Ich brauche mal die Hilfe der Schwarmintelligenz. Mir ist auf Umwegen ein Ordner aus dem entfernten Verwandtenkreis in die Hände gefallen, der Akten und Korrespondenz über einen jahrelangen Rechtsstreit um 1970 enthält und jetzt hab ich Fragen.
Es geht um eine entfernte, mittlerweile lange verstorbene Verwandte, die 1960 mit ihren Töchtern als Spätaussiedlerinnen aus Litauen nach Deutschland kamen. Ende der 60er beantragten alle gemeinsam Kriegsgefangenenentschädigung für die Zeit, in der sie unter sowjetischer Besatzung gelebt hatten. Der Antrag wurde abgelehnt. Dagegen wurde geklagt. Nachdem die Ablehnung gerichtlich bestätigt wurde, weigerten sie sich, die Prozesskosten zu zahlen. Das Ganze ging bis vors Bundesverwaltungsgericht und nachdem sie dort wieder verloren hatten, wurde sogar noch der Petitionsausschuss des Bundestags kontaktiert.
Eine ganz absurde Geschichte, und zwar vor allem deswegen, weil aus den in dem Ordner protokollierten Zeuginnenaussagen ziemlich klar hervorgeht, dass keine dieser Frauen jemals in Kriegsgefangenschaft gewesen ist.
Was mich nicht loslässt, ist die Rolle des Rechtsanwalts der Familie. Seine Hälfte der Korrespondenz macht einen großen Teil der Dokumente in den Ordner aus, und aus seinen Briefen lässt sich ableiten, dass sie a) kostenlos vertreten hat (er beendet mehrere Schreiben mit der dankenden Ablehnung von Geld) und b) dass er anscheinend zur gleichen Zeit mehrere solcher Fälle betreut hat.
Aus dem Schreiben an den Petitionsausschuss weiß ich außerdem, dass die Mutter der Familie ihn auf Anraten ihrer Heimatzeitschrift, dem Memeler Dampfboot, kontaktiert hat.
Dankenswerterweise hat ein litauisches Archiv alle Nachkriegsausgaben dieser Zeitung digitalisiert, ein wahrer Akt von Größe angesichts der geballten anti-litauischen Ressentiments dieser Publikation. Ich finde in den Ausgaben aus dem entsprechenden Zeitraum auch viele Aufrufe, verschiedene Sozialleistungen für Spätausgesiedelte und Vertriebene zu beantragen, bevor die jeweiligen Programme beendet werden sollten. Aber über den Anwalt selbst – Dr. Franz Gockel aus Paderborn – bin ich bisher nicht gestolpert.
Das einzige, was die Internetrecherche nach ihm ergeben hat, neben der unfassbaren Erkenntnis, dass in den letzten 100 Jahren mindestens vier Männer namens Franz Gockel in Paderborn gelebt haben, ist ein Foto von seinem Grabstein.
Ich habe außerdem mehrere Urteile des Bundesverwaltungsgerichts aus dieser Zeit mit sehr ähnlichem Tenor gefunden, aber keins, das ganz genau zu meinem konkreten Fall passt.
Diese Geschichte lässt mich nicht los. Ich muss unbedingt mehr wissen, und vor allem, was Dr. Gockels Motivation war. Ich bin absolut bereit, zum Beispiel ins Stadtarchiv Paderborn zu fahren und mich vor Ort durch die Akten zu wühlen, aber bevor ich das tue, will ich sicher sein, alle digitalen Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben.
Die Geschichte ist alt, geschenkt, aber ich kann einfach nicht glauben, dass das Internet nichts von einem Rechtsanwalt weiß, der mutmaßlich mehrfach denselben dummen Fall bis nach ganz oben durchgeklagt hat.
Ich weiß, dass die Frage ein bisschen von dem abweicht, worum es hier sonst so geht, aber ich habe mehr Vertrauen in das Einfallsreichtum und mögliche Erfahrungswerte dieses Forums, als in irgendeinem Subreddit. Also: Falls irgendwer eine Idee hat, wo ich suchen sollte, ich wäre zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet.