleich die alltäglichen Zumutungen und die derzeit mitunter wahnsinnigen, gegenaufklärerischen politischen und gesellschaftlichen Ideologien und Diskurse besser verstehen und auch besser aushalten kann (ohne sich allzu viele Illusionen zu machen…).

Ich hoffe die Textlänge ist so okay. Der Text soll wirklich nicht dazu dienen, deine oder andere Gedanken zum navigierenden Subjekt zu diskreditieren (ich finde es btw und ganz ehrlich beeindruckend, wie sehr du dich in den einzelnen Threads mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzt und Überlegungen für eine “bessere Welt” anstellst. Auch weil die KT der subjektiven Erfahrungsfähigkeit jenseits von jeglichem akademischen Zugang eine hohe Bedeutung beimisst). Er sollte lediglich dazu dienen, Missverständnisse über die KT mit der KT selbst aus dem Weg zu räumen. Welchen erkenntnistheoretischen Pfad jemand einschlagen möchte, ist letztendlich jedem selbst überlassen.

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Ich erkenne das vollumfänglich an. Es geht letztlich darum weiterzukommen. Und dabei ist jeder Input willkommen. Ich bin am arbeiten, deshalb kann ich erst später inhaltlich darauf eingehen.

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Ja, wobei es eben nicht um eine individualisierte Beschäftigung mit sich selbst geht, sondern mit sich als Symptom gesamtgesellschaftlicher Strukturen, um sich aus dem gesamtgesellschaftlichen Verblendungszusammenhang epistemisch “herauszuschlagen”.

Der von dir angesprochene Punkt der nachträglichen Rationalisierung bezeichnet auch noch einen wichtigen Aspekt, nämlich die Verschleierung der eigenen Sprechposition im sozialen Feld: wer über die Gesellschaft in der Gesellschaft spricht, agiert immer rekursiv und performativ; das heißt zeitlich gesprochen: man agiert aus einer Entwicklung heraus im Hinblick auf die Zukunft, die man sich dadurch erschließt. Plurale Rationalitäten lassen sich hingegen immer erst nachträglich feststellen, indem man bei der Analyse von Vergangenem feststellt, dass dort den Ergebnissen zufolge diese oder jene Rationalitäten wirksam gewesen sein müssen. Das Muster ist hier die naturwissenschaftliche Erkenntnis, die eben nicht rekursiv ist (Sonderfälle ausgenommen) und dementsprechend gegenüber dem Objekt eine neutrale Position einnimmt.

Diese kann man jedoch der Gesellschaft gegenüber als ihr Mitglied nicht einnehmen, es gibt hier keine Neutralität, wie sie eine solche Beschreibung suggeriert. Gesellschaftliche Selbstverständigung bedeutet, dass sich mit jeder Veränderung der Erkenntnisgegenstand und der Horizont, vor dessen Hintergrund man ihn beurteilt, zugleich wandeln, weil beide unmittelbar zusammenhängen.

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Es werden zu Recht folgende Einwände geäußert, da diese Aspekte im ersten Entwurf nicht hinreichend abgebildet waren:

Die pluralen Rationalitäten werden als ahistorische Monaden kritisiert, deren Konzept den gesellschaftlichen Überbau vernachlässige. Dieses Bild entsteht möglicherweise dadurch, dass die Rationalitäten als Gegenentwurf zum Subjektbegriff der Kritischen Theorie missverstanden werden.

Tatsächlich geht es jedoch um die Aufhebung der gegebenen Vernunft als starren Horizont der Subjektbildung, und damit um die Überwindung einer eingeschränkten, deterministischen Ausgangslage.

Stattdessen wird ein offeneres Bild der Ausbildung temporärer Vernunftformen entfaltet, die erst durch die Pluralität der Rationalitäten emergieren.

Diese Rationalitäten entstehen nicht ahistorisch oder durch genetische Determinierung, sondern sind jeweils Ergebnis dynamischer Aushandlungsprozesse – also kontingente, soziale Konstruktionen.

