Aladin El-Mafaalani

ach Gott beruhigen wir uns doch.

Ich werde jetzt kein spezifisch berufliches Outing machen, aber der Teil sei erlaubt: Ich bin beruflicherseits mit der Aufarbeitung von institutionellem sexuellem Missbrauch, Gewalt, erniedrigendem Erziehungsverhalten und der Erarbeitung/Umsetzung/Überprüfung von Schutzkonzepten in Einrichtungen beschäftigt (bin da also ganz gut im Futter).

Von daher teile ich explizit nicht das Argument der “drohenden Pädophilie” (siehe “Ich würde das Argument nicht überstrapazieren.”), auf die einzelnen KI-gestützten Antworten gehe ich nicht weiter ein, da sind eben die erwartbaren Ungenauigkeiten und Halluzinationen.

Ich teile explizit auch nicht die Folgerungen einer kritischen Erziehungswissenschaft, die sich gegen Kritik immunisiert (und das wäre ja auch eine spannender Austausch an anderer Stelle).

Ich rede auch nicht die Forschung El-Mafaalanis schlecht, oder die Qualität früherer Werke. Ich muss aber feststellen, dass mit steigender Bekanntheit die Qualität der Veröffentlichungen zu sinken scheint.

Als Abschluss: Niemanden interessiert, was ich darüber denke. Deswegen habe ich es unter “Hinweise & Empfehlungen” gepostet. Weil es für mich als Hörer interessant gewesen wäre, was Stefan und Wolfgang daraus machen.

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Also hat dich auch aufgrund deines beruflichen Hintergrunds die von El-Mafaalani und so weiter beschriebene pädagogische Wärme und Liebe skeptisch gemacht? Klingt auf jeden Fall spannend und ist ein Zugang, den ich so noch gar nicht gesehen habe (und zu dem ich auch tatsächlich nicht viel sagen kann, außer dass die dort geforderte Wärme im Sinne einer subjektzentrierten, entgrenzten und outputorientierten Pädagogik tatsächlich überall in den offiziellen Dokumenten und Verlautbarungen der letzten 30 Jahre auszumachen ist)!

Ich hab beim Lesen eher durch die “Brille” der kritischen (Bildungs-)Theorie geschaut, die sich nur schwer wieder absetzen lässt, und vor allem den Fokus auf die Begriffe von Bildung und Emanzipation gelegt, die jeweils in diesem Buch durchscheinen. Kurz gesagt, Bildung als emanzipatorisches Moment und zugleich als herrschaftsfunktionales anti-emanzipatorisches.

So wie sich die kritische Erziehungswissenschaft (ich meine die “ältere”, nicht die positiv gewendete poststrukturalistische) wohl gegen eine (bürgerlich-positivistische) Kritik immunisiert, muss die “traditionelle”, sich als interessenlos verstehende Erziehungswissenschaft, ihre eigenen Zwecke und ihre Abhängigkeit von dieser Gesellschaftsformation, die sie affirmiert, verdecken. Beides will die kritische Erziehungswissenschaft überwinden. Aber um das auszudiskutieren, fehlt mir Momentan die Energie, könnte aber auf andere (auch eigene) Texte verweisen.

Und ich bin mir auch bewusst, dass man schnell aus einem Elfenbeinturm, von dem ich persönlich zwar meilenweit entfernt bin, heraus argumentiert und dass sich die kritische Pädagogik und Theorie seit Jahrzehnten auf einem absteigenden Ast befindet; dass sie in Bildungsorganisation, -politik und -praxis keine Rolle spielt. Dennoch gibt es eine Menge an Publikationen und Fachzeitschriften, die sich ihr widmen und ein Gegengewicht zur “feindlichen Übernahme” der Pädagogik durch fachfremde Disziplinen (insbesondere wirtschaftliche, psychologische und neurowissenschaftliche) sowie durch Politik und privatwirtschaftliche Interessen darstellen. Aktuell ist sie mehr ein Hobby, als dass sich mit ihr Fördertöpfe einwerben ließen, aber sobald der “material turn” kommt, bin ich bestens aufgestellt! :smiley:

Weil ich es ohnehin aus der Bib geliehen habe, habe ich jetzt noch ein bisschen weiter in dem Buch über Kinder von El-Mafaalani gelesen und kann das mit der sinkenden Qualität bei steigender Bekanntheit unterschreiben. An der Uni Osnabrück, an der ich aufgrund einer Fernbeziehung damals öfter war, galt er als kleiner “Star”, der durch viele Podcasts und Talkshows tingelte, aktiv das Social-Media-Game bespielte und nie auf seine Mails antwortete.

Ich würde mich hier aus ganz persönlichen Motiven anschließen, da Bildungspolitik, Sozial- und Erziehungswissenschaft eben meine Themen sind. Aber auch dieses Zitat, auf das Wolfgang schon öfter sinngemäß angespielt hat, fände ich als Vertreter einer Theorierichtung, die der Wahrheit einen Zeitkern zuspricht, interessant: “Die »großen« Theoretiker der Soziologie, zu denen Niklas Luhmann sicherlich gehört, dachten, ihre Sicht der Dinge sei zeitlos gültig. Tatsächlich aber werden auch die großen Theorien von der Wirklichkeit geprägt, in der sie entstanden sind.” (S. 45).

