Der Deutsche
Periodisch, mit Anlass oder ohne, an Tagen nationaler Erhebung und zu Gedenktagen, zuletzt fünfzig Jahre nachdem die Alten vom Petersberg herabstiegen und dem Volk die Grundgesetzestafeln offenbarten, tritt der Deutsche vor sich selbst und konzentriert noch einmal alle Kräfte der Selbstkritik auf die deutsche Lieblingsfrage: Was ist meine nationale Identität? Der Einwohner Burkina Fasos kennt eine solche Frage nicht, und erklären Sie mal einem Senegalesen, er sei nicht identisch mit sich! Entweder steht diese Frage also nur erklärten „Kulturnationen” zu oder sie ist ein Zeichen von Dekadenz. Der Deutsche weiß zwar offenbar nie, wer er ist, dafür aber steht er dauernd vor dem Spiegel und genießt, wie wenig er sich gefällt. Das war immer so, ist es also „deutsch“?
Als das Zeitalter „Romantik“ hieß, war auch der Deutsche romantisch, und weil er sich in seiner Haut schon damals so unwohl fühlte wie in seinem Land, wurde er erst Meister der Sehnsucht, später Florist der Blauen Blume. Er besitzt einfach das Talent, aus jedem Mythos einen Markt zu machen, und so war denn auch der Titel „Volk der Dichter und Denker" nur ein zündender PR-Einfall, für den man heute so viel hinblättern müßte wie für die Markteinführung einer Tütensuppe. Vielleicht ist aber das Sehnen und Schmachten auch nur Ausdruck eben jenes starken Widerwillens, den der Deutsche gegen sich selbst hegt und der ihm immer wieder ein Motiv bietet, sich von sich selbst wegbewegen zu wollen, mal im Schnupper-Imperialismus, mal in der Landoffensive der Gruppenreise.
Oh ja, er kennt „das Land, wo die Zitronen blühen", denn er hat sein Badehandtuch dort schon einmal ausgerollt, und er fühlt sich auch nirgends so deutsch wie in Arkadien. Aber eines Tages tritt er im abruzzischen Hochland vor ein Denkmal, das die italienische Flagge zeigt. Auf die drei Farbflächen hat der Künstler die Worte gemeißelt: „Mamma Pace Patria”, und der Deutsche erbleicht: Den Spaß an der Mutter haben ihm erst Freud, dann Hitler verdorben, für den Frieden bringt er selbst in Kriegszeiten eine eher rhetorische Leidenschaft auf, und das Vaterland hat er sich abgewöhnt. Übriggeblieben ist jener nationale Sperrbezirk, den man erst einmal gegen die Außenwelt definieren muß, damit klar ist, wer nicht hineingehört, und den man anschließend mit der berauschenden Substanz der sogenannten „nationalen Identität" anfüllt. So lautet der Terminus technicus für die Gewissheit: Mir san mir. Dieses Gefühl eines über alle Kritik und allen Zweifel erhabenen Einverständnisses mit sich selbst steht nicht im Widerspruch zur deutschen Selbstverachtung, vielmehr ist es ihr Ausdruck. Dieses Gegen-alle-Widersprüche-an-sich-Festhalten macht den Deutschen im Grunde undurchlässig für Kritik. Es bildet den wolkigen Untergrund für die Neigung, den Politikersatz „Wir haben ein Ausländerproblem." zu beantworten mit dem Kampfruf „Ausländer raus!".
„Ich bin ein Deutscher", sprach ehemals Richard von Weizsäcker, „wie ein Franzose ein Franzose ist oder ein Russe ein Russe“, oder andernorts in einer verbesserten Fassung „oder wie ein Italiener ein Italiener. […] Wäre ich ein Spanier und lebte im 18. Jahrhundert, so wäre ich nicht der, der ich nun mal bin.“ Der Deutsche liebt solche Großtaten der rhetorischen Selbstfindung, denn er sieht die nationale Identität gern als ein quasi-medizinisches Phänomen. Wem sie abgeht, der ist irgendwie bedenklich oder anderweitig zu berücksichtigen. Deshalb muss ein Präsident klar und heilsam von der nationalen Identität sprechen: Die Nation ist die Gruppe, der Präsident ihr Therapeut, er beaufsichtigt die Volksgesundheit. Deshalb verstößt die Nation im Grunde noch heute gerne die übernational Denkenden und kultiviert den Ausdruck der Künstler und Intellektuellen als „vaterlandslose Gesellen“.
