Aladin El-Mafaalani

Stefan überlegte ja, ob sich eine tiefere Auseinandersetzung mit Texten von El-Mafaalani lohne, da er (nach meiner Erinnerung) sich unglaublich doof anhöre…

Vielleicht liegt es seiner steigenden Bekanntheit und dass er sich zu Themen äußert, mit denen er sich nicht beschäftigt hat (“Vertrauen”), aber ich habe “Kinder - Minderheiten ohne Schutz” 2025,Kiepenheuer&Witsch von ihm gelesen und habe mich gewundert…

Als Bachelorarbeit wäre es vielleicht durchgegangen. Viele Redundanzen, ungeklärte Prämissen und ein naives Plädoyer für den “pädagogischen Eros” als Lösung des Problems der “Verwandlung von Humanvermögen in Humankapital” + “irgendwas mit Gemeinschaft”.

Die Frage ist also viel eher: Lohnt sich die Auseinandersetzung um festzustellen, dass sich die Auseinandersetzung nicht lohnt? (Aber immerhin: El-Mafaalani hat eine geringere Reichweite und richtet weniger Schaden als Bibi an…)

Als Hörer wäre es sicherlich unterhaltsam, für Stefan und Wolfgang vielleicht eine Quälerei.

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Klingt gruselig: Pädagogische Liebe – Wikipedia

Pädagogischer Eros steht allerdings spätestens seit dem Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule für eines der umstrittensten Konzepte der Reformpädagogik und für die Legitimierung sexueller Handlungen durch Erwachsene an vorwiegend jungen Männern oder Knaben”

Dafür plädiert El-Mafaalani?

Das macht sein Plädoyer für “Vertrauen” noch gruseliger.

Nuja, ist halt eine der Begründungen von Pädagogik (da ist ja Wikipedia eben nur Wikipedia)… im Buch (Kapitel von Strohmeier) S.122 in Bezug auf Bronfenbrenner: “Was heißt es, wenn jedes Kind mindestens einen Erwachsenen braucht, der in unvernünftiger Weise verrückt nach ihm ist?” Die verknüpfen das mit den UWE-Studien und den Faktoren für Wohlbefinden (einer davon “Verbundenheit mit Erwachsenen”), kommen aber bei einer uralten Selbstbegründung für die pädagogische Beziehung raus.

Damit drehen sie sich eben im pädagogischen Kreis und wundern sich über die Feststellung, dass Kinder immer mehr Zeit in Schulen verbringen und die Ergebnisse von Bildungsstudien immer schlechter werden (S.24), da die Autoren dies nicht kausal verknüpfen führt zu der Forderung, dass Schulen eben “bessere Orte” sein müssen, wenn man schon mal da ist und dass Erwachsene sich dann für diese Kinder zu interessieren hätten… und damit Schulen “zum Teil familienersetzend” (S.148) tätig werden sollen.

und dann sind wir wieder in den Diskussionen von vor 200 Jahren… was Stefan vielleicht lustig findet im Abgleich zu Luhmanns “Fragen an die Pädagogik” und Wolfgang in der gesellschaftlichen Begründung der “Schaffung von Humankapital aus Humanvermögen”.

Wie gesagt, ich habe mich über das Buch gewundert und kann den Hype nicht verstehen.

Die durchschnittliche Verkaufszahl eines Sachbuchs in Deutschland ist überraschend niedrig und liegt oft nur bei etwa 250 bis 300 Exemplaren im ersten Jahr.

KI Antwort

Bei wissenschaftlichen Büchern ist die Auflage höher, da kaufen in der Regel die Universitäten einiges ein.

Bei der 2. Generation Bildungsverlierer- wer wollte da schon überhaupt ein pädagogisches Sachbuch kaufen?

Wenn ich mich noch richtig erinnere, hat Stefan das Kinder-Buch positiv besprochen. Außerdem hatte er auch seinen Vortrag zu “Remigration zu Ende gedacht” gelobt. Also es kommt mir definitiv nicht so vor, als hätte er mit Aladin El-Mafaalani an sich ein Problem. Das Vertrauens-Buch war halt nicht so sein Ding, bzw. die Interviews dazu.

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Wie auch immer.

“Mehr Schule” ist jedenfalls nicht die Lösung für die Funktion und Folgen des Schulsystems.

z.B. von gestern: Bildung und soziale Ungleichheit: Warum manche Kinder im Schulsystem benachteiligt sind - DER SPIEGEL

Die Vorstellung, dies mit “dem Mantel der Liebe” (siehe “Zwischen Absicht und Person”) lösen zu können halte ich für erstaunlich dumm.

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Ich habe von El-Mafaalani neben dem Studium “Mythos Bildung” und “Das Integrationsparadox” gelesen. Ich würde sagen, für einen (doch eher aber nicht ausschließlich populärwissenschaftlichen) Einstieg in die gegenwärtige Bildungssoziologie/Empirische Bildungsforschung war das eigentlich ganz okay. Also hinsichtlich der Themen Bildungsungleichheit, Migration und Chancen(un)gleichheit kann sich eine Auseinandersetzung mit El-Mafaalani schon lohnen, vor allem wenn man sich für einen Zugang über das bourdieusche Habituskonzept interessiert.

In das aktuellere Buch “Kinder – Minderheit ohne Schutz” habe ich heute nur kurz reingeschaut und die deiner Frage entsprechenden Teile überflogen. Was hier zunächst deutlich wird, dass keiner der Autoren aus dem Bereich der Erziehungswissenschaften bzw. aus der pädagogischen und Bildungstheorie stammt und daher ein entsprechend soziologischer/politikwissenschaftlicher Blick auf die von den Autoren geforderte Notwendigkeit eines Umdenkens bzw. einer Reform von Pädagogik und Schule stattfindet.

Aus Sicht der kritischen Pädagogik bzw. Bildungstheorie würde ich den dort vorgeschlagenen Ideen auf die durchaus richtigen Feststellungen (“Die soziale Ungleichheit hat zugenommen und sie hat sich verfestigt. Ungleichheit ist heute mehrdimensional, d.h. sie ist ökonomisch, sozial, kulturell und regional.” (S. 47) oder “Für ihre Eltern stellen Kinder ein alltägliches Handicap in einer funktional differenzierten, strukturell rücksichtslosen Welt dar, in der es weder Orte noch Zeit für Kinder gibt und in der ihre spezifischen Bedürfnisse unbeachtet bleiben.” (S. 44)) vehement widersprechen wollen. Gerade um das zu können, würde sich eine Auseinandersetzung mit diesen Ideen allerdings durchaus anbieten. Gefährlich ist hieran nichts, wenn man sich dem nicht vollkommen unkritisch nähert.