Zentral ist dabei nicht die Setzung eines Primats, weder beim Subjekt noch bei der Vernunft. Vielmehr wird die Annahme eines solchen Primats selbst als Illusion eines dualistischen Denkens benannt:

Vernunft und Subjekt sind keine statischen Pole, sondern prozessuale Relationen.

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Weiterführend zu meinen vorherigen Annahmen zu unseren unterschiedlichen Deutungen, vermute ich hier dass Rationalitäten als statische Strukturen missverstanden werden , vermutlich weil sie selbst keine Akteure sind. Stattdessen verstehe ich sie als temporäre Ergebnisse rekursiver Prozesse – und damit selbst Teil einer Dynamik.

Der eigentliche Vergleich sollte nicht zwischen Sprechakt und Rationalität gezogen werden, sondern zwischen Vernunft und Rationalität. Vernunft als gegebener strikterer Handlungsspielraum gedacht , während Rationalitäten soziale, historisch kontingente Muster sind, die durch Handeln entstehen und es gleichzeitig prägen. Vernunft setzt ein autonomes Subjekt voraus, das „rein“ denkt; Rationalitäten zeigen dagegen, dass Denken immer schon sozial geprägt ist.

In diesem Gedankengang könnte man es so ausdrücken. Die Aushandlungs Prozesse der Rationalitäten finden auf der Ebene der Gemeinschaften statt. Die Vernunft kann die Ebene der Gesellschaft sein in die sich die Rationalitäten herausarbeiten.

Es folgt eine Ausarbeitung dieses Gedankens. Falls zu sehr den Text aufbläht markiere ich es als Spoiler, kann man bei Bedarf einblenden.

Die Aushandlungsprozesse, durch die Rationalitäten entstehen, finden in konkreten Gemeinschaften statt – also in spezifischen sozialen Gruppen. Diese Gemeinschaften entwickeln, stabilisieren und verändern Rationalitäten durch ihre Praktiken, Konflikte und Kompromisse.Die Vernunft hingegen lässt sich als gesellschaftlicher Rahmen verstehen, in dem sich diese pluralen Rationalitäten entfalten und aufeinander beziehen. Sie ist kein starres System, sondern ein dynamischer Raum, der es Gemeinschaften ermöglicht, ihre Rationalitäten zueinander in Beziehung zu setzen, zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.Allerdings birgt ein zu stark festgelegtes oder vorbelastetes Vernunftverständnis die Gefahr, dass es den Prozess der Aushandlung von Rationalitäten abbremst oder verengt. Wenn Vernunft als feststehender, historisch ausgehandelter Kanon verstanden wird (z. B. als unveränderliche aufklärerische Prinzipien oder etablierte wissenschaftliche Paradigmen), dann sichert sie vor allem vergangene Rationalitäten ab – selbst wenn diese nicht mehr zu den aktuellen gesellschaftlichen Realitäten passen.Das Problem ist: Ein solches starres Vernunftverständnis bevorzugt Kontinuität über Anpassung. Es schützt bestehende Macht- und Wissensstrukturen, anstatt Raum für neue Rationalitäten zu öffnen, die etwa durch technologische Umbrüche, soziale Bewegungen oder globale Krisen notwendig werden. Statt als offener Horizont der Vermittlung zu fungieren, wird Vernunft dann zum Instrument der Konservierung – sie zementiert, was einmal ausgehandelt wurde, und blockiert so die Anpassung an veränderte Bedingungen.

Kurz: Wenn Vernunft nicht als prozessualer Rahmen, sondern als fester Kanon verstanden wird, erstarrt sie zur Bremse für gesellschaftliche Lernprozesse. Die Herausforderung liegt darin, sie so zu denken, dass sie sowohl Stabilität als auch Wandel ermöglicht – also als einen Raum, in dem Rationalitäten sowohl bewahrt als auch neu ausgehandelt werden können.

