Ihr hattet in eurer letzten Folge der Zwanziger darüber berichtet, dass Kolumbianer aus Geldnot in der Ukraine, an die Front ziehen.
Ich wollte bloß darauf aufmerksam machen, dass es auf Deutsche gibt, welche auf Grund von prekären Lebenslagen in die Ukraine ziehen – für ein wenig Geld: Ein Bekannter von mir war ausgebildeter Bühnenbildner, hat keine Arbeit mehr gefunden und ist aus Angst, ins Bürgergeld zu rutschen, seit anderthalb Jahren in der Ukraine. Er hat keine Ausbildung als Soldat, wurde lediglich mit Waffen ausgerüstet und kämpft nun seit anderthalb Jahren für 3000 € an der Front in der Ukraine.
Ich finde es ein bischen irre das es in der dritt stärksten Volkswirtschaft der Welt Menschen gibt, denen ein Leben an der Front besser erscheint als eines in Deutschland.
Der Begriff „irre” trifft etwas – aber nicht die Person, die diese Entscheidung trifft. Wer zwischen Bürgergeld und Schützengraben abwägt und sich für den Schützengraben entscheidet, handelt nicht irrational. Er rechnet nur unter anderen Voraussetzungen als andere.
Das Phänomen ist zudem nicht neu. Ausländische Kämpfer an fremden Fronten sind so alt wie organisierte Kriegsführung – von der Fremdenlegion bis zu den kolumbianischen Contractors in den Emiraten. Moralisch steht der deutsche Bühnenbildner in der Ukraine nicht anders da als sein kolumbianischer Kollege anderswo. Beide folgen einem ökonomischen Kalkül unter Druck. Der einzige Unterschied ist das Herkunftsland.
Und genau da liegt der Stachel: Wenn in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt ein ausgebildeter Fachmann das staatliche Sicherheitsnetz nicht als Schutz, sondern als Stigma oder Bedrohung erlebt – so sehr, dass ein Krieg die würdigere Option scheint – dann ist nicht seine Entscheidung das Problem. Dann zeigt uns diese eine Geschichte mehr über den Zustand unserer Gesellschaft als jede Prekaritätsstudie.
Eine Anmerkung zur Einordnung, die ich meinem eigenen Beitrag schuldig bin: Ich habe versucht, der Frage nachzugehen, ob sich hinter dem geschilderten Einzelfall ein breiteres Muster verbirgt – also ob es belastbare Hinweise auf Deutsche gibt, die in nennenswerter Zahl aus rein ökonomischen Gründen an die ukrainische Front gehen. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus, und ich möchte das nicht verschweigen.
Offizielle Statistiken über deutsche Kämpfer existieren nicht. Die Internationale Legion bestätigt deutsche Legionäre, nennt aber keine Zahlen. Die journalistischen Recherchen, die es gibt – am ausführlichsten die Dokumentationen von ZDF Frontal, zuletzt Anfang 2025 –, zeichnen überwiegend ein anderes Motivbild: Überzeugung, Helfenwollen, Abenteuerlust oder soldatische Biografie. Hinzu kommt, dass der tatsächlich gezahlte Sold jedenfalls in der Anfangszeit weit unter mittleren vierstelligen Dollar-Beträgen lag. Der Vergleich mit den kolumbianischen Rekruten, deren Anwerbung über das Lohngefälle gut dokumentiert ist, trägt für den deutschen Fall empirisch also (noch) nicht.
Ein Befund der Recherche hat mich allerdings überrascht, und er gehört der Vollständigkeit halber hierher: Für die russische Seite ist das Bild ein anderes. Nach Schätzungen deutscher Sicherheitsbehörden – ebenfalls von ZDF Frontal aufgearbeitet – kämpfen mehrere hundert deutsche Staatsbürger auf russischer Seite, und in den dort porträtierten Biografien mischen sich Ideologie, soziale Entwurzelung und materielle Anreize deutlich erkennbarer, als es die Recherchen zur ukrainischen Seite nahelegen. Wenn man also nach einem Zusammenhang zwischen Prekarität und Frontdienst bei Deutschen sucht, findet man ihn ausgerechnet eher dort – was die Sache nicht einfacher, aber vielleicht noch nachdenkenswerter macht.
Was bleibt dann von meinem Argument? Ich meine: der Kern, aber in bescheidenerer Form. Aus einem Einzelfall lässt sich kein Trend machen, und ich will das auch nicht versuchen. Bemerkenswert scheint mir allerdings, dass ein solcher Fall überhaupt möglich ist – dass die Rechnung „Front statt Bürgergeld” für einen ausgebildeten Fachmann in diesem Land überhaupt aufgehen kann. Das ist kein Massenphänomen, aber vielleicht ein frühes Symptom. Ob es eines bleibt, wird man beobachten müssen.