Wenn dieses Land aber aus historischen Gründen das geringste nationale Identifikationspotential besitzt, vielleicht hätte hier eine Kultur ohne Primat des Nationalen entstehen können, ohne dichtenden Hirtenhund, der nur um die Schafe läuft, um ihnen das Gefühl einer Herde zu geben! Vielleicht hätte sich dieses Land durchlässig zeigen können für die Arbeit der Fremden, für ihre Anstrengungen, uns zu verstehen, uns Kontur zu geben, an unserer „Identität“ mitzuarbeiten. Vielleicht hätte sich in dieser Anstrengung unsere „Identität" als nicht-identisch erweisen können, als Einheit des Disparaten. Stattdessen muß man es dem Deutschen mit Menschen- und mit Präsidentenzungen sagen, daß es normal ist, ein Deutscher zu sein, und so wurde Schröders Lieblingswort „Normalität" zum Sakrament der Nation. Wir sind normal - wenn das kein Therapieerfolg ist!
Die Deutschen seien endlich wieder ein Volk unter Völkern, so argumentierte auch Martin Walser gegen Ignatz Bubis, sie bräuchten einen normalen Patriotismus, ein gesundes Selbstbewußtsein. „Ich bin ganz dieser Meinung", folgerte Ivan Nagel raffiniert. „Und ich träume von dem späten Abend, an dem nach reichlicher Sauferei die Mehrheit einer Skinhead- Gruppe ihren Kameraden sagt: ‚Als Magdeburger oder Hamburger, besser noch: als Deutscher kann ich nicht mit Baseballschläger und Klappmesser auf einen Ausländer losgehen.‘ Das würde ich deutsches Selbstbewusstsein, das: Patriotismus nennen. Vorerst suche ich die Wurzeln einer solchen möglichen, hoffentlich künftigen Gemeinsamkeit in der Erinnerung, die nicht im einsamen Gewissen, sondern allein in der Gemeinschaft leben, sich erhalten kann. Die Erinnerung der Gemeinschaft heißt Geschichte.“
Demgegenüber haben die öffentlichen Kanzelreden, Leitartikel und politischen Kommentare wenig mehr anzubieten als das zähe Ringen um die, auch ökonomisch vorteilhafte, „Normalität". Auf diesen Indifferenzpunkt aber hat den Deutschen nicht der Weltgeist gespült und nicht der Prozess der Aufklärung, und auch wenn über die Hälfte aller Deutschen in ihrem Leben irgendwann mal Lehrer sind, verdanken sie ihren heutigen Zustand weniger der Erziehung als vielmehr der Ironie.
Ehe sie das Richtige meinen könnten, wollen sie inzwischen nämlich lieber nichts gemeint haben. Die Deutschen sind längst ein zutiefst ironisches Volk. Irgendwann hat sich ihre Trauer, die Bitterkeit, die sie vermitteln, zu Ironie sublimiert. Sie vertreten weniges wirklich und nehmen an nichts echten Anstoß, sie haben zu „Weltschmerz“, „Innerlichkeit" und all den anderen Attrappen alter deutscher „Seele" längst ein uneigentliches Verhältnis. Sie sind nicht sentimental, sondern pragmatisch und werden für keine Überzeugung je wieder untergehen.
