Der Häftling ist nicht das Problem - Meinungskampf mit Pflegefrust

Für den Kapitalist ist Zufriedenheit Stillstand.

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Ich spalte das auf in die Fragen: Was braucht man? Wonach strebt man?

Wenn man hat was man braucht (Grundbedarf - legt jeder für sich selbst fest), darf man zufrieden sein. Nach etwas streben kann man immer noch (Selbstverwirklichung). Das ist anwendbar in jeder Gesellschaftsordnung.

Die Forderung des Kapitalisten, nie zufrieden zu sein, ist im Wesentlichen nur die Forderung nach höherer Produktivität, um im Wettbewerb nicht zurückzufallen. Ein konstruierter Zwang - kein Naturgesetz.

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Nicht unbedingt. Gerechtigkeit ist nur in einer Utopie universell. Die Rechnung ist konkret und rational. Kann man sie nicht begleichen, entsteht eine Angst aus einem klar definierten Grund. Ängste durch getrübte Aussichten sind etwas anderes. Da kommt eher Verlustaversion zum tragen. Sind die Ängste diffus oder irrational, kann man ihnen mit gezielten Fragen und Antworten entgegen treten, um die „Bedrohungslage“ solide einzuschätzen. Gerechtigkeit als moralische Kategorie nutzt in beiden Fällen nach außen gerichtet nichts, kann einen aber mobilisieren.

Hast du auf jeden Fall einen Punkt mit.

Gerade weil aber Gerechtigkeit eine Utopie ist, wird sie anwendbar in der Utopie die sich auf beispielsweise ein versprochenen Wohlstand bezieht. Dieses Versprechen gibt es garnicht, es wird aber im Narrativ verwendet und ich bin mir sehr sicher dass es Spuren hinterlässt die gravierend sein können.
Ich hab ja schon gesagt, damit lässt sich nicht die Welt erklären aber es zeigt wie krass irrational das ist.
Ich mag das Wort Narrativ nicht, aber hier findet es mal eine gute Verwendung.

Um gleich noch ein verwandtes Thema aufzugreifen, Wörter wie Arbeitgeber oder Arbeitnehmer sagen etwas zwischen den Buchstaben. Als wäre es eine Gnade dem Arbeiter Arbeit zu geben. Eigentlich müsste man ja dankbar sein.

@Ernst

Klar, rational betrachtet stimme ich voll zu. Wir reden gerade über die Irrationalität.

Der Punkt ist, der Unternehmer hat Marx nicht gelesen, der weiß nur die Maschine hat x gekostet und Arbeit kostet y.

Das Zusammenspiel aus der mathematischen Aufgabe und seinem Verhalten gegenüber denen, deren Arbeitskraft er verkauft, ist eine Achterbahnfahrt. Wie gesagt ich arbeite mich in dieses Thema ein.

Eine (irre) Analogie die im Grunde aber die gleiche Irrationalität beschreibt, ist der Finanzmarkt. Sie hat beide Seiten, Mathematik und sehr stark ausgeprägte moralische Kategorien wie Vertrauen. Schwindet das Vertrauen, wird es zu einer immer wahrscheinlicher werdenden Finanzkrise durch die KI Investitionen kommen. Wie kann es sein dass eine Mathematikaufgabe polemisch gesagt, in einer moralischen Kategorie ein richtiges oder falsches Ergebnis hervorbringen kann. Das ist nicht rational, das ist ein Widerspruch. Ich glaube das diese ganzen Widersprüche nicht auflösbar sind. Das schwingt immer mit, wird durch ein Narrativ was in diesem Sinn bescheuerter nicht sein könnte, angemalt mit gesundem Menschenverstand und damit rational oder mathematisch nicht erfasst werden kann. Also, ich beschäftige mich also jeden Tag mit nicht auflösbaren Widersprüchen, von da nach dort pendelnd, die eine Plausibilität widerspricht der anderen und alles muss trotzdem legitimierbar sein ohne dabei verrückt zu werden.

Ich finde deshalb die Begriffe Wohlstandsversprechen und Gerechtigkeit als Kombination sehr interessant weil beide sich gegenseitig widersprechen. Für mich zeigt das ziemlich gut welche Spannung erzeugt wird, und zumindest bis jetzt, liefert es mir eine gute Erklärung für heutige Phänomene.