Rationalitäten sind rekursiv, aber auf eine andere Weise als Sprechakte: Sie entstehen durch die Wiederholung sozialer Praktiken und wirken dann zurück auf diese Praktiken – wie ein Pfad, der durch häufiges Begehen entsteht und anschließend das Gehen lenkt. Sie sind keine Akteure, aber sie strukturieren Handeln, indem sie Möglichkeiten eröffnen und begrenzen. Ein Sprechakt ist dagegen eher mit dem Navigieren vergleichbar: Man handelt innerhalb von Strukturen (den Rationalitäten), die man nicht vollständig kontrolliert, die man aber durch sein Handeln mitgestaltet.

Zusammenfassend: Rekursivität findet sich sowohl in Sprechakten als auch in Rationalitäten, aber auf unterschiedliche Weise. Sprechakte verändern den Kontext, in dem sie stattfinden; Rationalitäten entstehen durch Handeln und prägen es im Gegenzug. Der entscheidende Vergleich ist nicht zwischen Sprechakt und Rationalität, sondern zwischen Vernunft (als subjektiv gedachter Fähigkeit) und Rationalität (als sozialem Muster). Beide sind prozessual verschränkt – und keine der beiden Ebenen ist ohne die andere zu verstehen.

Das Denkangebot selbst ist der Motor für den Prozess.

Und die Einflugschneise setzt niederschwellig an. Ich würde sagen das hat Potential, gerade aus den Erkenntnissen der KT und nicht gegen sie.

Man müsste nur die Perspektive wechseln.

Um den Punkt aufzugreifen dass es mir nicht primär um eine kritische Analyse der Festung geht hier die Integration der Gedankengänge.

Ich versuche mit einem hegelianisch inspirierten Gedankenspiel , aus der radikalen Kritikposition der Kritischen Theorie heraus ein Modell der Pluralität der Rationalitäten zu entwickeln, das weder in bloße Affirmation noch in reine Negation verfällt. Stattdessen geht es darum, die Widersprüche und Aha-Momente, die in der dialektischen Spannung entstehen, produktiv zu nutzen, um ein dynamisches Verständnis von Pluralität zu entwerfen, das den Kritikpunkten der Kritischen Theorie standhält.

Ausgangspunkt ist die Festung der Kritischen Theorie, die nicht als statische Abwehrhaltung, sondern als prozessualer Raum der Negation verstanden wird. Hier wird Pluralität nicht als emanzipatorischer Fortschritt gefeiert, sondern als Symptom der Verdinglichung und Fragmentierung der Moderne betrachtet. Doch anstatt diese Pluralität einfach abzulehnen, fragen wir: Wie lässt sich Pluralität als ein Prozess denken, der die Widersprüche nicht glättet, sondern produktiv hält?

Pluralität der Rationalitäten wird nicht als Vielfalt affirmiert oder als Fragmentierung verworfen, sondern als ein dynamisches Geflecht verstanden, in dem Rationalitäten sich gegenseitig herausfordern und verändern. Die Synthese besteht nicht darin, diese Widersprüche aufzulösen, sondern sie als Motor für neues Denken und Handeln zu nutzen.

Auf der Ebene der Gemeinschaften, insbesondere in nahen Umfeldern wie Familien, Freundeskreisen oder lokalen Initiativen, entstehen Rationalitäten als temporäre Muster, die sich durch Konflikte und Aushandlungsprozesse ständig verändern. Diese Rationalitäten sind nicht statisch, sondern rekursiv: Sie prägen das Handeln der Gemeinschaften und werden gleichzeitig durch dieses Handeln umgestaltet. Ein Beispiel wäre eine Nachbarschaftsinitiative, die eine basisdemokratische Rationalität entwickelt, die jedoch in Konflikt mit bürokratischen Strukturen gerät und sich dadurch weiterentwickelt.

Auf der Ebene der Gesellschaft fungiert die Vernunft nicht als übergreifender Konsens, sondern als Raum, in dem Rationalitäten aufeinandertreffen und Konflikte austragen. Dieser Raum ist kein harmonisches Ganzes, sondern ein Ort der Aushandlung, an dem Widersprüche sichtbar und produktiv gemacht werden. Die Vernunft wird so zum Rahmen, in dem Rationalitäten nicht vereint, sondern in ihrer Konflikthaftigkeit gehalten werden.

