Ist „komplett“ das Gegenteil von „komplex“?

Hallo zusammen,

Ich mag den Gedanken, dass das Gegenteil von „komplex“ das Wort „komplett“ sei, wie von Stefan schon 1-2x im Podcast erwähnt.

(so wie ich es verstanden habe, weil alle Informationen vorhanden und eindeutig sind)

Mich interessiert, woher das kommt. Meine eigene lazy Recherche hat mich leider nicht weiter gebracht :slight_smile:

könnt ihr mich aufklären? Danke!

Hast du mal diesen Prompt versucht?

Kann man komplex als Gegenteil von komplett ansehen? Gibt es Autoren, die das so setzen (Systemtheorie, Netzwerktheorie…)

Gute Idee, aber leider kein Ergebnis. ist es bei dir anders?

Das hier ist die frei verfügbare Version bei mir.

Die Begriffe komplex und komplett sind nicht unbedingt als Gegensätze im strengen Sinne zu verstehen, aber sie können in bestimmten Kontexten als Gegensätze interpretiert werden, insbesondere in spezifischen theoretischen Disziplinen wie der Systemtheorie und Netzwerktheorie.

1. Komplex vs. Komplett:

  • Komplex bezeichnet etwas, das aus vielen miteinander verbundenen Teilen besteht, deren Interaktionen nicht einfach zu durchschauen oder zu kontrollieren sind. Ein komplexes System ist durch Unvorhersehbarkeit, Nichtlinearität und vielfältige Wechselwirkungen gekennzeichnet.

  • Komplett (im Kontext von Systemen) kann auf etwas hinweisen, das in seiner Struktur oder seinem Zustand alle notwendigen Teile oder Aspekte umfasst – eine Art Vollständigkeit oder Ganzheit.

Der Gegensatz könnte in dem Sinne verstanden werden, dass ein komplettes System ein System ist, das in sich geschlossen und „vollständig“ ist, während ein komplexes System durch eine Vielzahl von nicht-linearen und dynamischen Wechselwirkungen charakterisiert wird, die über die einfache Vollständigkeit hinausgehen. Man könnte also sagen: Ein komplexes System ist nicht unbedingt komplett, wenn man „Vollständigkeit“ als eine Art statischen Zustand betrachtet, in dem alle Teile einfach zusammengefügt sind. Komplexität hingegen kann auch dynamische, fortwährende Veränderungen und offene, miteinander interagierende Prozesse beinhalten.

2. Autoren und Theorien:

Es gibt in der Tat Autoren und Denkrichtungen, die diese beiden Begriffe in einem Zusammenhang betrachten, der eine Art Gegensatz implizieren könnte:

  • Niklas Luhmann (Systemtheorie): Luhmann verwendet die Unterscheidung zwischen komplexen und vollständigen Systemen oft im Kontext der sozialen Systeme. Ein vollständiges System ist eines, das alle nötigen Komponenten für seine Existenz hat, während ein komplexes System durch seine verschiedenen, oft unvorhersehbaren Interaktionen charakterisiert wird. Luhmann fokussiert sich darauf, wie soziale Systeme durch Kommunikation in einem dynamischen Wechselspiel organisiert sind, was auf eine Form von „Unvollständigkeit“ hinweist – sie sind nie vollkommen abgeschlossen.

  • Friedrich Hayek (Komplexität und Systemtheorie): Hayek argumentierte, dass Märkte und andere soziale Systeme nicht vollständig kontrollierbar sind, da sie zu komplex sind, um in ihrer Gesamtheit geplant oder vollständig verstanden zu werden. In seiner Theorie wird also die Komplexität als Gegensatz zu einem theoretischen Ideal von „Vollständigkeit“ oder „Vollkommenheit“ betrachtet, das eine einfache Kontrolle und Vorhersehbarkeit suggerieren würde.

  • Stuart Kauffman (Komplexität und Netzwerktheorie): In seiner Arbeit zur Komplexität und zu selbstorganisierenden Systemen spricht Kauffman davon, dass komplexe Systeme nicht einfach als vollständige oder statische Entitäten verstanden werden können. Sie sind in einem ständigen Prozess der Selbstorganisation, und ihre Struktur entwickelt sich durch Interaktionen, die nicht unbedingt auf eine vollständige oder abschließende Form hinzielen.