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Finde ich gut, dass du solchen Widersprüchen und Fragen nachgehst. Ist ja auch wirklich interessant. Ich bin da kein Experte, aber beim Finanzmarkt ist doch vereinfacht ausgedrückt die Logik, ein verkäufliches Produkt sozusagen aus dem Nichts zu schaffen. Es gibt kein physisches Produkt. Auch keine Dienstleistung. Keine Wertschöpfung durch Lohnarbeit, die Rohmaterial in physische Produkte wandelt oder etwas für jemanden erledigt. Das geht nur mit Glauben. Der Glaube ist, dass auch das Finanzprodukt einen Wert hat, der den zu zahlenden Preis rechtfertigt. Gelockt wird mit dem Versprechen von mehr Wohlstand. Oder der Hoffnung im besten Fall ohne eigene Leistung zu etwas zu kommen.

Bei Marx wird aus Sicht des Kapitalisten der Wert eines Menschen an seiner Produktivleistung gemessen. Ist seine Produktivleistung Null, so ist auch sein Wert Null. Das erklärt in dieser Theorie den Wert eines Kindes, eines Kranken, eines Rentners, eines Pflegebedürftigen. Oder liege ich da falsch? Wobei der Pflegebedürftige sogar einen kapitalistisch verwertbaren Bedarf an Pflegearbeit mitbringt (Produkt: Dienstleistung).

Viele Widersprüche erklären sich durch das Prinzip, das auch Squeeze thematisiert. Den Leuten wird ihr ökonomischer Überschuss schrittweise abgeknöpft. Denkt man das zu Ende, heißt das, niemand erarbeitet mehr einen eigenen ökonomischen Überschuss und alle Besitztümer wurden veräußert und der Erlös verbraucht. Eine effektivere Herrschaftsbasis kann sich im Kapitalismus nicht mehr finden lassen. Vollkommene ökonomische Abhängigkeit aller. Auch selbstständiger Unternehmer, die persönlich Arbeit leisten. Jeglicher Freiraum durch Überschüsse und Rücklagen der Erwerbstätigen ist eliminiert. Vermögen hingegen auf der anderen Seite haben sich zum relativen Maximum akkumuliert.

Auf dem Weg dahin gibt’s dann viele moralisch begründete Beschwerden. Gerechtigkeit ist überhaupt kein ernsthaftes Thema dabei, weil damit jeder nur sich selbst meint. Seine eigene Erzählung. Dann kann es auch schon mal vorkommen, dass das Wohlstandsversprechen zu Lasten anderer eingelöst wird. Vielleicht ist das sogar die Regel. Eine kleine Welle nach oben, auf dem Weg nach unten. Eine Utopie ist total schön. Die Realität geht doch deutlich in die andere Richtung.

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Vielleicht sollte ich doch nochmal auf meine alten Tage ein Psychologiestudium machen. :wink:

Wie gesagt, was mich beschäftigt ist ab wann kann eine Rationalität in ein völlig absurdes irrationales Denken kippen.

Ab wann kann Marx oder wer auch immer dieses Phänomen nicht mehr erklären.

Welche Rolle spielen dabei Begriffe, was drücken diese Begriffe in welchem narrativen Kontext aus, wo entstehen diese Brüche, was macht das mit Menschen.

Damit möchte ich nicht missverstanden werden, ich finde Gerechtigkeit ist genau wie du sagst keine Kategorie weil sie von jedem anders empfunden wird. Ich fordere keine Gerechtigkeit, ich will mir anschauen unter welchen Umständen sie als Kategorie herangezogen wird.

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In den letzten Jahrzehnten haben Beamte u.a. nicht in die gesetzliche Pflegekasse einbezahlt und so viel Geld gespart. Deswegen zahlt das Sozialamt jetzt den Altenheimplatz im Zweibettzimmer und 152 € Taschengeld im Monat.

Der Häftlingsvergleich ändert zwar nix, aber dient dazu, der Empörung Luft zu verschaffen.

Vielleicht kann danach eine andere Diskussion stattfinden, aber es ist ja ziemlich klar, daß sich an den Umständen nichts ändern wird.

Ich kenne die Diskussion so, daß ältere Leute ankündigen, sich vor den Zug zu werfen, bevor sie ins Altenheim müssen, damit die Familienmitglieder sich kümmern. Kommt drauf an, wer am Stammtisch sitzt.

