Au Weimer - Deutscher Verlagspreis

Ich versuche diesen Quatsch jetzt positiv zu sehen. Diesen Preis kann eigentlich kein Verlag mehr annehmen, ohne sich (zumindest vor mir) zu blamieren. Am Ende von Weimers Amtszeit wird sehr wenig Zweifel daran übrig sein, welche Akteure in der deutschen Kulturszene wirklich Wert auf Freigeisterei und das Aussprechen unangenehmer Wahrheiten legen und welche nicht.

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@TauchenIstRoetlich Danke für den Impuls - es passieren so viele bemerkenswerte Dinge.

Vom Skandal zum Formular

Kleine Quizfrage: Was macht ein Ministerium, wenn es dabei erwischt wird, eine Jury-Entscheidung zu kassieren? Richtig – es sorgt dafür, dass es nie wieder erwischt werden kann. Nicht, indem es die Finger von Jurys lässt. Sondern indem es die Jury abschafft, ohne sie abzuschaffen.

Im Frühjahr strich Kulturstaatsminister Weimer drei Buchläden vom Buchhandlungspreis, „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse”, Details bis heute unbekannt. Das gab Wirbel, und zwar aus einem simplen Grund: Eine Jury hatte entschieden, ein Minister hat übersteuert. Das ist eine Geschichte. Die kann man erzählen, darüber kann man sich streiten, das hat einen Anfang, einen Bösewicht und ein Aktenzeichen.

Jetzt kommt der elegante Teil. Beim Deutschen Verlagspreis gilt ab sofort: Die Auswahl trifft der Minister selbst, „auf Grundlage der Empfehlungen der Jury”. Man lese den Satz zweimal. Die Jury empfiehlt. Der Minister entscheidet. Das ist keine Korrektur des Frühjahrs – das ist seine Beförderung. Was als Übergriff Schlagzeilen machte, ist jetzt Absatz eins der Teilnahmebedingungen. Wer künftig gestrichen wird, wird nicht mehr überstimmt. Er wird einfach nicht ausgewählt. Kein Eingriff, nirgends.

Und die Pressemitteilung dazu ist ein kleines Kunstwerk: Das „weiterentwickelte Verfahren” diene der „transparenten und sorgfältigen Bewertung” und stärke den „verantwortungsvollen Austausch der beteiligten Partner”. Weiterentwickelt. Transparent. Verantwortungsvoll. Drei Adjektive, ein Vorgang: Ermessen ersetzt Entscheidung. Sprache, die klingt wie ein Wellnessprospekt und arbeitet wie ein Türschloss.

Das Beste aber ist, was jetzt nicht mehr passieren muss. Es braucht keine einzige weitere Streichung. Es geht um kleine, unabhängige Verlage – Häuser, für die 18.000 Euro kein Bonus sind, sondern ein Jahresgehalt, eine Druckauflage, ein Überleben. Die rechnen ab sofort mit. Nicht weil jemand droht. Sondern weil niemand mehr drohen muss. Die Möglichkeit sitzt jetzt still im Verfahren und macht gar nichts. Sie ist einfach da, wie ein Blitzer an der Landstraße: Er muss nicht auslösen, damit alle langsamer fahren.

Man kann das für eine Randnotiz aus dem Literaturbetrieb halten. Ich halte es für eine Blaupause. Der Skandal ist die ineffiziente Form der Macht – laut, riskant, erzählbar. Die effiziente Form ist das Formular. Und das Tückische an Formularen ist: Sie empören niemanden. Sie langweilen. Genau dafür sind sie da.

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Das wird sich zeigen, ja - Initiativen sind schon im Gange. Keine Option aus Sicht der Gegenmacht ist es, einfach nichts zu tun und zu hoffen, dass der nächste Mensch im Ministeramt, dem Drang dieser Machtausübung widerstehen kann und freiwillig zum vorherigen Verfahren oder zu einem Konzept ohne jeglichen politischen Einfluss zurückgeht.

Ich hab im Handelsblatt folgenden Stand gefunden: Obwohl Weimer im März 2026 für den Ausschluss dreier linker Buchläden beim Buchhandlungspreis massiv aus der Kulturszene kritisiert wurde, stößt die jetzige Anpassung beim Verlagspreis auf Konsens. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels begrüßte die Änderung ausdrücklich und betonte, dass dieses Verfahren für mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit im Auswahlprozess sorgt. Dadurch sei die Fortführung des wichtigen Branchenpreises gesichert. Das klingt nicht nach Gegenwind.

Okay, vielleicht verschätze ich mich. Vielleicht wird um diesen einen Kulturpreis nicht gekämpft - wobei Kulturszene (allgemein) und Börsenverein des Deutschen Buchhandels nicht das Gleiche sind (und ich noch nicht mal sagen kann, ob Zweiteres überhaupt Ersterem angehört).

Das Verhängnis liegt aus meiner Sicht im Potenzial der Blaupause und darin, dass die angebliche Transparenz Druck aufbaut. Ein einziger derartiger Aussetzer spielt kaum eine Rolle - hunderte, im Laufe von Jahren über verschiedene Ressorts verteilt, durchaus, weil deren mediale Ergebnisabbildung die breite Öffentlichkeit in ihrer Meinungsbildung beeinflussen kann.

Oder es greift jetzt schon die Schere im Kopf, nach dem Motto “Bloß keine Kritik, sonst sperrt er uns als Nächste aus”

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