1. Die vier Grundannahmen des Transaktivismus
In Material Girls bezieht Kathleen Stock „ausdrücklich Position für die materielle Wirklichkeit“ (S.347). Schritt für Schritt durchquert sie die Argumente von Transaktivisten. Sie beginnt damit vier Axiome des Transaktivismus herauszuarbeiten:
1. Alle Menschen verfügen über einen inneren Zustand namens Geschlechtsidentität.
2. Bei manchen Menschen stimmen das bei Geburt zugewiesene Geschlecht und die Geschlechtsidentität nicht überein. Das sind Transmenschen.
3. Was einen Menschen zu einer Frau oder einem Mann macht, ist nicht das biologische Geschlecht, sondern die Geschlechtsidentität.
4. Die Existenz von Transmenschen verpflichtet alle anderen dazu, nicht länger das biologische Geschlecht rechtlich zu schützen, sondern die Geschlechtsidentität. (S.19)
2. Drei Modelle das biologische Geschlecht zu bestimmen
Gameten-Modell:
Weibliche Menschen produzieren relativ wenige, statische große Gameten (Eizellen). Männliche Menschen relativ viele, mobile und kleine Gameten (Spermien). (S.61)
Chromosomen-Modell:
Entweder besitzt oder fehlt einem Menschen ein Y-Chromosom. Ein männlicher Mensch ist ein Mensch mit einem Y-Chromosom, ein weiblicher Mensch ist ein Mensch ohne Y-Chromosom. Unabhängig von Variationen (bspw. X, XXX, XXXY) ist das Fehlen oder Vorhandensein eines Y-Chromosoms entscheidend (S.63).
Cluster-Modell:
Gameten-Modell und Chromosomen-Modell sind essentialistische Erklärungen, die jeweils ein bestimmtes Merkmal (Gameten, Y-Chromosom) als wesentlich und ausreichend für die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht herausstellen. Die Grenzen der beiden Konzepte sind nicht ganz klar (46,XX/46,XY). Für die Mehrheit der Menschen geben sie dennoch eine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Geschlecht (S.64)
Das Cluster-Modell lässt sich von der Vorstellung inspirieren, was eine Spezies ist. Natürliche Auslese bringt durch Rekombination und Mutation Arten mit genetischer Vielfalt hervor, zum Beispiel Tiger ohne Streifen (S.66).
Philosoph Richard Boyd hat für biologische Arten das Modell des „homöostatischen Eigenschaftscluster“ entwickelt. Das Modell definiert Arten anhand eines relativ stabilen Clusters und morphologischen Merkmalen und der ihnen zugrunde liegenden Mechanismen, die diese Merkmale hervorbringen. Weder ein bestimmtes Merkmal in der Gruppe noch ein zugrundeliegender Mechanismus ist wesentlich für die Zugehörigkeit zu einer Art. Bestimmten Mitgliedern einer Art können Merkmale oder Mechanismen fehlen. Zum Beispiel Tiger ohne Streifen. Solange ausreichend wichtige Eigenschaften durch eine ebenfalls ausreichende Anzahl relevanter Mechanismen versursacht werden, zählt es dennoch als Mitglied der Art. Das gewährt Raum für genetische und morphologische Variationen. Das Modell kann angepasst werden und genutzt werden, um die Kategorien männlich und weiblich zu erklären. (S.67)
Morphologische Merkmale des Menschen sind: Fortpflanzungsorgane bei der Geburt, Genitalien, nach der Pubertät Gesichtsstruktur, Skelettstruktur, Muskel- und Fettverteilung, Brüste oder keine, Körperbehaarung oder keine, Stimmlage usw. Kein Merkmal wird als wesentlich erachtet und es ist nicht erforderlich, dass ein Individuum alle Merkmale aufweist. Es reicht genügend Merkmale aufzuweisen (S.68f).
Schwierigkeiten mit Grenzfällen für biologische Kategorien sind normal. An der metaphorischen Grenze jeder biologischen Kategorie gibt es schwierige Fälle. Wo liegt die genaue Grenze zwischen einer bestehenden biologischen Art und einer neuen Art, die sich aus der ersten entwickelt? Natürlich gibt es Fälle, die nicht eindeutig zu einer der beiden Arten gehören oder zu beiden zu gehören scheinen. Gehören Töwen und Liger zu den Arten Tiger oder Löwen, zu beiden oder zu keiner? (S.76)
Nicht nur biologische Kategorien kommen an ihre Grenzen, sobald es um Grenzfälle geht. Ist Pluto ein Planet oder nicht? Manche sagen er sei massiv genug, um eine Kugel zu bilden und die Sonne zu umkreisen, andere sagen er sei kein Planet, da er nur aus Eis bestehe und nicht auf der gleichen Ebene liegt wie andere Planeten (S.76).
Schwierige Fälle sind keine Besonderheit der Kategorien weiblich und männlich. Kategorien sollen uns helfen die Alltagswelt und jene Fälle zu bewältigen, denen wir am häufigsten begegnen. Dass es schwer ist, ungewöhnliche Fälle zu kategorisieren ist nicht verwunderlich (S.77).
