Kathleen Stock: Material Girls. Warum die Wirklichkeit für den Feminismus unerlässlich ist

1. Die vier Grundannahmen des Transaktivismus

In Material Girls bezieht Kathleen Stock „ausdrücklich Position für die materielle Wirklichkeit“ (S.347). Schritt für Schritt durchquert sie die Argumente von Transaktivisten. Sie beginnt damit vier Axiome des Transaktivismus herauszuarbeiten:

1. Alle Menschen verfügen über einen inneren Zustand namens Geschlechtsidentität.

2. Bei manchen Menschen stimmen das bei Geburt zugewiesene Geschlecht und die Geschlechtsidentität nicht überein. Das sind Transmenschen.

3. Was einen Menschen zu einer Frau oder einem Mann macht, ist nicht das biologische Geschlecht, sondern die Geschlechtsidentität.

4. Die Existenz von Transmenschen verpflichtet alle anderen dazu, nicht länger das biologische Geschlecht rechtlich zu schützen, sondern die Geschlechtsidentität. (S.19)

2. Drei Modelle das biologische Geschlecht zu bestimmen

Gameten-Modell:

Weibliche Menschen produzieren relativ wenige, statische große Gameten (Eizellen). Männliche Menschen relativ viele, mobile und kleine Gameten (Spermien). (S.61)

Chromosomen-Modell:

Entweder besitzt oder fehlt einem Menschen ein Y-Chromosom. Ein männlicher Mensch ist ein Mensch mit einem Y-Chromosom, ein weiblicher Mensch ist ein Mensch ohne Y-Chromosom. Unabhängig von Variationen (bspw. X, XXX, XXXY) ist das Fehlen oder Vorhandensein eines Y-Chromosoms entscheidend (S.63).

Cluster-Modell:

Gameten-Modell und Chromosomen-Modell sind essentialistische Erklärungen, die jeweils ein bestimmtes Merkmal (Gameten, Y-Chromosom) als wesentlich und ausreichend für die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht herausstellen. Die Grenzen der beiden Konzepte sind nicht ganz klar (46,XX/46,XY). Für die Mehrheit der Menschen geben sie dennoch eine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Geschlecht (S.64)

Das Cluster-Modell lässt sich von der Vorstellung inspirieren, was eine Spezies ist. Natürliche Auslese bringt durch Rekombination und Mutation Arten mit genetischer Vielfalt hervor, zum Beispiel Tiger ohne Streifen (S.66).

Philosoph Richard Boyd hat für biologische Arten das Modell des „homöostatischen Eigenschaftscluster“ entwickelt. Das Modell definiert Arten anhand eines relativ stabilen Clusters und morphologischen Merkmalen und der ihnen zugrunde liegenden Mechanismen, die diese Merkmale hervorbringen. Weder ein bestimmtes Merkmal in der Gruppe noch ein zugrundeliegender Mechanismus ist wesentlich für die Zugehörigkeit zu einer Art. Bestimmten Mitgliedern einer Art können Merkmale oder Mechanismen fehlen. Zum Beispiel Tiger ohne Streifen. Solange ausreichend wichtige Eigenschaften durch eine ebenfalls ausreichende Anzahl relevanter Mechanismen versursacht werden, zählt es dennoch als Mitglied der Art. Das gewährt Raum für genetische und morphologische Variationen. Das Modell kann angepasst werden und genutzt werden, um die Kategorien männlich und weiblich zu erklären. (S.67)

Morphologische Merkmale des Menschen sind: Fortpflanzungsorgane bei der Geburt, Genitalien, nach der Pubertät Gesichtsstruktur, Skelettstruktur, Muskel- und Fettverteilung, Brüste oder keine, Körperbehaarung oder keine, Stimmlage usw. Kein Merkmal wird als wesentlich erachtet und es ist nicht erforderlich, dass ein Individuum alle Merkmale aufweist. Es reicht genügend Merkmale aufzuweisen (S.68f).

