Es gibt in der Arbeiterschaft ein ausgeprägtes Bewusstsein der Leistungsgerechtigkeit, das heißt: Auf der einen Seite stellen sie fest, jetzt wird der Mindestlohn angehoben und jetzt kommen Leute schnell zu einem Einkommen, wo ich lange dafür kämpfen musste, also da wird dereigene kleine Aufstieg als Entwertung erlebt.
Ich sehe, dass er ein Linker sein dürfte, aber kenne ihn nicht wirklich, daher kann ich den Kontext im Rahmen seiner Arbeit schwer greifen, aber diese Thesen zum Mindestlohn (und zum Bürgergeld) finde ich schon sehr krass als Erklärung, wieso die Arbeiter die SPD nicht mehr wählen. Außerdem liefert man den Bürgerlichen dann gleich das nächste Narrativ für den Abbau von Rechten. Was meint ihr?
Findest du das argumentativ unplausibel? Es gibt einiges an Untersuchungen dazu, wie Leute ihre Situation bewerten, und da ist wichtig dass sie sich 1. immer relativ zu sich selbst bewerten und 2. relativ zu anderen. Dahingehend finde ich die These einleuchtend.
Sonst habe ich Klaus Dörre auch immer als guten Diskursteilnehmer zum Thema Arbeit wahrgenommen, zu dem er ja auch forscht. Ich kann das Interview bei Jung und Naiv sehr empfehlen, da geht er ziemlich tief in die Selbstwahrnehmungen von Arbeitern bei z.B. VW und warum sie sich teilweise von Gewerkschaften lossagen. Das sind alles super wichtige, aber natürlich erst mal rein deskriptive Aussagen; nur weil das auch zum Abbau von Rechten instrumentalisiert werden kann, bedeutet das ja nicht, dass es falsch ist.
Also ja, ich kann mir vorstellen, dass Leute eventuell so denken, wobei ich das gerade konkret beim Mindestlohn tatsächlich weit hergeholt finde, dass das wirklich eine kritische Masse ist, da durch den Mindestlohn ja trotzdem nicht nur Leute im Mindestlohn-Segment profitieren. Aber da mag es tatsächlich empirische Evidenz geben.
Was mich aber mehr stört, ist, dass man sagt, dass die SPD deswegen nicht mehr gewählt wird. Daraus wird dann der Schluss gezogen, dass die Maßnahme schlecht sei und die SPD noch mehr auf Niedriglöhner einprügeln soll.
Was soll das dann zB auch für die Linkspartei heißen. Sie wird ihre Forderungen nie durchbekommen, weil die Leute gegen bessere Lohnstandards sind?
Geb dir Recht, wie das Argument hier dargestellt wird, ist irreführend. Das ist sicherlich ein Teil der Erklärung, aber die Agenda-Reformen und der mit ihnen einhergehende Glaubwürdigkeitsverlust der SPD sind mindestens ein weiterer, wenn nicht wesentlicherer.
Angesichts der sonstigen Arbeit der Miosga-Redaktion kann ich mir schon vorstellen, dass die Aussage im Interview in diesem größeren Kontext getätigt und dann im Schnitt isoliert wurde.
Außerdem liefert man den Bürgerlichen dann gleich das nächste Narrativ für den Abbau von Rechten.
Das würde ich deswegen auch nicht so stehen lassen. Die Taktik, verschiedene Gruppen innerhalb der lohnabhängigen Klasse gegeneinander auszuspielen, ist ja nicht neu. Ich würde ihm erstmal nur vorwerfen, blauäugig genug zu sein, der Miosga-Redaktion ein Interview zu geben und zu glauben, dass die seine Position schon korrekt wiedergeben.
Er spricht hier über Voraussetzungen demokratieförderlicher Arbeitsverhältnisse und warum er zB den Erwzingungsstreik an einer Uniklinik in NRW befürwortet.
Da hast du recht, deswegen habe ich auch von einem potenziellen Bullshit-Take geschrieben. Ich glaube, der inhaltliche Kontext, in dem man solche Aussagen tätigt, ist schon relevant und ich kann mir auch vorstellen, dass da was weggelassen wurde.
Aber ganz grundsätzlich gefragt: Wenn nicht mal mehr der Mindestlohn, der meistens das Lohngefüge nach oben verschiebt, als Errungenschaft anerkannt wird, die allen nutzt, wie kann man Leute überhaupt noch für Solidarität unter Arbeitern gewinnen?
Jedenfalls nicht, indem man die SPD in Schutz nimmt (was du ja auch nicht tust). Man muss ja schon auch festhalten, dass deren Kommunikation rund um den Mindestlohn einfach eine Vollkatastrophe ist. Entweder gönnerhaftes “Wir tun was für die armen Beschäftigten im Niedriglohnsektor” oder idealistische “Leistung muss sich lohnen”-Rhetorik. Ich kann mich nicht erinnern, mal gehört zu haben, dass ein Sozialdemokrat den Punkt stark macht, dass ein solider Mindestlohn die Verhandlungsposition aller Arbeitnehmer*innen stärkt. Gleiches Problem beim Bürgergeld.
Grundsätzlich sollte es niemanden überfordern, wenn jemand mit einem ordentlichen Arbeitsvertrag Mindestlohnverdienende oder Sozialhilfeempfande hatet, reinzugrätschen und zu sagen: “Willst du, dass dein Chef bei der nächsten Lohnverhandlung genau weiß, dass du letzten Endes alles annimmst, was er dir bietet, weil das immer noch besser wäre als den Job zu verlieren? Oder willst du glaubwürdig mit Kündigung drohen können, wenn er versucht, dich über den Tisch zu ziehen?”. Sowohl im privaten Zwiegespräch als auch in der öffentlichen Kommunikation.