Die Wolfenstein-Doktrin: Warum der Westen seine eigene Barbarei nicht denken kann

Es gibt eine eigentümliche, fast schon infantile Logik in der Art und Weise, wie die Bundesrepublik Deutschland mit ihren tiefsten systemischen Widersprüchen umgeht. Um diese Logik in ihrer reinen Form zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück in die 1990er-Jahre, genauer gesagt auf das Videospiel Wolfenstein 3D.

Damals entschied die deutsche Justiz, das Spiel indizieren und beschlagnahmen zu lassen. Die Begründung: Die Verbreitung verfassungswidriger Symbole – in diesem Fall Hakenkreuze. Die beachtliche Absurdität dieser Entscheidung lag im Kontext: Wolfenstein 3D war ein Spiel, in dem man als prototyper US-Soldat im Alleingang das NS-Regime niedermähte und Hitler im Mech-Suit eliminierte. Das System verbot also ein Medium, das den Nationalsozialismus in seiner reinsten Form als das absolut Böse inszenierte, mit der juristischen Fiktion, es schütze die Bevölkerung vor der „Verherrlichung“ eben dieses Regimes.

Nicht der Inhalt zählte, nicht das finale Ziel der Handlung, sondern rein die Anwesenheit der Reiz-Symbole. Man glaubte, den Faschismus im öffentlichen Raum besiegt zu haben, indem man seine Pixel-Abbilder bürokratisch wegsperrte – während dieselbe Nachkriegs-Musterdemokratie personell und strukturell noch jahrzehntelang von realen Ex-NS-Funktionären durchsetzt blieb.

Dieser Mechanismus ist kein historisches Kuriosum. Er ist die universelle Blaupause dafür, wie der deutsche Staatsapparat und seine diskursiven Türsteher mit unbequemen materiellen Realitäten umgehen.

Der Fetisch der Äußeren Form

Wir erleben heute die Wiederholung der Wolfenstein-Logik auf geopolitischer Ebene – insbesondere in der Debatte um die deutsche „Staatsräson“ und die bedingungslose Rückendeckung für die israelische Kriegführung im Gaza-Streifen.

Auch hier operiert die offizielle Debatte über eine radikale Entkopplung von Form und Substanz:

Die symbolische Läuterung: Deutschland definiert sich als Musterschüler der Geschichte. Durch die institutionalisierte „Erinnerungskultur“ hat man sich moralisch akkreditiert. Man wähnt sich ontologisch auf der richtigen Seite der Geschichte, weil man die richtigen Vokabeln aufsagt und die richtigen Gedenktage pflegt.

Die Dämonisierung des Boten: Wenn nun internationale Gerichte, Völkerrechtler und Menschenrechtsorganisationen Handlungen eines eng mit dem Westen verbündeten Staates als potenziell genozidal, apartheidartig oder faschistoid einstufen, gerät diese Erzählung in Verzug.

Wie reagiert der Apparat? Nicht etwa mit einer empirischen oder materialistischen Analyse der Verhältnisse vor Ort. Er reagiert wie die Prüfstelle der 90er-Jahre: Er erklärt die Benennung der Realität zum Verbrechen.

Wer Begriffe wie Genozid, Besatzung oder Apartheid im Kontext eines westlichen Staates verwendet, bricht kein sachliches Argument, sondern ein Sakraments-Tabu. Er wird – analog zum Pixel-Hakenkreuz – sofort mit Bannflüchen wie „Antisemitismus“ oder „Extremismus“ belegt. Der Vorwurf dient hierbei selten dem Schutz von Menschen, sondern der Durchsetzung eines politischen Stopp-Signals. Ihren Höhepunkt nimmt die Instrumentalisierung in der Hetzkampagne gegen die Linke.

Die technische Demontage des Vorwurfs

Dass es sich bei der pauschalen Gleichsetzung von Israel-Kritik und Antisemitismus um ein reines Machtinstrument und nicht um eine inhaltliche Notwendigkeit handelt, zeigt ausgerechnet die Funktionsweise moderner KI- und Systemfilter.