Schwierigkeiten mit Grenzfällen für biologische Kategorien sind normal. An der metaphorischen Grenze jeder biologischen Kategorie gibt es schwierige Fälle. Wo liegt die genaue Grenze zwischen einer bestehenden biologischen Art und einer neuen Art, die sich aus der ersten entwickelt? Natürlich gibt es Fälle, die nicht eindeutig zu einer der beiden Arten gehören oder zu beiden zu gehören scheinen. Gehören Töwen und Liger zu den Arten Tiger oder Löwen, zu beiden oder zu keiner? (S.76)

Nicht nur biologische Kategorien kommen an ihre Grenzen, sobald es um Grenzfälle geht. Ist Pluto ein Planet oder nicht? Manche sagen er sei massiv genug, um eine Kugel zu bilden und die Sonne zu umkreisen, andere sagen er sei kein Planet, da er nur aus Eis bestehe und nicht auf der gleichen Ebene liegt wie andere Planeten (S.76).

Schwierige Fälle sind keine Besonderheit der Kategorien weiblich und männlich. Kategorien sollen uns helfen die Alltagswelt und jene Fälle zu bewältigen, denen wir am häufigsten begegnen. Dass es schwer ist, ungewöhnliche Fälle zu kategorisieren ist nicht verwunderlich (S.77).

Das binäre Geschlecht erfordert lediglich, dass die große Mehrheit der Menschen, in die eine oder die andere Kategorie fällt. Nach den drei Modellen von Geschlecht tun sie das (S.77).

Warum ist Geschlecht wichtig? Weil wir ohne aussterben würden. Zur Fortpflanzung werden je ein Männchen und ein Weibchen benötigt, weshalb die Fähigkeit, das andere Geschlecht zu erkennen so wichtig ist, dass davon auszugehen ist, dass sie schon immer vorhanden war (S.97).

Auch wenn Anhänger der Theorie der Geschlechtsidentität behaupten, das Erkennen des Geschlechts des Gegenübers sei manchmal schwer, ist es faktisch in den allermeisten Fällen nicht schwer (S.97)

3. Geschlechtsidentität

Es gibt Zweifel daran, ob Nicht-Transmenschen überhaupt eine sogenannte Geschlechtsidentität aufweisen (S.140).

Dennoch sollen Transmenschen in ihrer Geschlechtsidentität immer bestätigt werden. Das ist nuancierter ausgedrückt als zu sagen, dass »alles, was Transmenschen über ihre Geschlechtsidentität behaupten, wahr ist«. Dass jemand Gründe haben könnte, seine eigene Geschlechtsidentität zu verbergen und andere zu täuschen, wird ausgelassen. Allein das Subjekt kann Auskunft geben über den eigenen inneren Zustand (S.143).

Auch die Geschlechtsidentität nutzt verschiedene Modelle, die sich teils ergänzen und teils widersprechen.

Geschlechtsidentität ist angeboren

Im falschen Körper geboren sein: Medizinische Eingriffe korrigieren den fehlerhaften Körper und bringen ihn so mit der Geschlechtsidentität in Einklang, genauso, wie der Körper von Geburt an hätte sein sollen (S.144).

Das Modell der angeborenen Geschlechtsidentität lässt außer Acht, dass sich eine abweichende Geschlechtsidentität auch deshalb in der Entwicklung einer Person ausbilden könnte, weil sie das Ergebnis des eigenen Platzes dieser Person in der Welt ist: was weiblich und was männlich ist und ob die Person zu diesen Vorstellungen passt (S.149).

Medizinisches Modell

Nach diesem Modell liegt der Transidentität eine Geschlechtsdysphorie zugrunde, die eine psychische Krankheit ist, die medizinisch behandelt wird.

„Ungewöhnlich für eine psychiatrische Diagnose zielt die sanktionierte Behandlung darauf ab, zuerst den Körper und nicht (direkt) das Bewusstsein zu verändern.“ (S.151)

Das medizinische Modell hat den Vorteil, die Bereitstellung von Operationen und Hormonen als medizinische Notwendigkeit darzustellen. Es gewährt so die Finanzierung durch Krankenkassen (S.152).

Nach medizinischem Modell ist das Individuum nicht selbst dafür verantwortlich eine nicht übereinstimmende Geschlechtsidentität zu haben. Es ist Ausdruck einer Krankheit. (S.152) Zwar pathologisiert das medizinische Modell Transmenschen, doch gleichzeitig normalisiert es sie auch in der Gesellschaft, da es das Phänomen in den medizinischen Bereich überführt, mit dem die meisten Menschen bereits vertraut sind. Krankheit oder Behinderung verlangt von der Gesellschaft diese zu akzeptieren (S.152).

