Carney, Merz, Macron im Investorscall, KI in Davos, Holocausterinnerung, Militärbischof zur Friedensschrift

Es war Januar!

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habe mich sehr darüber gefreut auch mal französische Clips im Podcast zu haben. Wäre generell eine Bereicherung auch dem französischen Diskurs da und dort etwas Aufmerksamkeit zu schenken.

Wieso ist das bei youtube ein Livestream während ich das Ding schon komplett als Podcast habe?

Wurde doch offensichtlich aufgezeichnet. Da könnte man das doch auch anders machen. Hätte den Vorteil das man nicht so lange auf ein Transkript warten muss

es ist einfach Zauberei

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Bei der Kritik an den europäischen Eliten in ihrer “America is back”-naivität gehe ich voll mit, aber auf Carney wäre vielleicht ein etwas nuancierter Blick angebracht? Wenn man Tooze glauben schenkt, ist er nicht der Wendehals, der nur deshalb seine Position ändert, weil die Spielregeln plötzlich gegen ihn angewandt werden. Eher lässt sich eine gewisse Kontinuität in seinem Denken seit min 2019 erkennen: Chartbook 429 From transition to rupture: The evolution of Carney-thought 2019-2026.

ja, ist doch vielsagend, dass es bei ihm auch 2016 und 2019 so klang - als Trump regierte. Aber was war 2020-2024? Wir haben es gestern gesagt: Erst wenn er die Linie auch gegen andere Präsidenten als Trump durchhält, wird es interessant.

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Es braucht doch länger als 10 Jahre, um von z.B. USA unabhängig zu werden.

Ich mein…wie lange hat China gebraucht?

Außerdem sind die Bedingungen in jedem Jahrzehnt anders, auch was potentielle Verbündete angeht.

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Zu KI und Text:

Es kann auch sein, daß man beim Hausverkauf 50.000 € verliert, weil der Text fehlerhaft war und bislang dafür niemand die Verantwortung übernimmt.
Bei Texten, Kunstwerken oder Musik, die man zum persönlichen Vergnügen konsumiert, ist es ja bei Vielen so, daß man nicht mal das lesen und hören kann, was auf der persönlichen Liste steht.

Natürlich ist das heute oft schon so, daß man Texte oder Musik nach Schlagworten vorschlagen läßt. Inwiefern man sich dabei nach einer kuratierten journalistischen Sendung oder einem Feulletontext richtet und wie lange das noch möglich ist, weil KI- Beratung billiger zu haben ist und agressiv beworben wird, zeigt sich in den nächsten Jahren.

Ich habe Lieblingsautoren und Lieblingskünstler. Ich mag es, in Beziehung mit der Denkweise eines Menschen zu treten, mich überraschen zu lassen, was bei der KI nicht der Fall ist.

Außerdem finde ich es für Gesellschaften grundsätzlich wichtig, daß persönliches kreatives Denken Teil des Lebens ist. Nur mit KI-” Kreativität” ist das nicht möglich, weil dem Neuen das sie schafft, lediglich eine universelle Programmierung zugrunde liegt.

Eine Gesellschaft ohne menschlichen künstlerischen Austausch wird Kunst und Kreativität auf Dauer abschaffen oder marginalisieren.

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Hm, ich war von eurer Rezeption der Carney Rede ebenfalls überrascht. Ich höre da in keinem Wort raus, dass er meint Kanada oder andere westliche Mittelmächte wie Deutschland oder Frankreich wären von den USA unter Biden oder Obama unterdrückt worden. Ganz im Gegenteil: Sie haben von der sogenannten “regelbasierten Ordnung” unter US-Führung profitiert und deshalb beide Augen zugedrückt, wenn es mit der derselbigen mal nicht ganz so eng genommen wurde, um andere “schwächere” Staaten in Abhängigkeiten zu zwingen (Wolfgang spricht völlig zurecht afrikanische Staaten und den IMF an).

Was Carney meiner Meinung nach aber sagt ist, dass sich die USA unter Trump II von der “regelbasierten Ordnung” verabschiedet haben und nun Großmachts- und Einflussspährenpolitik a la Carl Schmitt betreiben (Stichwort Donroe Doktrin). In diesem neuen “Modus” sind Staaten wie Kanada aber nicht mehr länger Nutznießer, die beide Augen zudrücken und brav die Füße stillhalten, sondern nun auch potentielle Beute für Großmächte.

Dieser Wandel zeigt sich nirgends deutlicher als in Carneys Satz (aus dem Gedächtnis paraphrasiert): “If we are not at the table, we are on the menu.” Wenn Carney also von “taking the sign out of the window” redet, dann meint er genau diesen neuen “Modus” anzuerkennen. Das “window” aus dem er fordert die “signs” rauszunehmen, ist der Umgang mit den USA unter Trump II: in (Sonntags)reden, diplomatischen Gesprächen, bi- oder multilateralen Verhandlungen und Beziehungen.