Die Deutschen sind ein phantasiebegabtes Volk. Davon spricht ihre Kulturgeschichte vernehmlich. Die Phantasie aber ist das Medium der Verunsicherung, und ach, das Chaos lauert überall. Der Deutsche liebt dieses Chaos so sehr, daß er sich dauernd damit beschäftigt, es einzudämmen oder zu verwalten. Deshalb rechtfertigt er auch seinen Verordnungswahn als eine Art Festlegung von Teilnahmebedingungen am Leben und liebt doch weder das Gesetz selbst noch den Gesetzesverstoß, sondern vor allem die Chance, die Übertretung zu ahnden. In jeder Übertretungszone schläft eine Strafmaßnahme. Weh dem, der den „Diskretionsabstand" verletzt! Der Wohlstand hat die Bequemlichkeit militant werden lassen. Und so bekämpft der Deutsche auch die Unordnung in sich selbst. Er organsiert Erholung wie einen Wettbewerb und Genuß wie einen Kampfsport. Er befindet sich als Vertreter einer Verlierermacht noch dauernd auf dem Weg zum Sieg. Ja, er lebt, als stünde er unverändert im Wiederaufbau, als müsse er streng sein und diszipliniert, müsse überleben, ein Auskommen haben und sich gegen Neidfutterer durchsetzen. Ebenso bekämpft er die Unordnung, die Entgrenzung, Graffiti, den Eros des Verfalls wie des Unökonomischen. Er kämpft um Komfort und um eine klinische Außenwelt, kämpft mit der moralischen Energie einer Protestbewegung. So ist es ihm auf dem Weg zur Erfüllung seiner nunmehr hauptsächlich materiellen Lebensziele allmählich sogar gelungen, sich von seinen eigenen Interessen zu emanzipieren. Eher als jeder europäische Nachbar scheint er bereit, auf Freiheiten zu verzichten, die er nicht errungen, aber offenbar auch nie wirklich genossen hat. Allein für die siebenundvierzig Opfer der RAF im „Heißen Herbst" hat der Deutsche auf mehr Persönlichkeitsrechte verzichtet, als selbst Margaret Thatcher angesichts mehrerer tausend IRA-Opfer in England anzutasten bereit gewesen wäre. Das Wort „freiheitlich” wirkt auf den Deutschen mit Placebo-Effekt: Er braucht die Freiheit wahrscheinlich nicht, um sich freiheitlich zu fühlen.
Vielleicht kennt er, der sich im Nationalsozialismus selbst um das Grundrecht auf Vaterlandsliebe brachte, eben keinen nationalen, eher einen DAX-Patriotismus. Immerhin liegt ja auch die größte politische Kontinuität in Deutschland weniger in der politischen Historie als in den Firmengeschichten, und so dankt es das Land seiner Wirtschaft, daß ihr durch ökonomischen Erfolg die Resozialisierung des Made-in-Germany-Deutschen in der Völkergemeinschaft gelungen ist.
Also kennt dieser Deutsche, wie Oscar Wilde gesagt hätte, den Preis von allem, aber den Wert von wenigem und verhält sich rätselhaft folgsam, wenn es darum geht, den Wirtschaftsdaten die eigenen Wünsche unterzuordnen. Ihm ist die zügigste Kommerzialisierung seines kulturellen Lebens gelungen. Aber offenbar konnte er Know-how nur gewinnen, indem er Know-why verlor. Wenn ihm also jemand erklärt, Fernsehfilme, die bei Nacht spielen, haben schlechtere Einschaltquoten, so wird der Deutsche sofort bereit sein zu sagen: Schluss mit dem arroganten Dünkel aller, die glauben, ihre Persönlichkeit durch Betrachtung von Nachtfilmen entfalten zu können! Wenn man ihm sagt, die Weltausstellung schreibt rote Zahlen, dann wird er sofort die Inhalte vergessen und ins Spalier der Buchhalter treten. Wenn man ihm sagt, Lyrik verkauft keine Bücher, dann wird er entdecken, wie wenig Poesie er noch im Herzen hat. Auf diese Weise wurde die Abstimmung durch den Konsum zu einem Angriff auf demokratische Minderheiten. Der Markt macht Genres und Gattungen, Sprech- und Gestaltungsformen den Garaus und er ersetzt auch die Zensur.
Der Deutsche wurde lieber zu einem Opportunisten des Reingewinns. Die einzige Demokratie, für die er inzwischen herzlich fühlt, ist die Demokratie des Konsums. Indem er seine Stimme einem Produkt gibt, erhält er es auf dem Markt, und was sich dort nicht hält, verreckt zu Recht. Nun wäre aber „Penthesilea", wie Gottfried Benn einmal anmerkte, nie geschrieben worden, hätte man vorher darüber abgestimmt.
