{Buch} Sind diese zwei Bücher lesenswert?

Die Neuerscheinungen:

  1. Kybernetik und Kritik - Anna-Verena Nosthoff
    Claudes Zusammenfassung dieser Rezensionen: ( Kybernetik und Kritik )

Anna-Verena Nosthoffs Kybernetik und Kritik wird von allen vier Rezensenten als materialreiche und analytisch ambitionierte Genealogie gewürdigt, die überzeugend zeigt, wie kybernetisches Denken als unsichtbare Hintergrundlogik in alle gesellschaftlichen Bereiche – von Subjektkonstitution über Politik und Öffentlichkeit bis zum digitalen Kapitalismus – eingedrungen ist und eine „postkybernetische Bedingung" der Gegenwart konstituiert. Als gemeinsame Stärke heben die Rezensenten die beeindruckende Breite der gesichteten Primär- und Sekundärliteratur sowie die kenntnisreiche Aufarbeitung kybernetischer Kritiktraditionen hervor, von Günther Anders und Marcuse über Habermas bis zu Tiqqun und Virilio. Wiederkehrender Kritikpunkt ist eine Tendenz zum Technikdeterminismus: Das Buch schließe zu direkt von der Existenz kybernetischer Steuerungsabsichten und -diskurse auf deren gesellschaftliche Wirksamkeit, ohne institutionelle Eigendynamiken, empirische Gegenbeispiele und das Scheitern kybernetischer Projekte hinreichend zu berücksichtigen. Darüber hinaus bemängeln mehrere Rezensenten blinde Flecken auf der Lösungsebene – sei es die unzureichende Berücksichtigung des Staates als potenziellem Regulierungsakteur, die Vernachlässigung der soziologischen Systemtheorie und der System-Umwelt-Differenz oder die fehlende systematische Verknüpfung der close readings –, was das Fazit des Buches in Richtung eines politischen Fatalismus kippe. Insgesamt gilt Kybernetik und Kritik den Rezensenten als ein zentraler Beitrag zur kritischen Selbstverständigung über digitale Machtformationen, dessen produktive Herausforderung darin besteht, die freigelegten ideengeschichtlichen Linien mit einer konkreteren Analyse institutioneller Konstellationen, empirischer Wirksamkeit und realer Transformationspotenziale zu verbinden.
Auch im Podcast von Future Histories zu hören (https://www.futurehistories.today/episoden-blog/s03/e58-anna-verena-nosthoff-zu-kybernetik-und-kritik/).

Habe es selbst noch nicht gelesen und weiß auch zu wenig über Kybernetik und Systemtheorie, aber könnte da was brauchbares dabei sein? :smiley:

  1. Das knappe Gut Arbeit. Automatisierung, Arbeitskräftemangel und sozialer Konflikt - Florian Butollo
    Der Autor widerspricht der These, dass Digitalisierung und KI die Arbeitsplätze in vielen Bereichen langfristig überflüssig macht und beschäftigt sich mit diesen aktuellen Widersprüchen. ( Arbeitskraft wird in Zukunft zu einem knappen Gut )

Das kommt darauf an, was du dir davon erhoffst.

“Kybernetik und Kritik” hört sich sehr systematisch, high-konzept an. Aber diese Provokation, dass Kybernetik so eine Wirksamkeit wie die Kritik der Aufklärung hatte, könnte interessant sein. Also, der Titel spielt, so wie ich das sehe, auf Reinhard Kosellecks “Kritik und Krise” an, wo es im Grunde darum geht, wie die bürgerliche Kritik in der Aufklärung zu einem Umbau des Staates und der Idee, was ein Staat sei, geführt habe. Ich denke zwar nicht, dass das genauso an historischen Quellen orientiert ist, aber bestimmt weist das auf eine momentane Linie hin.

“Das knappe Gut Arbeit” ist anscheinend interessant, wenn man wirklich ein Argument sucht gegen diese Idee, KI oder Automatisierung würde die Jobs abschaffen. Das kam ja auch im Podcast vor bei Besprechen von letzten Davos-Treffen. Die glauben, ihre KI-Systeme können sich ohne Menschen verbessern.

2 Likes

Als ich in dem Interview gehört habe, dass auch die Kybernetik (nach Norbert Wiener) Einflüsse aus dem Krieg und dem Militär hat, ähnlich wie Niklas Luhmann und seine Systemtheorie, wurde ich stutzig. Es weckte zudem die Assoziation zu Arnold Gehlen, der mit seiner Nazi-Vergangenheit in Deutschland Verwaltungslehre im technokratisch-konservativen Stil betrieb. Und Ich vermute mal damit auch Spuren in der Organisation von Institutionen hinterlässt.
Erhoffen würde ich mir in der Tat etwas Aufklärung über die Entwicklung der Regierungsform/Staatslehre. Dieses “Eindringen der Kybernetik” in der Politik, in der Öffentlichkeit, dem digitalem Kapitalismus und dem Subjekt als eine Form der Regierungskunst erscheint mir auf den ersten Blick plausibel.

Reinhard Kosellecks kannte ich nicht, aber hört sich interessant an. Vermutlich ist Kybernetik und Kritik möglicherweise eher an Foucault M. angelehnt.

Ja, das stimmt mit den KI-Systemen. Folgt wohl noch eine Emanzipation der Maschinen :face_with_hand_over_mouth: