Kann mir jemand die Bedeutung des Auftritts von Bad Bunny beim Super Bowl für die Linke erklären?

Ich kann mir nicht helfen, aber mir war der Hype um den Auftritt von Bad Bunny bei der Super Bowl und wie er in linken Medien (insbesondere in Deutschland) rezipiert wurde, ein wenig unheimlich.

Ich finde seine Musik ja ganz gut, seine Show war auch sehr interessant, aber dass jetzt so eine Heroisierung einer Einzelperson stattfindet, noch dazu für einen Auftritt, der wahrscheinlich mehrere Millionen an Einnahmen für ihn und mehrere hundert Millionen für die Veranstalter und Sponsoren einbringt, verstehe ich beim besten Willen nicht ganz.

Auch nach dem Lesen mehrerer Artikel darüber, dass viele Hispanics sich mit dem Auftritt identifizieren können, bin ich ein wenig ratlos. Natürlich empfinde ich ein wenig Schadenfreude darüber, dass diese Sache ein Ärgernis für Trump darstellt und ich finde jeden Meter, der für Antifaschisten an kultureller Hegemonie zurückgewonnen werden kann, extrem wichtig (ob das überhaupt der Fall ist, wird sich aber erst zeigen), aber ich blicke nicht ganz durch.

Kann mir jemand erklären, was es mit diesem Phänomen auf sich hat?

Ich denke im direkten Vergleich mit der „Turning Point USA All American Halftimeshow“ zeigt es sich für mich recht eindeutig; zumindest auf symbolischer Ebene: Die Community wird gefeiert; das Leben der ‚einfachen Arbeiter‘ in den Mittelpunkt gerückt; gleichgeschlechtliche Liebe und normgebundene Ehe nebeneinander gestellt; der Respekt vor Kindern thematisiert usw. usf. Währenddessen stehen bei der anderen Show Künstler als unantastbare Götter alleine auf der Bühne und singen darüber, dass sie gecancelt würden und doch bloß ihr Bier in Ruhe trinken wollen. Tiefergehend sehe ich darin auch nichts (halte ich aber auch im Rahmen so einer Show für nicht möglich) und deinen Kritikpunkt kann ich absolut teilen: Die NFL profitiert zu einem großen Maß von rassistischen Realitäten in den USA und hat emanzipatorische Momente bisher rigoros bekämpft (Kapernick). Man kann Bad Bunny und Kendrick Lamar also schon vorwerfen, dass sie bloß ein Feigenblatt im „Brot & Spiele“-System sind.

Für den Kulturkampf würde ich dem Ganzen dennoch eine gewisse Bedeutung zusprechen, alleine aufgrund des sichtbar Machens und der entlarvenden Reaktionen der MAGA-Bewegung.

Die Daily Show hat es für mich persönlich gut zusammengefasst: https://www.youtube.com/watch?v=vfpQbv7CmeE&pp=ygUWZGFpbHkgc2hvdyBqb24gc3Rld2FydA%3D%3D

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Ich fand auch schon die Euphorie im Vorfeld erdrückend. Das hat ein wenig den Raum für Überraschungen genommen. Man wollte eine Show, die man politisch gut interpretieren wollte, man hat sie im Vorfeld schon als Meilenstein bezeichnet und hat sie bekommen. Dass er sich weigert, Englisch zu sprechen, finde ich ja irgendwie interessant, aber wurde identitätspolitisch von vielen Kommentatoren (sowohl von liberaler als auch konservativer Seite) aufgeladen.

Und es stimmt: Das System NFL hat selbst sehr starke reaktionäre Elemente, die nicht angegriffen wurden.

Ich verstehe nicht ganz, was hier mit “kulturelle Hegemonie zurückgewinnen” gemeint ist. Der Auftritt selbst zeigt doch bereits, dass es keine stabile Einheit oder hegemoniale Zustimmung gibt, sondern ein stark politisiertes Feld. Die entscheidende Frage ist doch eher, wie daraus institutionelle Macht und konkrete Entscheidungen entstehen, nicht unbedingt wie man den politischen Gegner noch weiter kulturell bearbeitet.

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Wobei man klugscheißerisch einwerfen könnte, dass er “God bless America” auf Englisch gesagt hat :smile:

Diese Aussage verstehe ich wiederum nicht ganz. Dass ich kulturelle Hegemonie wichtig finde, heißt nicht, dass sich andere Fragen nicht stellen würden.

Vielleicht reden wir etwas aneinander vorbei. Wenn du von “kulturelle Hegemonie zurückgewinnen” sprichst, wäre es hilfreich, das konkreter zu machen. Geht es um Diskursverschiebung, Mehrheiten oder institutionelle Durchsetzung?

