Es wird gezeigt, dass Luhmanns Begriff der Kontingenz und das „Absolute Nichts“ der Kyōto-Schule zwei Seiten derselben Medaille sind. Diese funktionale Äquivalenz zeigt, dass die Kontingenz Ontologie darstellt.
Vorab zum Begriff.
Wenn hier von einer Ontologie der Systemtheorie gesprochen wird, ist damit ausdrücklich keine substanzielle Ontologie im klassischen metaphysischen Sinne gemeint. Die Systemtheorie kennt kein zugrundeliegendes Seiendes an sich, keine materielle Ur-Substanz und kein festes Fundament. Die Ontologie, die wir hier freilegen, ist eine streng operative Ontologie der Unbestimmtheit (eine Phänomenologie der Form). Sein ist hier nicht Gegebenheit, sondern der Vollzug einer Operation (Unterscheidung). Das Fundament ist substanzlos; es ist die reine Potenzialität des unmarkierten Raums.
Die Verdeckung des Ursprungs
Niklas Luhmanns Systemtheorie verzichtet bewusst auf die Beantwortung der klassischen Ursprungsfrage („Wie entsteht das allererste System?“). Dieses Aussparen hat zumindest zwei methodisch nachvollziehbare Gründe:
Die wissenschaftstheoretische Unklärbarkeit: Der genaue historische oder metaphysische Ur-Sprung lässt sich nicht empirisch rekonstruieren, ohne in Zirkelschlüsse zu geraten.
Die operative Irrelevanz: Für die Analyse eines funktionierenden Systems (sei es Wirtschaft, Recht oder Bewusstsein) ist die Ursprungsfrage sekundär. Das System operiert im Hier und Jetzt anhand seiner eigenen Strukturen und Rekursionen. Wie die erste Unterscheidung einst zustande kam, tangiert die Mechanik der aktuellen Systembeschreibung nicht.
Dennoch. Hier zeigt sich die verdeckte Ontologie der Systemtheorie: Indem Luhmann die Umwelt als unendliche Kontingenz setzt, führt er unweigerlich eine ontologische Grundvoraussetzung ein.
Kontingent ist alles, was weder notwendig noch unmöglich ist. Die Umwelt ist für das System ein Horizont unendlicher Möglichkeiten. Alles könnte auch anders sein.
Für das System ist die Umwelt nichts anderes als Kontingenz. Das System bildet sich aus dem Ozean der Möglichkeiten, reduziert diesen lokal zu Form, und erzeugt durch jede seiner Selektionen nur noch mehr Kontingenz in seiner Umwelt. Und genau an dieser Stelle zeigt sich die funktionale Äquivalenz zur Kyōto-Schule: Die Umwelt ist das formlose Feld (Zettai-Mu), das alle Formen ermöglicht, ohne selbst eine Form zu sein.
Hierdurch wird sichtbar, dass die Systemtheorie keineswegs frei von einer ontologischen Dimension ist. Sie holt diesen blinden Fleck lediglich nicht in das System hinein.
Man könnte sagen: Die ontologische Qualität des Daseins wird durch den Akt der Systembildung schlicht in die Umwelt verschoben.
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Das System bleibt der Ort der operativen Schließung, der Reduktion und der lokalen Bestimmtheit.
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Die Umwelt (Kontingenz / Zettai-Mu) bleibt das unendliche, ontologische Fundament, aus dem sich das System speist und in das es seine nicht-gewählten Möglichkeiten entlässt.
Die Umwelt erweist sich, zumindest in der Luhmann’schen Architektur, als charakteristisch zweischneidig:
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Einerseits ist sie operativ vollkommen inhaltsleer. Die Umwelt gibt dem System keine Information; sie fungiert als bloßer Unmarked Space und als notwendiges Leerkorrelat der Selbstreferenz, an dem das System seine eigene Grenze spiegelt.
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Andererseits ist die Umwelt kein starrer Raum, sondern dynamisch: Durch fortschreitende Systembildung und Ausdifferenzierung wird nicht-gewählte Komplexität fortlaufend in die Umwelt entlassen, wodurch deren Kontingenz mit jeder Systemoperation weiter ansteigt..
Das Absolute Nichts (Zettai-Mu)
Die Kyōto-Schule, eine philosophische Bewegung des 20. Jahrhunderts (angeführt von Denkern wie Kitarō Nishida und Keiji Nishitani),verschmolz die westliche Phänomenologie mit dem Gedankengut des Zen-Buddhismus.
Nishida stellte unter anderem die Frage: Wo finden Dinge, Bewusstsein und Formen überhaupt statt?
Lösung der Kyōto-Schule ist das Konzept des Basho ( Ort oder Raum) und des Zettai-Mu (das Absolute Nichts).
Für Nishida ist das Absolute Nichts kein leeres Vakuum und keine reine Abwesenheit von Sein. Es ist das unbegrenzte, formlose Beziehungsfeld, das überhaupt erst den Raum bereitstellt, in dem Formen erscheinen, sich abgrenzen und wieder vergehen können.
Ein Gegenstand oder ein Gedanke existiert nicht isoliert aus sich heraus. Er existiert nur, weil er lokal eine Bestimmung annimmt. Das Nichts ist Ermöglichungsbedingung der Form.
Die funktionale Äquivalenz
Sowohl Luhmanns Kontingenz als auch Nishidas Zettai-Mu erfüllen auf theoretischer Ebene dieselbe Funktion:
Der formlose Möglichkeitsraum: Beide Begriffe beschreiben einen Zustand, der selbst völlig formlos, unbestimmt und unmarkiert ist.
Keine Inhalts-Determinierung: Weder die Kontingenz noch das Zettai-Mu schreiben dem System vor, wie es seine Grenze zu ziehen hat.
Bedingung für Formbildung: Erst über der Folie dieses unbestimmten Feldes kann der Vollzug einer konkreten Unterscheidung eine verlässliche Eigenstruktur erzeugen.
Mit Luhmann ist die Umwelt für das System operativ vollkommen unzugänglich. Sie gibt dem System keine Information, sie greift nicht in die Operation ein und sie enthält aus Sicht der Systemlogik keine fertigen Gegebenheiten. Die Umwelt ist, im Sinne Spencer-Browns, der Unmarked Space, das bloße Leerkorrelat der Selbstreferenz. Das System braucht die Außenseite nicht, um Daten zu importieren, sondern einzig als blinden Fleck, an dem sich die eigene Form spiegeln kann. Genau an dieser operativen Inhaltsleere der Umwelt bricht die Brücke zur Kyōto-Schule auf: Wenn die Außenseite der Unterscheidung operativ inhaltsleer ist, zeigt sich ihre funktionale Äquivalenz zum Feld des Absoluten Nichts (Zettai-Mu). Beide Theorien beschreiben das Davor und Dahinter nicht als gefüllten Raum, sondern als das formlose, unmarkierte Feld, gegenüber dem eine Form überhaupt erst ihre Kontur gewinnt.