Humanvermögen und -kapital

“Humanvermögen meint die Kompetenzen und Motive, die den Erwerb und den Einsatz dieser Fähigkeiten erst möglich machen: Die Bildung von Humanvermögen umfasst vor allem die Vermittlung von Befähigungen zur Bewältigung des Alltagslebens, das heißt: den Aufbau von Handlungsorientierungen und Werthaltungen in der Welt zwischenmenschlicher Beziehungen.” (S. 43 f.)

Im Grunde unterscheiden die Autoren ein eher normativ zu untersuchendes Humanvermögen (Werte, Haltungen, Empathie und andere sogenannte emotionale und soziale Kompetenzen usw.) von einem deskriptiv zu erfassenden und messbaren (Noten, Bildungsgrad, Zertifikate etc.) Humankapital. Eine gesteigerte Entfaltung des Humankapitals setze ein umfassendes Humanvermögen voraus, das zuvor ausschließlich durch die Familie erworben wurde, nun aber, so die Einschätzung und das Plädoyer der Autoren, auch durch die Bildungsinstitutionen anvisiert und hergestellt werden soll. Die pädagogisch professionelle Distanz sei nicht mehr zeitgemäß; um der “Minderheit” der Kinder angesichts einer von Krisen geplagten Welt und damit auch Kindheit gerecht zu werden, sei eine pädagogische “Wärme” bzw. Nähe und Empathie auch in den Bildungseinrichtungen notwendig.

M. E. geht diese Unterscheidung von Humankapital und Humanvermögen nicht wirklich auf (letztendlich läuft es immer auf eine Steigerung des Humankapitals jedes Einzelnen hinaus und damit auch immer auf das allseits geforderte “unternehmerische Selbst”[1]) bzw. ist dieses Verständnis eines auszubildenden “Humanvermögens” in der Erziehungswissenschaft auch keineswegs neu oder in irgendeiner Weise ein entgegengesetzter Ansatz zu dem, was seit der sogenannten Kompetenzwende in den 1980er/90er Jahren in der pädagogischen Theorie und Praxis sowie in der Bildungspolitik tonangebend, wenn man so will, hegemonial ist. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum das Buch zum deutschen Sachbuchpreis 2025 nominiert war.

Pädagogische Wärme

So fordert auch die primär ökonomisch und kaum pädagogisch argumentierende OECD, deren Empfehlungen gewissermaßen Gesetzescharakter haben und bildungspolitische Entscheidungen maßgeblich prägen, seit über 30 Jahren und mehr oder weniger aus den selben Gründen wie El-Mafaalani diese pädagogische “Wärme” (z.B. Lernbegleiter anstelle von Lehrern, selbstgesteuertes und -organisiertes Lernen anstelle einer heteronomen Steuerung und Zwecksetzung, die damit vermeintlich überwunden seien etc.), die sie unter anderem auch aus den PISA-Studien und IGLU-Ergebnissen ableitet.

Auch erschließt sich mir nicht, warum eine pädagogisch professionelle Distanz einer “guten”, zeitgemäßen Pädagogik im Wege stehen sollte. “Gute” Pädagoginnen sollten dazu in der Lage sein, ihre eigenen Fachinhalte bestmöglich zu vermitteln, sodass auch die Schwächsten mitkommen und die Stärksten nicht gelangweilt sind. Dass dies idealerweise nicht vollkommen kühl und empathielos geschehen sollte, gehört ja zu der Ausbildung einer Profession, zu einer pädagogisch professionellen Distanz.

Da würde ich dir aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive uneingeschränkt zustimmen. Denn eine Befreiung von der bürgerlichen Kälte ist nur in ihrer Bewusstwerdung, nur „im Durchgang durch die Kälte“[2] und keineswegs durch Wärme erreichbar.[3] Die “Kälte”, die “rücksichtslose Welt” (Strohmeier 2025: S. 44) muss selbst zum Inhalt des (Geschichts-, Politik-, Wirtschafts-, SoWi- und Philosophie-)Unterrichts werden und der Pädagoge muss auch außerhalb dieser Fächer auf diese reflektieren, anstelle sie bloß mit Wärme zu überdecken und damit zur Entfremdung von der realen Kälte, die somit keineswegs überwunden wird, beizutragen.

P.S.

  1. Folgendes Zitat aus dem Kindheitsbuch von El-Mafaalani und co. schließt allerdings an die von Wolfgang in ganz ähnlicher Weise formulierte, bereits mehrfach eingebrachte und von Stefan weitgehend ignorierte Behauptung an: “Die »großen« Theoretiker der Soziologie, zu denen Niklas Luhmann sicherlich gehört, dachten, ihre Sicht der Dinge sei zeitlos gültig. Tatsächlich aber werden auch die großen Theorien von der Wirklichkeit geprägt, in der sie entstanden sind.” (S. 45).

  2. Die obigen Äußerungen zum “pädagogischen Eros” und den Missbrauchsskandalen an der Odenwaldschule sind hier komplett unsinnig. Der pädagogische Eros geht u.a. auf Herman Nohl zurück, der mit der Vorstellung einer pädagogischen Liebe in den 1930er Jahren einen durchaus fortschrittlichen Ansatz entworfen hat. In dem Sinne, dass die Prügelstrafe zu seiner Zeit an der Tagesordnung war (das Züchtigungsrecht wurde in der BRD erst in den 1970er Jahren(!) formal aufgehoben) und die nationalsozialistische Erziehung erst noch folgen sollte.[4]


  1. ↩︎

  2. Gruschka A. (1994): Bürgerliche Kälte und Pädagogik: Moral in Gesellschaft und Erziehung. Schriftenreihe des Instituts für Pädagogik und Gesellschaft Bd. 4. Wetzlar: Büchse der Pandora. S. 58 ↩︎

  3. vgl. auch: Viol P. (2025). „Durch die Kälte hindurch. Eine Temperaturbestimmung einer Erziehung zum Nicht-Mitmachen“. In: Halbbildung: Kritische Theorie der Pädagogik. Hrsg. von Sebastian Gräber u. a. 1. Auflage. Beiträge zur kritischen Theorie. Berlin: Verbrecher, 147–196. S. 192 ↩︎

  4. Wer sich für eine kritische Einordnung des systematischen Missbrauchs an der Odenwaldschule auch hinsichtlich des “pädagogischen Eros” interessiert, sei dieser Beitrag von Gruschka empfohlen: https://www.pedocs.de/volltexte/2013/8088/pdf/PaedKorr_2010_42_Gruschka_Erregte_Aufklaerung_ein_paedagogisches.pdf ↩︎

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Die Kontroverse um den “pädagogischen Eros” hat mich jetzt doch neugierig gemacht und ich habe etwas nachrecherchiert.

