Mir kamen die Zahlen damals auch fishy vor. Ich hab trotzdem mitgemacht.
Weil es die bequeme Position war. Und weil nach Monaten Lockdown, Maske, Kontaktbeschränkungen und diesem permanenten Grundrauschen aus Angst und Genervtheit mehr als bequem einfach nicht mehr drin war.
Kritisches Denken ist nicht kostenlos. Es verbraucht Energie, erzeugt sozialen Konflikt, und es hatte 2021 keinen erkennbaren Payoff. Selbst wenn ich die Inzidenz-Mathe zerlegt hätte — was dann? Ich hätte mich nicht aus dem Lockdown rausrechnen können. Die Regeln wären dieselben geblieben. Ich hätte nur gewusst, dass sie auf wackliger Basis stehen, und das hätte den Alltag nicht leichter gemacht, sondern schwerer.
Also hab ich in den Nachrichten gesehen: OK, es wird sich nicht geimpft, dauert also noch länger. Und war entsprechend genervt von den letzten gallischen Dörfern. Ohne das hinterfragt zu haben. Der Lockdown hat Erschöpfung produziert. Und Erschöpfung erzeugt Compliance zuverlässiger als jedes Argument.
Meine Wut auf die Ungeimpften war, rückblickend betrachtet, umgeleiteter Lockdown-Frust. Der Druck kam von oben — Regierung, Verordnungen, Polizeikontrollen — aber die Wut ging nach unten, auf die Leute, die angeblich schuld waren, dass der Druck nicht aufhört. Klassische Dynamik: Bloss tun was die Mächtigen verlangen, damit es vorbei ist.
Wer monatelang compliant war, erlebt Dissidenz als Entwertung des eigenen Opfers. Ich hab das alles mitgemacht, und du machst es kaputt. Sunk-Cost-Logik, emotional aufgeladen. Am extremsten bei den Pflegekräften, die ihre schweißtreibende Arbeit im Raumanzug verrichten durften: Die hatten den höchsten Preis gezahlt und entsprechend die geringste Toleranz für Widerspruch. Weil Widerspruch ihre Opfer entwertet hätte.
Danach ist nichts passiert. Keine Konsequenzen. Spahn ist Fraktionschef. Die kaputte Inzidenz-Kommunikation hatte keine Kosten. Die DIVI hat ohne Daten Behauptungen aufgestellt und niemand hat nachgehakt. Die Lektion für jeden, der Macht ausübt: Es geht. Die Bevölkerung pocht nicht auf saubere Zahlen, sie pocht auf ein Ende des Drucks.
Institutionen und Akteure lernen empirisch, was funktioniert. Und drei Dinge haben funktioniert: Compliance durch Erschöpfung erzeugen. Die Wut der Erschöpften auf eine Minderheit umlenken. Mit defekten Daten Politik machen, ohne dass es Konsequenzen hat.
Die fossile Industrie arbeitet seit Jahrzehnten mit derselben Struktur wie die kaputte Corona-Mathe: Du brauchst keine Lüge, du brauchst nur genug Rauschen in den Daten, damit die bequeme Interpretation plausibel bleibt.
Trump hat die Ebene verschoben. Merz profitiert von derselben Dynamik: Nach Jahren Krisenmodus ist der Typ im Anzug, der sagt er macht das schon, die pflegeleichteste Option. Das ist Erschöpfungskapitulation.
Und die demographische Dimension: Die politische Infrastruktur, die zum Schutz der Alten aufgebaut wurde, hat die Jungen überproportional belastet. Blockierte Bildung, blockierte Sozialisation, blockiertes Leben. Jetzt nutzt dieselbe demographische Mehrheit ihre Wahlmacht für Klimablock und Besitzstandswahrung. Die Jungen zahlen wieder. Andere Krise, selbes Playbook.