Jagst du eine rassistische, antisemitische Verschwörungserzählung (etwa über eine „globale jüdische Weltverschwörung“) durch eine Inhaltsprüfung, blockiert das System. Und das zu Recht: Es handelt sich um Volksverhetzung und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Analysierst du hingegen die materielle Dynamik von Staaten, das Völkerrecht, Siedlungspolitik oder Bündnisinteressen, verweigert kein Filter der Welt die Arbeit. Der Grund ist simpel: Auf logischer und juristischer Ebene ist die Trennung zwischen Rassenhass und staatstheoretischer Kritik trivial.

Dass der deutsche Staatsdiskurs diese Trennung trotzdem reflexhaft verwischt und jede scharfe Kritik zur Verhetzung umdeutet, ist keine intellektuelle Überforderung. Es ist der Verzweiflungsakt eines Moralsystems, das den Boten verbrennen muss, weil es die Botschaft strukturell nicht überleben würde.

Das Verbot schützt nicht die Opfer – es schützt die Illusion
Das Verbot der Symbole im Videospiel hat keinen einzigen realen Neonazi von seiner Ideologie abgebracht. Es diente einzig und allein der Beruhigung des staatlichen Gewissens: Seht her, bei uns gibt es das nicht.

Die Tabuisierung der Kritik an der westlichen Bündnispolitik schützt weder jüdische Menschen weltweit noch schafft sie Sicherheit. Sie dient einzig und allein der Konservierung der eigenen moralischen Aura und der Aufrechterhaltung der transatlantischen Bündnisdisziplin. Es ist der Beissreflex vor der Erkenntnis, dass das „Nie wieder“ bisher an und mittlerweile auch innerhalb den Grenzen des eigenen Machtblocks seine Gültigkeit verliert.

Ich finde da passt der Satz: „Nur die Guten dürfen schießen“ ziemlich gut.

Das Problem dabei ist, alle sind die Guten, alle führen einen gerechten Verteidigungskrieg.

Israel gegen die Hamas, Hamas gegen Israel.

Russland gegen Ukraine, Ukraine gegen Russland.

In ihrem „Gut sein“ steckt die Legitimation für das, wozu wahrscheinlich nur Menschen in der Lage sind. Nur Menschen sind in der Lage das Hirn so zu verrenken, dass sie „im Guten“ derart grausam und bestialisch sind.

Vielleicht sollte man sich langsam von dem Begriff Doppelmoral verabschieden.

Hat eigentlich jemand die „misslungene Hinrichtung“ in den USA mitbekommen?

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Mhhh hinter “Deutschland nach 45” steckt eigentlich ein katholischer Gedanke:

Gerade durch Beichte der Sünde in das Himmelreich aufsteigen.

Gerade weil man zugibt verantwortlich verantwortlich für das Böse gewesen zu sein, darf man bei den Guten mitspielen. Das Verwenden von Pixelhakenkreuzen ist also keine Sünde, die verboten gehört (“Es ist das Böse! Das Böse muss verboten werden!”), sondern das Verbot ist eine Beichte des Bösen (“Es war unser Zeichen, wir waren böse und wir wollen nie wieder böse sein!”)

Die deutsche Staatsräson und das Gedenken “Deutschlands” ist für eine “Exportnation” dann nur noch funktional: Anerkennung durch die Siegermächte (und damit Handelspartner) nur durch Anerkennung der Feinde der Siegermächte auch wenn man selber einer war.

Das ist aber noch nicht ausgesprochen und so lange “die anderen” es nicht sagen, “kann” Deutschland es auch nicht sagen. Aber der rhetorische Ausweg (wenn es zu spät ist) liegt offen auf der Hand: “Wir waren Sünder und weil wir Sünder waren, war es nicht unsere Aufgabe von den Sünden anderer zu reden. Hier ist Kleingeld für den palästinensischen Klingelbeutel. Welt sieh wie sehr wir uns grämen. Braucht jemand Unterstützung beim Wiederaufbau?”

