These: Der Satz „Ein Krimineller ist dem Staat mehr wert als ein Pflegebedürftiger” ist kein Argument, sondern ein Ventil. Er fühlt sich wahr an, weil er eine echte Wut bedient – aber er zielt auf den Falschen. Wer ihn ernst nimmt, verschenkt genau die Empörung, die berechtigt wäre.
Vor ein paar Tagen hielt ich mich unter Leuten auf, als folgende Bemerkung fiel: Ein Krimineller sei dem Staat mehr wert als ein Pflegebedürftiger. Den einen finanziere man durch, beim anderen ruiniere man die ganze Familie. Danach das Übliche – schimpfen auf die da oben. In mir machte sich Unwohlsein breit. Und der Grund versteckt sich in einem einzigen Wort: „wert”.
Das Statement schleicht sich von „der Staat gibt mehr Geld aus” zu „der Staat schätzt höher” zu „ist mehr wert”. Drei völlig verschiedene Dinge, zu einem Auswurf verschweißt. Dabei gibt der Staat häufig für das viel aus, was er am liebsten los wäre: Brände, Katastrophen, Verbrechen. Hohe Ausgaben sind also kein Orden. Sie sind meistens ein Problem.
Ein Test dazu: Für einen Brand rückt die Feuerwehr mit Zehntausenden Euro Ausgaben an, für einen Vorgarten mit null. Ist der Brand dem Staat deshalb wertvoller als ein Garten? Selbstverständlich nicht.
Und dieses „durchfinanzieren” beim Häftling – das ist die Sache auf den Kopf gestellt, finde ich. Das Geld wird nicht für ihn ausgegeben, sondern gegen ihn: um ihn wegzusperren, ihm die Freiheit zu nehmen, ihn zu bewachen. Wer zweifelt, dem hilft die Frage: Würdest du tauschen? Zelle, kein Ausgang, fremdbestimmt von morgens bis abends – dafür freie Kost. Ich kenne niemanden in meinem Umfeld, der Ja sagt. Damit ist das „dem geht’s doch besser” eigentlich schon erledigt. (Wobei ich auch das Krisenthema kenne, dass es Menschen gibt, die aus schierer Armut mit Hilfe von kleinen Delikten tatsächlich die Überwinterung in Haft als Option sehen - das ist aber eine andere Baustelle die einen eigenen Thread vertragen kann).
Was hier in Wahrheit passiert, ist ein alter Trick, meist ohne böse Absicht: Zwei ohnehin schwache Gruppen werden gegeneinandergestellt – der Knacki gegen die Oma – und der ganze Frust entlädt sich zwischen ihnen, statt dort, wo er hingehört. Das ist bequem. Es kostet nichts und tut trotzdem gut.
So weit der auflösbare Denkfehler des Protagonisten. Die unbequeme Hälfte gibt’s in diesem Punkt aber auch, denn die Wut hat einen echten Kern. Dass Menschen, die ihr Leben lang eingezahlt haben, am Ende hohe und Jahr für Jahr steigende Eigenanteile im Heim tragen, während die Angehörigen zusehen oder selbst noch haften – das ist ein handfester Skandal. Da stimmt etwas nicht mit den Prioritäten. Dieses Gefühl sehe ich als völlig berechtigt.
Nur: Der Häftling kann nichts dafür. Die interessantere Frage lautet doch – wer verdient eigentlich an der teuren, oft schlechten Pflege? Und da landet man ziemlich schnell bei Renditen, bei aufgekauften Heimketten, bei einem Geschäftsmodell, das die Politik so zugelassen hat. Da fließt das Geld hin. Nicht in die Zelle.
Das ist der Punkt, an dem sich der Stammtischsatz selbst zerlegt: Die erste Klage lautet „der Staat ist zu großzügig”. Die zweite – die mit den Profiten – lautet „der Staat lässt zu viel durchgehen”. Das eine wirft ihm zu viel Fürsorge vor, das andere zu wenig Kontrolle. Sobald man die Profit-These ernst nimmt, hat man den Gegner gewechselt: weg vom Häftling, hin zu denen, die kassieren.
Deshalb sehe ich das so: Der Vergleich ist ein Ventil, kein Argument. Er nimmt eine berechtigte Wut und richtet sie auf den denkbar Schwächsten. Wer wirklich sauer ist – und Grund dazu gibt es reichlich – sollte diese Wut nicht verschenken. Er sollte sie um 90 Grad drehen: weg vom Menschen in der Zelle, hin zur Rechnung, die im Heim aufgemacht wird.
Der Häftling ist nicht das Problem. Er ist nur der Billigste, auf den man zeigen kann.