Da Stefan ja so gerne das SWR Forum hört; diese Folge verlangt meiner Meinung nach einer Einordnung, da sie offenbar in einer anderen Realität stattgefunden hat als der, in der wir leben.
Ich wüßte nicht, was da in 45 Minuten unerwartetes über die CDU rauskommen sollte.
Nachdem sich jetzt schon der zweite CDU- Politiker eine Leihmutter genommen hat, könnte man das Verbot meiner Meinung nach auch abschaffen.
Dann ordne doch mal ein, worauf wartest du?
Die Frage im Titel ist ja durchaus berechtigt, allerdings nicht erst seit der Leihmutter-Sache.
Die Sendung wirkt tatsächlich, als spiele sie in einer anderen Realität. Sie behandelt die CDU nicht als politische Organisation mit einem bestimmten Machtinteresse, sondern als moralische Eigentümerin von Familie, Fortpflanzung und „menschlichem Leben“.
Der Vorwurf gegen Spahn lautet oberflächlich Doppelmoral: Er fordert ein Verbot der Leihmutterschaft und nimmt sie selbst in Anspruch. Tiefer liegt aber eine andere Logik. Die Empörung richtet sich nicht gegen Verfügung über Mutter und Kind als solche, sondern gegen Spahns eigenmächtigen Zugriff. Er hat sich etwas genommen, über dessen legitime Verwendung die konservative Ordnung selbst bestimmen will.
Mutter und Kind erscheinen dabei kaum als eigenständige Subjekte. Die Mutter wird als schutzbedürftiger Körper verhandelt, das Kind als Objekt legitimer oder illegitimer Aneignung. Ihre Perspektiven fehlen. Dafür wird ständig von der „Seele der CDU“, ihrem „C“, ihren „Werten“ und ihrem „Lebensschutz“ gesprochen. Abstrakte Institutionen werden zu verletzbaren Subjekten, konkrete Menschen zu Material ihrer Selbstvergewisserung.
Mit Eva von Redecker lässt sich das als Phantombesitz beschreiben: Die Union beansprucht weiterhin symbolische Verfügung über eine gesellschaftliche Ordnung, die ihr real längst entgleitet. Sie kann nicht mehr kontrollieren, welche Familienformen existieren, wer Eltern wird und welche reproduktiven Möglichkeiten andere Staaten zulassen. Spahn macht diese Ohnmacht sichtbar. Er zeigt praktisch, dass die Union über das, was sie zu besitzen glaubt, gar nicht verfügt.
Deshalb reicht eine Erklärung nicht. Seine Entfernung muss demonstrativ sein. Sie dient als symbolische Liquidierung desjenigen, der aus der vermeintlichen Vorratskammer genommen hat, ohne die Erlaubnis ihrer selbsternannten Verwalter einzuholen. So soll der Phantombesitz wenigstens performativ wiederhergestellt werden.
Auch die allgemeine politische Krise der Union wird auf diese Weise bearbeitet. Wirtschaftliche Unsicherheit, schwindende Bindungskraft, der Aufstieg der AfD und mangelnde Regierungsfähigkeit sind diffuse Probleme ohne einfachen Urheber. Von Redecker nennt solche Erfahrung Verflixung: Macht ist spürbar, aber kaum greifbar; niemand scheint zuständig, nichts lässt sich unmittelbar beheben. Spahn liefert dafür eine konkrete Täterfigur. An ihm kann die Partei noch Handlungsfähigkeit inszenieren.
Die entscheidende Einordnung lautet deshalb: Der Fall zeigt weniger, dass die CDU konsequent gegen Doppelmoral vorgeht. Er zeigt, wie eine verunsicherte Ordnung einen Menschen opfert, um ihren verlorenen Anspruch auf Verfügung über Frauen, Kinder und Familie symbolisch zu retten.
Oh je, ich fange gleich an zu weinen.
Wir sollten unbedingt auch den Organhandel legalisieren. Wenn KI die Arbeit macht - wozu sonst soll man das Prekariat noch brauchen können, wenn nicht als Gebärkörper und Ersatzteillager?