Weiß nicht, ob Luhmann das nicht doch wusste, dass er erstmal über moderne, funktional ausdifferenzierte Gesellschaften redete mit Rationalisierung und Verwaltung. Vlt muss man sich bei den Theorien auch mehr die Annahmen bewusst werden.

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Bevor wir uns hier zu sehr auf eine Person versteifen, scheint mir der Hinweis, dass das Buch in als Gemeinschaftsprojekt mit zwei weiteren Professoren geschrieben wurde, doch angebracht.

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Ich habe zu Luhmann nie wirklich einen Zugang gefunden, kann dazu also wirklich nichts sagen. Wollte es früher oder später aber nochmal mit seinen pädagogischen Schriften versuchen bzw. würde mich auch über Hinweise freuen, wo man gut einsteigen kann. Das Zitat schließt nur an eine Aussage von Wolfgang an, die er mindestens zwei Mal ungefähr genau so im Podcast Stefan gegenüber gesagt hat. Habe das Zitat daher hervorgehoben, weil mich hierzu eine Diskussion zwischen den beiden interessiert.

@El_Dusto Stimmt schon, der Titel und die Fragestellung waren wohl etwas zu exklusiv auf El-Mafaalani bezogen. Ich hab daher zumindest öfter von “den Autoren”/“El-Mafaalani und so weiter” gesprochen, weil ich hauptsächlich Kapitel 2 (Strohmeier) und 3 (El-Mafaalani) gelesen habe, hätte das aber klarer kenntlich machen können.

Da kann man ganz gut mit “Zwischen Absicht und Person” von Luhmann und Schorr starten. Kleines Büchlein und stellt eben die grundsätzlichen Annahmen (die Mafaalani etc.al. da aufgreifen) in Gegensatz zu einander.

Ich würde mal die steile These aufstellen, dass ein Vergleich zwischen diesen beiden Büchern ausreicht. Um bei “Kinder - Minderheit ohne Schutz” über weite Strecken das “Was” richtig beschrieben wird, aber dann eben mit einem “Wie” aus der Mottenkiste beantwortet wird.

Aber könnte man sich noch angucken, was Mafaalani kritisiert (Kinder werden in pädagogische Sonderumwelten abgeschoben) und was seine Lösung dafür ist (Vergrößerung der Sonderumwelten).

Dieses “Luhmann war Kind seiner Zeit” ist mir zu banal als Anklage. Es gibt ja ein paar Punkte an denen man es überprüfen kann, oder an denen Luhmann “seinen Blick” in die Zukunft gerichtet hat:

z.B. in “Ökologische Kommunikation” von 1986, wo er sehr überzeugend darlegt wie schwierig es sein wird “Klima” als gesellschaftliches Thema zu adressieren und wo die Hindernisse in der Zukunft liegen werden. (Eine Möglichkeit wäre dann “moralische Kommunikation” als Notanker und dann kommt 2026 Armen Avanessian und postuliert die “Ethik des Planeten” Armen Avanessian: Die planetarische Wende in der Ethik und wird als großer Denker interviewt…)

und

“Wie die “Roten” (liberalen Theologen, nach dem Diktum von Harnack) werden auch die “Grünen” nachdunkeln, sobald sie in Ämter kommen und sich mit den Details konfrontiert finden. Diese Aussicht mag “konservative” Beobachter beruhigen. Sie sollte aber nicht verdecken, daß das eigentliche Problem in der Frage liegt, ob die moderne Gesellschaft für Selbstbeschreibung auf die ganz unzulängliche Basis sozialer Bewegungen angewiesen ist.”

(S.236)
ist doch mal ganz spannend und hätte vielleicht “den Tod” von Friday for Future verhindert, wenn man nicht aus einer Bewegung (wieder) eine Partei werden wollte. (Hier wird die Linkspartei spannend, die anscheinend den Weg gerade anders herum geht und damit bislang erfolgreich ist…). Das diese Gesellschaft auf die “unzulängliche Basis sozialer Bewegungen angewiesen ist”, wäre doch mal ein spannender Punkt, den man vertiefen könnte (z.B. mit “Protest” von 1996)…

Jetzt muss man Luhmann nicht vergöttern, aber “der hat ja nicht in meiner Zeit gelebt” reicht mir da nicht. (Ich z.B. halte Luhmann an der ein oder anderen Stelle für ein Stückchen zu optimistisch…)

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Ich bin auch kein Experte, aber “Die Realität der Massenmedien” ist relativ kurz und lesbar. Wobei das schon direkt zum Hauptwerk gehört, aber dafür ist es relativ gut “auf Pointen geschrieben”. Ich mein der erste Satz ist

Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen,
wissen wir durch die Massenmedien.

Ansonsten gibt es die ein oder anderen engagierten Schriften wie das bereits erwähnte Buch “Ökologische Kommunikation”. Zum Einstieg kann da aber auch erstmal die kurze Rede “Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?” passend sein. Das stellt eine Vorarbeit von dem Buch dar und ist thematisch immer noch aktuell.

Ich hatte auch mal “Macht im System” in der Hand, was wohl veraltet ist, aber gute Nuancen bei der politischen Soziologie anbietet. Er setzt sich da auch mit anderen Machtkonzepten auseinander, sodass es imo sogar allgemein eine gute Einführung sein kann in das Thema Macht.

Bonus: sein kleiner Text über “Kommunikation mit Zettelkästen” darüber wie man mit eigenen Notizen umgehen kann, darüber neues herausfindet und sich vlt sogar selbst überrascht.

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