Man kann es durchaus abstoßend finden, erst ab dem Zeitpunkt die Heuchlelei der “regelbasierten Ordnung” und die eigene bewusste Akzeptanz derselbigen anzuerkennen, ab dem man selbst Angst bekommt unter die Räder zu geraten. Es ist aber trotzdem ein Eingeständnis und ein gewichtiges und zwar gerade weil Carney (als ehemaliger Gouverneur der “Bank of England” und “Bank of Canada”) ein Technokrat erster Güte ist. Das ist ja kein Marxist, der das da sagt, dessen Kritik vom Davoser Publikum einfach als Spinnerei abgetan werden kann. So gesehen ist das fast schon ein kleiner “Nixon-in-China” Moment. Wer sonst hätte das tun können?

Ich kann dahingehend auch, dass Argument nicht nachvollziehen, dass es keinen Sinn ergeben würde, wenn Carney von einen “window” spricht, dass es ja angeblich nicht mehr geben würde, weil Trump sich gar nicht mehr um die Rhetorik der “regelbasierten Ordnung” bemüht, sondern in Bezug auf Venezula eben direkt sagt: “It’s about the oil.” In einer vorherigen Folge hier wurde ja auch klug angemerkt, dass andere europäische PolitkerInnen zwanghaft versuchen das Handeln der USA unter Trump II wieder unter diese Rhetorik zu packen, um sich selbst sagen zu können, dass ja doch noch alles wie gehabt ist. Eben das wäre wieder “to put the sign in the window” und eben dagegen redet Carney an in seiner Rede an.

Und überhaupt sollte man sich denke ich bewusst machen, dass auch wenn vieles der “regelbasierten Ordnung” nur Rhetorik war, so war diese doch immerhin eine Denkfigur, die man zur Kritik anlegen konnte. Teilweise sogar Akteure haftbar machen. Dass diese Denkfigur jetzt wegfallen könnte, ist ein realer Verlust (auch wenn sie natürlich nicht die einzige Position ist, von der aus man Kritik formulieren kann, aber diese hat mit einem großen Teil der politischen Mitte resoniert). Ihr Wegfallen bringt uns fürchte ich leider ein Stück näher an die sogenannte “real world goverend by strenght and force” wie Stephen Miller esformuliert, in der Stärke als Legitimation genügt.

Ich weiß absolut nicht wie diese Rede altern wird und ich will Mark Carney auch nicht zum Säulenheiligen machen, aber trotzdem glaube ich, dass diese Rede tatsächlich das Potential hat historisch und nicht bloße Sonntagsrede zu sein. Habe ich Zweifel das Leute wie Merz, von der Leyen und vielleicht sogar Macron und Carney selbst, sie am liebsten kollektiv vergessen würden, wenn Newsom Präsident wäre und Amerika dann wieder “back” ist? Nö, keine Sekunde. Ich glaube aber auch, dass sich afrikanische Staaten oder allgemeiner Staaten aus dem globalen Süden in Zukunft gut auf diese Rede beziehen und in Verhandlungen mit westlichen Staaten sagen können: “Schaut da hat einer eurer Hohepriester höchstpersönlich zugegeben, dass ihr nicht fair spielt, dass ihr uns nicht auf Augenhöhe behandelt. Solange ihr das nicht ändert, kommen wir nicht ins Geschäft.” Allein als schon als einzelner Linker kommt mir das in Gesprächen mit Zentristen entgegen, die voller Nostalgie der “regelbasierten Ordnung” nachtrauern und sie idealisieren.

Anderes eurer Kritik kann ich aber nachvollziehen, gerade als Carney genauso wie Macron, Merz und von der Leyen dann in den Investorcall-Modus geht. Trotzdem denke ich unterschätzt ihr ein wenig, welches Potential man aus der Rede schlagen kann: Sie ist ein kleiner Nixon-in-China Moment, den man als potentiell als Maßstab für zukünftiges Handeln und zur Haftbarmachung verwenden kann eben weil Carney, der ist der er ist und kein Linker.

Und eine Frage interessiert mich sehr: Welche Reden hättet ihr euch denn von Carney, Macron und Merz gewünscht?

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Stefan spricht im Podcast kurz an, dass das Verhalten der USA dazu führen konnte, dass Europäer vermehrt zu Open-Source-Software wechseln könnten. Der Punkt wurde nicht weiter ausgeführt, aber ich denke, das wäre nochmal eine separate Disukssion wert!
Ich habe zufaellig gestern einen Post dazu veröffentlicht: Could 2026 Finally be the Year of the Linux Desktop? (bin ein großer Befürworter von Stefan’s Aufruf zu privaten Websites)

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Noch eine Anmerkung zu dem Sperrkonto: das ist allgemeine Regeln für Nicht EU Ausländer - betrifft zb alle meine syrischen Freunde. Bafög bekommen die auch nicht. Kann man schon kritisieren und skandalisieren. Speziell mit Russland hat es aber eben nichts zu tun.

Fairerweise muss man sagen, dass er weder unter Trump I noch unter Biden PM war. Mehr als 30% der kanadischen Wirtschaftsleistung hängen am Export und davon gehen über 76% in die USA - sprich 22% des kanadischen BIPs werden direkt durch den Handel mit der USA generiert. In der EU sind es knapp 0,2%. Auch wenn es der USA selbst schaden würde, kann Trump die kanadische Wirtschaft in den Kollaps treiben. Insofern verstehe ich nicht warum man sich so sehr an Carney abarbeitet, während die die viel weniger zu verlieren haben (EU), die eigentlichen Trumpappeaser waren und in abgeschwächter Form weiterhin sind.

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Carney will ja quasi nichts Neues, es soll alles so bleiben wie es ist nur mit einem neuen Hegemon und dem alten “Gutmenschentum”, dem der alte Hegemon abgeschworen hat. Ist das besser als das, was wir heute haben. Sicher. Nur ist es eben zurück in die Vergangenheit. Nicht ohne Grund erklärt er zwischendurch ja, wie toll Kanada wirtschaftlich ist, mit den alten Maßstäben, mit der alten Illusion der “wertebasierten Weltordnung” in leicht abgewandelte Form.

Er will eben keinen Hegemon sondern spricht von einer losen Allianz mittlerer Mächte um nicht jeder Erpressung durch Großmächte hilflos ausgeliefert zu sein. Ist das sonderlich progressiv oder links? Eher nicht. Aber immerhin nicht komplett unrealistisch, wenn auch nicht unbedingt wahrscheinlich?

Nenn mich Pessimist, aber in der geopolitischen Lage und unter den aktuellen politischen Vorzeichen (weltweit) könnte man da glaub ich schon ganz zufrieden mit sein und ob es den Ländern die unter der liberalen US-Weltordnung gelitten haben (und leiden) in einer schmittschen Großraumordnung besser gehen wird, kann bezweifelt werden, für Lateinamerika sieht es jedenfalls nicht dannach aus.

Die sogenannten “Mittelmächte” als Hegemon Ersatz, nenn es wie Du magst.

zu Harari und Religion: der Witz bei seinem Vergleich von KI-produziertem Text und Religion ist die Schriftlichkeit der 3 monotheistischen Religionen. Erfährt die Autorenschaft durch KI eine Umdeutung/Entwertung, steht auch die Autorenschaft des (Schöpfer-) Gottes und mit ihr die daran hängende Religion in Frage! Danke für diesen Fund!

Ein lose Allianz von Mittelmächten wären die EU, Kanada, Australien, aber eben auch Länder wie Mexico, Brasilien, Indien, Südafrika, Indonesien usw. Das wäre vieles aber kein “Hegemonersatz”. Die USA und China und ihre Möglichkeit der Powerprojection würde ja nicht einfach verschwinden, diese beiden Ländern werden aller vorausicht nach die bestimmendne Hegemonailmächte der nächsten Jahrzehnte sein. Aber man ist deren Willkür halt weniger ausgeliefert, wenn andere Länder sich wechselsseitig diplomatisch unterstützen. An sich erinnert das was Carney skizziert hat mehr and die blockfreien Staaten.

Nochmal: das ist kein ideales Weltsystem, aber unter den derzeitigen Voraussetzungen im mindestens diskussionswürdig. Aus dem Grunde verstehe ich nicht warum man sich an Carney so aufreibt.

Die KI hat in der Email-Zusammenfassung Wolfgang mit Stefan vertauscht, so wie ich das sehe:

00:05:36 Weltstress besiegen

Wolfgang referiert eine Beobachtung von Jeff Bezos zum Thema Stress, der laut Bezos primär durch unerledigte, bewältigbare Aufgaben entstehe . Er überträgt dies auf den politischen Diskurs und argumentiert, dass Stress auch dadurch entstehe, dass einfache Wahrheiten nicht ausgesprochen werden. Stefan ergänzt, dass dieses “uneigentliche Sprechen” insbesondere auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu beobachten sei.

00:08:18 Wortfindungsstörungen in Nürnberg

Wolfgang berichtet von seinem Besuch der ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und der dortigen “Trittfestmachung” der Zeppelintribüne. Er skizziert die deutsche Erinnerungskultur in Phasen: von der “kommunikativen Beschweigung” der Nachkriegszeit über die Schockpädagogik bis zur heutigen Spurensuche . Anhand eines Clips von Ralf Konersmann diskutieren sie die Bedeutung von Genealogie für das Verständnis der Gegenwart.