Bin zufällig auf diesen Buchtitel gestoßen und fand das Profil der Autorin passend zu Salon und Podcast ( Anna-Verena Nosthoff – Wikipedia ). Untertitel: “Eine Theorie digitaler Regierungskunst”. Vielleicht ist sie euch ja bereits bekannt. Ich hatte jedenfalls vorher noch nie von ihr gehört.
Aus dem Infotext zum Buch: “In ihrem grundlegenden Buch zeichnet Anna-Verena Nosthoff ein umfassendes Panorama der Kybernetisierung der datafizierten Gegenwartsgesellschaft - von den ersten Prämissen der »Wissenschaft von Kommunikation und Kontrolle« über die Emergenz des Cyberspace bis hin zum aktuellen KI-Hype und zu technikautoritären Strömungen. Es zeigt sich: Die Kybernetisierung erfasst auch die Kritik - die sich daher neu erfinden muss, um zu überleben.”
Wenn wir die Idee, Kybernetik diene nicht nur der Steuerung technischer Abläufe, sondern ganzer Gesellschaften, ernst nehmen, dann müssen wir dieses Modell konsequenterweise auf die Corona-Impfkampagne anwenden. Das nachstehend skizzierte Modell geht davon aus, dass die Impfkampagne von Anfang an zum Ziel hatte, nicht nur die Risikogruppen, sondern möglichst die gesamte Bevölkerung durchzuimpfen. Diese Zielvorgabe wurde von der WHO unter dem Slogan #VaccinesWork for All kommuniziert und von der EU übernommen.
Ein klassischer technisch/biologischer Regelkreis lässt sich sehr präzise auf die staatliche Steuerung der Impfquote übertragen. Wenn man die Coronapolitik als kybernetisches System betrachtet, übernehmen gesellschaftliche, politische und medizinische Akteure die spezifischen mathematisch-technischen Funktionen eines Regelkreises.
Die Elemente des Regelkreises im Impfquoten-Modell
Funktion im Regelkreis: Der von außen vorgegebene Zielzustand, den das System erreichen und halten soll.
Übertragung auf das Modell: Die von Politik und globalen Gesundheitsakteuren definierte Ziel-Impfquote (z. B. zunächst 70–80 % der Bevölkerung für eine biologische Herdenimmunität, später möglichst nahe an 100 % in bestimmten Altersgruppen).
2. Regelgröße / Ist-Wert
Funktion im Regelkreis: Der tatsächliche, gegenwärtige Zustand des Systems, der kontinuierlich überwacht wird.
Übertragung auf das Modell: Die tatsächlich erreichte Durchimpfungsquote in der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt.
3. Messglied (Sensor)
Funktion im Regelkreis: Erfasst die Regelgröße (Ist-Wert) und meldet sie an den Regler zurück.
Übertragung auf das Modell:Epidemiologische Dateninfrastrukturen wie das Robert Koch-Institut (RKI), das Digital Impfquoten-Monitoring (DIM) oder die RKI-Dashboards. Sie erfassten täglich, wie viele Menschen Erst-, Zweit- oder Auffrischungsimpfungen erhalten hatten.
4. Regler (Steuereinheit)
Funktion im Regelkreis: Vergleicht Soll-Wert w und Ist-Wert x, berechnet die Regelabweichung (e = w - x) und entscheidet über korrigierende Eingriffe.
Übertragung auf das Modell: Die politischen Entscheidungsträger (Bundes- und Landesregierungen, Corona-Krisenstäbe, Gesundheitsministerien). Sie bewerteten, ob die Lücke zwischen Ist-Quote und Ziel-Quote noch zu groß war.
5. Stellglied & Stellgröße
Funktion im Regelkreis: Das physikalische Werkzeug, mit dem der Regler aktiv in das System eingreift, um die Abweichung zu verringern.
Übertragung auf das Modell: Das Maßnahmenbündel zur Erhöhung der Impfbereitschaft. Die Intensität der Stellgröße wurde je nach Abweichung stufenweise skaliert:
Mittlere Intensität (Nachteile für Ungeimpfte): Einführung von 3G-, 2G- und 2G-Plus-Regeln im öffentlichen Leben, Einstellung von Lohnersatzleistungen bei Quarantäne.
Hohe Intensität (Zwang/Pflicht): Einrichtungsbezogene Impfpflicht, politische Debatte über eine allgemeine Impfpflicht.
6. Regelstrecke
Funktion im Regelkreis: Das Objekt oder System, das gesteuert werden soll und auf die Stellgrößen reagiert.
Übertragung auf das Modell: Die Gesamtbevölkerung bzw. das Verhaltensmuster der nicht-geimpften Zielgruppen.
7. Störgrößen
Funktion im Regelkreis: Unvorhergesehene äußere Einflüsse, die den Ist-Wert vom Soll-Wert abbringen oder die Wirkung der Stellgröße schwächen.
Übertragung auf das Modell:
Virusmutationen (z. B. Delta, Omikron), die das Erreichen von “Herdenimmunität” mathematisch erschwerten oder Auffrischimpfungen nötig machten.
Sicherheitsbedenken (z. B. Debatten um Nebenwirkungen wie Sinusvenenthrombosen bei AstraZeneca).
Impfskepsis, Fehlinformationen oder organisierter Widerstand in Teilen der Gesellschaft.
Die Rückkopplungsschleife (Feedback Loop)
Das Herzstück der Kybernetik ist die negative Rückkopplung (Aktivität zur Reduzierung der Abweichung):
Das Messglied meldet: Impfrate stagniert bei 65 % (Soll ist 80 %).
Der Regler stellt eine Regelabweichung von 15 Prozentpunkten fest.
Der Regler schaltet das Stellglied hoch: Der Zugang zum öffentlichen Leben wird über 2G-Regeln verengt.
Die Regelstrecke reagiert: Der Druck erhöht die Erst- und Zweitimpfungen.
Das Messglied registriert ein Ansteigen der Quote auf 72 %.
Der Regler passt die Stellgröße an oder erhöht den Druck weiter, bis die 80 % erreicht sind.
Das kybernetische Dilemma in der Praxis
In technischen Systemen führt eine Überreaktion des Reglers zu Schwingungen (Instabilität des Systems). Im gesellschaftlichen Kontext zeigte sich diese Instabilität in Form von Polarisierung, Vertrauensverlust und Protesten, als die Stellgrößen (z. B. 2G, Impfpflichtdebatte) von Teilen der Bevölkerung nicht mehr als Korrektur, sondern als unzulässiger Übergriff wahrgenommen wurden.
Soweit der erste Entwurf des Modells, erstellt von Redaktionsassistentin Claudi. Auf die Integration realer Funktions- und Verantwortungsträger in die einzelnen Elemente des Modells wurde einstweilen verzichtet; es ist aber geplant, dies in einem späteren Update nachzuholen.