Queertheoretisches-Modell:

Queer-Theoretikern zufolge sind „die meisten oder alle Kategorien für Menschen, einschließlich der wissenschaftlichen, vollständig sozial konstruiert“ (S.155).

Geschlecht ist Performance und die bevorzugte Performance ist diejenige, die bestehende Machtstrukturen und Hierarchien aufbricht oder »queert« (S.155).

Die Idee der angeborene Geschlechtsidentität und das im falschen Körper geboren Narrativ werden als irrige Versuche angesehen, etwas grundsätzlich Soziales zu naturalisieren, um es legitimer erscheinen zu lassen. Verbreitung uneindeutiger Identitäten werden als radikaler politischer Akt verstanden (S.156).

Doch wenn binäre Geschlechtskategorien sich auflösen, ist nicht ganz klar, woran man dann überhaupt noch festmachen kann, was für einer Geschlechtskategorie man zugehörig ist. Das mag für die Queertheorie selbst nicht von großer Bedeutung zu sein, aber für die Politik ist es das allemal (S.157). Wenn eine nicht angepasste Geschlechtsidentität nur dazu dient, bestehende Machthierarchien performativ zu durchbrechen, dann untergräbt es den Schutz und ihre Aufnahme ins Gesetz (S.158).

Identifikations-Modell:

Nach Stuart Hall sind kulturelle Identitäten grundsätzlich keine feststehenden, stabilen Fakten über das Selbst, sondern sind Prozesse aktiver Identifikation. Daraus kann ein Identifikations-Modell der abweichenden Geschlechtsidentität entwickelt werden (S.159)

Das Identifikations-Modell besagt, dass sich jemand unbewusst und bewusst mit einem anderen identifiziert (S.159). Das Ergebnis der Identifikation besteht darin, dass sich die identifizierende Person in gewisser Weise wie die Person verhält, mit der sie sich identifiziert hat (S.160). Identifikation kann sowohl dysfunktional sein, sie kann aber auch eine große Quelle von Wert und Bedeutung für einen Menschen sein, was durch Zugehörigkeit und Akzeptanz verstärkt wird (S.160).

Auf die Geschlechtsidentität übertragen bedeutet es, dass die abweichende Geschlechtsidentität darin besteht, dass man sich im psychologischen Sinne mit einer bestimmten Frau oder dem Weiblich-Sein als allgemeinem Objekt oder Ideal identifiziert (S.161).

Eine starke Identifikation geht oft mit Dysphorie einher, als aversive emotionale Reaktion auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers und dessen Differenz zu demjenigen Körper, den man sich wünscht (S.162).

Im Vergleich zum Modell der angeborenen Geschlechtsidentität „geht das Identifikationsmodell nicht von einer eigenständigen Tatsache einer Geschlechtsidentität aus, die hinter den Emotionen, Wünschen, Sehnsüchten und Überzeugungen der Ähnlichkeit steht. Die Identifikation ist die abweichende Geschlechtsidentität und nicht deren Symptom oder »Ausdruck«.“ (S.165)

Ansprüche auf Geschlechtsidentität können dem Identifikations-Modell zufolge unterschiedlich bewertet werden. Eine abweichende Geschlechtsidentität muss nicht zwangsläufig bekämpft werden und man muss nicht zwangsläufig mit ihr ringen, denn die Identifizierung muss nicht maladaptiv sein (S.165). Das Identifikationsmodell lässt zu, dass eine Identifikation nicht immer unhinterfragt bejaht werden muss (S.167).

Kann eine Nicht-Transperson eine starke emotionale Identifikation mit dem Ideal ihres eigenen Geschlechts aufweisen? Möglicherweise ja. Bspw. Frauen, die immer wieder Schönheitsoperationen unternehmen oder Männer, die einem Bodybuilding Ideal hinterhereifern, könnten eine solche Identifikation aufweisen. Die meisten Nicht-Transmenschen spüren jedoch keine Geschlechtsidentität: Sie haben keine starke Identifikation mit dem Ideal des einen oder des anderen Geschlechts (S.172).

