Syd widerspricht mir teilweise bei Dingen, die ich so nicht behauptet habe. Mir ging es nie um die Formel „Pandemie der Ungeimpften“ oder darum, irgendwem im Nachhinein moralisch einen Vorwurf zu machen.
Mein Punkt ist ein anderer, und das ist genau das, was mich auch an Wolfgangs Auftritt gestört hat: die retrospektive Bewertung.
Im Herbst 2021 wurde unter realer Unsicherheit entschieden. Die Lage unter Delta war angespannt, mit steigender Intensivbelegung, regionalen Engpässen und der ernsthaften Sorge vor weiterer Eskalation im Winter. Auf dieser Grundlage wurden Entscheidungen getroffen.
Dann kam Omikron und hat die Dynamik verändert. Das war so nicht vorhersehbar.
Was mich stört, ist die implizite Umdeutung im Nachhinein: Es wird so argumentiert, als hätte man damals schon wissen können, dass sich die Lage von selbst entschärft. Genau das klang für mich auch bei Wolfgang an, wenn er heute vor allem von Fehlannahmen und Vertrauensverlust spricht, ohne die damalige Unsicherheit mitzudenken.
Das ist methodisch nicht sauber.
Man muss unterscheiden zwischen:
- einer Bewertung auf Basis des damaligen Wissens und
- einer Bewertung mit dem Wissen von heute
Wenn man beides vermischt, kommt man zwangsläufig zu verzerrten Urteilen.
Mir geht es nicht darum zu sagen, dass damals alles richtig lief oder dass es keine berechtigte Kritik gab. Die gab es, gerade bei Datenlage und Kommunikation.
Aber die Existenz späterer Entwicklungen wie Omikron ist kein Argument dafür, dass die damalige Risikoeinschätzung grundsätzlich falsch war.
Der Unterschied zwischen „es ist anders ausgegangen" und „man hatte damals Recht" ist entscheidend.