Aus gegebenem Anlass hier ein Diskursangebot. Die These steckt im Titel.
Sehr gute Frage!
In kurz, ja, denn kognitive Beschränktheit ist das Einfallstor für Manipulation.
Die Frage die sich daran anknüpft hatten wir hier im Forum schon diskutiert.
Weitergeführt müsste ja aber auch die Frage gestellt werden, in wie weit die kognitive Fähigkeit unbeschränkt sein müsste, um manipulativen Kräften nicht auf den Leim zu gehen.
Ich will nur nochmal die Begriffe Ideologie, Identität und Plausibilität offen in den Ring werfen. Ohne diese Begriffe jetzt näher aus meiner Perspektive zu beschreiben (kommt bestimmt noch) wird es da aber interessant.
These: Während „Corona“ waren Akademiker besonders anfällig für Manipulation.
Das widerspricht nicht zwingend deinem Statement… ![]()
Der Bildungsgrad zeigt aber nur an, dass Menschen bestimmte Leistungsnachweise zu bestimmten Prüfungszeitpunkten erbracht haben. Das ist ein formales Kriterium. Ich würde daraus keine lebenslange kognitive Gewandtheit herleiten - aber auch nicht das Gegenteil.
Da Bildungsgrad, Einkommensgruppe und sozialer Status häufig nicht nur korrelieren, sondern auch in kausalem Zusammenhang stehen, kann ich mir vorstellen, dass der Mechanismus dort verankert ist: Sozialer und ökonomischer Erfolg stärken den Glauben an das herrschende Prinzip - Misserfolge oder Stagnationen in dieser Hinsicht schwächen ihn. Entsprechend folgt das Verhalten (Zustimmung oder Ablehnung), wenn aus dem herrschenden System heraus Anforderungen formuliert werden.
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Syd, ich habe im Zuge der Covid-Pandemie ähnliche Beobachtungen gemacht, wie du sie beschreibst (was das Verhalten angeht). Auf der kognitiven Ebene haben sich - vermittelt durch Dialoge - sehr viele Steifigkeiten und Beharrungshaltungen gezeigt. Mein Eindruck war bei höheren Bildungsgraden eher ein teilweise hochtrabend konstruierter Moralanspruch, kombiniert mit Blauäugigkeit („die machen doch nichts, von dem sie wissen, dass es nichts nutzt oder sogar schadet“ - also eine völlige Ausblendung von ökonomischen und administrativen Interessen sowie die Verwechslung von Individuum und Subjekt), außerdem der starke Glauben, dass die Entscheider aus objektiv guten Gründen objektiv gute Entscheidungen treffen.
Bei Gesprächspartnern mit nicht ganz so hohen Bildungsgraden zeigte sich mitunter Gleichgültigkeit oder Reaktanz. Widerspruch erfolgte dann häufig aus einer grundsätzlichen Ablehnung dessen, was „die da oben“ wollen - eine stärkere kognitive Beweglichkeit, als bei höheren Bildungsgraden ist mir nicht aufgefallen, aber auch keine geringere.
Meine persönliche Argumentation in Gesprächen war auf die technologischen und biologischen Aspekte bezogen - insbesondere bei RNA-basierten Impfstoffen. Ich sah in der starken Befürwortung eine subjektive Anmaßung von Wissen und Vertrauenswürdigkeit, deren Grundlagen empirisch eher dürftig waren. Insofern war meine Frage, ob man sich bei einem Feldtest hoffnungsvoll für Versuchsreihen zur Verfügung stellen möchte. Skeptisch gemacht hat mich, wie stark die Impfungen in breiter Öffentlichkeit forciert wurden und wie wenig auf andere Möglichkeiten zur Stärkung des Organismus eingegangen wurde (Ernährung, Sozialleben, Bewegung an der frischen Luft, …).
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@Flo s einleitenden Worten und Gedanken zu grundsätzlichen Punkten kann ich viel abgewinnen. Kognition ist nicht an oder aus - sie variiert graduell. Filterblasen spielen eine große Rolle. Interessant finde ich, dass man auf bilateraler Ebene regelrecht damit spielen kann, wenn man die kognitiven Einschränkungen des Gegenübers treffend einzuschätzen vermag.
Ich fang mal mit dem Begriff Plausibilität an.
Ist Plausibilität das Bindeglied/Zwischenglied zwischen Kognition und Wissen?
Es braucht weder Kognition noch Wissen um Plausibilität herzustellen.