Doch auch Nicht-Transmenschen können eine Identifikation mit dem anderen Geschlecht haben. Zum Beispiel bei einer Butch-Lesbe, die sich mit Maskulinität identifiziert oder Männer, die Stereotyp weibliche Verhaltensweisen wie Fingernägel lackieren oder schminken praktizieren (S.172).

Das impliziert, dass für die Formulierungen von Richtlinien Trans-Sein nicht im Sinne einer abweichenden Geschlechtsidentität definiert werden sollte, da offenbar auch Nicht-Transmenschen diese aufweisen können (S.173).

Wenn ein Großteil der Menschen keine Geschlechtsidentität aufweist, kann sie kein grundlegender Teil des Selbst sein, der für Identitätsdokumente relevant wäre (S.174).

4. Zwei Konzepte: FRAU und MANN

Die Queer Theory hat kein Monopol darauf, wie Begriffe dargestellt werden. Die Zugehörigkeitsbedingungen zu einem Konzept ist eine Frage nach den Bedingungen, die vorab für ein Konzept gelten. Was eine Entität aufweisen oder wie sie beschaffen sein muss, um unter jenen Begriff zu fallen (S.178).

Wenn man gefragt wird ‚Was ist eine Frau?‘ ist man nicht aufgefordert, eine willkürliche Norm festzulegen. So funktionieren Konzepte nicht. Stattdessen wird man gebeten, zumindest teilweise darüber nachzudenken, wie die Wörter Frau und Mann in verschiedenen Kontexten tatsächlich verwendet werden, und welche Voraussetzungen diese Verwendungen gemeinsam haben (S.178).

Was müssten man einem Nicht-Muttersprachler erklären, damit sie FRAU und MANN verstehen? (S.179)

Was sind Konzepte? Laut Stock sind es kognitive Werkzeuge oder Fähigkeiten, die uns allen helfen, die Welt, in der wir leben, besser zu bewältigen. Der Besitz von Begriffen hilft uns dabei, verschiedene Sorten von Dingen wahrzunehmen (S.179).

Ob jemand über ein Konzept verfügt, zeigt sich daran, dass derjenige mithilfe sensorischer Informationen zuverlässig mit mehr Treffern als Fehlern das Konzept identifiziert und über dieses Konzept in verschiedenen Kontexten sprechen kann (S.180).

Wenn viele keine Geschlechtsidentität aufweisen, erschließt sich nicht, warum die Geschlechtsidentität die Voraussetzung für die Konzepte FRAU und MANN sein soll (S.184).

„Menschen können nicht anders, als zu sehen, was sie sehen.“ (S.254)

Bullshit is back

TurtleTERFs Monster of the Week: Kathleen Stock. Gleiche Leier, anderer Anstrich.

Letzte Woche sollte Helen Joyce erklären, warum trans Menschen angeblich Fetischisten, Traumatisierte, fehlgeleitete Homosexuelle, Narzissten oder Opfer einer Ideologie seien. Diese Woche liefert Kathleen Stock das neue Erklärungsmenü: angeborene Geschlechtsidentität, psychische Krankheit, Queer-Performance oder psychologische Identifikation mit einem Geschlechtsideal.

Die Erklärungen widersprechen sich teilweise grundlegend. Das Ergebnis bleibt trotzdem immer gleich:

Cis Menschen wissen, was trans Menschen wirklich sind.
Trans Menschen selbst wissen es nicht.

Viel neue Bleiwüste, keine neue Substanz.

Ich werde deshalb nicht jedes der aufgereihten Modelle einzeln abarbeiten. Das würde nur die Inszenierung bestätigen, hier liege ein kompliziertes philosophisches Problem vor. Der ganze Text lässt sich auf drei Behauptungen herunterbrechen:

  1. Obwohl kein einzelnes biologisches Merkmal Mann und Frau eindeutig bestimmt, können Außenstehende aus einem Bündel von Merkmalen zuverlässig das „wahre“ Geschlecht feststellen.

