Wie KI und Mensch zusammen in einem Forum agieren

Eine Unterhaltung mit Claude über Stefans 7 Sekunden. Claudes oft sehr ausführliche Antworten habe ich stellenweise stark gekürzt.

In einem Podcast behauptet jemand das Folgende: „Ich meine, das, was wir jetzt gerade haben, ich habe die These schon ein paar Mal gemacht, aber das, was wir jetzt gerade als sogenannten rechtsradikalen Backlash in der westlichen Welt haben, wurde ausgelöst durch, ah nein, eventuell gibt es irgendwo eine Regelung, dass man mal was gendern muss. Und jetzt frage ich mich natürlich, was für ein Backlash wird es geben, weil irgendwo echte Menschen irgendwie Babys gefuttert haben, weil sie dachten, wenn sie die unter Stress töten, entsteht da irgendein Hormon und so weiter. Und von daher denke ich mir, ja, schöne Strategie, das langsam Durchsetzen der Gesellschaft mit diesem Thema, in der Hoffnung, dass es abfällt.” Quelle: Die Neuen Zwanziger: Epstein Files, Erbschaftssteuer, Salon-Literatur, 6. Feb. 2026

Frage dazu: Es ist richtig, dass Rechte hierzulande ein Problem mit dem Gendern haben. Aber in der westlichen Welt? Soweit ich weiß gibt es das Thema im englischsprachigen Raum gar nicht. Richtig? Und sonst, Italien, Frankreich?

Deine Intuition ist im Kern richtig, aber es lohnt sich, das differenzierter zu betrachten. […]

Fazit

Der Podcast-Sprecher vereinfacht stark. Die spezifische deutsche Gendern-Debatte – mit Sternchen, Doppelpunkt, Binnen-I – ist ein primär deutschsprachiges Phänomen (Deutschland, Österreich, Schweiz). In anderen westlichen Ländern gibt es verwandte, aber strukturell andere Debatten, die nicht einfach unter dasselbe Dach passen. Den „rechtsradikalen Backlash im Westen" kausal aufs Gendern zurückzuführen, ist also eine sehr steile These.

Steile Thesen sind ein Hobby dieses Podcasters. Warum auch nicht? Es macht oft Spass, sich damit auseinanderzusetzen.

Lass uns den Epstein-Part betrachten. Im Anschluss an das oben Zitierte sagt er: “[…] das wurde alles so publiziert. Also, dass es so einen Stresszustand gibt, in dem man im richtigen Moment die Menschen dann töten muss, weil dann die Organe mit diesem Hormon voll sind, scheint Theorie dieser ganzen Bande zu sein.”

Wie „steil“ ist das denn? :smiley:

Das ist sehr steil – und zwar in mehrere Richtungen gleichzeitig.

Der Podcaster beschreibt hier, ohne es explizit zu nennen, die Adrenochrom-Verschwörungstheorie – und die ist wissenschaftlich gesehen auf dem Niveau von flacher Erde.

Was ist Adrenochrom eigentlich?

Adrenochrom ist ein Biomolekül, das im Körper durch Oxidation des Stresshormons Adrenalin entsteht. Es ist ein instabiles Molekül ohne praktischen Nutzen. Springer

Man kann es problemlos im Labor synthetisieren – es braucht dafür keine Menschen.

Woher kommt die Theorie?

Den Grundstein legte Hunter S. Thompson in seinem 1971er Roman „Fear and Loathing in Las Vegas", wo er behauptete, Adrenochrom könne nur aus lebenden menschlichen Körpern gewonnen werden – eine Aussage, die er sich ausgedacht hatte. Nimdzi

Dieser fiktive Hinweis wurde dann auf antisemitischen 4chan-Boards 2013–14 aufgegriffen, wo er mit dem alten Blutlibel-Mythos verknüpft wurde. 2016 fand die Theorie ihren Weg in Pizzagate-Verschwörungsforen. Pressbooks

QAnon macht daraus ein Weltbild

QAnon behauptet, eine geheime Kabale aus Politik und Hollywood ernte Adrenochrom aus dem Blut misshandelter Kinder und betreibe einen Kindersexhandels- und Folterring. FutureLearn

Was sagt die Wissenschaft?