Das binäre Geschlecht erfordert lediglich, dass die große Mehrheit der Menschen, in die eine oder die andere Kategorie fällt. Nach den drei Modellen von Geschlecht tun sie das (S.77).
Warum ist Geschlecht wichtig? Weil wir ohne aussterben würden. Zur Fortpflanzung werden je ein Männchen und ein Weibchen benötigt, weshalb die Fähigkeit, das andere Geschlecht zu erkennen so wichtig ist, dass davon auszugehen ist, dass sie schon immer vorhanden war (S.97).
Auch wenn Anhänger der Theorie der Geschlechtsidentität behaupten, das Erkennen des Geschlechts des Gegenübers sei manchmal schwer, ist es faktisch in den allermeisten Fällen nicht schwer (S.97)
3. Geschlechtsidentität
Es gibt Zweifel daran, ob Nicht-Transmenschen überhaupt eine sogenannte Geschlechtsidentität aufweisen (S.140).
Dennoch sollen Transmenschen in ihrer Geschlechtsidentität immer bestätigt werden. Das ist nuancierter ausgedrückt als zu sagen, dass »alles, was Transmenschen über ihre Geschlechtsidentität behaupten, wahr ist«. Dass jemand Gründe haben könnte, seine eigene Geschlechtsidentität zu verbergen und andere zu täuschen, wird ausgelassen. Allein das Subjekt kann Auskunft geben über den eigenen inneren Zustand (S.143).
Auch die Geschlechtsidentität nutzt verschiedene Modelle, die sich teils ergänzen und teils widersprechen.
Geschlechtsidentität ist angeboren
Im falschen Körper geboren sein: Medizinische Eingriffe korrigieren den fehlerhaften Körper und bringen ihn so mit der Geschlechtsidentität in Einklang, genauso, wie der Körper von Geburt an hätte sein sollen (S.144).
Das Modell der angeborenen Geschlechtsidentität lässt außer Acht, dass sich eine abweichende Geschlechtsidentität auch deshalb in der Entwicklung einer Person ausbilden könnte, weil sie das Ergebnis des eigenen Platzes dieser Person in der Welt ist: was weiblich und was männlich ist und ob die Person zu diesen Vorstellungen passt (S.149).
Medizinisches Modell
Nach diesem Modell liegt der Transidentität eine Geschlechtsdysphorie zugrunde, die eine psychische Krankheit ist, die medizinisch behandelt wird.
„Ungewöhnlich für eine psychiatrische Diagnose zielt die sanktionierte Behandlung darauf ab, zuerst den Körper und nicht (direkt) das Bewusstsein zu verändern.“ (S.151)
Das medizinische Modell hat den Vorteil, die Bereitstellung von Operationen und Hormonen als medizinische Notwendigkeit darzustellen. Es gewährt so die Finanzierung durch Krankenkassen (S.152).
Nach medizinischem Modell ist das Individuum nicht selbst dafür verantwortlich eine nicht übereinstimmende Geschlechtsidentität zu haben. Es ist Ausdruck einer Krankheit. (S.152) Zwar pathologisiert das medizinische Modell Transmenschen, doch gleichzeitig normalisiert es sie auch in der Gesellschaft, da es das Phänomen in den medizinischen Bereich überführt, mit dem die meisten Menschen bereits vertraut sind. Krankheit oder Behinderung verlangt von der Gesellschaft diese zu akzeptieren (S.152).
Queertheoretisches-Modell:
Queer-Theoretikern zufolge sind „die meisten oder alle Kategorien für Menschen, einschließlich der wissenschaftlichen, vollständig sozial konstruiert“ (S.155).
Geschlecht ist Performance und die bevorzugte Performance ist diejenige, die bestehende Machtstrukturen und Hierarchien aufbricht oder »queert« (S.155).
Die Idee der angeborene Geschlechtsidentität und das im falschen Körper geboren Narrativ werden als irrige Versuche angesehen, etwas grundsätzlich Soziales zu naturalisieren, um es legitimer erscheinen zu lassen. Verbreitung uneindeutiger Identitäten werden als radikaler politischer Akt verstanden (S.156).
Doch wenn binäre Geschlechtskategorien sich auflösen, ist nicht ganz klar, woran man dann überhaupt noch festmachen kann, was für einer Geschlechtskategorie man zugehörig ist. Das mag für die Queertheorie selbst nicht von großer Bedeutung zu sein, aber für die Politik ist es das allemal (S.157). Wenn eine nicht angepasste Geschlechtsidentität nur dazu dient, bestehende Machthierarchien performativ zu durchbrechen, dann untergräbt es den Schutz und ihre Aufnahme ins Gesetz (S.158).