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Kleine Ergänzung durch die geistesgestörten Entwicklungen der Hasskampagne gegen die Linke.

Wenn die Bundesebene mit Koalitionsbruch droht, weil auf Landesebene „falsch“ gewählt wurde, offenbart das das eigentliche Demokratieverständnis des Establishments:

Wählen ist erlaubt – solange das Ergebnis den transatlantischen und ökonomischen Status quo nicht gefährdet.

Während die CSU mit Erpressung eine rote Linie nach links zieht, füttert sie genau das Narrativ der AfD. Die Rechten müssen gar nichts weiter tun, als begeistert zuzuschauen, wie das „Machtkartell“ selbst demonstriert, dass Wahlergebnisse auf Landesebene wertlos sind, sobald sie den Korridor des Konsenses verlassen.

Am Ende wird Politik zur reinen Verwaltung der Alternativlosigkeit:

Enteignungen nach Art. 15 GG? Werden als Verfassungsfeindlichkeit geframt.

Scharfe Völkerrechtskritik? Wird als Antisemitismus gebrandmarkt.

Was übrig bleibt, ist ein demokratischer Handlungsraum, der künstlich so eng gehalten wird, dass jede reale Veränderung vorab erstickt. Ein Lehrstück über die Disziplinierung von oben.

Ne, erzähl mal. Verliere den Überblick und unser Laientheater zur Berlin Wahl bindet gera6meine Aufmerksamkeit.

Wäre dann aber das Verbot nicht so ähnlich, als würde man die vermeintliche Strafe 10 ave Maria aufzusagen als einzig gültige zu sehen und verbieten wenn andere als Geißelung die Nazi-Schweine als Papakameraden durchs Dorf jagen

Wolfenstein ist ein Spiel. Die Sünde ist keines. Deswegen werden keine Austreibungsrituale gefeiert (Feierliche Sprengung einer Hitlerpuppe am 20.Juli), sondern es wird z.B. den Heiligen (Stauffenberg etc.) gedacht.

Die Kontroverse um die Wehrmachtsausstellung war auch so eine Frage: Gab es “unter uns” nicht auch welche die “mit reinem Herzen” “sündigten”? Verirrte Schafe mit falschem Herrn? Guido Knopp präsentierte die Gotteslästerer mit falschem Propheten “Hitlers Helfer”, “Hitlers Frauen”, “Hitlers Mäner”… arme Sünder verführt von falschen Versprechungen…

Dieses Bild zu erschüttern war harte Arbeit. “Banalität des Bösen”, “Ganz normale Deutsche”, “Ganz normale Männer”, “Ganz normale Organisationen”…

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Gib mir ein bisschen Zeit.

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So, ich versuche mal den Bogen hinzukriegen.

So wie du sagst, eine moralische Ebene verführt, und @JakobB den Unterschied zwischen Spiel und echter Sünde markiert, will ich darauf hinaus, dass es eine Frage der Position ist.

Im aktuellen Salon ist zufälligerweise der Begriff gefallen: Inkaufnahme existenziellem Leids. Der erklärt auch den Mechanismus wie es möglich ist, durch den Wechsel der Position, andere zum Opfer zu machen und zwar legitimiert indem existenzielles Leid durch die eingenommene Position zur Nebensache erklärt wird. Vollbeschäftigung kann nicht das Ziel sein, denn ich brauche die Verlierer als Druckmittel.

Antisemetismus gegen Antisemetismus braucht zwingend die Einteilung in richtig und falsch um überhaupt diesen vermeintlichen Gegensatz zu formulieren. Ausländischer Antisemetismus - ganz schlimm. Aber die jüdische Weltverschwörung gibt’s ja - laut dem gesunden Menschenverstand.

Wenn der Bund sagt, wir akzeptieren Demokratie nur dann, wenn uns das Ergebnis passt, dann ist es eben Demokratie (Bund) gegen Demokratie (Land).