Ich hab jetzt mal ignoriert welcher Mensch da geopfert wurde, weil ich den Prozess dann doch interessanter fand als die Beteiligten.
Und wie Du weisst glaube ich eh dass diese Gucken auf die individuelle Schuld immer nur der Ablenkung dient.
Vielleicht wäre das eine gute Anschlussverwendung für so manchen Fascho?
Das wirst du ja wohl nicht ernsthaft gleichsetzen wollen.
Nieren und Knochenmark werden manchmal gespendet, ich glaub unter Verwandten.
Zu Organspende im Todesfall weiß ich nicht viel; der Körper muß dafür noch teils lebendig sein oder so.
Ansonsten hast du natürlich recht, das wird nur das Prekariat machen.
So Kluges wie Florentine kann ich nicht hinzufügen, aber es scheint mir schon bemerkenswert, wie in der ganzen Sendung so getan wurde, als sei Spahn vorher ein unbeschriebenes Blatt gewesen. Als (mehrfach) behauptet wurde, dass die CDU hier abermals das “C” im Namen behaupten konnte, hätte ich mein Rad fast in den Graben gelenkt. Da war ich ja noch nicht an die Stelle gelangt, an der Dobrindt gute Arbeit als Innenminister bescheinigt wurde. Große Teile des politischen Journalismus und die gesamte Union leben nicht mit uns in derselben Realität; bzw. leben gänzlich von ihr entkoppelt, was man auch daran merkt, dass nur auf einer parteipolitischen Ebene diskutiert wurde sowie über die Stabilität der Regierung. Man scheint fest davon überzeugt zu sein, dass diese Regierung ein Kommunikationsproblem hat, als hätte Spahn durch ehrliche Kommunikation seinen Hals retten können. Inhalte spielen ohnehin keine Rolle mehr, was an sich natürlich nichts neues ist, aber ich staune immer wieder über die Lernresistenz der Medien.
War nur bei Merkel anders, da gabs einfach keine.
Bei Streek hat’s einfach keinen interessiert.
Alles nur Theater.
Genau. Wir wissen doch gar nicht, ob das jetzt einfach ein guter Zeitpunkt für Merz war, Spahn loszuwerden.
Oder ob Spahn abhauen wollte, bevor die Maskenurteile nach und nach eintrudeln.
Definitiv möglich. Ihm traue ich auch den AfD Beitritt noch zu. Regierungsauftrag und so….
Staatspolitische Verantwortung
Wollen wir es mal nicht übertreiben mit der Redecker-Verehrung.
Hier liegt schlicht und einfach der Tatbestand vor, dass Politiker nicht wegen politischen Skandalen zurücktreten, sondern wegen privaten.
Ob der geneigte CDU-Wähler einen klaren moralischen Kompass zu “Familie” habe, oder ob es es sich nur schick auf Wahlplakaten macht, wäre ja ersteinmal nachzuweisen.
Das eine schliesst das andere ja nicht aus. Du beschreibst es nur eine Ebene abstrakter
naja… privater Skandal kann nur sein, was skandalisierbar ist.
Daraus kann man jetzt nicht immer einen Phantombesitz stricken.
Anne Spiegel und Kai Wegner haben auch mit “Privatleben” einen Skandal erzeugt, der aber keinen Phantombesitz berührt hat…
(Es sei denn und hier zeigt sich die Schwäche des Konstruktes: Ich beschreibe den Anspruch auf vollkommene Verfügbarkeit von Amtsträgern nicht als dumme Selbsttäuschung von Wählerinnen, sondern als Phantombesitz des Bürgertums.)
Wobei der Fall ja tatsächlich noch eine weitere Ebene hat, die vielleicht @fdoemges diskutierbar wäre:
Der Kauf eines weiblichen Körpers zur Produktion eines handverlesenen Nachwuchses (mit all den bekannten ekelhaften Konsequenzen für die “Leihmutter”) ist doch dann kein Phantom- sondern tatsächlicher Besitz und Ergebnis überhaupt nicht verdeckter Besitzansprüche an den weiblichen Körper.
Da frage ich mich, ob Phantombesitz der skandalisierte Punkt ist, oder der tatsächliche Besitz…
