Ist Jörg Baberowski wirklich sooo Problematisch?

Er antwortet (2018) selber:

Baberowski würde sagen: Tugendterror. „Es ist allgegenwärtig in der Universität. Glaubensbekenntnisse, die abgegeben werden. Man fragt: Wer bist du? Und nicht: Was sagst du?“

(man muss das journalistische Format nicht mögen, aber immerhin treten verschiedene Protagonisten nacheinander auf die Bühne und man bekommt “den einen” Studierenden der anscheinend für die Kritik zuständig war.)

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Diese Frage fand ich interessant (zu Baberowski).

Für einen Verbündeten im Geiste (aus linker Perspektive) halte ich ihn keinesfalls - die Begründung folgt. Produktiv lesen, oder auch gerne verwerten, lassen sich seine Ansichten sehr wohl, und zwar in Gegenthesen. Ich bitte um Geduld mit mir, dass ich die Hebelkette mal wieder bemühe. Ich möchte sie einfach als Instrument pflegen und prüfen.

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Warum die Hebelkette die Postliberalismus-Debatte nicht gewinnen, sondern sich ihr entziehen muss

Baberowskis Diagnose finde ich im Kern richtig beobachtet: Die Verrechtlichung der Politik verdrängt das Politische zugunsten moralisch aufgeladener Individualsphären. Nur zieht er (meiner Ansicht nach) den falschen Schluss daraus. Er fragt: liberal oder postliberal, welche Werte, welche Gemeinschaft soll die Gesellschaft zusammenhalten? Das ist eine Frage des Überbaus. Formale Freiheit legitimiert die Verfügungsgewalt über Kapital, ohne sie je zu berühren – ob man diese Freiheit liberal feiert oder postliberal beklagt, die Eigentumsordnung, um die es eigentlich geht, bleibt in beiden Fällen unbesprochen.

Die Hebelkette – zivilgesellschaftliche Organisierung, Staatspolitik, transnationale Durchsetzung, ökonomische Gegenmacht – nimmt an dieser Debatte deshalb nicht teil, weil sie gar nicht auf derselben Ebene operiert. Ein Sitz im Investitionsausschuss, ein Vergaberecht mit Tariftreueklausel, eine durchsetzbare Lieferkettenhaftung: Fragen materieller Kontrolle, die sich unter jeder kulturellen Flagge identisch stellen. Wer glaubt, mit einem Sieg im Kulturkampf wäre die Verteilungsfrage mitentschieden, verwechselt Bühne und Maschinenraum.

Das ist aber kein Freibrief zur Gleichgültigkeit. Zwei der vier Kettenglieder – staatliche Regulierung und transnationale Durchsetzung – funktionieren nur, solange es unabhängige Gerichte, Koalitionsfreiheit und funktionierende internationale Regelwerke gibt. Genau diese Infrastruktur steht bei den postliberalen Rechten – von Deneen bis Vance – auf der Abschussliste, garniert mit der Rhetorik, man verteidige “das Volk” gegen “die Eliten”. Man kann die Systemfrage für nachrangig erklären. Gleichgültig gegenüber ihren praktischen Folgen darf man nicht sein. Wer die Hebel bedienen will, muss die Werkbank verteidigen, auch wenn er sich für ihre Lackierung nicht interessiert.

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