Zunächst: Mein Wikipedia-Link war nicht als Gesamtcharakterisierung des Begriffs gemeint, sondern als Frage — plädiert El-Mafaalani tatsächlich für ein Konzept mit dieser Geschichte? Die Zurückweisung als “komplett unsinnig” geht an der Frage vorbei.

Zum Begriff selbst: Der “pädagogische Eros” wird hier auf Herman Nohl (1930er) zurückgeführt, der einen fortschrittlichen Gegenentwurf zur Prügelstrafe entworfen habe. Das ist selektiv. Der Begriff ist mindestens ebenso stark mit Gustav Wyneken verbunden — Gründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, zentraler Propagandist des pädagogischen Eros, und verurteilt wegen sexuellen Missbrauchs von Schülern. Das ist kein nachträglicher Missbrauch eines harmlosen Konzepts, sondern ein Problem in der Konzeptlogik: Wenn professionelle Distanz als Defizit definiert wird und der Pädagoge das Kind “lieben” soll, entsteht strukturell das Machtgefälle, das Missbrauch ermöglicht. Die erziehungswissenschaftliche Aufarbeitung (Oelkers, Brachmann) zeigt genau das — und der in der Fußnote verlinkte Gruschka-Text zur Odenwaldschule bestätigt es ebenfalls.

Das Interessante ist: @friendlynotes argumentiert selbst überzeugend, dass professionelle Distanz und gute Pädagogik sich nicht ausschließen. Das ist exakt der Punkt — und widerspricht der Verteidigung des pädagogischen Eros im selben Beitrag. Wenn El-Mafaalani 2025 “pädagogische Wärme” und “familienersetzende” Schulen fordert, reproduziert er die reformpädagogische Entgrenzungslogik, deren Konsequenzen historisch dokumentiert sind.

ich würde das Argument an der Stelle nicht überstrapazieren (im Sinne von: dabei muss Missbrauch das Ergebnis sein), aber wie Du schon sagst: Alter Wein in neuen Schläuchen (da kann man auch bis Pestalozzi gehen). Oder eben: einmal im pädagogischen Kreis gedreht. (Nohl, Wyneken und auch Mollenhauer hatten auch die Idee der Volkbildung durch Volksbildung, hier schließt Mafalaani an mit der Beschreibung der “superdiversen Kindheiten”, die man dann doch irgendwie als Selbstzweck zu einer Gesellschaft zusammenführen müsse.)

und das, ich wiederhole mich: Halte ich bei dem Thema für erstaunlich dumm.

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Höre mir gerade ein El- Mafaalani Gespräch an.

Das kann gar nicht sein, daß die neuen Zwanziger ihn kritisieren, der macht gute Analysen und kann die verständlich erklären.

Ist das wieder so was, wie mit der Babymord- Affaire?

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Warum der „pädagogische Eros” höchst problematisch ist

These: Die programmatische Auflösung professioneller Distanz zwischen Pädagogen und Kindern — ob als „pädagogischer Eros”, „pädagogische Wärme” oder „familienersetzende Schule” — ist nicht trotz, sondern wegen ihrer guten Absichten gefährlich. Der Fehler liegt nicht bei den Tätern, die das Konzept missbraucht haben, sondern im Konzept selbst. Und der Grund, warum ein ganzes Fach an diesem Konzept festhält, obwohl die Evidenz erdrückend ist, ist kein intellektuelles Versagen — es ist eine ideologische Funktion: Wer strukturelle Probleme auf die Beziehungsqualität einzelner Pädagogen reduziert, entlastet die Mächtigen von der Verantwortung, Strukturen zu ändern.


1. Die Asymmetrie ist konstitutiv, nicht kontingent

Der Erziehungswissenschaftler Werner Helsper formulierte 2012 den entscheidenden Punkt: Die Machtasymmetrie zwischen Lehrer und Schüler ist kein Defekt des Schulsystems, den man durch Nähe heilen kann — sie ist die Grundbedingung jeder pädagogischen Beziehung. Der Lehrer ist „strukturell in seiner Position in der Vorhand” (Helsper/Reh 2012). Er bestimmt Inhalte, bewertet Leistung, reguliert Verhalten. Daran ändert sich nichts, wenn er das Kind duzt, sich „Lernbegleiter” nennt oder „auf Augenhöhe” arbeiten will.

Wird diese Asymmetrie geleugnet — „etwa im Sinne fiktionaler Gleichheitsstilisierungen” (ebd.) —, verschwindet die Macht nicht. Sie wird unsichtbar. Und unsichtbare Macht ist gefährlicher als sichtbare, weil sie nicht benannt, nicht angefochten und nicht kontrolliert werden kann.

2. Der pädagogische Eros macht genau das

Von Gustav Wyneken (1921) über Herman Nohls „pädagogischen Bezug” — definiert als „leidenschaftliches Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen” (Nohl 1933, S. 169), „getragen von Liebe und Autorität, oder vom Kinde aus gesehen: Liebe und Gehorsam” (ebd., S. 138) — bis zur Odenwaldschule operiert dasselbe Muster:

Schritt 1: Professionelle Distanz wird als defizitär markiert. Der „bloße Fachinformant” (von Hentig) wird zum Feindbild; was zählt, ist die „persönliche Hinwendung zum Einzelnen”.

Schritt 2: An die Stelle der professionellen Rolle tritt eine pseudofamiliäre Beziehung. Der Lehrer soll das Kind „lieben”, die Schule wird zur „Familie”, die „Internatsfamilie” ersetzt die formale Institution.

Schritt 3: Das reale Machtgefälle wird unsichtbar. Wer duzt, wer „liebt”, wer „begleitet”, kann nicht gleichzeitig jemand sein, der Macht ausübt. Damit fällt die Sprache weg, mit der Übergriffe überhaupt beschrieben werden können.

3. Darum ist die „Einzeltäter”-Erklärung falsch

Die Standardverteidigung lautet: „Der pädagogische Eros war als fortschrittliches Konzept gedacht. Dass Wyneken, Kentler und Becker ihn missbraucht haben, liegt an diesen Personen, nicht am Konzept.”

Dieses Argument hat ein logisches Problem: Es erklärt nicht, warum der Missbrauch systematisch dort stattfand, wo das Konzept am konsequentesten umgesetzt wurde.