Aber:
Plausibilität macht glücklich, denn es verschafft erstmal Sicherheit. Unplausibles dagegen schafft oder verstärkt diese Sehnsucht nach Plausibilität.
Ab wann weiß man das man was weiß? (Dunning Kruger) und ab wann ist Ambiguität schwer zu ertragen.
Was verstehst du denn unter kognitiver Beachränktheit, @Ernst?
Kognitive Beschränktheit ist für mich zunächst schlicht die Begrenzung dessen, was ein Erkenntnisapparat verarbeiten, unterscheiden oder überhaupt denken kann. Ich unterteile sie in passiv und aktiv - was sie in zwei völlig verschiedene Ursachen trennt – und damit auch zwei verschiedene Verantwortlichkeiten.
Passiv ist die strukturelle, nicht selbst verschuldete Grenze: begrenzte Arbeitsgedächtniskapazität, Aufmerksamkeit, Rechenzeit, unvollständige Information (Simons bounded rationality). Dazu kommen Grenzen, die man prinzipiell nicht von innen sehen kann - kognitive Verzerrungen, die unbemerkt wirken, oder das, was McGinn „kognitive Geschlossenheit” nennt – bestimmte Probleme liegen außerhalb der Reichweite einer Erkenntnisform, so wie ein Hund kein Verständnis von Primzahlen entwickeln kann. Passive Beschränktheit ist ein Zustand (also kein Vorwurf).
Aktiv ist die hergestellte Beschränkung: Man könnte mehr wissen, aber man richtet sich darauf ein, es nicht zu tun. Das reicht von motivated reasoning über selektive Informationsauswahl bis zu dem, was in der Erkenntnistheorie „willful ignorance” oder „white ignorance” heißt – Nichtwissen, das eine Funktion erfüllt, weil es Interessen, Identität oder Bequemlichkeit schützt. Charakteristisch ist die Immunisierung: Widerspruch wird nicht geprüft, sondern über Motivunterstellung entsorgt. Aktive Beschränktheit ist ein Vollzug, für den man haftet!
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Allerdings gibt es einen interessanten Zwischenraum: Aktive Beschränktheit sedimentiert mit der Zeit zu passiver. Wer sich lange genug abschottet, verliert tatsächlich die Fähigkeit, bestimmte Einwände zu verstehen – die selbstgewählte Grenze wird zur echten.
Genau hier liegt der Hebel: Passiver Beschränktheit begegnet man mit Werkzeugen (Arbeitsteilung, Verfahren, externe Prüfung), aktiver nur über Anreize und Kosten – und zwar bevor sie sich verfestigt. Nach der Verfestigung ist fast kein Kraut mehr dagegen gewachsen.
Danke. Um mir selber das Weiterdenken leichter zu machen, ohne dass wir dadurch aneinander vorbeireden: Sind wir noch beieinander, wenn ich passive Beschränktheit unter Überforderung und aktive Beschränktheit unter Denkfaulheit abspeichere, oder entfernt sich das zu sehr von deinen Kategorien?
Da sind wir vollkommen beieinander. Beides sind zumindest sehr große und relevante Teilmengen in der jeweiligen Kategorie.
Verrätst du uns den Anlass? Oder soll ich raten?
Nein, bitte rate nicht. Was, wenn du richtig liegst?!
An der These ist was dran. Mit Klischees, Totschlagargumenten und etablierten Blaupausen für Gesprächsverläufe lässt sich die eigene Denkleistung hervorragend bezuschussen. Das macht vorhersehbar.
Ja, an dieses Szenario hatte ich zunächst im Stillen gedacht. Gleichwohl gefällt mir der Ansatz von @Flo auch sehr gut - weil er einen weiteren Bogen zieht.
Den Bogen den der Flo spannt endet bei ihm selbst. Wie immer.
Die Frage nach der Plausibilität ist unbequem und ist in der Selbstreflektion eigentlich der fruchtbarste Moment den man sich denken kann.
Auch wie immer, niemand soll sich gedanklich entblößen, es reicht völlig aus sich mit diesem Gedanken zu befassen.
TurtleTerf macht es einem aber wirklich schwer, nicht einfach damit herauszuplatzen. Ich hatte gerade einen ziemlich heftigen Lachanfall.
Die aktiv hergestellte kognitive Beschränkung (in großen Teilen Denkfaulheit, auch Ignoranz und gezielte Motivunterstellung) ist aus meiner Sicht tragisch - wobei die Tragik darin liegt, dass sie nicht zwangsläufig ist.