  2. Transgeschlechtlichkeit ist keine Erkenntnis über sich selbst, sondern irgendeine erklärungsbedürftige Identifikation, Krankheit, Performance oder Fehlanpassung.

  3. Deshalb soll die Fremdzuschreibung cisgesellschaftlicher Gatekeeper mehr gelten als die Selbstauskunft des betroffenen Menschen.

Keine dieser Behauptungen wird bewiesen. Sie werden vorausgesetzt und anschließend mit Seitenzahlen dekoriert.

Besonders hübsch ist das sogenannte Cluster-Modell.

Gameten reichen nicht. Chromosomen reichen nicht. Kein einzelnes körperliches Merkmal reicht. Genitalien, Fortpflanzungsorgane, Skelett, Stimme, Fettverteilung, Brüste, Körperbehaarung und weitere Eigenschaften werden deshalb in einen Topf geworfen. Kein Merkmal ist notwendig, niemand erklärt ihre Gewichtung, und „genügend“ davon sollen irgendwann das richtige Geschlecht ergeben.

Das ist keine Definition. Das ist Biologie nach Punktetabelle.

Wer vergibt die Punkte? Was zählt wie stark? Wie viele Merkmale sind „genug“? Was geschieht, wenn sie in verschiedene Richtungen weisen?

Die Antworten bleiben offen. Sicher ist nur: Der trans Mensch selbst darf das Ergebnis nicht bestimmen.

Wenn ein cis Beobachter aus Stimme, Körperbau, Behaarung und Genitalien ein Gesamturteil bastelt, heißt das materielle Wirklichkeit. Wenn ein trans Mensch den eigenen Körper, das eigene Erleben und die eigene Biografie betrachtet und zu einem anderen Ergebnis kommt, heißt es plötzlich fragwürdige Geschlechtsidentität, psychologische Identifikation oder Ideologie.

Das Modell ist erstaunlich flexibel, solange ein cis Fascho entscheidet.

Die Kriterien sind flexibel. Die Herrschaftsrichtung ist starr.

Noch aufschlussreicher wird es im Vergleich zu TurtleTERFs letzter Kronzeugin.

Joyce erklärte trans Menschen unter anderem mit Autogynophilie, Trauma, fehlgeleiteter Homosexualität, Narzissmus und ideologischer Verblendung. Stock bietet nun mehrere andere Modelle an, die sich auch untereinander nicht sauber vertragen. Mal ist Geschlechtsidentität angeboren, mal medizinische Störung, mal soziale Performance, mal Identifikation mit einem Ideal.

Offenbar sind sich die angeblichen Verteidiger der Wirklichkeit nicht einmal darin einig, was Transgeschlechtlichkeit eigentlich sein soll.

Das stört sie nicht, weil die Erklärung austauschbar ist. Fest steht nur das gewünschte Urteil:

Der trans Mensch kann nicht recht haben.

Mal Fetisch, mal Trauma, mal Krankheit, mal Identifikation, mal Performance. Das Monster wechselt jede Woche. Der cis-chauvinistische Schluss bleibt derselbe.

„Verwirrt“ sind hier offensichtlich nicht die trans Menschen. Verwirrt sind die Leute, die jeden Monat eine neue Theorie brauchen, um am selben Vorurteil festhalten zu können.

Der Doppelstandard könnte kaum deutlicher sein.

Cis Menschen müssen keine angeborene Geschlechtsidentität nachweisen. Sie müssen keine Theorie ihrer Entstehung liefern. Niemand untersucht ihre Kindheit, ihre Sexualität, ihre Traumata, ihre Identifikationen oder ihre mögliche spätere Reue. Niemand verlangt von ihnen, Chromosomen, Gameten, Skelett, Hormonstatus und Körperbehaarung zu einer widerspruchsfreien Gesamterzählung zu verbinden.

Ihr Geschlecht gilt einfach.

Trans Menschen dagegen bekommen ein vollständiges Prüfverfahren:

  • Gewissheit gilt als ideologische Verfestigung.

  • Zweifel gilt als Beweis des Irrtums.

  • Dysphorie gilt als Krankheit.

  • Fehlende Dysphorie gilt als mangelnde Echtheit.

  • Geschlechtsstereotype gelten als verdächtig.