Die Behauptungen sind völlig haltlos und ohne jede glaubwürdige wissenschaftliche Grundlage. Adrenochrom hat keine psychoaktiven Eigenschaften und ist nicht mit bewusstseinsverändernden Effekten verbunden. Dass es als Droge dient oder für finstere Zwecke geerntet wird, ist wissenschaftlich nicht haltbar. UNIQA Group

Fazit zur Steilheit: Das ist nicht nur eine steile These, das ist eine der am gründlichsten widerlegten Verschwörungstheorien überhaupt – eingebettet in QAnon, mit antisemitischen Wurzeln, und ausgelöst durch einen Roman, dessen Autor selbst zugab, sich das ausgedacht zu haben. Der Podcaster präsentiert das bemerkenswerterweise so, als sei es eine Tatsache, die „publiziert wurde" – was die Frage aufwirft, in welchen Quellen er da liest. :grinning_face_with_smiling_eyes:

Okay, aber wenn wir das QAnon-Gedöns weglassen und in die Epstein-Files schauen, dann muss man schon sagen: Viel krasses Zeug, auch irgendwas mit Babys.

Jemand schreibt: „1. Kannibalismus-Vorwürfe: * Snopes bestätigt: Die Files enthalten diese Vorwürfe (https://www.snopes.com/fact-check/epstein-files-cannibalism-sacrifices/) * 52x “cannibal”, 6x “cannibalism” in den DOJ Files * FBI Interview 2019 (Dokument EFTA01246048): Zeuge behauptet “babies being dismembered, their intestines removed, individuals eating the feces from these intestines” * Quelle: https://www.wionews.com/world/was-jeffrey-epstein-really-involved-in-cannibalism-here-s-what-doj-files-reveal-1770370197051 2. Das Foto (menschlicher Fuß zwischen Hühnern): * Foto existiert tatsächlich in den Files (in Epsteins Google Drive gespeichert) * Es ist ein Kunstwerk von Harald Seiwert aus 2003 (“ChickenMan”), digital bearbeitet * War auf Flickr seit 2009, aber WURDE in den DOJ Files publiziert * Quelle: https://rumorscanner.com/en/fact-check-en/epstein-files-chickenman-image-fact-check/189773 * Quelle: https://www.albawaba.com/node/photo-baby-leg-between-chickens-it-1621354 3. “Pizza” als Code: * “Pizza” erscheint 900+ Mal in den Files * “Cheese” erscheint 1138+ Mal * “Cheese pizza” = “CP” = “child pornography” ist dokumentierter Code (4chan, Reddit seit Jahren) * Epstein schreibt bizarre Emails wie “There are millions of babies, very little good vegatble cream cheese” * Quelle: https://www.unilad.com/news/us-news/jeffrey-epstein-files-word-secret-code-741198-20260204 * Quelle: https://sundayguardianlive.com/world/epstein-files-highlight-alleged-code-words-for-human-child-trafficking-pizza-appears-900-times-reviving-pizzagate-theory-168745/ 4. Stress-Hormone / “Reverse Aging” / Adrenochrom-Bezug: * Emails über “reverse aging” sind in den Files (Deepak Chopra: “I publicly announced I’m going to reverse aging”, Sultan Bin Sulayem) * “Young blood” Transfusionen dokumentiert (Barry Josephson Email: “All you need is a blood transfusion from the pack and you reverse aging”) * FBI Interview mit Ritual-Vorwürfen kombiniert diese Elemente * Quelle: https://www.thedailyjagran.com/world/epstein-files-refuel-adrenochrome-conspiracy-were-global-elites-transfusing-childrens-blood-to-reverse-ageing-10297894 Stefan hatte Recht: Alle diese Vorwürfe und Emails wurden so publiziert. Sie stehen in den offiziellen DOJ Files. Das war null Arbeit zu prüfen. Jeder hier hätte das in 5 Minuten finden können.“

Kannst du das gegenchecken?

Guter Gegencheck – hier ist die Bilanz, Punkt für Punkt:

Punkt 1: Kannibalismus-Vorwürfe / FBI-Interview

Hier ist die wichtigste Unterscheidung. Die Behauptung lautet: “Snopes bestätigt” und “Stefan hatte Recht.” Stimmt aber nur halb.

