Führt kognitive Beschränktheit zu vorhersehbarem Verhalten?

​Kein grundsätzlicher Widerspruch, aber auch keine vollkommene Zustimmung. Du manövrierst mit Bacon in eine hochakademische, theoretische Ecke, die die Diskussion so weitläufig ausstreicht, dass sie fast hinfällig wird. Wenn man jede Form mentaler Automatisierung schlicht als „Beschränktheit“ umdefiniert, wird der Begriff beliebig.

Routinen sind neurologisch gesehen keine kognitive Beschränktheit, sondern die absolute Voraussetzung für geistige Kapazität und Unbeschränktheit. Erst weil das Gehirn Standardabläufe automatisiert, werden im präfrontalen Kortex überhaupt die Ressourcen frei, um komplex zu denken, zu reflektieren oder kreativ zu sein.

Wo ich dir recht gebe: Ideologie ist das Paradebeispiel für verhaltensorientierte Vorhersehbarkeit und Denkfaulheit. Ein dogmatisches Korsett spult bei jeder Frage dasselbe vorgefertigte Muster ab.

Selbstkritik:

Aus Diskussionen rund ums Thema Gender halte ich mich generell raus. Mein Grundsatz: live and let live - identitätspolitische Diskussionen finde ich außer in der Unterscheidung “Mensch/Milliardär" komplett sinnlos. Aber das ist natürlich auch eine Form selbsterwählter geistiger Beschränktheit.

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Ich verstehe deinen Einwand zum Begriff „Routine“ und den Hinweis auf abstrakte akademische Theorie - und habe vor, das bald in konkrete Betrachtungen mit Alltagstauglichkeit zu bringen. Vorab: Routinen werden dann aufgeschlüsselt, da sie in verschiedenen Modi auftreten und je nachdem kognitive Fähigkeiten freisetzen oder blockieren.

Ich sehe deinen Punkt (nach Bacon) beim Idol des Stammes, dem Menschen als biologisches Wesen - hilfreiche Routinen, die keine kognitiven Beschränktheiten darstellen, beziehungsweise auf den ersten Blick nicht hilfreiche, mit kognitiven Beschränkungen, die genetisch bedingt sind. Mein Bezug werden die anderen Idole sein (der Höhle, des Marktes, des Theaters), weil dort unsere verfügbaren Möglichkeiten liegen.

Definitionsfragen der Geisteswissenschaft werden höchstwahrscheinlich immer Anlass für Diskurse bleiben - sind sind nötig, trotzdem möchte ich mich keinesfalls daran abarbeiten. An Kulturkämpfen werde ich mich ebenfalls nicht beteiligen. Sie taugen aber hervorragend zur praktischen Illustration, deshalb werden sie als Beispiele auftauchen.

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Vielleicht lässt sich die Ausgangsthese auch in die andere Richtung lesen, ohne ihr damit zu widersprechen:

Vorhersehbares Verhalten kann zu kognitiver Beschränkung führen.

Wer sich dauerhaft auf dieselben Reaktionen und Handlungsmuster verlässt, braucht bestimmte Fähigkeiten immer weniger: neue Situationen unterscheiden, Alternativen entwickeln, Widersprüche aushalten, das eigene Verhalten neu bewerten. Was nicht gebraucht wird, baut sich ab oder entsteht gar nicht erst.

Das zunächst nur vorhersehbare Verhalten verengt damit nach und nach auch die kognitiven Möglichkeiten. Irgendwann handelt jemand nicht mehr bloß regelmäßig auf dieselbe Weise, sondern kann andere Möglichkeiten tatsächlich schlechter erkennen oder hervorbringen.

Es entstünde also eine Rückkopplung:

vorhersehbares Verhalten → ungenutzte Fähigkeiten → kognitive Beschränkung → noch vorhersehbareres Verhalten

Kognitive Beschränkung wäre dann zugleich Ursache und Folge von Vorhersehbarkeit. Das wäre für mich eher eine ergänzende Perspektive als ein Gegenargument zur Ausgangsthese.

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