Sie zeigt sich als roter Faden, das finde ich spannend. Die Mechanismen der aktiven Abschottung tauchen kulturübergreifend so verlässlich auf, dass man sie fast als anthropologische Konstante lesen kann: die Verketzerei des Zweiflers, das Tabu als institutionalisierte Nicht-Frage, die Immunisierung heiliger Sätze gegen Prüfung. Francis Bacons idola – besonders die idola tribus, die in der Gattung selbst wurzeln – beschreiben genau das schon 1620. Und die griechische Tragödie hat für den Kern sogar ein eigenes Wort: Die hamartia ist oft nicht Bosheit, sondern ein Nicht-sehen-Wollen. Ödipus kann die Wahrheit rekonstruieren – er ist der beste Rätsellöser der Stadt – und wendet diese Fähigkeit systematisch von sich selbst ab. Das ist aktive kognitive Beschränktheit in Reinform, und die Griechen fanden sie tragisch genug für eine ganze Gattung.
Wenn man nach Bacon den (biologischen) Fehler der gesamten menschlichen Gattung als Ursache von Trugschlüssen ernst nimmt, betrifft das genetisch bedingt die gesamte Menschheit. Persönlich interessanter kommen mir die drei weiteren Trugbilder vor, die Bacon eröffnet (Bezug bleibt aktive kognitive Beschränktheit).
Idole der Höhle: Individuelle Fehler durch Erziehung, Gewohnheit und Charakter.
Idole des Marktes: Fehler durch ungenaue Sprache und gesellschaftliche Kommunikation.
Idole des Theaters: Fehler durch Dogmen, Philosophien und falsche Theorien.
Das macht vorhersehbar im Kommunikationsmuster, stimmt. Es macht sogar tatsächlich vorhersehbar im Verhalten, so wie es die These fragt. Nicht nur, was wohl als nächstes gesagt wird, sondern auch, wie als nächstes agiert wird. Dafür muss man zuvor die Konditionierung der anderen Person erkennen. Da gilt: je stärker die Beschränkung, desto leichter ist die Konditionierung erkennbar.
Ich habe die letzten Tage etwas über diese These nachgedacht. Mein Fazit vorweg: Nein, nicht zwingend. Die Gleichung „kognitiv beschränkt = vorhersehbar“ greift zu kurz, weil sie zwei Dinge verwechselt: Kognitive Kapazität einerseits und Routinen bzw. Umweltbedingungen andererseits.
Ich möchte der These gerne drei Gegenthesen entgegensetzen:
1. Vorhersehbarkeit entsteht durch Routine, nicht durch kognitive Grenzen
Sehr viel unseres täglichen Verhaltens ist extrem gut vorhersehbar – das hat aber selten etwas mit kognitiver Beschränktheit zu tun, sondern schlicht mit Effizienz und Mustern (Routinen).
Beispiel: Wer ein neues Projekt im Job startet, erlebt oft Meetings mit neuen Leuten, die aber auf struktureller Ebene immer nach ähnlichen Mustern ablaufen. Wir nutzen bewährte Frameworks, um nicht jedes Mal das Rad neu erfinden zu müssen.
Mathematisch betrachtet: Wenn M die Menge aller theoretisch möglichen Verhaltensweisen ist und V die Teilmenge des tatsächlich vorhersehbaren Verhaltens, dann wird V primär durch Kontext, Normen und Gewohnheiten eingeschränkt – nicht durch ein „Denklimit“. Hochintelligente Menschen verhalten sich in Routine-Situationen genauso vorhersehbar wie alle anderen, weil es ökonomisch sinnvoll ist.
2. Vorhersehbares Verhalten erfordert vorhersehbare Reize (Autopilot-Modus)
Unser Gehirn läuft im Alltag größtenteils auf „Autopilot“ (in der Psychologie spricht man von Skripten oder Schemata). Wir reagieren auf Standard-Situationen mit Standard-Verhalten. Unvorhersehbares Verhalten entsteht oft erst durch unvorhergesehene Reize.
Beispiel: Studierende sitzen im Hörsaal und warten auf den Professor. Der Professor kommt rein, geht zum Pult, startet die Folien. Alle verhalten sich absolut vorhersehbar (Ruhe kehr ein, Laptops werden geöffnet).