  • Abweichungen von Geschlechtsstereotypen ebenfalls.

  • Medizinische Transition gilt als Realitätsflucht.

  • Keine medizinische Transition gilt als bloße Behauptung.

Cis Menschen haben ein Geschlecht. Trans Menschen haben einen Fall.

Auch die Behauptung, viele cis Menschen hätten gar keine Geschlechtsidentität, ist weniger tiefsinnig, als Stock offenbar glaubt. Wer von Körper, sozialer Wahrnehmung, Namen, Dokumenten und Umwelt lebenslang widerspruchslos bestätigt wird, muss diese Übereinstimmung selten bewusst bemerken. Menschen spüren auch ihre Atmung meist erst dann deutlich, wenn etwas sie behindert. Daraus folgt nicht, dass sie vorher keine hatten.

Das vermeintliche Fehlen einer empfundenen cis Geschlechtsidentität beweist daher vor allem das Privileg, sie nie erklären zu müssen.

Zum Schluss wird aus alltäglicher Wahrnehmung auch noch ontologische Wahrheit. Menschen könnten anhand sensorischer Informationen Frau und Mann meistens zuverlässig erkennen; sie könnten schließlich „nicht anders, als zu sehen, was sie sehen“.

Aber Menschen sehen nicht einfach nackte Natur. Sie wählen Merkmale aus, gewichten sie und ordnen sie gelernten Kategorien zu. Genau dafür wurde zuvor das Cluster-Modell eingeführt. Das vermeintlich unmittelbare Sehen besteht also selbst aus einer sozialen Klassifikation.

Man kann sich außerdem irren. Menschen halten cis Frauen für Männer, trans Männer für cis Männer, intergeschlechtliche Menschen für eindeutig männlich oder weiblich und korrigieren ihre Einschätzung später. Dass eine Zuordnung häufig gelingt, macht sie im konkreten Fall nicht unfehlbar.

Der Trick besteht darin, eine umstrittene Klassifikationspraxis als bloßes Erkennen der Wirklichkeit auszugeben. Die Person, die klassifiziert, verschwindet. Ihr Urteil erscheint anschließend als Natur.

Unter der philosophischen Tapete liegt damit genau das alte faschistische Denkgebäude:

Eine äußere Ordnung bestimmt, was ein Mensch wirklich ist. Die betroffene Person darf Empfindungen, Wünsche und Symptome beisteuern, besitzt aber keine verbindliche Deutungsmacht über sich selbst. Widerspricht sie, wird der Widerspruch als Krankheit, Ideologie oder Fehlidentifikation verarbeitet.

Stock verteidigt daher nicht „die Wirklichkeit“. Sie verteidigt einen gesellschaftlichen Eigentumsanspruch:

Cis Menschen sollen weiterhin festlegen dürfen, wer als Mann oder Frau gilt.
Trans Menschen dürfen höchstens Material für diese Entscheidung liefern.

Das ist TurtleTERFs Monster of the Week: Kathleen Stock.

Gleiche Leier, anderer Anstrich. Viel Philosophie-Kostüm, kein neues Argument.

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Du hast mich verstanden. Ist doch wunderbar.

Ich bitte drum: Faschistin. Ich bin eine Frau. Noch mal @Stefan wie lange akzeptierst du das in deinem eigenen Forum, obwohl du bereits drauf hingewiesen wurdest?

Das Buch zu lesen, soll helfen. Und aus dem Zusammenhang ergibt es sich für Menschen, die erkenntnistheoretische Offenheit besitzen auch.

Müssen sie auch nicht. Sie haben ein biologisches Geschlecht. Das reicht.

Die Atmung ist auch keine rechtlich geschützte Kategorie.

Ein zweites Mal Faschismus. Wie toll @Stefan !

@Stefan oder ist es dir unangenehm Stellung zu beziehen, nachdem ihr beide schon mal einen Podcast zusammen gemacht habt? …

troll mich bitte nicht

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Am Ende stehen Männer dann doch immer hinter Männern.

Möchte auch nur kurz dran erinnern, dass du für die Inhalte hier haftbar bist, sobald du Kenntnis von ihnen erlangt hast. Das hast du offensichtlich.