Identifikations-Modell:
Nach Stuart Hall sind kulturelle Identitäten grundsätzlich keine feststehenden, stabilen Fakten über das Selbst, sondern sind Prozesse aktiver Identifikation. Daraus kann ein Identifikations-Modell der abweichenden Geschlechtsidentität entwickelt werden (S.159)
Das Identifikations-Modell besagt, dass sich jemand unbewusst und bewusst mit einem anderen identifiziert (S.159). Das Ergebnis der Identifikation besteht darin, dass sich die identifizierende Person in gewisser Weise wie die Person verhält, mit der sie sich identifiziert hat (S.160). Identifikation kann sowohl dysfunktional sein, sie kann aber auch eine große Quelle von Wert und Bedeutung für einen Menschen sein, was durch Zugehörigkeit und Akzeptanz verstärkt wird (S.160).
Auf die Geschlechtsidentität übertragen bedeutet es, dass die abweichende Geschlechtsidentität darin besteht, dass man sich im psychologischen Sinne mit einer bestimmten Frau oder dem Weiblich-Sein als allgemeinem Objekt oder Ideal identifiziert (S.161).
Eine starke Identifikation geht oft mit Dysphorie einher, als aversive emotionale Reaktion auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers und dessen Differenz zu demjenigen Körper, den man sich wünscht (S.162).
Im Vergleich zum Modell der angeborenen Geschlechtsidentität „geht das Identifikationsmodell nicht von einer eigenständigen Tatsache einer Geschlechtsidentität aus, die hinter den Emotionen, Wünschen, Sehnsüchten und Überzeugungen der Ähnlichkeit steht. Die Identifikation ist die abweichende Geschlechtsidentität und nicht deren Symptom oder »Ausdruck«.“ (S.165)
Ansprüche auf Geschlechtsidentität können dem Identifikations-Modell zufolge unterschiedlich bewertet werden. Eine abweichende Geschlechtsidentität muss nicht zwangsläufig bekämpft werden und man muss nicht zwangsläufig mit ihr ringen, denn die Identifizierung muss nicht maladaptiv sein (S.165). Das Identifikationsmodell lässt zu, dass eine Identifikation nicht immer unhinterfragt bejaht werden muss (S.167).
Kann eine Nicht-Transperson eine starke emotionale Identifikation mit dem Ideal ihres eigenen Geschlechts aufweisen? Möglicherweise ja. Bspw. Frauen, die immer wieder Schönheitsoperationen unternehmen oder Männer, die einem Bodybuilding Ideal hinterhereifern, könnten eine solche Identifikation aufweisen. Die meisten Nicht-Transmenschen spüren jedoch keine Geschlechtsidentität: Sie haben keine starke Identifikation mit dem Ideal des einen oder des anderen Geschlechts (S.172).
Doch auch Nicht-Transmenschen können eine Identifikation mit dem anderen Geschlecht haben. Zum Beispiel bei einer Butch-Lesbe, die sich mit Maskulinität identifiziert oder Männer, die Stereotyp weibliche Verhaltensweisen wie Fingernägel lackieren oder schminken praktizieren (S.172).
Das impliziert, dass für die Formulierungen von Richtlinien Trans-Sein nicht im Sinne einer abweichenden Geschlechtsidentität definiert werden sollte, da offenbar auch Nicht-Transmenschen diese aufweisen können (S.173).
Wenn ein Großteil der Menschen keine Geschlechtsidentität aufweist, kann sie kein grundlegender Teil des Selbst sein, der für Identitätsdokumente relevant wäre (S.174).
4. Zwei Konzepte: FRAU und MANN
Die Queer Theory hat kein Monopol darauf, wie Begriffe dargestellt werden. Die Zugehörigkeitsbedingungen zu einem Konzept ist eine Frage nach den Bedingungen, die vorab für ein Konzept gelten. Was eine Entität aufweisen oder wie sie beschaffen sein muss, um unter jenen Begriff zu fallen (S.178).
Wenn man gefragt wird ‚Was ist eine Frau?‘ ist man nicht aufgefordert, eine willkürliche Norm festzulegen. So funktionieren Konzepte nicht. Stattdessen wird man gebeten, zumindest teilweise darüber nachzudenken, wie die Wörter Frau und Mann in verschiedenen Kontexten tatsächlich verwendet werden, und welche Voraussetzungen diese Verwendungen gemeinsam haben (S.178).
Was müssten man einem Nicht-Muttersprachler erklären, damit sie FRAU und MANN verstehen? (S.179)
Was sind Konzepte? Laut Stock sind es kognitive Werkzeuge oder Fähigkeiten, die uns allen helfen, die Welt, in der wir leben, besser zu bewältigen. Der Besitz von Begriffen hilft uns dabei, verschiedene Sorten von Dingen wahrzunehmen (S.179).
Ob jemand über ein Konzept verfügt, zeigt sich daran, dass derjenige mithilfe sensorischer Informationen zuverlässig mit mehr Treffern als Fehlern das Konzept identifiziert und über dieses Konzept in verschiedenen Kontexten sprechen kann (S.180).
Wenn viele keine Geschlechtsidentität aufweisen, erschließt sich nicht, warum die Geschlechtsidentität die Voraussetzung für die Konzepte FRAU und MANN sein soll (S.184).
„Menschen können nicht anders, als zu sehen, was sie sehen.“ (S.254)