Inwiefern braucht es linke Identitätspolitik?

Vor einigen Jahren wurden innerhalb der Linken sehr große Debatten über Identitätspolitik geführt. Mittlerweile ist das Thema innerhalb der Linken miener Wahrnehmung nach aus der Mode gekommen wie Skinny Jeans. Kürzlich deutete Ole (Nymoen), ich glaube, es war im WfA-Podcast, an, dass er selbst zu der Zeit, als das Thema heiß war, vielleicht manchmal zu hart ins Gericht mit der Identitätspolitik gegangen ist und es durchaus Identitätspolitik brauche.

Nun wäre meine Frage, inwiefern es linke Identitätspolitik wirklich braucht. as sind wichtige Anwendungsfälle für Identitätspolitik? Was nimmt sie für eine Rolle ein? Ist sie inhaltlich begründbar oder eher ein strategisches Instrument? Inwieweit ist das Konzept von „Klasse“ ein identitätspolitisches?

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Es braucht keine politische Fokussierung auf Identität, der Kern der Linken muss Sozialpolitik sein, wobei man das auch vereinen kann , z.B. anonymisierte Bewerbungen bei Wohnungs- oder Ausbildungssuche.

Identität ist eine gesellschaftliche Aufgabe.

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Zu Identitätspolitik habe ich eine sehr ausgeprägte Meinung die nicht viele teilen. Vielleicht müssen wir zu Anfang mal klären, was wir darunter verstehen.

Ich verstehe unter Identitätspolitik: Politik, die Ansprüche aus Gruppenzugehörigkeit ableitet. ‘Als X habe ich Anspruch auf Y.’

Im Gegensatz dazu: Universalistische Politik, die Ansprüche aus Menschsein ableitet. ‘Alle Menschen haben Anspruch auf Y.’

Das sind keine zwei Strategien für dasselbe Ziel - das sind Gegensätze. Identitätspolitik macht Kategorie-Zugehörigkeit zur Voraussetzung für Rechte. Universalistische Politik macht sie irrelevant.

Zur Frage ob es ‘linke Identitätspolitik braucht’: Welche Legitimation hat eine Politik, die sich nicht von universellen Menschenrechten ableitet? Die einzige Antwort ist: Macht selbst. ‘Ich bin X, deshalb steht mir Y zu’ ist keine Begründung, sondern ein Herrschaftsanspruch.

‘Linke Identitätspolitik’ ist damit für mich ein Oxymoron. Linke Politik beruht auf universellen Menschenrechten. Was sich davon nicht ableiten lässt, ist nicht links - egal wie es sich nennt.

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Ich würde sagen, es geht darum , Diskriminierung abzubauen.

Was einem zusteht, muss immer ausgehandelt werden.

Natürlich kann man sich dabei auf universelle Menschenrechte berufen, aber das wird ja leider oft ignoriert.

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Ich stimme dir größtenteils zu. Also wo ich nicht mitkann, sind so Begriffe wie „mehrfach-marginalisiert“, wo so eine Art von Opfer-Hierarchie aufgebaut wird, die linker Politik zuwiderläuft, weil, wie du richtig schreibst, Ansprüche an die Gesellschaft universell sein sollten.

Dennoch würde ich meinen, dass Identitätspolitik wie etwa durch die Bürgerrechtsbewegung in den USA auch gute Resultate erzielt hat und sich daher in gewissen Punkten möglicherweise tatsächlich gut eignet, um mehr Anhänger für linke Politik zu gewinnen. Aber stelle ich mal so in den Raum..

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"MLK hat ja gerade nicht argumentiert ‘Als Schwarze haben wir Anspruch auf X.’ Sein Argument war: ‘All men are created equal’ - und dieses universelle Prinzip wird Schwarzen verweigert.

Die Bewegung kämpfte dafür, dass universelle Rechte auch für Schwarze gelten. Sie berief sich auf die Verfassung, auf Menschenrechte - auf Prinzipien die für alle gelten.

Das wäre für mich der Unterschied zwischen Emanzipationspolitik und Identitätspolitik: Die eine sagt ‘Universelle Rechte müssen auch für uns gelten’, die andere sagt ‘Unsere Identität begründet spezifische Ansprüche’.

Zum Punkt mit der Opferhierarchie stimme ich übrigens zu. Das ist strukturell dieselbe identitäre Logik wie bei Klemm: Beide konkurrieren darum wer ‘mehr unterdrückt’ ist und leiten daraus Ansprüche ab. Der Unterschied ist nur, welche Kategorien zählen sollen.