Für mich sind das keine getrennten Ebenen. Eine symbolische Show kann Ausdruck vorhandener Milieus sein, aber daraus folgt noch keine strukturelle Machtverschiebung. Das wirkt zunächst eher wie symbolische, vielleicht auch “woke” Sichtbarkeit im Mainstream als wie gefestigte, organisierte Gegenbewegung.

Trump arbeitet übrigens selbst stark mit Symbolik, nur eben politisch institutionell besser angebunden.

Jetzt verstehe ich, worauf du hinauswolltest. Und klar: An den Verhältnissen ändert so ein Auftritt eben erst mal nix, er kann einen Beitrag dazu leisten, dass sich Dynamiken in der Zivilgesellschaft entfachen, durch die Widerstand erleichtert wird.

Du triffst aber einen sehr wichtigen Punkt, außer ich übersehe vielleicht etwas, aber können sich alle mal wieder einkriegen und den Auftritt mal als das betrachten, was er ist? Eine gelungene Aktion, aber keine Zäsur?

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sehe es ähnlich wie OP. für mich ist es generell schwierig ein Massenspektakel nicht durch eine ideologiekritische Brille zu betrachten. Ausserdem reden wir hier immer noch vom Welthegemon USA, der so oder so als Sieger einer solchen Veranstaltungen rausgehen wird.

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Woher ist das Meme? Das ist ja großartig.

Kannst du da vlt reflektieren, was für Interessen da alle zusammenkommen und wer gegen wen ausgespielt wird? Interessen wirken nicht einfach mechanisch.

Das hier:

ist eben nicht so eindeutig. Es ist keine klare Soft Power der USA, wenn nicht nur die Show selbst, sondern auch die gesellschaftliche Teilung des Landes mit übertragen wird. Was soll denn da kommuniziert werden “Hurra, wir sind uns uneinig!”?

ist eben nicht so eindeutig. Es ist keine klare Soft Power der USA, wenn nicht nur die Show selbst, sondern auch die gesellschaftliche Teilung des Landes mit übertragen wird. Was soll denn da kommuniziert werden “Hurra, wir sind uns uneinig!”?

ironischerweise ja. denn wir erleben ja schon seit jahren wie viele anglo-diskurse einfach 1:1 importiert werden und krampfhaft versucht werden hier auch noch auszuschlachten. insofern würde es mich nicht gross überraschen, wenn irgendwann in naher zukunft dann ähnliche aktionen wie zB die alternative halbzeitshow mit kid rock (ich hasse es, dass ich allein schon weiss, dass es so etwas gab) hier in europa einzug halten würden.

andererseits repräsentiert die ganze show, die ja nur so vor progressivismus (welchen ich freilich auch unterstütze) strotzt - und in der zukunft vlt. als vorbote für die blaue, demokratische konterrevolution interpretiert werden wird - halt diese “andere” usa, die für alles andere steht, als die trumpsche maga-usa. kann man abfeiern, aber eigentlich sollten nz-hörer:innen genug kontext haben, um das eben nicht zu tun…

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Das zeigt gerade nicht, dass so etwas wie “Der Hegemon gewinnt immer” gilt.

Wenn interne Spaltungen exportiert werden wie progressive Symbolik hier, ein Kid-Rock-Gegenprogramm dort, dann wird keine amerikanische Einheit kommuniziert, sondern ein amerikanischer Deutungskonflikt. Das ist etwas anderes als stabile Soft Power.

Von einer kohärenten und unangefochten legitimen gesellschaftlichen Führung kann man derzeit kaum sprechen. Politik wirkt sichtbar umkämpft und diese Umkämpftheit wird mitübertragen. Das ist zumindest ambivalent.

Hinzu kommen kulturelle und institutionelle Filter: US-Diskurse werden hier nicht einfach kopiert, sondern medial gerahmt, in eine andere Parteienlandschaft eingebettet und vor dem Hintergrund eigener historischer Konflikte neu gedeutet. Es gibt hier viel eher Amerikakritik und nationale Unterschiede. Ihre Wirkung verändert sich dadurch erheblich.

Die Show repräsentiert daher nicht “die USA”, sondern einen bestimmten eine mögliche Konstellation, aber keine Einheit. Es handeln hier konkrete Akteure mit bestimmten ökonomischen, kulturellen und politischen Interessen, die versuchen, ihre Perspektive als allgemein gültig darzustellen. Genau diese Interessen sollte man im Blick behalten.

Deshalb würde ich nicht so einfach sagen, dass die USA als Ganzes automatisch als Gewinner hervor ginge. Globale Sichtbarkeit ist nicht gleich gesellschaftliche Stabilität.

Um Sichtbarkeit geht es allerdings durchaus, wenn man beachtet, dass das Ganze ja eine der größten Werbeshows ist, die es überhaupt gibt. Da wird mehr Werbung als Sport gezeigt.

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