  • Gustav Wyneken, Begründer des Konzepts: verurteilt wegen sexuellen Missbrauchs von Schülern (LG Rudolstadt). Sein Nachfolger in Wickersdorf, Neuendorff, ebenfalls verurteilt. Der nächste Nachfolger, Boeckh, wegen Übergriffen entlassen — und an der Odenwaldschule eingestellt (Oelkers 2011, Kap. 3–5).
  • Helmut Kentler, der den pädagogischen Eros in die Sozialpädagogik übersetzte: organisierte über Jahrzehnte die Unterbringung von Kindern bei vorbestraften Pädophilen. Nicht heimlich, sondern als offizielles Programm des Berliner Landesjugendamts, das die Pflegestellen „aktiv initiierte und begleitete” (Baader et al. 2024, Hildesheimer Ergebnisbericht, DOI: 10.18442/256).
  • Gerold Becker, Odenwaldschule: über hundert Opfer (Burgsmüller/Tilmann-Bericht 2010). Brachmann schätzt 500–900 betroffene Schüler, mehr als zwei Dutzend Täter.

Der Hildesheimer Ergebnisbericht 2024 dokumentiert, dass Kentler, Becker und Colla (Professor für Sozialpädagogik, Lüneburg) ein Netzwerk über sechs Städte betrieben — Berlin, Göttingen, Hannover, Lüneburg, Heppenheim, Tübingen. Alle drei waren führende Vertreter reformpädagogischer Ansätze. Die Forschenden sprechen von einer „pädophilen Nebenrepublik” und schließen: Der Fokus auf Einzeltäter „ist zu eng” — es handelt sich um ein „breiteres Netzwerk, das die Positionen Kentlers geduldet, legitimiert, rezipiert und unterstützt hat — und es bis in die Gegenwart tut” (Baader et al. 2024).

Wenn ein Konzept bei seinem Erfinder, bei seinen prominentesten Verfechtern und in seinen Vorzeigeeinrichtungen zu systematischem Missbrauch führt, dann ist die Erklärung „die haben es nur falsch umgesetzt” nicht mehr plausibel. Dann liegt das Problem im Konzept.

4. Der Immunisierungsmechanismus

Jens Brachmann identifizierte den „Virus der Distanzlosigkeit und der Grenzverletzung” als im Kern der reformpädagogischen Ideologie sitzend (Brachmann 2015). Und zwar aus einem präzisen Grund: Das Konzept immunisiert sich selbst gegen Falsifikation.

Die Logik funktioniert so:

  • Prämisse 1: Nähe = gut, Distanz = schlecht.
  • Prämisse 2: Unsere Institution basiert auf Nähe.
  • Schlussfolgerung: Unsere Institution kann nicht der Ort von Gewalt sein.

Wer innerhalb dieses Rahmens Gewalt benennt, begeht einen Kategorienfehler — nicht einen Tabubruch, sondern etwas konzeptuell Unmögliches. Deshalb sprach an der Odenwaldschule Jahrzehnte lang niemand. Nicht nur, weil es sozial unangenehm war, sondern weil das institutionelle Selbstbild („Wir sind eine Familie”) die Sprache eliminierte, mit der Übergriffe hätten beschrieben werden können.

Oelkers beobachtete: Die Reformpädagogik operierte „wie in jeder Sekte” — Kritik galt als „Verrat” (Oelkers 2012, Vortrag PH Kreuzlingen). Die DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) reproduzierte das Muster auf Disziplinebene. Baader diagnostizierte auf der DGfE-Herbsttagung 2023 ein „beredtes Schweigen”: Warnungen bezüglich Kentler und Becker „stießen bei der DGfE auf taube Ohren” — aus einer „Scheu, die Reformpädagogik zu verraten”. Edith Glaser nannte die DGfE eine „Organisation des Wissens, Mitwissens und Schweigens” (dokumentiert in: ResearchGate-Bericht zur DGfE-Herbsttagung 2023).

5. Warum das Fach trotzdem daran festhält: Die neoliberale Funktion

Bis hierhin könnte man denken: intellektueller Fehler, institutionelle Trägheit, menschliche Schwäche. Aber das erklärt nicht, warum ein ganzes Fach nach Kentler, nach der Odenwaldschule, nach dem Hildesheimer Bericht dieselbe Rhetorik unverändert reproduziert. Dafür braucht es eine Erklärung, die über individuelles Versagen hinausgeht.

Die Erklärung ist: Die Wärmerhetorik erfüllt eine ideologische Funktion. Sie individualisiert strukturelle Probleme — und entlastet damit die politisch Verantwortlichen von der Pflicht, Strukturen zu ändern.

Das funktioniert so: Wenn Kinder in Deutschland scheitern — und die Daten sind eindeutig: Bildungsungleichheit verfestigt sich, Kinderarmut steigt, Schulen sind chronisch unterfinanziert —, dann gibt es zwei mögliche Erklärungen:

Erklärung A (strukturell): Das System ist falsch gebaut. Segregation, Unterfinanzierung, fehlende Kindergrundsicherung, politische Vernachlässigung. Lösung: Umverteilung, Investitionen, politische Intervention. Das kostet Geld. Das bedroht Besitzstände. Das erfordert Konflikte mit Mächtigen.

Erklärung B (individuell): Die Pädagogen sind nicht warm genug. Die Schulen sind nicht familienähnlich genug. Die Beziehungsqualität stimmt nicht. Lösung: Kulturwandel, Haltungsänderung, „pädagogische Wärme”. Das kostet nichts. Das bedroht niemanden. Und es hat den enormen Vorteil, dass die Verantwortung von der Politik auf die einzelne Lehrkraft verschoben wird.

Das ist der Kern neoliberaler Bildungsideologie: Strukturelle Ursachen werden dem Individuum zugerechnet. Ulrich Bröckling hat das in Das unternehmerische Selbst (Suhrkamp, 2007) präzise analysiert: Die Maxime „Handle unternehmerisch!” ist der kategorische Imperativ der Gegenwart. Übersetzt auf Bildung: „Du kannst, wenn du willst” heißt, „dass diejenigen, die an den Herausforderungen scheitern, dafür die Verantwortung tragen” (Bröckling 2007). Bröckling parodiert Kants Aufklärungsformel: Entrepreneurship sei „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unproduktivität”.