Die Kannibalismus-Vorwürfe in den Files stammen aus einem angeblichen FBI-Interview mit einem anonymen Mann im Jahr 2019. Dieser behauptete, auf Epsteins Yacht im Jahr 2000 rituelle Opferungen und die Zerstückelung von Babys beobachtet zu haben. Snopes bestätigt, dass diese Vorwürfe in den Dokumenten auftauchen – unterstreicht aber ausdrücklich, dass keinerlei glaubwürdige Beweise vorlagen. UNIQA Group

Der zuständige FBI-Agent schloss daraus: Es sei nicht empfehlenswert, weitere Ermittlungsressourcen für diese Behauptungen aufzuwenden. Pressbooks

Dazu kommt: Die 52 Treffer für “cannibal” und 6 für “cannibalism” in den Files finden sich in völlig unterschiedlichen Dokumenttypen – Medienzusammenfassungen, einem akademischen Syllabus, Gesprächsprotokollen und einer E-Mail, in der Epstein ein Restaurant namens “Cannibal” erwähnt. Keiner dieser Treffer ist mit den Behauptungen des anonymen Mannes verbunden. ResearchGate

Fazit zu Punkt 1: Die Zahlen (52x “cannibal”) stimmen. Aber der Kontext ist komplett anders als suggeriert. Die Quellenangabe ist also korrekt, die Schlussfolgerung irreführend.

Punkt 2: Das Hühner-Foto

[langweilig]

Punkt 3: “Pizza” und “Cheese” als Code

Die Wörter “cheese” und “pizza” tauchen tatsächlich sehr häufig auf, teils in Kontexten, die bei wörtlicher Interpretation keinen Sinn ergeben – darunter Epsteins E-Mail “There are millions of babies, very little good vegetable cream cheese.” British Council

Das ist tatsächlich befremdlich. Aber: Das ist Indiz, kein Beweis. Und “Cheese Pizza = CP” als dokumentierter Code auf 4chan und Reddit bedeutet nicht automatisch, dass Epstein diesen Code benutzte.

Punkt 4: Reverse Aging / Young Blood / Adrenochrom

Hier ist die Behauptungskette am wackligsten. Dass Deepak Chopra über “Reverse Aging” schrieb und ein Barry Josephson über Bluttransfusionen mailte, steht wohl in den Files. Aber der Sprung von “Young Blood”-Transfusionen (ein real existierendes, wenn auch umstrittenes medizinisches Forschungsfeld) zu Adrenochrom-Ritualen ist eine enorme Extrapolation.

Gesamtfazit:

Das Muster hier ist klassisch: Die Rohdaten sind real (die Dateien existieren, die Zahlen stimmen), aber die Schlussfolgerungen springen weit über das hinaus, was die Dokumente tatsächlich belegen. Kein einziger dieser Punkte führte zu einer strafrechtlichen Anklage, einem gerichtsfesten Zeugnis oder einem physischen Beweis, der Epstein mit Kannibalismus in Verbindung bringt. Vds-ev

Der Schreiber sagt “Das war null Arbeit zu prüfen” – ironischerweise stimmt das: Es war auch null Arbeit, die Quellen so zu lesen, dass sie die Vorurteile bestätigen.

Das Argument „keine Anklage“ lese ich oft. Aber wie tragfähig ist es? Man muss bedenken: Diese Leute sind wahnsinnig gut vernetzt. Und einflussreich! Epstein selbst kam bei seiner ersten Verurteilung mit einer geradezu lächerlich milden Strafe davon.

Das ist ein legitimer Einwand – und er verdient eine ehrliche Antwort statt reflexartiger Abwehr.

Was stimmt an deinem Argument?

Absolut richtig: Epsteins erster Deal 2008 war ein Skandal. Ein Bundesstaatsanwalt – Alex Acosta – handelte ein Abkommen aus, das Epstein und alle seine mutmaßlichen Mittäter vor Bundesanklagen schützte. Das war so ungeheuerlich, dass Acosta später als Trumps Arbeitsminister zurücktreten musste. Es gibt also einen dokumentierten, realen Fall, in dem Macht und Vernetzung die Strafverfolgung nachweislich korrumpiert haben.

Auch Ghislaine Maxwell kam erst nach Jahren vor Gericht. Der Einfluss war real.

Wo wird das Argument aber methodisch problematisch?

