Inhalt vs. Absicht - muss man sich für innere Motive interessieren?

In den Threads die ich bisher gesehen habe, hatte ich manchmal den Eindruck, dass bei gegensätzlichen Meinungen das Motiv der jeweils anderen Seite in der Diskussion die Sachfragen in den Hintergrund rücken ließ. Gelegentlich wurden sich dann Unterstellungen an den Kopf geworfen. Irgendwann stand bei mir folgende Frage an: Muss einen in die innere Motivation des anderen überhaupt interessieren, die dazu führt welche Position zu einem Thema (Inhalt) eingenommen wird?

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Nein muss sie grundsätzlich nicht - das kann allerdings in Ausnahmefällen (!) helfen.

Das Interesse steigt, je weniger nachvollziehbar mir die Position des Gegenübers erscheint. Brauchst du ein Beispiel? (Als Empiriker bin ich ein großer Fan von Beispielen. Vielleicht kannst du dir aber auch einfach eins denken :wink:.)

Warum steigt dein Interesse dann?

Findest du, dass sich die Mühe lohnt? Häufig trifft man auf Ausreden, Strohpuppen und ideologische Blockaden. Wenn es um vertraute Menschen im engeren Kreis geht - das ist mir einen Versuch wert. Ansonsten: Bedauerlicherweise Energieverschwendung, zumindest, wenn man gleichzeitig im Inhalt auf der Stelle tritt und alle Argumente einfach nur immer wiederholt werden - ob in andere Worte oder Beispiele gepackt oder buchstäblich repetierend.

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Was heißt schon „lohnt“? Es geht um Erkenntnisgewinn. Da kann es durchaus helfen, über die reine Sachargumentation hinaus etwas über die „innere Motivation“ des Gegenübers erfahren zu wollen. Beispiel Flacherdler, man kann grob vier Gruppen unterscheiden (Übersicht von Chatty zusammengestellt):

  1. Überzeugte Anhänger
    Diese Menschen glauben wirklich, dass die Erde flach ist oder zumindest, dass die offizielle Darstellung der Erdgestalt Teil einer groß angelegten Täuschung sei. Für sie geht es nicht um ein Gedankenspiel, sondern um ein Weltbild. Oft steht dabei weniger die Geometrie der Erde im Mittelpunkt als ein tiefes Misstrauen gegenüber Wissenschaft, Regierungen oder anderen Institutionen.
  2. Menschen, die das Thema als intellektuelles Puzzle behandeln
    Manche reizt die Herausforderung, gegen den Mainstream zu argumentieren. Sie wissen möglicherweise selbst nicht sicher, was sie glauben, genießen aber das Sammeln vermeintlicher Gegenbeweise und das Debattieren. Das kann eine Art Denksport sein: “Kann ich eine Position verteidigen, die fast alle für falsch halten?”
  3. Trolle und Satiriker
    Gerade im Internet gibt es viele, die aus Spaß provozieren oder andere zum Nachdenken bringen wollen. Manche nutzen die Flache-Erde-Idee als Parodie auf Verschwörungstheorien oder um Reaktionen hervorzurufen. Von außen ist oft schwer zu erkennen, wer scherzt und wer ernst meint.
  4. Content Creator
    Einige produzieren Videos oder Beiträge, weil das Thema Aufmerksamkeit erzeugt. Ob sie selbst daran glauben, lässt sich häufig nicht feststellen. Kontroverse Inhalte können Reichweite und Einnahmen bringen.

Ich habe übrigens durchaus Sympathie für die Kategorie 2.

Bei einem anderen rabbit hole, in das ich vor ein paar Tagen tief hinabgestiegen bin, scheint es sich ähnlich zu verhalten. Gerade höre ich mir einen Vortrag von Prof. Heinz-Jürgen Voss an und überlege mir: 1, 2, 3 oder vier?

„Also, wenn man konsequent evolutionsbiologisch vorgeht, dann kommt man gerade nicht bei einer binären Geschlechtlichkeit, schon gar nicht als Ziel an, sondern durchaus bei einer Variation von Möglichkeiten, die in einer Biologie, in einer Evolution, durchaus auch geschätzt wird. Wir können natürlich Theoriebildung noch ändern, aber im Moment ist das der konkrete Sachstand.“

Die Herleitung ist interessant; sie führt über die - evolutionsbiologisch ja völlig korrekte - Vorteilhaftigkeit einer Rekombination des Erbguts mit nicht-binären Ergebnissen. Das allerdings auf die - aus Sicht des Überlebens der Spezies nachteiligen - nicht-binären Zustände der Geschlechtlichkeit (Intersexualität) zu übertragen, ist absurd und aufgrund der Voss zueignen professoralen Ernsthaftigkeit des Vortrags auch ein bisschen lustig. Was denkst du: 1, 2, 3 oder 4? Oder etwas ganz anderes?

@syd Ich denke, es ist nicht 3. Bewerten möchte ich Herrn Voß damit nicht.

Nebenbei: Die anderen Optionen lassen sich teilweise auch geschickt kombinieren. 1 mit 4 und 2 mit 4. Das Argument der Arterhaltung kann ich nachvollziehen. Es werden Eizellen und Samenzellen benötigt, um ein Säugetier durch Fortpflanzung erfolgreich zu reproduzieren. Oder hat die Wissenschaft inzwischen andere Erkenntnisse zutage gefördert? Wir reden nicht von genetischen Nachbildungen oder dergleichen Manipulationen - auch nicht über die Frage der Anzahl biologischer Geschlechter oder Geschlechteridentitäten.

Betreibst du gerade 2?

Jedenfalls bleibt‘s bei mir dabei: Die intrinsische Motivation, warum sich jemand zu einem bestimmten Thema in einer bestimmten Weise äußert interessiert mich grundsätzlich nicht. Erkenntnisgewinn - okay, wenn einem an dieser Erkenntnis über eine bestimmte Person gelegen ist. Ich schaue vor allem auf den Inhalt und setze lieber dort meine Ressourcen ein.

Nein, ich praktiziere gerade nicht 2. Dein Eindruck beruht offenbar auf einem Missverständnis:

Dass zur Fortpflanzung Ei- und Samenzelle nötig sind, ist unstrittig – da sind wir uns einig, und das war auch nie der Punkt meiner Kritik.

Sie richtete sich gegen einen konkreten Argumentationsschritt bei Voss: Er begründet die “Vielfalt der Geschlechtlichkeit” damit, dass genetische Rekombination evolutionär vorteilhaft sei und daher “durchaus auch geschätzt” werde. Rekombination erzeugt aber Vielfalt auf Populationsebene (z. B. bei Immunsystem oder Stoffwechsel) – das ist tatsächlich fitnessförderlich. Intersexuelle Zustände dagegen sind Abweichungen von einem stark kanalisierten, binären Entwicklungsprozess (Hoden- vs. Ovarentwicklung) und gehen im statistischen Mittel mit einem Fitnessnachteil einher, nicht mit einem Vorteil. Beides mit demselben Wort “Variation” zu belegen und daraus dieselbe - im Sinne des Arterhalts positive - Bewertung abzuleiten, ist der Fehlschluss, den ich meinte – unabhängig von der Frage, wie viele Geschlechter oder Geschlechtsidentitäten es gibt.

Das ist also in der Tat keine Debatte über genetische Manipulationen oder die Zahl der Geschlechter, sondern über die Gültigkeit dieser einen Argumentationsbrücke bei Voss.

Der Vortrag findet sich hier ganz unten, die zitierte Stelle knapp nach Minute 23. Gerne mit etwas Vorlauf gucken für Kontext:

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