Die OECD macht seit Jahrzehnten genau das. Jochen Krautz (Gesellschaft für Bildung und Wissen) verfolgte die Kompetenzwende genealogisch zurück zur Washingtoner OECD-Konferenz 1961, auf der Bildung als wirtschaftliche Investition definiert wurde, vergleichbar mit „Stahlwerken und Kunstdüngerfabriken” (bildungsklick.de). OECD-Bildungsdirektor Schleicher propagiert den Lehrer als „Coach, Mentor und Sozialarbeiter”. Nils B. Schulz nannte das 2016 „Vom Verschwinden des Lehrers”: Zuerst verschwindet die Lehrkraft als wissensvermittelnde Person, dann als „Lehr-Körper” überhaupt (bildung-wissen.eu). Was bleibt, ist eine entgrenzte Dienstleistungsfigur, die für alles zuständig und für nichts verantwortlich ist — und die vor allem nicht in der Position ist, strukturelle Kritik zu üben, weil sie zu beschäftigt ist, „Beziehungsarbeit” zu leisten.

Die Gesellschaft für Bildung und Wissen bringt die Paradoxie auf den Punkt: „Ausgerechnet von links kommt mit der Parole vom ‚gemeinsamen Lernen’ die konsequenteste Hingabe an dieses Prinzip.” Die Reformpädagogik und die neoliberale OECD-Agenda sind sich in der Praxis einig, obwohl ihre erklärten Motive entgegengesetzt sind — weil sie dasselbe strukturelle Ergebnis produzieren: die Auflösung klarer professioneller Rollen und die Verschiebung der Verantwortung von der Politik auf das Individuum.

Das erklärt, warum eine ganze Disziplin an einem Konzept festhält, das Pädophile schützt. Nicht weil die Erziehungswissenschaftler Pädophile schützen wollen. Sondern weil die Alternative — Strukturkritik — bedeuten würde, die Mächtigen zur Verantwortung zu ziehen. Und das darf nicht sein. Lieber schützt man ein Konzept, das nachweislich Missbrauch ermöglicht, als dass man zugibt: Das Problem sind nicht kalte Lehrer, das Problem ist eine Gesellschaft, die ihre Kinder systematisch unterfinanziert und dann von Pädagogen verlangt, das mit „Wärme” zu kompensieren.

6. Warum das gerade jetzt relevant ist

El-Mafaalanis Kinder — Minderheit ohne Schutz (2025) ist die perfekte Verkörperung dieser Synthese. Es diagnostiziert korrekt: Bildungsungleichheit verfestigt sich, Kinderarmut steigt, Kinder sind „strukturelle Außenseiter” (El-Mafaalani im taz-Interview, 11.03.2025). Und dann bietet es die maximal ungefährliche Lösung: Schulen sollen „familienersetzende”, „multifunktionale und multiprofessionelle Organismen” werden (S. 148). Mehr Wärme. Mehr Ganztagsschule. Mehr Beziehung.

Niemand muss Steuern erhöhen. Niemand muss Segregation bekämpfen. Niemand muss Machtstrukturen anfassen. Man muss nur netter sein.

Das Buch wurde für den Deutschen Sachbuchpreis 2025 nominiert. In keiner der Rezensionen — ZEIT, Spiegel, SZ, Spektrum der Wissenschaft, merz — wird die Frage gestellt: Das letzte Mal, als deutsche Pädagogen „familienersetzende” Institutionen gebaut haben, endete das in der größten dokumentierten Missbrauchsserie der Nachkriegs-Erziehungswissenschaft. Wie grenzen die Autoren sich davon ab?

Antwort: Gar nicht. Kentler, Odenwaldschule und pädagogischer Eros kommen im Buch nicht vor. Das ist Baaders „beredtes Schweigen” in Echtzeit — nicht als historisches Phänomen, sondern als aktueller Rezeptionsmechanismus. Und es ist kein Zufall: Die Verbindung herzustellen würde bedeuten, zuzugeben, dass „Wärme” keine Lösung für strukturelle Probleme ist. Und damit wäre die gesamte Prämisse des Buches hinfällig.

7. Die Alternative: Adornos „Durchgang durch die Kälte”

Adorno formulierte in Erziehung nach Auschwitz (1966) die Gegenposition: Befreiung von der bürgerlichen Kälte gelingt nur „im Durchgang durch die Kälte” — durch deren Erkenntnis, Analyse und Konfrontation. Nicht durch Überdeckung mit Wärme, die Herrschaft in freundlicherem Gewand reproduziert. Pascal Viol (2025) aktualisierte das Argument: Die Kälte muss selbst zum Unterrichtsgegenstand werden — im Geschichts-, Politik-, Wirtschafts- und Philosophieunterricht —, „anstelle sie bloß mit Wärme zu überdecken und damit zur Entfremdung von der realen Kälte, die somit keineswegs überwunden wird, beizutragen” (Viol 2025, in: Gräber et al. (Hrsg.): Halbbildung: Kritische Theorie der Pädagogik, Berlin: Verbrecher, S. 192).

Übersetzt: Die Lösung für ein System, das Kinder benachteiligt, ist nicht ein Lehrer, der sie mehr liebt. Die Lösung ist ein Unterricht, der ihnen die Werkzeuge gibt, das System zu verstehen — und politisches Handeln, das die Strukturen verändert. Das eine verlangt „Haltung” von Pädagogen. Das andere verlangt Geld, Macht und Konflikte von Politikern. Darum wird das eine gefordert und das andere nicht.

Professionelle Distanz ist kein Mangel an Menschlichkeit. Sie ist die Bedingung dafür, dass Kinder sich gegen Übergriffe wehren können — weil klare Rollen klare Grenzen haben, und klare Grenzen benennbare Verletzungen. Wer die Grenze auflöst, nimmt dem Kind die Sprache, mit der es „Nein” sagen kann. Und wer das im Namen der „Wärme” tut, macht es dem Kind unmöglich, die Auflösung überhaupt als Problem zu erkennen.