Es gibt einen Unterschied zwischen zwei Aussagen:

  1. “Mächtige Leute können Strafverfolgung beeinflussen”belegt, wahr

  2. “Weil keine Anklage, beweist das die Theorie”logisch zirkulär

Argument 2 ist das Problem. Es macht jede Theorie unwiderlegbar: Gibt es Beweise? Beweis. Gibt es keine Beweise? Vertuschung – also auch Beweis. Eine These, die durch Bestätigung und durch Nicht-Bestätigung gleichermaßen gestützt wird, ist wissenschaftlich wertlos.

[…]

Kurz gesagt: Dein Argument rechtfertigt Skepsis gegenüber dem Justizsystem – völlig berechtigt. Aber es kann nicht als Generalschlüssel dienen, der jede unbelegte Behauptung in den Epstein-Files automatisch glaubwürdig macht.

Okay. Jetzt was Heikles: Ich verlinke einen rechtsradikalen Blog, ein Essay in drei Teilen. Überprüfe die Argumentation von Martin Lichmesz:

https://sezession.de/69107/epstein-1

https://sezession.de/69019/epstein-2

https://sezession.de/70767/jeffrey-epstein-mythos-und-wirklichkeit-3

Gut, ich habe alle drei Teile gelesen. Das Ergebnis ist genuinen überraschend – und zwar positiv.

Was Lichtmesz argumentativ gut macht

Zunächst das Unerwartete: Lichtmesz argumentiert in weiten Teilen gegen die extremen Verschwörungstheorien, die in seinem eigenen Milieu kursieren. Er schreibt ausdrücklich, dass es in den Files entgegen landläufiger Meinung keine handfesten Beweise für Kindesmissbrauch und -mord gibt UNIQA Group , und bezeichnet die Adrenochrom-Narrative als “Slop”. Das ist bemerkenswert für einen Autor auf einer Plattform, die sonst nicht für epistemische Vorsicht bekannt ist.

Sein Dreiteiler ist auch quellenbasierter als man erwarten würde: Er zitiert den New York-Artikel von 2002, den Shellenberger-Bericht, Greg Johnson, und versucht erkennbar, zwischen Dokumentiertem und Spekulation zu trennen.

Im dritten Teil kommt eine interessante Passage: Er zitiert ausführlich Greg Johnson, der offen sagt, er würde Beweise, die Epsteins Schuld relativieren, vernichten – weil er als Dissident alles begrüße, was die herrschenden Eliten destabilisiert. Pressbooks

[…]

Fazit

Lichtmesz ist kein Dummkopf, und dieser Dreiteiler ist handwerklich besser als das meiste, was sein Milieu zum Thema produziert. Er hat epistemische Standards, die er – zu seinem Verdienst – auch gegen den Strom des eigenen Lagers anwendet. Aber die Rahmung des Textes dient letztlich einem politischen Projekt, und die selektive Empörung sowie das unkritische Zitieren von Antisemitismus ohne Distanzierung sind klassische Marker, die man beim Lesen im Blick behalten sollte.

Fasse nüchtern den Inhalt des Dreiteilers zusammen. Warum sind die Epstein-Files nicht der Aufreger, für den mache sie halten? Was ist mit all den Codes, Pizza etc?

Zusammenfassung des Lichtmesz-Dreiteilers

Lichtmesz arbeitet sich durch drei Ebenen:

Teil 1 – Mythos vs. Realität der Files selbst Die Veröffentlichung von 3,5 Millionen Seiten hat eine Welle von Clickbait und Verschwörungsslop ausgelöst. Die extremen Narrative – Kannibalismus, Adrenochrom, Baby-Opfer – finden in den Dokumenten keine handfeste Grundlage. Die Zahlen (52x “cannibal” etc.) stimmen, aber der Kontext wird systematisch ignoriert. Das FBI-Interview mit dem anonymen Zeugen wurde von den eigenen Ermittlern als nicht glaubwürdig eingestuft.

Teil 2 – Wer war Epstein wirklich? Lichtmesz rekonstruiert Epsteins Aufstieg anhand zeitgenössischer Quellen, vor allem des schwärmerischen New York-Artikels von 2002. Epstein war ein Netzwerker mit undurchsichtigen Geldquellen, der sich Zugang zu Wissenschaftlern, Politikern und Superreichen kaufte. Das ist real und dokumentiert – aber es ist Korruption und Sexualstraftat, kein okkultes Ritual.