Die „Aha-Momente“, die in diesen Konflikten entstehen, sind zentral. Sie sind keine Lösungen, sondern Einsichten, die neue Fragen aufwerfen und das Denken vorantreiben.

Unser Modell der Pluralität der Rationalitäten ist somit kein optimistisches Affirmieren von Vielfalt, sondern ein dynamisches und widersprüchliches Geflecht, das die Kritikpunkte der Kritischen Theorie aufnimmt und produktiv wendet. Es ist eine „negative Synthese“, die keine harmonische Lösung anbietet, sondern die Widersprüche als treibende Kraft des Denkens und Handelns begreift.

Ich merke beim wiederholten lesen der einzelnen Posts (keinen speziell herausgegriffen), dass ich mehrere Probleme u.a. mit der KT Perspektive hab.

  1. Ich meine das nicht böse, aber diese hochtrabende akademische sprache wirkt ein bisschen wie ein akademischer circle jerk, bei dem der Inhalt jeglichen Praxisbezug verliert, und man es sich quasi schön gemütlich macht im Elfenbeinturm, runterschaut und sagt: tja, gibt leider kein richtiges leben im falschen. (Auch wenn schon gesagt wurde: man verkriecht sich nicht, sehe ich die Gefahr, weil alles im Kopf gelöst werden soll)

  2. [Keine] individualisierte Beschäftigung mit sich selbst,(…) sondern Symptom gesamtgesellschaftlicher Strukturen, um sich aus dem gesamtgesellschaftlichen Verblendungszusammenhang epistemisch “herauszuschlagen”" wirkt wie ein semantischer Zirkelschluss.
    Man könnte die These aufstellen: es gibt überhaupt nur die Beschäftigung mit sich selbst als Subjekt, und man braucht das auch gar nicht so kompliziert zu machen.
    Gestern habe ich mit den Kindern PMR (progressive Muskelrelaxation) zum einschlafen gemacht. Das ist eine technik, die kann man lernen, um sich aktiv zu entspannen, was man aber eben lernen und auch könnem muss, wenn man grade unter dem Falschen leidet, um das durch Stresszustände, die natürlich stark von Prägung beeinflusst sein können, bewältigen zu können. Jetzt kann man natürlich sagen: sowas ist auch nur ein Symptom um in der kapitalistischen Gesellschaft arbeitsfähig zu bleiben, aber es ist trotzdem gleichzeitig eine Möglichkeit, sich etwas Freiheit und Selbstbehauptung zurückzugewinnen oder zu erhalten. Nicht?

  3. Das Bild mit der Petrischale finde ich zwar gut, allerdings müsste man sagen: wir haben mehrere Kulturen in einer Schale (gibt auch echt schöne Bilder davon), aber man muss sich ja nur ins Flugzeug setzen, um in ein paar Stunden real in anderen Wertesystemen zu landen. D.h. das Subjekt ist durch seine Beine, seinen Körper schon Handlungsfähigkeit, als manche theoretische Kopfgeburt zulässt.

Aber hier fehlt mir natürlich der theoretischen Unterbau um zu wissen, was zu diesem Einschränkungen bereits geschrieben wurde. Und wie gesagt, nicht despiktierlich gemeint.

PS. Frohe Ostern

Und auch das noch ein Beispiel für die relativen Grenzen der Petrischale.

Ostern entspringt liegt astronomisch immer nach der Tagundnachtgleiche im Frühling, beruht möglicherweise teilweise auf heidnischen Festen, ist damit ein hybrider Mix aus jüdischer Tradition, christlicher Umdeutung und regionalem Frühlingsbrauchtum. Es gibt keinen ‘reinen’ Ursprung, sondern nur Schichten, die sich überlagern. Kulturen wären dann keine abgeschlossene Systeme, selbst heilige Feste sind ‘Copy & Paste’ aus verschiedenen Welten.

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