Oha, eine so offensichtliche und öffentliche Drohung… Hut ab!

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Der Name ist Programm, klar.

Ich frage mich bei all rumgeTERFE: why the fuck do you care so much? Wo ist das echte Problem, der echte Schaden, der eine systemische Betrachtung und die Radikalisierung notwendig macht?!? Let people live.

Bei all den Problemen, die es im Sinne des Intersektionalen Feminismus für die Verbesserung aller Menschen und die Befreiung von Frauen anzugehen gibt verpuffst du SOVIEL Energie bei einem Non-Issue, einem erfundenen Problem. Komm auf die gute Seite der Macht!

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Wer einen Hinweis als Drohung liest, zeigt viel über sich selbst.

Dafür, dass man sich ansonsten Vernunft auf die Fahne schreibt, hat man sich ja viel mit in den Inhalten beschäftigt. Viel Spaß unter euch Männern, dann habt ihr zukünftig die Erklärung, warum so wenig Frauen einschalten.

Ich frage mich auch: wen interessierts?

(Achtung Autoritätsargument: Ich war ein paar Jahre (Therapiezwang nach altem Personenstandsrecht) mit der Begleitung von jungen Menschen beschäftigt.)

Nichts, was hier terfig vorgebracht wird hat dabei die entscheidende Rolle gespielt. Größtes “Problemfeld” war Minderjährigkeit und die daraus entstehenden Verantwortungs- und Zurechnungsproblematiken von jeweiligen Willen und Unumkehrbarkeit von Entscheidungen… und auch da kann man nur von Prozessen sprechen und keinen “Ergebnisrastern”…

Der “Vorwurf” bleibt dann höchstens: Also ICH bin mir einfach so richtig sicher, wie kannst DU dir sicher sein, hast Du Beweise?!?!?!

Dann verkommt “Geschlecht” zu einem Arschloch, jeder hat irgendwie eins also kann jeder irgendwie mitreden… und jetzt mal unabhängig von persönlichen Horrorszenarien (die ja auch nichts neues sind: “Ich habe nichts gegen Schwule! Aber wenn mich einer angraben sollte…!”, “Was ist wenn ein Transmann neben mir in der Klokabine sitzt!!!” “Was ist, wenn sich jemand als Hund identifiziert!!!”), sehe ich nichts davon als gesellschaftlich relevant an, denn Gesellschaft besteht aus mehr als der eigenen Bettdecke und Klokabinen und niemand von uns muss hier, oder im Bus, oder beim Einkaufen ein Nacktbild, einen Nachweis über den Hormonhaushalt, die Chromosomenverteilung oder was auch immer abgeben… da bleibt für mich schon die Frage warum man mit soviel Eifer durch die Welt gehen und bei anderen in die Hose oder das Blutbild gucken muss…

Ich freue mich auf den Tag an dem nach der notwendigen Dramatisierung von Geschlecht die Entdramatisierung von Geschlecht stattgefunden hat und man im positiven Sinne sagen kann: Geschlecht? Ist egal.

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Die einzigen Menschen, die über Transidentitäten nennenswert nachdenken sind Transmenschen Und Terfs. Ganz offensichtlich.

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Ich hätte tatsächlich auch ein paar Ideen, warum wenige Frauen einschalten.

Den Umstand aber daraus zu begründen, dass jemand keine (oder niemand eine) Lust hat mit dir auf Transmenschen rumzuhacken und deswegen gäb’ es keine echte Debattenkultur … steile These.

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Danke für den Beitrag!

Bin kürzlich auf etwas gestoßen, was in meinem (eigentlich überdurchschnittlich viel mit dem Thema Gender beschäftigten) (edit: Umfeld) noch wenig Beachtung findet: Gender Detachment als grundlegende Einstellung. Damit werden keine Realitäten ignoriert, es werden auch keine Diskussionen darüber geführt, wer welche Pronomen führen “darf” und sich wie ausdrücken darf. Es ist schlicht nicht so wichtig. Gender ist nicht das wichtigste Merkmal an einem Menschen.

Gender Detachment als grundsätzliche Einstellung :handshake: Realität anerkennen, die den Intersektionalen Feminismus nötig macht und sich dahingehend einsetzen :handshake: parallel an der Umsetzung Matriarchaler Strukturen arbeiten.