Teil 3 – Was tatsächlich herausgekommen ist Einige prominente Personen sind zurückgetreten oder unter Druck geraten. Ermittlungen laufen gegen Andrew, Mandelson, norwegische Diplomaten. Aber: Niemandem wird vorgeworfen, Kinder ermordet oder Babys gegessen zu haben. Lichtmesz zitiert Shellenbergers Analyse, wonach Epstein primär im eigenen Interesse handelte – kein staatlich gesteuerter Honeypot, sondern ein selbstmotivierter Perverser mit Machtambitionen.

Warum sind die Files kein großer Aufreger – und was ist mit Pizza?

Die ehrliche Antwort hat mehrere Schichten:

Was wirklich neu ist: Wenig. Die Kernfakten – Epstein missbrauchte Minderjährige, mächtige Männer nutzten seinen Zugang, die Justiz schaute lange weg – waren seit 2019 bekannt, seit Maxwells Verurteilung 2021 gerichtlich bestätigt. Die Files fügen Namen und Details hinzu, aber kein grundlegend neues Bild.

Was die “Pizza”-Codes angeht: Das ist das klassische Problem der Mustersuche in Massendaten. 300 Gigabyte E-Mails enthalten jedes häufige Wort tausendfach. “Cheese” erscheint 1138 Mal – davon die allermeisten in völlig unverfänglichen Kontexten (Restaurantbestellungen, Rezepte, etc.). Die befremdlichen Formulierungen wie “millions of babies, very little good vegetable cream cheese” sind real und seltsam – aber “seltsam” ist kein Beweis. Epstein war nachweislich exzentrisch. Außerdem: Wenn er tatsächlich Codes benutzte, wäre es strategisch dümmlich, dieselben Codes zu verwenden, die seit Jahren auf 4chan dokumentiert sind.

Das eigentliche methodische Problem: Bei 3,5 Millionen Seiten findet jeder, was er sucht. Das nennt sich Texas-Scharfschützen-Fehlschluss: erst schießen, dann den Kreis um die Einschusslöcher malen. Wer nach “cannibal” sucht, findet 52 Treffer. Wer nach “birthday cake” sucht, findet vermutlich auch hunderte – und könnte daraus eine Theorie basteln.

Was das für den Podcast-Sprecher bedeutet: Stefan hat insofern recht, dass all diese Dinge tatsächlich in den Files stehen. Er hat insofern unrecht, dass deren bloße Existenz in einem Dokument irgendetwas beweist.

Ich bin nicht sicher, dass Stefan wirklich MEINTE, die Files würden irgendwas beweisen. Er redet von einem „Backlash“, den er aufgrund der Veröffentlichung erwartet. Es kommt nicht klar rüber, aber der Gedanke - so verstehe ich ihn - ist so: „Genderzwang“ (ein im Grunde lächerlicher und teilweise unbegründeter Anlass) => Stärkung der Rechten. Welcher „Backlash“ ist erst zu erwarten, wenn man die Eliten anhand der Files derart diskreditiert? Rhetorische Frage, als These in den Raum gestellt. Das ist ja auch ein Punkt, den Lichtmesz aufgreift (und als Strategie der Rechten ablehnt).

Ah, jetzt macht das viel mehr Sinn – und es ist eigentlich eine interessantere These als ich ihr zunächst zugetraut hätte.

Stefan argumentiert also strukturell so:

Ursache A (klein, diffus, teilweise konstruiert) → politischer Effekt X (Rechtsruck). Was ist erst bei Ursache B (massiv, konkret, Eliten-diskreditierend) zu erwarten?

Das ist keine Behauptung über die Wahrheit der Files, sondern eine Beobachtung über politische Dynamiken. Und als solche ist sie gar nicht unvernünftig.

Was daran plausibel ist

Die Grundbeobachtung stimmt: Politische Bewegungen brauchen keine wahren Narrative, sie brauchen wirksame. Der Gendern-Backlash funktioniert nicht, weil Gendern objektiv so schlimm ist, sondern weil es als Symbol für etwas Größeres steht – Bevormundung, Elitendünkel, aufgezwungene Sprachregeln. Das emotionale Gewicht übersteigt den sachlichen Anlass bei weitem.

Die Epstein-Files haben ein ähnliches Potenzial, nur um Größenordnungen mächtiger: echte Verbrechen, echte Mächtige, echtes Versagen der Justiz. Selbst ohne Adrenochrom und Kannibalismus ist das Material politisch explosiv genug.