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Ich verstehe. Dein Interesse gilt der psychologischen oder der soziologischen Seite. Die natürliche Verlustaversion spielt sicherlich eine Rolle - ohne, dass es damit ausreichend erklärt sein soll.

Abseits der Entstehungsprozesse, sehe ich das Irrationale nicht als statische Größe. Man kann es durch sachliche Betrachtungen bearbeiten. Beispiel: Du hast Angst, auf dem Weg zum Einkaufen von einem Eisbären angegriffen zu werden. Die nüchterne Betrachtung, wie dicht die Eisbärenpopulation in deiner Region ist, kann helfen, der irrationalen Angst eine rationale Risikoeinschätzung gegenüberzustellen. Ist dir nach dieser Betrachtung das Risiko noch zu hoch, kannst du dich gezielt auf den Fall vorbereiten und Gegenmaßnahmen planen. Risikomanagement.

Eine rationale Analyse dieser Art lässt sich konkret auch der eigenen Exposition zum Thema Pflege unter den herrschenden und den geplanten Regeln in Gegenüberstellung der eigenen Möglichkeiten vornehmen. Das drastische Beispiel von @Lymi (sich selbst vor den Zug werfen) sagt nichts darüber aus, ob dieses Statement aus einer irrationalen oder einer rationalen Sorge hervorgeht. Die rationale Sorge hätte im Voraus alles strikt mathematisch errechnet, das unweigerliche ökonomische Scheitern festgestellt (selbst und / oder Angehöriger), keine Option zum Ausgleich gefunden und deshalb einen Entschluss gefasst.

Ich verzichte auf die schriftliche Darstellung der analytischen Schlussfolgerungen mit Blick auf die Mechanismen des neoliberalen Kapitalismus.

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Es muss gar nicht strikt mathematisch irgendwas berechnet werden. Du schaust auf den Rentenbescheid und was das Heim aktuell kostet. Und wie wahrscheinlich es ist, daß in den nächsten Jahren, wie in den Jahzehnten davor, neoliberal gewählt wird.

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Stefan hat im Podcast was gutes gesagt.

(Im Mamdani Abschnitt)

Trump seinen Kindern zu erklären sei einfach weil er so „ehrlich“ sei. Rutte oder Merz zu erklären, sei sehr schwer bis gar nicht erklärbar im Kontrast dazu. Trump kann man rational als den begreifen der er ist, bei Rutte und Merz wird es irrational weil sie nicht ehrlich sind.

Zurückgebunden auf das Thema, mich interessiert eher Rutte und Merz. Bei Trump weiß ich woran ich bin.

Ist etwas weit hergeholt, aber vielleicht verstehst du was ich meine.

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Was ich vielleicht nicht genug beachtet habe, neben Plausibilität spielt eng verbunden (vielleicht folgt das eine aus dem anderen) Souveränität eine größere Rolle.
Rechnungen die nicht bezahlt werden können machen unsouverän. Man hat die Dinge nicht mehr im Griff, zumindest potentiell wenn die Frage nach wie bezahle ich das ganze eigentlich aufkommt.
Die Überleitung zum Wohlstandsversprechen fällt dann nicht so schwer würde ich sagen. Wenn es auch nicht bewusst kausal so in Verbindung gebracht wird.

Input, Kritik und Gedanken sind willkommen…

Also, Versuch einer These: :grimacing:
Der ökonomische Souveränitätsverlust in Verbindung mit Plausibilität führt zu irrationalen Gegenüberstellungen.

Ich würde das etwas anders sehen. Ungerechte Vergleiche gegen lobbylose Gruppierungen gibt’s auch zur Genüge unter Vermögenden.

Das Problem, daß die haben ist aber, dass wenn nur sie neoliberale Politik wählen , damit Gesetze in ihrem Sinne geschrieben werden, es eben nicht reicht. Daher braucht es seit Jahrzenten mediale Unterstützung durch Zeitungsartikel, Talkshows, Podcasts usw.

Ja, seh ich genauso. Wie kommt es dazu dass es die Masse existiert die sich infiltrieren lässt und dann entsprechend wählt? Presse Funk und Fernsehen ist der eine Faktor, aber dann braucht es ja noch die anderen die ihr Kreuz machen.

Kannst Du das nochmal anders erklären? Hab’s nicht verstanden.

Mich beschäftigt gerade die Frage, woher diese Irrationalität kommt die Menschen veranlasst gegen ihre Interessen zu wählen.