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Ich häng mich mal kurz ein, weil mir bei der ewigen Transgender-Debatte immer dasselbe durch den Kopf geht:

Es wird manchmal so getan, als hätte die Menschheit dieses Thema in seiner Erscheinung gerade erst entdeckt und wüsste nun partout nicht, wohin damit. Dabei gibt’s Kulturen, die haben das seit Jahrhunderten entspannt geregelt.

Die Hijra in Indien tauchen schon im Mahabharata auf – die sind älter als jede Meinung, die hier gerade hin- und hergeschoben wird. In Samoa gehören die Fa’afafine einfach dazu, in Oaxaca die Muxes, bei den Bugis auf Sulawesi zählt man traditionell gleich fünf Geschlechter. Kein Weltuntergang, keine Talkshow, keine 400-Kommentare-Threads. Läuft - die Gesellschaften existieren weiterhin.

Ehrlicherweise: Das sind keine 1:1-Kopien von dem, was wir heute „trans” nennen – eigene Kategorien, eigene Geschichten. Und rosarot war’s auch nicht überall, spätestens der Kolonialismus hat da ordentlich reingegrätscht (die Briten haben die Hijra 1871 kurzerhand per Gesetz kriminalisiert – erkennt man das Muster?).

Doch der Punkt bleibt: Ganze Gesellschaften haben über Jahrhunderte prima funktioniert, während Leute jenseits von „entweder Mann oder Frau” gelebt haben. Die Aufregung ist also nicht die Naturkonstante, für die wir sie halten. Die ist ziemlich neu, ziemlich westlich – und, ganz nebenbei, überstrapaziert.

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Ich antworte dir @TurtleTerf einmal grundsätzlich, weil es nicht mehr um Kathleen Stock geht – und eigentlich schon länger nicht mehr.

Seit dem 19. Juli läuft hier zum dritten Mal derselbe Ablauf, und er ist mittlerweile gut dokumentiert:

Schritt 1: Der sachliche Aufschlag. Ein langer, formal seriöser Eröffnungspost – Joyce, Stock, Bilek, immer dasselbe Thema, mit Seitenzahlen dekoriert. Das Forum hat viele Themen; dein Account hat seit drei Wochen genau eines.

Schritt 2: Die Umdeutung. Sobald Widerspruch kommt, wird nicht mehr über Inhalte gesprochen, sondern über die Personen – und zwar konsequent über ihr Geschlecht: „Der Patriarch Ernst", „Am Ende stehen Männer dann doch immer hinter Männern", „Viel Spaß unter euch Männern". Das ist exakt die Sorte Zuschreibung von außen, gegen die du dich – zu Recht – verwahrst, wenn sie dich trifft.

Schritt 3: Der Ruf nach der Moderation, verbunden mit Druck. Am 23. Juli die Screenshots für die „Online-Polizeiwache", am 24. Juli die Ankündigung, „mit einem Haufen anderer Terfs den Server zum Absturz" zu bringen, jetzt der „Hinweis" auf meine Betreiberhaftung. Drei juristisch gefärbte Druckansagen in zwei Wochen sind kein Hinweis mehr, sondern eine Methode.

Schritt 4: Der Abgang, der keiner ist. Am 20. Juli das „Ausklinken", am 27. Juli der Abschiedspost („Unsere Liebe war wild…") – am 5. August der nächste Thread.

Zum berechtigten Kern deiner Beschwerde: Ja, „Fascho" ist als persönliche Anrede hier nicht in Ordnung, auch nicht gegen dich. Aber ein berechtigter Punkt wird nicht dadurch stärker, dass man ihn mit Drohkulissen unterlegt und jede inhaltliche Antwort – und davon gab es hier viele, ausführliche – als Männerbund abheftet.

Dieses Forum steht für Debatte offen, auch für unbequeme Positionen. Es steht nicht offen für ein Spiel, das verlässlich so endet, dass die Community die Eskalation trägt und der Betreiber die Drohung bekommt. Wenn der Zyklus ein viertes Mal startet, endet die Mitgliedschaft. Nicht wegen deiner Position – wegen des Musters.

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