Und genau das ist Lichtmesz’ Punkt

Er beschreibt dieselbe Dynamik – und lehnt sie als Strategie ab, obwohl er sie als Realität anerkennt. Greg Johnsons “Ich werfe den USB-Stick in Schwefelsäure”-Monolog ist die explizite Version davon: Wahr oder falsch ist egal, nützlich ist es.

Lichtmesz sagt: Diese Strategie ist kurzfristig verlockend, langfristig selbstzerstörerisch. Wer auf Lügen oder aufgeblasenen Halbwahrheiten baut, diskreditiert sich selbst, sobald die Blase platzt.

Der Unterschied zwischen Stefan und Johnson

Stefan scheint die Frage offen zu lassen – er stellt eine rhetorische These in den Raum, ohne explizit zu sagen: “Und das ist gut so.” Johnson sagt es explizit. Das ist ein wichtiger Unterschied. Stefan beobachtet eine Dynamik; Johnson instrumentalisiert sie bewusst.

Die spannende Folgefrage – die Stefan vielleicht implizit stellt – lautet: Ist ein “Backlash”, der auf realen Verbrechen basiert, legitimer als einer, der auf symbolischen Ärgernissen basiert? Oder ist die politische Mechanik dieselbe, unabhängig vom Anlass?

So in etwa. Legitimer und vor allem: Wirkmächtiger.

Ja, genau – und das ist eine These, die man ernst nehmen muss, auch wenn man sie unbequem findet.

Warum “wirkmächtiger” wahrscheinlich stimmt

Beim Gendern-Backlash muss die Rechte permanent Aufwand betreiben, um den Anlass groß zu reden. Das Empörungspotenzial ist real, aber begrenzt – irgendwann zuckt die Mehrheit die Schultern. Es ist ein Kulturkampf-Thema, das ermüdet.

Epstein ist strukturell anders:

  • Die Opfer sind real und haben Namen

  • Die Täter sind real und haben Namen

  • Das Justizversagen ist dokumentiert

  • Die Verbindung zu politischen Eliten beider Lager ist belegt

Das erreicht Menschen, die sich für Genderdebatten nicht interessieren. Es ist klassenbewusst anschlussfähig – “die da oben missbrauchen Kinder und kommen damit durch” funktioniert als Narrativ weit über rechte Milieus hinaus. Das ist der Kern von Stefans Beobachtung, und sie ist soziologisch belastbar.

Wo es trotzdem kompliziert wird

Die Wirkmächtigkeit hängt davon ab, wie das Narrativ gerahmt wird. Wenn es bei den belegten Fakten bleibt – Machtmissbrauch, Justizversagen, Straflosigkeit der Reichen – ist es ein legitimes demokratisches Thema, das eigentlich links wie rechts mobilisieren könnte.

Kippt es ins Adrenochrom-Kannibalismus-Terrain, verpufft die Wirkung. Dann wird es leicht als Spinnerei abgetan, und die realen Skandale werden mit dem Unsinn in einen Topf geworfen. Das ist paradoxerweise die beste Immunisierungsstrategie für genau die Eliten, die man treffen will.

Lichtmesz sieht das – und das ist das Klügste an seinem Dreiteiler.

Genau so.

07:15

Und das ist letztlich auch das Tragische an der Verschwörungstheorie-Kultur rund um solche Themen.

Der reale Skandal – Machtmissbrauch, käufliche Justiz, Straflosigkeit – wäre stark genug, um echten politischen Druck zu erzeugen. Stattdessen übernehmen Adrenochrom und Baby-Kannibalismus die Aufmerksamkeit, und das Establishment kann entspannt auf die Spinner zeigen und sagen: “Seht ihr, mit wem wir es hier zu tun haben.”

Es ist fast eine zu perfekte Entschärfungsmechanik – ob sie nun bewusst gesteuert wird oder einfach emergent entsteht, ist dabei fast egal. Das Ergebnis ist dasselbe: Der legitime Kern wird unglaubwürdig gemacht.

Stefan und Lichtmesz kommen von sehr unterschiedlichen Ausgangspunkten, aber sie sehen dieselbe Struktur. Das ist das Interessante an diesem Gespräch – manchmal ergibt sich aus unwahrscheinlichen Ecken eine nüchternere Analyse als aus dem Mainstream-Diskurs, der das Thema entweder ignoriert oder hysterisch behandelt.

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