„Die unbewohnbare Erde“ als Experiment der Aufmerksamkeitsökonomie

Im Jahr 2019 erschien David Wallace-Wells’ Buch „Die unbewohnbare Erde“. Es wurde zu einem der kommerziell erfolgreichsten Klimawandel-Bücher der letzten Jahrzehnte und, wenn mich recht entsinne, auch im Umfeld der „Neuen Zwanziger“ durchaus positiv konnotiert. Das Buch zeichnete das Bild einer globalen Apokalypse: unbewohnbare Landstriche, kollabierende Wirtschaftssysteme, Kaskaden des Grauens.

„Es ist schlimmer, viel schlimmer, als Sie denken. Das langsame Voranschreiten des Klimawandels ist ein Märchen, das vielleicht ebenso viel Schaden anrichtet wie die Behauptung, es gäbe ihn gar nicht.“ (David Wallace-Wells)

Während das Werk von Teilen der Öffentlichkeit als „endlich ungeschönte Wahrheit“ gefeiert wurde, kritisierten es viele Wissenschaftler als maßlos übertriebenen „Klimaporno“.

Mit dem zeitlichen Abstand von einigen Jahren und gestützt auf eine erstaunlich wenig beachtete Mitteilung des Weltklimarats – dazu gleich mehr - lässt sich das Werk heute vor allem als ein aufschlussreiches Fallbeispiel für die Mechanismen der modernen Aufmerksamkeitsökonomie lesen.


Die Logik des Marktes: Wenn Fakten zu leise sind

In einer digitalisierten Informationsgesellschaft ist Wissen im Überfluss vorhanden; das knappe Gut ist die menschliche Aufmerksamkeit. Wer im permanenten Fluss aus Nachrichten, Unterhaltungsangeboten und politischen Krisen Gehör finden will, muss sich den Selektionskriterien des Medienmarktes anpassen. Diese Kriterien bevorzugen das Extreme und das Eindeutige, während das Nuancierte und Komplexe oft untergeht.

Genau an dieser Schnittstelle operierte Wallace-Wells. Die Klimawissenschaft steht seit jeher vor einer kommunikativen Herausforderung: Die Berichte des Weltklimarates (IPCC) zeichnen sich durch hohe statistische Präzision aus, sprechen jedoch die vorsichtige Sprache der Wissenschaft – geprägt von Wahrscheinlichkeitskorridoren und Konfidenzintervallen. Für eine breite Öffentlichkeit, die oft schon an den Grundrechenarten scheitert (vgl. Corona-Krise, „exponentielles Wachstum“ oder „Pandemie der Ungeimpten“) ist diese Diktion schwer greifbar.

Wallace-Wells vollzog eine radikale Übersetzung. Er griff nach dem sogenannten RCP 8.5-Szenario und präsentierte dessen extreme Auswirkungen – eine Erwärmung um 4 °C bis 5 °C – als die unweigerliche Realität unseres globalen Pfades. Er erhöhte den rhetorischen Einsatz bewusst, um die gesellschaftliche Erregungsschwelle zu überschreiten.


Die Polarisierungs-Spirale als Reichweitenmotor

Diese Strategie erwies sich als äußerst effektiv, da sie die Dynamiken digitaler Ökosysteme bediente. Reichweite wird heute maßgeblich durch Reibung und Polarisierung generiert. Durch die maximale Zuspitzung der Argumente zwang der Autor das gesamte System zur Interaktion: Aktivisten nutzten das Buch als moralischen Hebel, Skeptiker sahen darin eine Bestätigung für vermeintliche Hysterie, und Wissenschaftler sahen sich gezwungen, die methodischen Verzerrungen des Autors öffentlich zu korrigieren.

Jede dieser Reaktionen steigerte die Sichtbarkeit des Werkes. Das Buch wurde zu einem globalen Bestseller, der sich weltweit schätzungsweise mehrere hunderttausend Mal verkaufte und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurde. Das System belohnte in diesem Fall nicht die wissenschaftliche Ausgewogenheit, sondern die kommunikative Resonanzfläche.


Der Preis des Erfolgs: Die Inflation des Schreckens

Dieser aufmerksamkeitsökonomische Erfolg wirft jedoch Fragen bezüglich der langfristigen Krisenkommunikation auf. Wenn die Öffentlichkeit über Jahre hinweg auf die totale Katastrophe konditioniert wird, droht eine Abstumpfung gegenüber realen, aber weniger spektakulären Entwicklungen. Auch hier drängen sich Parallelen zur Corona- und Impf(pflicht)-Diskussion förmlich auf.

Aktuellen Berechnungen zufolge bewegt sich die Welt derzeit auf einem Pfad von etwa 2,5 °C bis 2,8 °C Erwärmung. Dies bedeutet zwar keine Vernichtung der Zivilisation, zieht aber dennoch regionale Konsequenzen nach sich. Wer jedoch auf das Bild des Weltuntergangs fixiert ist, neigt dazu, beherrschbare Krisen als Normalzustand misszuverstehen. Wallace-Wells’ Alarmismus von gestern riskierte die Gleichgültigkeit von morgen.