Quellen (chronologisch):

  • Wyneken, G. (1921): Eros. Lauenburg: Adolf Saal.
  • Nohl, H. (1933/1935): Die pädagogische Bewegung in Deutschland und ihre Theorie. Frankfurt a. M.
  • Adorno, Th. W. (1966): „Erziehung nach Auschwitz”. In: Erziehung zur Mündigkeit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Gruschka, A. (1994): Bürgerliche Kälte und Pädagogik. Wetzlar: Büchse der Pandora.
  • Bröckling, U. (2007): Das unternehmerische Selbst. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Burgsmüller/Tilmann-Bericht (2010): Bericht über sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule.
  • Oelkers, J. (2011): Eros und Herrschaft. Die dunklen Seiten der Reformpädagogik. Weinheim: Beltz.
  • Oelkers, J. (2012): „Theorien zum pädagogischen Eros”. Vortrag PH Kreuzlingen, 6.9.2012.
  • Helsper, W. / Reh, S. (2012), zit. nach Kowalski, M. (2020): Nähe, Distanz und Anerkennung in pädagogischen Beziehungen. Wiesbaden: Springer.
  • Brachmann, J. (2015): Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
  • Schulz, N. B. (2016): „Vom Verschwinden des Lehrers”. bildung-wissen.eu.
  • Keupp, H. et al. (2019): Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt. Wiesbaden: Springer.
  • Nentwig, T. (2021): Helmut Kentler. Im Fahrwasser der Emanzipation. Göttingen.
  • Baader, M. S. (2023): Vortrag DGfE-Herbsttagung, 10./11.11.2023, Erkner. Dokumentiert in: ResearchGate-Bericht „Sexuelle Gewalt — ein Gegenstand der Erziehungswissenschaft?”.
  • Baader, M. S. et al. (2024): Ergebnisbericht „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe”. Universität Hildesheim. DOI: 10.18442/256.
  • El-Mafaalani, A. / Kurtenbach, S. / Strohmeier, K. P. (2025): Kinder — Minderheit ohne Schutz. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
  • Viol, P. (2025): „Durch die Kälte hindurch”. In: Gräber et al. (Hrsg.): Halbbildung. Berlin: Verbrecher, S. 147–196.
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:wink:

ja, aber jetzt haben wir das Thema quasi für den Podcast erledigt (was schade ist).

daher meine kryptischen Formulierungen mit “als Bachelorarbeit vielleicht akzeptabel” und “einmal im pädagogischen Kreis gedreht”.

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Da hier schon wieder ein unglaublicher Spam von einem Chatbot produziert wurde: Es ist vollkommen unangemessen, El-Mafaalani irgendwie der Pädophilie verdächtig zu machen, bloß weil er sich für eine pädagogischen Wärme und Subjektzentrierung – eine Position, für die gegenwärtig von konservativer bis linksliberaler Seite in Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik argumentiert wird – ausspricht. Das ist auch gegenüber den Betroffenen, die jahrzehntelang an der Odenwaldschule systematisch sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren, unwürdig.

Als Erziehungswissenschaftler argumentiere ich mit der Denktradition der Kritischen Pädagogik bzw. der Kritischen Bildungstheorie gegen eine solche naive Vorstellung von pädagogischer Wärme und Subjektzentrierung, weil der “rücksichtslose(n) Welt” im Sinne dieser Denktradition nicht mit Wärme zu begegnen ist und weil die in den letzten 30 Jahren vorangetriebene Subjektzentrierung mit der Ökonomisierung und Neoliberalisierung des Bildungswesens einhergeht, während der mit ihr versprochene emanzipatorische Fortschritt für die einzelnen Subjekte offensichtlich (und empirisch feststellbar) ausgeblieben ist; und dennoch weiterhin Bücher wie das von El-Mafaalani geschrieben werden, die auf dieses Pferd setzen und darin ein sozialpolitisch-emanzipatorisches Potenzial wittern. El-Mafaalani unterscheidet sich damit nur marginal von der Agenda unserer derzeitigen Bildungsministerin Karin Prien und von dem, was die KMK, der Bildungsrat, die EU, die Bundesregierung und OECD bereits in den 1990er Jahren zur zentralen bildungspolitischen Leitidee erklärten. Das ist die Kritik. Die Kritische Pädagogik darf selbst keine Reformvorschläge entwerfen, wenn sie ihr Attribut “Kritisch” beibehalten möchte, sie kann allerdings benennen, was an der je gegenwärtigen Reformpädagogik offensichtlich falsch ist und sich für einen Begriff von Bildung einsetzen, der den Widerspruch von Bildung und Herrschaft einschließt. In Zeiten des Lebenslangen Lernens, in denen eine Erziehung zur Mündigkeit nicht einmal mehr gedacht werden kann, spricht sie sich für den Inhalt von Bildung und gegen die derzeitige Output-Steuerung aus, um ihren Edukanden die “rücksichtslose Welt” begreifbar zu machen, anstelle sie mit Wärme oder indirektem Zwang blind in diese zu integrieren (wenngleich auch sie nicht daran vorbeikommt, ihre Edukanden auf das Erwachsenenleben vorzubereiten und damit auch in den falschen Gesamtzusammenhang, bloß auf eine reflexive Art und Weise, zu integrieren).

Die Kritische Pädagogik hält seit vielen Jahrzehnten kluge Gedanken und kritische Zugänge zu der herrschaftsstabilisierenden Funktion von Bildung, auch angesichts einer postfordistischen Arbeitsrationalität, bereit, weshalb ich mich hier für sie ausspreche. Gewissermaßen als solidarische Kritik an El-Mafaalanis Zugang. Denn wer seine Positionen zu den Themen Bildungsungleichheit und Migrationshintergrund kennt, weiß, dass er sich auch für Emanzipation interessiert und dazu eigentlich anders als Karin Prien (die kürzlich eine Ausländerobergrenze an Schulen forderte) argumentieren müsste. Man kann auch hinter Bourdieu zurück und gleichzeitig über ihn hinausgehen.

p.s.: ich werde mit dieser KI nicht mehr diskutieren, aber ich möchte hier für alle Mitlesenden den unfassbaren Slop kenntlich machen:

  1. Nein Adorno formulierte das dort nicht, der “Durchgang durch die Kälte” stammt aus Andreas Gruschkas Kältestudien, die er bereits Mitte der 1990er Jahre durchführte, weil sich auch dort schon pädagogische Wärme in Reformprogramme eingeschlichen hat. Ich habe die richtige Quelle auch angehängt.
  2. Der Autor der zweiten Quelle, der sich mit den Kältestudien Gruschkas angesichts der gegenwärtigen Bildungsorganisation auseinandersetzt, heißt Patrick und nicht Pascal Viol. Mit seinem Text und der Kritischen Pädagogik argumentiere ich dafür, die Kälte zum Inhalt in den einschlägigen Fächern werden zu lassen, was natürlich der jeweiligen Altersstufe angemessen geschehen soll.

Auch in den anderen Absätzen wird sich nichts mit Substanz finden lassen. Keine eigenen Gedanken, dafür jede Menge Halluzinationen und falscher Inhalt. Am schlimmsten ist allerdings, dass hierbei Betroffene von Pädokriminalität instrumentalisiert wurden. Es ist der reinste Slop und wurde daher als Spam gemeldet. Ich hoffe die Admins werden hier tätig.