Leb also wohl, Penthesilea, vielleicht liegt es an deinem Aszendenten, vielleicht an der falschen Zielgruppe oder dem fehlenden unique selling point, aber wir leben hier, trotz anderslautender Beteuerungen, nicht zum Vergnügen, nicht in einem Wohlfahrtsstaat und nicht in einer Leistungs-, sondern in einer Erfolgsgesellschaft. Wir hassen den Misserfolg wie einen Charakterfehler – auch wenn der größte Teil unserer bisherigen Kultur unter diesem Gesichtspunkt ein Misserfolg ist. Wir lesen nicht Shakespeare und Seneca, sondern „Shakespeare für Singles“ und „Seneca für Gestresste", wir übersetzen das Sinnvolle ins Nützliche und unterwerfen so auch das kulturelle Prinzip der Induviduation dem Gesetz demokratischer Marktbehauptung. Aus der Frage „Wer bin ich?" wurde „Was hab ich davon?".
Das muss man verstehen. Der Deutsche hat die Demokratie noch nicht lange und nicht aus freien Stücken. So wendet er sie denn blindlings so lange auf jede geistige Regung an, bis keine mehr da ist. Im Grunde findet er die Demokratie gar nicht so schlecht, besser jedenfalls als die Versuche, auch noch Gebrauch von ihr zu machen.
So steht er also da, dieser Deutsche, am Ende eines weitgehend vermasselten Jahrhunderts, feiert Goethe und Grundgesetz, feiert Nato und nationale Erweckung in der „Berliner Republik". Eigentlich ist er nun endlich angekommen, in der neuen Republik und dem neuen Regierungssitz, im neuen Militärbund und im neuen Selbstbewusstsein, und trotzdem wirkt er immer noch enttäuscht und irgendwie unglücklich in einem Leben, das ihm offenbar insgesamt als Zumutung erscheint. Vielleicht weil es ihm noch immer hartnäckig jede Gelegenheit verweigert, einmal mit Inbrunst auszurufen: „Mamma! Pace! Patria!”
Doch weil das so ist und weil sich die Hoffnung auf die sogenannte Berliner Republik nicht mit dem Kampfbegriff der „Leitkultur" decken lässt, ruht diese Hoffnung zu großen Teilen auf den Schultern von Dissidenten und Exilierten, von Menschen, die im Asyl leben oder die ihre Seßhaftigkeit aufgegeben haben, und die ihre Erfahrung und ihren Ausdruckswillen mitbrachten.
Es gibt einen tiefen Zusammenhang zwischen allen, die ihr Geburtsland hinter sich gelassen haben, um in der Fremde als Fremde zu leben. In diesem Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit zu dem Land, in dem sie leben, und der Verantwortung für das Land, das sie verliessen, um jetzt dauernd mit ihm konfrontiert zu werden, in diesem Gefühl verständigen sich die ausländischen Künstler in Deutschland mit den deutschen Künstlern im Ausland, die ich im Rahmen des hier dokumentierten Projekts befragt habe. Die Gespräche konnten wir hier nicht alle und zum Teil auch nur in gekürzter Form wiedergeben, doch deutlich wird: Beide Gruppen blicken auf dieses Land, geprägt von der Erfahrung der Fremde.
In ihrer Annäherung an Deutschland wurden beide Seiten oft geleitet von Biografien voller Verzweiflung oder der Empfindung von Un-Zugehörigkeit oder Entwurzelung. Zugleich haben solche künstlerisch begabten Menschen dem Land viel zu geben: In diesem Fall sind es die Schärfe, der Nuancenreichtum ihrer Beobachtungen, die Großzügigkeit ihrer Zuneigung, der Mut wie der Sachverstand ihrer Kritik.
„Welcome Home - Künstler sehen Deutschland" – so der ursprüngliche Titel der Installation auf der EXPO 2000, die ab Frühjahr 2001 in deutschen Museen ausgestellt wird – war der Versuch, Künstlern ein ideelles Zuhause in einem Diskurs über Deutschland zu geben. Der Leiter des Kulturprogramms für den Deutschen Pavillon, Peter Baumgardt, hat das Projekt angeregt und gefördert, Michael Simon hat die künstlerische Installation erdacht und realisiert. Ihnen, wie meiner unermüdlichen Redaktion, danke ich von Herzen. Mein beson- derer Dank aber gilt allen Befragten.
Roger Willemsen