Die Dekonstruktion des Fundaments

Die fundamentale Schwachstelle von Wallace-Wells’ medialem Experiment war lange ein offenes Geheimnis - seit kurzem ist sie nicht mehr zu leugnen. Internationale Wissenschaftsgremien haben nämlich das von ihm bevorzugt verwendete RCP 8.5-Szenario jüngst aus den Standardpfaden künftiger Klimamodelle gestrichen.

Dabei trat eine methodische Realität in den Vordergrund, die in der medialen Debatte lange vernachlässigt wurde: Das 8.5-Szenario war nie als plausible Zukunftsprognose gedacht. Es handelte sich von Anfang an um ein rein theoretisches Konstrukt: “RCP8.5 – ausgeschrieben übersetzt „repräsentativer Konzentrationspfad 8.5“ – beschreibt eine Entwicklung, bei der die CO₂-Konzentration in der Luft so stark ansteigt, dass das Treibhausgas die globale Erwärmung um 8,5 Watt pro Quadratmeter verstärkt. Dafür müssten statt wie heute 420 ppm (Teilchen Kohlendioxid pro eine Million Luftteilchen) 1400, also mehr als das Dreifache, in der Atmosphäre sein.” [A. Bojanowski, WELT]
Eine starke modellierte Erwärmung erzeugt im Computer deutlichere Signale, wodurch sich spezifische Klimaeffekte und physikalische Mechanismen isolieren und studieren lassen. Die „Berliner Zeitung“ dazu:

„Obwohl RCP8.5 ursprünglich als Extrempfad gedacht war, arbeiteten viele wissenschaftliche Studien zu Klimafolgen, Extremwetter oder Meeresspiegelanstieg mit diesem Szenario. Auch Medienberichte, Risikoanalysen und Begründungen für klimapolitische Maßnahmen griffen häufig darauf zurück. Viele apokalyptisch anmutende Schlagzeilen beruhten direkt oder indirekt auf diesem Hochszenario, teilweise wurde es dabei als „Weiter so“- oder „Business as usual“-Szenario behandelt, obwohl es ursprünglich vor allem Hochrisiken abbilden sollte.

Dagegen gab es schon länger Kritik. Die Klimaforscher Zeke Hausfather und Glen Peters warnten bereits 2020 im Magazin Nature davor, das extremste Szenario wie den wahrscheinlichsten Zukunftsverlauf darzustellen. Mit der kommenden Modellgeneration CMIP7 verschiebt sich der Fokus nun auf weniger extreme Hochszenarien, die deutlich unter den bisherigen Extrempfaden liegen. Der Politikwissenschaftler Roger Pielke jr. spricht deshalb davon, RCP8.5 sei „offiziell tot“ – gemeint ist, dass es in der kommenden Modellgeneration nicht mehr dieselbe Rolle spielen wird wie bisher.“

Wallace-Wells hat somit ein internes Stresstest-Modell der Klimaforschung zweckentfremdet und es als das reale Schicksal der Menschheit deklariert.

Fazit

David Wallace-Wells’ „Die unbewohnbare Erde“ bleibt ein bemerkenswertes Dokument seiner Zeit. Es hat demonstriert, wie ein Thema durch die Aneignung aufmerksamkeitsökonomischer Regeln ganz oben auf die globale Agenda gesetzt werden kann. Das Buch erschütterte Millionen Menschen und erzeugte politischen Druck.

Gleichzeitig verdeutlicht es die Problematik einer Medienlandschaft, in der die Grenze zwischen wissenschaftlicher Aufklärung und aktivistischer Zuspitzung verschwimmt. Das Werk sagt am Ende weniger über die tatsächliche Zukunft unseres Planeten aus als über die Funktionsweise unserer Öffentlichkeit.

Quellen:

Link zum Artikel, der dem Buch vorausging:
https://nymag.com/intelligencer/2017/07/climate-change-earth-too-hot-for-humans-annotated.html

Carmen Miosga berichtete über die vom Weltklimarat vorgenommene Korrektur übrigens nicht. Auch sonst bislang niemand bei ARD und ZDF.

Berliner Zeitung: Fehlerhafte Klimaforschung: Warum sich Forscher vom Extremszenario verabschieden
https://archive.ph/m2u9d#selection-997.11-997.91

WELT: Warum Klimaforscher ihr dramatischstes Szenario plötzlich abschaffen
https://archive.ph/s8M6X#selection-2091.0-2091.68

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Dem will ich nochmal hinzufügen dass der amerikanische Militärkomplex nur durch den eigenen Erhalt (ohne kriegerische Auseinandersetzung) soviel Schadstoffe ausstößt wie 150 Staaten zusammen. Wenn man noch hinzurechnet was durch die Zerstörung in kriegerischen Auseinandersetzungen noch obendrauf kommt…

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