3. Fazit:

Der Begriff komplex kann in der Tat als ein Konzept angesehen werden, das der Vorstellung eines kompletten Systems widerspricht, vor allem, wenn man ein komplettes System als ein geschlossenes oder vollständig erklärbares System betrachtet. Komplexität ist oft mit der Idee verbunden, dass ein System mehr als die Summe seiner Teile ist und dass die Beziehungen und Interaktionen innerhalb des Systems eine Bedeutung haben, die über die einfache Addition von Einzelteilen hinausgeht.

Es gibt also durchaus Autoren, die in ihren Arbeiten auf diese Art von Unterscheidung eingehen. Komplexität in vielen Theorien stellt in gewisser Weise das Gegenteil von Einfachheit und Vollständigkeit dar, indem sie Dynamik, Unvorhersehbarkeit und offene Strukturen betont.

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Ich bin ein grosser Freund der Kolmogorov-Komplexität. Das ist die theoretische minimale Textlänge die man braucht um einen Sachverhalt trennscharf zu dekodieren.

Mit anderen Worten: Komplex ist was Inhalt verliert, wenn man es zu stark verkürzt wieder gibt

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Ja, das ist ziemlich gut umrissen! Thx für die Aufschlüsselung

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Der Gedanke dieses Gegensatzes ist gut, lässt sich glaube ich aber besser für objektive Datensätze als für die Selbst- und Weltdeutung der Menschen vor dem Hintergrund eines (wiederum selbstreferentiellen) Weltverständnisses anwenden. Hier gibt es kein “komplett” - zumindest keines, das dem Subjekt einer menschlichen Gemeinschaft zugänglich wäre -, denn das Leben ist nicht als ein operationalisierbares Problem zu verstehen, dass sich durch Klärung der Parameter, Einhegung des Problembereichs etc. “lösen” lässt. Alle Fragen der politischen Entscheidungsfindung und Beurteilung sind letztlich an diese zentrale Sinngebung geknüpft. Was nicht heißt, dass es nicht auch hier relativ sehr starke Eindeutigkeiten gibt.

Ich habe es als Pointe gemeint. Das Soziale ist natürlich grundsätzlich komplex. Aber ich finde immer wieder witzig, wie häufig man doch 1+1=2 einfach drüberkommentieren kann, wo ansonsten so sinnlos viel diskutiert wird.

Ja, hier kann man auch noch die Pointe machen, dass für die Leute, die jetzt so tun, als seien die Geschehnisse rund um Venezuela so verwirrend, dass man damit überhaupt nicht klarkommen kann, absurderweise “komplex” und “komplett” in eins fallen. Denn sie wollen uns gerade die Attributierung als “komplex” als “komplette” Beschreibung der Situation verkaufen, um Bewertungen zu umgehen.

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Für diesen Bereich wäre also die Gegenüberstellung “komplex” - “klar” sinnvoller…

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Ich glaube, hier geht es um etwas anderes als die reine Komplexität. Stefan’s Pointe zusammengefasst (wenn ich sie richtig verstehe) ist “Es ist nicht zu komplex zum Erklären, sondern komplett erklärbar – Politiker wollen es nur nicht."

Das ist ja ein politischer/rhetorischer Vorwurf, kein informationstheoretischer. Ich kann einen komplexen Zusammenhang komplett beschreiben aber habe dafür viele Bits nötig (==> hohe KK). Oder ich kann eine einfache Situation komplett beschreiben mit wenigen Bits (==> niedrige KK).

Der Vorwurf hier ist aber ja eher dass so getan wird als bräuchte man hohe KK obwohl niedrige reicht. Nicht was die Informationsdichte tatsächlich ist. Oder?

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Zur Stefan-Exegese s. o.

In deiner Aufdröselung verwechselst du aber m. E. “komplex” mit “kompliziert”: Komplizierte Sachverhalte lassen sich mit größerer Rechenleistung aufschlüsseln, komplexe aber eben nicht in einem Netz versch. Faktoren mit einem klaren “Schaltplan” auflösen; man muss zwangsweise zu Vereinfachungen greifen in der Hoffnung, der Realität möglichst nahe zu kommen.

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Das Layout hier ist nicht super klar… Ich gehe davon aus das du auf meinen Beitrag reagiert hast?

Meine Aufdröselung war ein Reply zu @fdoemges‘s Beitrag zur Kolmogorov-Komplexität (KK). Keine Allgemeine Aussage zum Thema.