Also hat dich auch aufgrund deines beruflichen Hintergrunds die von El-Mafaalani und so weiter beschriebene pädagogische Wärme und Liebe skeptisch gemacht? Klingt auf jeden Fall spannend und ist ein Zugang, den ich so noch gar nicht gesehen habe (und zu dem ich auch tatsächlich nicht viel sagen kann, außer dass die dort geforderte Wärme im Sinne einer subjektzentrierten, entgrenzten und outputorientierten Pädagogik tatsächlich überall in den offiziellen Dokumenten und Verlautbarungen der letzten 30 Jahre auszumachen ist)!
Ich hab beim Lesen eher durch die “Brille” der kritischen (Bildungs-)Theorie geschaut, die sich nur schwer wieder absetzen lässt, und vor allem den Fokus auf die Begriffe von Bildung und Emanzipation gelegt, die jeweils in diesem Buch durchscheinen. Kurz gesagt, Bildung als emanzipatorisches Moment und zugleich als herrschaftsfunktionales anti-emanzipatorisches.
So wie sich die kritische Erziehungswissenschaft (ich meine die “ältere”, nicht die positiv gewendete poststrukturalistische) wohl gegen eine (bürgerlich-positivistische) Kritik immunisiert, muss die “traditionelle”, sich als interessenlos verstehende Erziehungswissenschaft, ihre eigenen Zwecke und ihre Abhängigkeit von dieser Gesellschaftsformation, die sie affirmiert, verdecken. Beides will die kritische Erziehungswissenschaft überwinden. Aber um das auszudiskutieren, fehlt mir Momentan die Energie, könnte aber auf andere (auch eigene) Texte verweisen.
Und ich bin mir auch bewusst, dass man schnell aus einem Elfenbeinturm, von dem ich persönlich zwar meilenweit entfernt bin, heraus argumentiert und dass sich die kritische Pädagogik und Theorie seit Jahrzehnten auf einem absteigenden Ast befindet; dass sie in Bildungsorganisation, -politik und -praxis keine Rolle spielt. Dennoch gibt es eine Menge an Publikationen und Fachzeitschriften, die sich ihr widmen und ein Gegengewicht zur “feindlichen Übernahme” der Pädagogik durch fachfremde Disziplinen (insbesondere wirtschaftliche, psychologische und neurowissenschaftliche) sowie durch Politik und privatwirtschaftliche Interessen darstellen. Aktuell ist sie mehr ein Hobby, als dass sich mit ihr Fördertöpfe einwerben ließen, aber sobald der “material turn” kommt, bin ich bestens aufgestellt! 
Weil ich es ohnehin aus der Bib geliehen habe, habe ich jetzt noch ein bisschen weiter in dem Buch über Kinder von El-Mafaalani gelesen und kann das mit der sinkenden Qualität bei steigender Bekanntheit unterschreiben. An der Uni Osnabrück, an der ich aufgrund einer Fernbeziehung damals öfter war, galt er als kleiner “Star”, der durch viele Podcasts und Talkshows tingelte, aktiv das Social-Media-Game bespielte und nie auf seine Mails antwortete.
Ich würde mich hier aus ganz persönlichen Motiven anschließen, da Bildungspolitik, Sozial- und Erziehungswissenschaft eben meine Themen sind. Aber auch dieses Zitat, auf das Wolfgang schon öfter sinngemäß angespielt hat, fände ich als Vertreter einer Theorierichtung, die der Wahrheit einen Zeitkern zuspricht, interessant: “Die »großen« Theoretiker der Soziologie, zu denen Niklas Luhmann sicherlich gehört, dachten, ihre Sicht der Dinge sei zeitlos gültig. Tatsächlich aber werden auch die großen Theorien von der Wirklichkeit geprägt, in der sie entstanden sind.” (S. 45).