Es ist ja quasi die moderne Unterstellung der Republikaner, dass die Bürgerrechtsbewegung identitär gewesen sei - und daher ‘Rassismus gegen Weiße’. Umso wichtiger, den Unterschied klar zu halten."

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Ich meine auch gar nicht unbedingt MLK selbst, sondern u.a. Malcolm X, Black Power usw. Das waren schon identitätspolitisch orientierte Personen bzw. Strömungen, haben auch bei manchen ein Bewusstsein geschaffen, das sie in weiterer Folge politisiert hat.

Ob Klemm ebenfalls eine Opferhierarchie herstellen will, kann ich auf Grundlage der Aussagen, die ich von ihr gehört bzw. gelesen habe, nicht beurteilen, aber ich bin auch kein Klemm-Anhänger.

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Ist das wirklich Identitätspolitik? Dann müssten wir uns erstmal auf eine Definition einigen.

Identitätspolitik ist für mich: Ansprüche aus Gruppenzugehörigkeit ableiten. ‘Als X habe ich Anspruch auf Y.’

‘Black is beautiful’ war eine Antwort auf systematische Entmenschlichung - es behauptete Würde die aktiv verweigert wurde. Ist das Identitätspolitik oder ist das Widerstand gegen Entmenschlichung?

Malcolm X hat nicht gesagt ‘Als Schwarzer habe ich Sonderansprüche’. Er hat gesagt ‘Das weiße System wird uns nie als Menschen behandeln, also müssen wir uns selbst organisieren.’ Das ist strategischer Pessimismus bezüglich des Universalismus der Weißen - nicht identitäre Anspruchslogik.

Die Frage wäre: Ist Identitätsbetonung als Reaktion auf Unterdrückung dasselbe wie Politik die Ansprüche aus Identität ableitet?

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‘Als X habe ich Anspruch auf Y.’ - Verstanden, dass das deine ungefähre Definition von Identitätspolitik ist. Sehe ich ja grundsätzlich auch so, ohne das werten zu wollen.

Aber ich würde aber im Fall der Bürgerrechtsbewegung schon sagen, dass es sich dabei zumindest zum Teil um Identitätspolitik handelt. Auch wenn sie von außen auferzwungen war. Wenn du es ganz krass sehen willst: ATeile der Bürgerrechtsbewegung haben nicht einen universalistischen Auftrag gesehen, teilweise sich sogar pauschal gegen Weiße gerichtet oder gleichzeitig rassistische Fremdzuschreibungen akzeptiert und reproduziert.

Stimmt schon. Malcolm X und die Black Panthers waren radikaler. Gleichzeitig hab ich die immer so wahrgenommen, dass die auch nicht so viel Erfolg hatten und am Ende zur Rechtfertigung massiver Repression der Schwarzen gedient haben.

Um noch mal auf die Eingangsfrage zurückzukommen:

Es ist der Linken, hier und anderswo, nie gelungen, das Identitätsthema zum Vorteil zu nutzen.

Der Kritik aus den konservativen und faschistischen Lagern wurde nichts entgegengesetzt, diese profitierten enorm von der Gelegenheit.

Die Identitätspolitik der Linken hat also leider nur Menschenhass salonfähig gemacht.

Aus diesem Grund darf die Linke Identitätspolitik nicht mehr kommunikativ als Aushängeschild nutzen.

Die sollten lieber den Spieß umdrehen und bei leder sich bietenden Gelegenheit die Unmoral anprangern.

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Das scheint mir die entscheidende Differenz zu sein. Natürlich ist Identitätsbetonung als Reaktion auf Unterdrückung notwendig und Identitätspolitik ist ja auch ursprünglich so intendiert. Das Merkmal, anhand dessen die Unterdrückung geschieht, und das durch die Unterdrückung anhand dieses Merkmals zu einem Merkmal wird, das eine Gruppenzugehörigkeit herstellt, muss zwangsweise auch bei Fragen der Organisation des Widerstandes entscheidend sein. Nur darf das eben nicht dahin kippen, dass man daraus positiv “Ansprüche aus Identität” ableitet. Man muss sich auch immer bewusst bleiben, dass die Einordnung in eine Gruppe gerade durch die Machtausübung strukturiert war und man Machtstrukturen fortschreibt, wenn man die Annahme einer Zugehörigkeit als mehr als nur funktional begreift.

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Weil ich vorher darauf gestoßen bin

Diesen Beitrag würde ich klar als identitätspolitische Betrachtung einordnen. Braucht es so etwas?