Der Twist: Was passiert, wenn der Professor im Clowns-Kostüm auf allen vieren hereinspaziert? Das wäre ein unvorhergesehener Reiz. Interessanterweise würde die Reaktion der Studierenden (Verwirrung, Lachen, Blicke tauschen) dann aber wieder sehr vorhersehbar werden – eben weil das menschliche Verhalten in Ausnahmesituationen recht typischen Mustern folgt.
3. Kognitive Grenzen führen oft zu mehr Unvorhersehbarkeit (Lateraldenken / „Trial & Error“)
Wenn man „kognitive Beschränktheit“ als Mangel an Wissen, Erfahrung oder etablierten Lösungsgegenständen definiert, führt das oft zum genauen Gegenteil von Vorhersehbarkeit: zu kreativen oder chaotischen Ausweichbewegungen.
Wer die Standard-Lösung für ein Problem kennt (viel Wissen/Erfahrung), wählt fast immer genau diesen vorhersehbaren Pfad.
Wer die Standard-Lösung nicht kennt (kognitive Grenze/Wissenslücke), stößt schneller an die Grenze des bekannten Terrains. Um das Ziel trotzdem zu erreichen, müssen neue, unkonventionelle – und damit für Außenstehende völlig unvorhersehbare – Wege ausprobiert werden.
Natürlich ist diese Lösungsfindung mangels Erfahrung manchmal holprig oder fehleranfällig, aber sie ist keineswegs „vorhersehbar“.
Fazit:
Kognitive Beschränktheit führt nicht automatisch zu Monotonie. Vorhersehbarkeit ist meistens das Resultat von sozialer Prägung, Effizienzdenken und stabilen Umwelten. Fehlen diese Standards oder Wissen, wird das Verhalten eher chaotischer und unvorhersehbarer.
Wie seht ihr das?
War dieses komplette
“Ernst"nehmen des gegebenen Anlasses jetzt vorhersehrbar?
Deine Darstellung klingt gut, doch ich widerspreche ihr umfassend. Ich hatte zur Nachschärfung der Titelfrage noch die Unterteilung in passiv und aktiv sowie die Gliederung nach Bacon nachgeschoben - das ist vielleicht zur Verständigung nötig. Insofern sind unsere Antworten nicht gegensätzlich, sondern nur aus unterschiedlichen Perspektiven gegeben.
Deine beispielhafte Erwähnung von Routinen gehört zu den Idolen der Höhle (was grundsätzlich Vorhersehbarkeit ermöglicht), eine gezielte Beharrungshaltung aus ideologischen Gründen gehört zu den Idolen des Theaters. Insofern entziehen sie sich direkter Vergleichbarkeit der Vorhersagen. Beschränktheit führt in beiden Fällen zu Vorhersagbarkeit, wenn dem Beobachter die spezifischen Muster bekannt sind. Eine Routine ist nichts anderes, als eine kognitive Beschränktheit - aus welchen Gründen auch immer. Eine ideologisch getriebene Argumentation kommt aus einem anderen Rahmen, ist vielleicht variabel bei der Wahl der Kanäle, der Einleitung und des Augenblicks - führt aber letztlich immer zum gleichen Thema und zum gleichen Argumentationskern. Das muss bei der Routine nicht zwingend so sein (anderes Idol). Das gleiche Muster kann bei unterschiedlichen Prämissen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Mit Blick auf dich: Ob du dich im Thread melden wirst oder nicht und wie du das Ganze siehst, bleibt zunächst überraschend. Nicht überraschend ist, wie du dich mit dem Thema auseinandersetzt (nachdem du es nunmehr tust). Du tust es reflektiert und ohne das Ergebnis der Meta-Frage mit absoluter Gewissheit vorwegzunehmen und ohne den Anspruch auf absolute Wahrheit.
Überraschen kann man, wenn man sich der beschränkenden Aspekte bewusst ist und sie bewusst umgeht. Im Grunde schließt das aus, dass versteifte Ideologie inhaltlich jemals echte Überraschungen produziert. Kreativität in der Performance ist möglich, bringt aber nichts Neues zustande.
Ich glaube, man kann das Phänomen präzisieren, wenn man es um eine Dimension ergänzt. Aktive Beschränktheit muss man sich leisten können.
Vater, Mutter und Kind essen zu Abend. Vater sagt: “Da würde noch Ketchup zu passen”. Ohne ein weiteres Wort geht Mutter in die Küche und holt ihm den Ketchup.
An einem anderen Abend sagt das Kind den selben Satz. Mutter erwidert: “Der Ketchup steht im Kühlschrank”.