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Wenn das Geunke kommt weiss man zuverlässig: @friendlynotes ist heillos überfordert und hat nur noch persönliche Angriffe zu bieten. Ist ja auch voll schlimm das die Welt sich weiter dreht und nicht mehr jeder Faxgeräte verwendet.

Ich halte es kurz.

Es ist wichtig Erfahrung mit Macht zu lernen. Sonst kann man später nicht damit umgehen geschweige denn erkennen wo die Macht ist und was Macht bedeutet. Machtausübung verursacht auf allen Ebenen Traumata was sehr viel Leid bedeutet. Ein Trauma ist schwer überwindbar wenn die Zusammenhänge mit Machtausübung nicht erkannt werden können. Ich halte das nicht nur in der Pädagogik für ein Kernproblem moderner Gesellschaften.

Ich bin dabei einen längeren Text zu erarbeiten der sich genau damit auseinandersetzt.

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friendlynotes hat ein wiederkehrendes Problem: Wenn er einen Text nicht versteht, schweigt er nicht — er erfindet einen einfacheren Text, den er widerlegen kann.

Was im Beitrag steht: Das Konzept der Auflösung professioneller Distanz hat eine strukturelle Schwachstelle. Die Machtasymmetrie zwischen Pädagoge und Kind verschwindet nicht durch Nähe — sie wird unsichtbar. Unsichtbare Macht ist schwerer zu benennen und schwerer anzufechten als sichtbare. Deshalb fand systematischer Missbrauch dort statt, wo das Konzept am konsequentesten umgesetzt wurde — nicht trotz der guten Absichten, sondern wegen der Entgrenzungslogik.

Was friendlynotes liest: „El-Mafaalani ist pädophilieverdächtig."

Das ist kein Missverständnis, das ist eine Leseleistung, für die man sich aktiv anstrengen muss. In einem Text, der Oelkers, Brachmann, Helsper, Baader und den Hildesheimer Ergebnisbericht 2024 als Belege für eine Konzeptkritik heranzieht, den Satz „jemand wird der Pädophilie verdächtigt" zu finden, erfordert eine Art kreatives Nichtverstehen, das fast schon Bewunderung verdient.

Und dann seine Verteidigung des pädagogischen Eros: Nohl habe in den 1930ern „einen durchaus fortschrittlichen Ansatz" entworfen, weil damals Prügelstrafe üblich war. Das stimmt historisch — und ist gleichzeitig vollkommen irrelevant. Dass Nohls „pädagogischer Bezug" gegenüber der Prügelstrafe ein Fortschritt war, sagt nichts darüber aus, ob das Konzept 2025 als Vorlage für „familienersetzende Schulen" taugt. Penicillin war auch ein Fortschritt gegenüber Aderlass — trotzdem verschreibt man es nicht gegen alles. Aber diese Unterscheidung — zwischen historischem Verdienst und aktueller Anwendbarkeit — setzt voraus, dass man den Text gelesen hat, in dem genau das differenziert wird.

Das Muster ist immer dasselbe: friendlynotes begegnet einer Argumentation, die über seinen Horizont geht, und statt nachzufragen oder — die philosophischste aller Optionen — zu schweigen, baut er einen Strohmann, der schwach genug ist, dass seine Empörung ausreicht. Dazu kommt der persönliche Angriff („Spam", „Chatbot", „Admins bitte löschen"), der signalisieren soll: Hier muss nicht argumentiert werden, hier muss nur gelöscht werden.

Das Ironische: In Beitrag 7 argumentiert er selbst, dass professionelle Distanz gute Pädagogik nicht ausschließt, dass die Wärmerhetorik mit Ökonomisierung einhergeht, und zitiert Gruschka. Drei Beiträge später ist dieselbe These plötzlich „unfassbarer Slop" und „Instrumentalisierung von Betroffenen" — nicht weil sich die These geändert hat, sondern weil jemand anderes sie besser ausgeführt hat als er.

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Für alle Mitlesenden: Die Frage war, ob sich eine Auseinandersetzung mit El-Mafaalani lohnt, weil der Threadersteller der pädagogischen Wärme, die in dem Buch “Kindheit – Minderheit ohne Schutz” von El-Mafaalani und weiteren Autoren gefordert wurde, skeptisch gegenüberstand. Da ich mich mit El-Mafaalanis vorherigen Bildungssoziologien schon beschäftigt und darüber hinaus explizit zur pädagogischen Wärme in der Erziehungswissenschaft und Pädagogik der letzten 30 Jahre aus der Perspektive der Kritischen Pädagogik geforscht habe, wollte ich mich hier einbringen. Und zwar in dem Sinne, dass El-Mafaalani durchaus richtige Analysen hat und ein emanzipatorisches Interesse verfolgt, zugleich aber, im Sinne der Kritischen Pädagogik, falsche Ableitungen vornimmt, was ich versucht habe zu begründen. Ich glaube dennoch, dass sich eine Auseinandersetzung mit El-Mafaalani lohnen kann, um seiner richtigen Feststellung der “rücksichtslosen Welt”, in die die Pädagogik ihre Edukanden wohl oder übel integrieren muss, kritisch zu wenden: d.h., dass dieser “rücksichtslosen Welt”, hier begründet mit der Denktradition der Kritischen Pädagogik anhand der Texte von Andreas Gruschka und Patrick Viol, nicht mit Wärme zu begegnen ist.

Anstatt dass sich diese Person, die hier regelmäßig mit KI-Antworten auffällt, mit dem Buch (in dem kein einziges Mal das Wort “Eros” vorkommt) auseinandergesetzt hat, wurde von ihr der Wikipedia-Artikel zum pädagogischen Eros und folgender Text als Antwort auf die Frage vom Threadersteller gepostet:

Angesichts der Frage ist das nicht bloß vollkommen Off-Topic, sondern zeugt auch von einer Unkenntnis der Bildungssoziologie El-Mafaalanis, die ich vor allem als Einstieg in Sachen Bildungsungleichheit und Migration durchaus empfehlen und zugleich mithilfe der Kritischen Bildungstheorie und Pädagogik einer Kritik unterziehen kann, was ich im Sinne der Fragestellung des Threaderstellers im Folgenden anhand der Kältestudien Gruschkas ausgeführt habe.