Ammlinger/Nachtwey, Nils Kumkar, Eva von Redecker, die Liste ließe sich fortsetzen, geben sehr gute Anhaltspunkte, brauchen aber zum Teil den Begriff Faschismus.
Aber auch Begriffe wie Absurdität, Grotesk machen die Runde und ich frag mich woher das kommt.

Also meine These

sucht im Grunde nach dem Ursprung warum diese Begriffe überhaupt verwendet werden.

@Ernst hat das Thema mit diesem Thread als persönliche Erfahrung geschildert und ich mache fast täglich die gleichen Erfahrungen.

Du meinst vom Sender (Medien) zum Empfänger (Wähler), der zunächst keine neoliberale Weltanschauung hatte, diese aber im Lauf der Zeit übernimmt und deswegen gegen seine Interessen das Kreuz auf dem Wahlzettel platziert? Anschließend die Verantwortung für seine Ängste und Enttäuschungen bei schwachen Gruppen ohne Lobby verorten, die als Projektionsfläche angeboten wurden?

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Ja, wobei ich die Betrachtung auf diese zwei Gruppen unterscheide:

  • diejenigen, die um ihren Wohlstand fürchten (diffuse Angst in Verbindung mit Irrationalität)
  • diejenigen, bei denen Wohlstand nicht (mehr) vorhanden ist, und die zahlungsunfähig sind (konkretes Problem mit rationaler Angst).

Ohne mich bisher genauer damit befasst zu haben, denke ich, dass ihre mentalen Dispositionen sich entsprechend ihrer Wahrnehmung ausrichten - also je nach Situation verändern. Flo hat die Frage aufgebracht, warum sich überhaupt Irrationalität einstellt. Ich habe anthropologische Veranlagungen in Verbindung mit äußeren Manipulationen (im weitesten Sinne) vermutet.

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Die Masse an täglichen Manipulationsversuchen wird einfach unterschätzt.

Es gibt jeden Tag Bedrohungslagen, die präsentiert werden und was wem zusteht und diese Nachrichten werden immer wieder aufgewärmt. Als Beispiel dient die " Flüchtlingswelle" von 2015, die monatelang ausgeschlachtet wurde und bis heute zitiert wird,wenn gerade nichts besseres zur Hand ist.

Ich lese seit den 80er Jahren Zeitung und es gab fast nie Artikel darüber, wie man das Leben von Bürgergeldempfängern ( oder ihren Äquivalenten) verbessern könnte. Immer nur, wie man die Arbeitslosenzahlen verringert und dass es eigentlich immer zu viel ist, was die Leute kriegen.

Die Masse an Manipulation fällt nicht auf, wenn man fast überall das Gleiche sieht oder liest.

Und es wird jede Gelegenheit genutzt, andere, nicht ins Narrativ passende Meinungen zu verhindern. Die Abschaffung von Kunstrezeption in der Coronakrise, KI, oder als jüngstes Beispiel, durch jemanden wie Kulturstaatsminister Weimer, der Buchpreise als radikale Brutstätten ausmachen will.

Die neoliberale Maschinerie betreibt 24 Stunden täglich dezentral Meinungsmanipulation und nutzt jede Gelegenheit um soziale Kürzungen als sinnvoll und alternativlos erscheinen zu lassen. Das funktioniert auch. Was zur Folge hat, dass so viele gegen ihre Interessen wählen.
Aus linker Sicht erscheint das grotesk. Aber das ist ein so mächtiges System, daß der Versuch für Solidarität zu werben quasi aussichtslos ist.

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nuja… man kann ja beide Stränge zusammenführen:

das Gefängnis zur Sicherung des Privateigentums ist dem Staat genauso viel wert wie die Sicherung des Privateigentums an einem Pflegeheim.

Das Gefängnis erfüllt ja nicht nur die Bestrafungswünsche des Bürgers, sondern auch die Abschreckungswünsche des Staates.

Die Inhaftierung von “Schwarzfahrern” ist plakatives Beispiel (oder die von Ronen Steinke beschriebene “Klassenjustiz”)

Das “der besorgte Bürger” nur entlang seiner eigenen Bestrafungswünsche denkt und damit auch die eigene Oma einsortiert, die man ja nicht mit schlechter Pflege strafen dürfe, weil sie Wohlverhalten gezeigt hat taugt zu gar keiner Analyse…

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