Was fällt auf? Die Doppelmoral. Ich sage, dieser Begriff trifft nicht, er verharmlost den eigentlichen Tatbestand. Denn ich muss nur die Position wechseln Es bleibt ein und die selbe Moral. Eine Moral die sich auf beiden Seiten anwenden lässt.

Sobald ich die gute Position wähle, ich gehöre jetzt zu den Guten, ergibt sich die völlig irrationale Legitimation mit einer Moral die gut/böse, richtig/falsch unterscheidet und durch die eingenommene Position beliebig anwendbar wird. Ich bin der Gute, denn meine Kritik ist nicht Antisemetismus, obwohl ich der jüdischen Verschwörung das Wort rede. So kann jede erdenkliche Grausamkeit aus der Irrationalität plötzlich eine rationale Funktion durch die eingenommene Position bekommen.

Da liegt für mich die Chance deines Gedankens Mensch vs Maschine. Die Maschine hat zwar eine erlernte, antrainierte Moral, die aber nur unter bestimmten Voraussetzungen getriggert wird. Der Mensch ist aber unter allen Voraussetzungen getriggert, und muss sich ständig entscheiden, bin ich gut oder bin ich böse, die kognitive Verrenkung die daraus folgt, erklärt die unbedingte Bestrebung auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Aus dieser menschlichen Eigenschaft leite ich den Satz ab, nur die Guten dürfen schießen. Die Seite kann gewechselt werden, die Moral bleibt die gleiche - deshalb ist Doppelmoral im Grunde eine Verharmlosung.

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Ich gehe den Weg mit, Maschine mit heranzuziehen um einen neutraleren Blick auf Sachverhalte zu erhalten. Letzten Endes ist sie dabei aber nur Exekutive der Systemtheorie. Also es wäre/ist auch Menschen möglich. Nur halt nicht immer und zu jeder Thematik. Je mehr Relevanz für das eigene System desto größer Bias bedingt Abweichungen. Da ist Maschine im Vorteil. Aber auch nur wenn man sicherstellen kann dass lerndaten größtmögliche Bias aussortieren hat und Filter auch generalisierten Modus.

Mit dem Punkt Kritik an Israel und gleichzeitig Juden Verschwörung kann ich so nicht ganz mitgehen. Vielleicht lese ich da etwas falsch.

Bin nicht sicher ob ich den anderen Punkt richtig verstehe.

Du würdest doppelmoral nicht benutzen, weil es den Prozess verharmlost.

Ich verstehe doppelmoral als Bewertung mit zweierlei Maßstab. Was ich von anderen einforder muss ich selbst nicht einhalten. Ich würde erstmal sagen, dass diese Umschreibung nicht unbedingt verharmlost, aber mit Sicherheit nicht ausreichend beschreibt. Die Doppelmoral ist Hinweis auf die Funktion. Moral wird als Legitimation genutzt. Und als deLegitimation der vermeintlichen Gegenposition. Vermeintlich da sie nur deshalb eine ist, weil sie beim Gegner liegt. Ansonsten funktional äquivalent

Der Begriff ‚Doppelmoral‘ trifft das Phänomen eigentlich sehr gut allerdings nicht als ‚Verharmlosung‘ oder als moralischer Spezialfall.

Jede Moral operiert mit einem blinden Fleck: Wer den Code Gut/Schlecht anwendet, kann sich in diesem Moment nicht selbst hinterfragen.
Die Markierung der ‚Doppelmoral‘ ist weniger Verharmlosung, als der seltene Moment der Auflösung dieses blinden Flecks. Er ermöglicht eine Beobachtung zweiter Ordnung: Man sieht plötzlich, dass dieselbe Moral funktional auf beiden Seiten austauschbar angewendet wird. Doppelmoral beschreibt also keinen moralischen Defekt, sondern macht die inhärente Paradoxie und funktionale Beliebigkeit von Moral überhaupt erst sichtbar. Vielleicht doch ein Spezialfall derart, dass es die Instrumentalisierung sichtbarer macht