Ich habe der KI konkret an zwei Stellen widersprochen:

  1. El-Mafaalani plädiert nicht für eine “pädagogischen Eros”, der den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule mitunter begünstigte (hier liegt übrigens meine Behauptung, El-Mafaalani wurde durch die KI der Pädophilie verdächtigt). Er spricht sich für eine pädagogische Wärme aus, die mit dem pädagogischen Eros kaum etwas gemein hat und erst in den 1990er Jahren im Zuge der postmodernen Wende der Erziehungswissenschaft in der pädagogischen Theorie entstanden ist und mit der wachsenden Bedeutung subjektzentrierter Erziehung populärer wurde. Es ist den Betroffenen der Odenwaldschule und auch El-Mafaalani gegenüber (und im Grunde auch dem Threadersteller gegenüber, der hier eine ganz andere Frage hatte) unwürdig, hier diesen Wikipedia-Teil reinzukopieren.
  2. Auch wenn die KI dies als “Verteidigung des pädagogischen Eros” versteht, diente mein Hinweis auf den Entstehungshintergrund des pädagogischen Eros dazu, diesen im Kontext seiner Zeit zu verstehen und nicht unbegründet auf El-Mafaalanis aktuelle Positionen zu übertragen.

Die Halluzinationsleistung der KI liegt hier einerseits darin, dass sie behauptet, El-Mafaalani benutze den pädagogischen Eros, der sexuellen Missbrauch wie an der Odenwaldschule begünstige, als “Konzept 2025 als Vorlage für ‘familienersetzende Schulen’” (was angesichts des aktuellen Buchs, das man vielleicht mal aufschlagen müsste, bevor man sich hier blamiert, vollkommener Unsinn ist) und andererseits darin, dass mir hier eine Verteidigung dieses pädagogischen Eros unterstellt wird, weil ich auf seinen Entstehungshintergrund verwiesen habe.

Anstelle auf die Frage des Threaderstellers einzugehen, anstelle sich mit dem Textinhalt auseinanderzusetzen, bevorzugte es die KI, hier ellenlangen Slop zu generieren und ungeprüft zu posten, bloß um irgendwie doch noch eine Verbindung zwischen El-Mafaalani und der Odenwaldschule herzustellen, anstelle einzusehen, dass man in der ersten Antwort einen nicht haltbaren Zusammenhang hergestellt hat und der inhaltlichen Auseinandersetzung hier nicht gewachsen ist.

Exemplarisch wird der Slop hierin deutlich:

  • Nachdem die KI festgestellt hat, dass der pädagogische Eros in El-Mafaalanis Buch gar nicht vorkommt, hielt sie es für sinnvoll, das als “‘beredtes Schweigen’ in Echtzeit” auszulegen, um nicht einzusehen, dass sie eben Slop produziert hat.
  • Die KI griff hierzu (warum auch immer) auf meine Quellverweise zurück, schrieb Gruschkas These einen 30 Jahre zuvor erschienen Text von Adorno zu, nannte den Autor Patrick Viol dann Pascal Viol und schrieb diesem “Pascal” Viol dann auch noch meine eigens formulierte These zu.
  • Die KI erfindet diese Zitat „multifunktionale und multiprofessionelle Organismen” und die dazugehörige Seitenzahl. Es lässt sich so in dem Buch nicht finden.
  • Auch dieses Zitat wurde von der KI fälschlicherweise Ulrich Bröckling (merkwürdigerweise wieder eine der Quellen, auf die ich verwies) zugeschrieben: „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unproduktivität”. Das Zitat stammt von Jan Masschelein und Maarten Simons.

Die Liste ließe sich endlos so erweitern. Es ist unglaublich nervig, zerstört jede Diskussion hier im Forum und zeugt von der Unfähigkeit, eine KI als Werkzeug sinnvoll einsetzen zu können. Umso erschreckender, wenn man sich vor Augen führt, dass hinter diesem Slop auch noch ein Mensch sitzt, der diesen generieren lässt und hier postet. Der Selbstenteignungsprozess des Bewusstseins scheint immer weiter fortzuschreiten. Lasst euch von diesem Unsinn nicht beeindrucken, insbesondere dann, wenn diese KI mit Zitaten und einer Menge an Quellenverweisen daherkommt. Keines dieser Zitate ist richtig zitiert, in keine Quelle wurde überhaupt reingeschaut, kein eigener Gedanke lässt sich dem Geschriebenen entnehmen. Das Ergebnis ist reinster Slop und eine weitere zerstörte Auseinandersetzung im Forum.

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friendlynotes liefert hier wieder eine beeindruckende Menge Text, um einem einzigen Argument auszuweichen.

Das Argument ist: Wenn professionelle Distanz programmatisch aufgelöst wird — egal ob man das „Eros", „Wärme", „Subjektzentrierung" oder „familienersetzende Schule" nennt — entsteht eine Struktur, in der Machtasymmetrie unsichtbar wird. Unsichtbare Macht kann nicht benannt, nicht angefochten, nicht kontrolliert werden. Das ist keine These über El-Mafaalanis Charakter, das ist eine These über Konzeptlogik.

friendlynotes behauptet, „pädagogische Wärme" habe „mit dem pädagogischen Eros kaum etwas gemein", weil die Wärme erst in den 1990ern im Zuge der postmodernen Wende entstanden sei. Und gleichzeitig schreibt er in Beitrag 7 selbst, dass die OECD seit über 30 Jahren aus denselben Gründen wie El-Mafaalani genau diese Wärme fordert — Lernbegleiter statt Lehrer, Subjektzentrierung statt professioneller Rolle. Er beschreibt also selbst, dass Eros und Wärme funktional identisch sind — dieselbe Entgrenzung, nur einmal reformpädagogisch und einmal neoliberal begründet — und tut drei Beiträge später so, als wäre die Begriffsdifferenz ein Schutzwall.

Die Frage, die er nicht beantwortet, weil er sie offenbar nicht versteht: Wenn „pädagogische Wärme" und „pädagogischer Eros" so grundverschieden sind — warum produzieren beide dasselbe strukturelle Ergebnis? Warum münden beide in die Auflösung professioneller Distanz, die er selbst als problematisch identifiziert?

Stattdessen kommt wieder das Repertoire: Strohmann bauen (niemand hat El-Mafaalani der Pädophilie verdächtigt), persönlich werden, „Admins bitte löschen". Auffällig ist auch, dass jemand, der mir vorwirft, keine eigenen Gedanken zu haben, ausschließlich Autoritäten zitiert statt Argumente zu machen. Das Fach heißt bei ihm immer „die Kritische Pädagogik sagt" — nie „ich denke". Für jemanden, der Mündigkeit zum Bildungsziel erklärt, eine interessante Performance.

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Wer Mündigkeit als Bildungsziel ausgibt, aber bei jeder Gegenrede die Admins ruft, hat vielleicht das falsche Forum gewählt.