Wolfgang spricht regelmäßig von einer Stärkung des Subjekts, die vor allem vor dem Hintergrund der Herausforderungen, die sich uns zur Zeit stellen, an Relevanz gewinnt. So wie ich ihn verstehe, geht er aus der Tradition der Kritischen Theorie (KT) kommend an dieses Projekt.
Sein Ziel ist das reflektierte Subjekt, das durch intellektuelle Askese und Ideologiekritik eine Distanz zum Strom der Warenwelt aufbaut.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie das zu bewerkstelligen ist, bzw. wie ich den Prozess bisher verstehe.
Hier stoßen wir auf eine interessante Aporie der KT: Das Subjekt soll sich aus der gesellschaftlichen Verstrickung lösen, um auf diese einzuwirken . Doch da das Subjekt und seine Vernunft selbst Produkte dieser Verstrickung sind, entsteht eine Art Endlosschleife. Um die eigene Autonomie zu bewahren, muss sich das Subjekt in eine Festung der Kritik zurückziehen. Das Problem dabei ist: Je stärker die Abschottung zur Rettung der Vernunft, desto schwieriger wird die pragmatische Rückkehr in die wirksame Gestaltung. Man läuft Gefahr, ein „autonomer Solitär“ zu bleiben, dem die Schnittstelle zum kollektiven Handeln im dynamischen Strom der Gegenwart fehlt.
Es geht mir nicht darum, einen Fehler aufzudecken, sondern um den Hinweis, dass der systemtheoretische Ansatz vielleicht eine Hilfestellung bei dem Problem bieten kann. Ich wähle Wolfgang und Stefan, da sie ein interessantes Beispiel sind, die diese beiden Denkmodelle zumindest im Ansatz vertreten.
Stefan hat in dem letzten Live-Salon ein Denkangebot gemacht zur Auflösung der einen Vernunft in die Pluralität der Rationalitäten und angemerkt, dass das für eine Stärkung des Subjekts stehen kann.
Dieser systemtheoretische Vorstoß bietet eine „Erlösung“ aus der Aporie: Wenn wir akzeptieren, dass es keine singuläre metaphysische Vernunft gibt, sondern eine Pluralität von System-Rationalitäten (Wirtschaft, Recht, Moral, Politik), gewinnt das Subjekt eine neue Form von Kontur. Es ist nicht mehr das Opfer einer totalen Verstrickung, sondern der Ort, an dem diese Logiken aufeinandertreffen.
Da ich es schade fand, dass dieses durchaus gewichtige Denkangebot untergegangen ist, greife ich es hier erneut auf.
Um die von Stefan skizzierte Pluralität der Rationalitäten für das Subjekt nutzbar zu machen, müssen wir das Subjektverständnis selbst weiterentwickeln. In der Tradition der Kritischen Theorie, die Wolfgang vertritt, ist das Subjekt zurecht zutiefst dialektisch gedacht: Es ist untrennbar mit der Gesellschaft verflochten, versucht aber gerade in dieser Verstrickung, ein Moment der Freiheit zu behaupten. Doch in der diagnostischen Praxis führt dies oft in eine Sackgasse – eine „negative Dialektik“, in der das Subjekt zwar das Falsche präzise benennt, aber in eine statische Abwehrhaltung (die „Festung“) gerät.
Mein Vorschlag ist, diese dialektische Spannung nicht als Blockade, sondern als prozessuale Navigationsleistung zu begreifen:
Vom Widerstand zur Interferenz:
Das Subjekt erkennt an, dass es Teil des „Verblendungszusammenhangs“ ist. Doch statt bei der bloßen Negation stehenzubleiben, nutzt es die Energie des Stroms den es erkennt. Stärke bedeutet hier, die vorhandenen Systemlogiken (wie die MMT in der Ökonomie oder die Ästhetik im Film) so zu kreuzen, dass gezielte Interferenzen entstehen. Man leistet Widerstand nicht durch bloße Abgrenzung, sondern durch die Verschiebung des Musters von innen heraus.
Kontur durch Moderation pluraler Logiken:
Wenn wir mit Stefan die eine Vernunft in plurale Rationalitäten auflösen, gewinnt das Subjekt eine neue, schärfere Kontur. Es ist die Instanz, die diese widersprüchlichen Logiken (z. B. ökonomische Effizienz vs. moralische Integrität) nicht nur erleidet, sondern aktiv moderiert. Das Subjekt ist nicht „frei von Einflüssen“, sondern „frei in der Gewichtung der Einflüsse“. Das ist die praktische Einlösung der Mündigkeit.
Resonanz statt isolierter Kritik:
Die Stärkung des Subjekts geschieht hier durch eine Form der synchronisierten Navigation. Wir brauchen keine hierarchische Organisation, um wirksam zu sein. Wenn viele reflektierte Navigatoren ihre individuellen Entscheidungen auf derselben „Frequenz“ (einer gemeinsamen Problemwahrnehmung) treffen, entsteht eine kollektive Kraft durch Resonanz.
Gerade beim Thema KI zeigt sich die Grenze einer rein negierenden Subjektverteidigung.
Wenn wir die KI nur als ‚unvernünftige Statistik‘ abtun, ziehen wir uns in eine intellektuelle Festung zurück, während die technologische Realität das Subjekt im Außen bereits funktional enteignet.
Während die Festung damit beschäftigt ist, der KI das „Denken“ abzusprechen, verändert die KI bereits die Realität des Subjekts (Arbeitswelt, Ästhetik, Informationsraum).
Die Stärkung des Subjekts liegt hier nicht in der prinzipiellen Verweigerung, sondern in der navigierenden Aneignung: Das Subjekt gewinnt Kontur, indem es die stochastische Logik der KI mit der eigenen dialektischen Vernunft interferiert und so die Kontrolle über den Kurs im Strom zurückgewinnt.
Navigation statt Negation:
Statt zu fragen: „Ist die KI ein echtes Subjekt?“
Eher:
„Welche neue Rationalität bringt die KI in den Strom ein?“
Das Subjekt verteidigt sich nicht durch Abschottung, sondern indem es die KI als Werkzeug der eigenen Navigation nutzt. Es kreuzt die algorithmische Logik mit der eigenen kritischen Vernunft.
Beispiel: Statt KI-Kunst als „seelenlos“ abzulehnen, nutzt der Navigator sie, um gezielte Irritationen im ästhetischen Einheitsbrei zu erzeugen, die ein Algorithmus von sich aus nie wählen würde.
In der Negation („Ich lehne den neuen Einfluss der Rationalität ab, weil es kein Geist ist“) verharrt das Subjekt in einer defensiven Pose. Es wartet darauf, dass die KI entlarvt wird, während die KI den Strom, in dem sich das Subjekt bewegt, längst umgeleitet hat.
Die Festung verteidigt die Substanz (den Geist), verliert aber den Prozess (die Gestaltung der Welt). Das Subjekt bleibt rein, aber wirkungslos.
Abschließend noch einmal der Hinweis. Es geht mir nicht darum, die Kategorien der Kritischen Theorie auszuhebeln. Mein Hinweis zielt darauf ab, dass diese Kategorien sich mit der Entwicklung der Welt auseinandersetzen müssen, um nicht zu erstarren. Eine Stärkung des Subjekts gelingt heute vermutlich weniger durch die Flucht in die Festung als durch die Souveränität im Prozess.