Psychologie als Hilfe zur Demokratie, oder doch nur zur Akzeptanz politischer Entscheidungen?
Warum klinisch-psychologische Konzepte nicht ohne Weiteres auf politische Konflikte übertragbar sind (Lage der Nation 486, Sommerinterview mit Prof. Eva-Lotta Brakemeier)
Frau Brakemeier vertritt im Interview eine Auffassung, die zunächst überzeugt: Politik sollte psychologische Erkenntnisse stärker berücksichtigen. Menschen entscheiden nicht ausschließlich rational. Emotionen, Ängste, Identität und soziale Zugehörigkeit beeinflussen politisches Verhalten erheblich. Dass Politik diese Faktoren ernst nimmt, ist grundsätzlich sinnvoll.
Meine Kritik richtet sich deshalb nicht gegen Psychologie im politischen Raum, sondern gegen die Art ihrer Anwendung. Im Verlauf des Interviews entsteht der Eindruck, dass politische Konflikte überwiegend als Kommunikations-, Wahrnehmungs- und Emotionsprobleme verstanden werden. Macht, Interessen, ökonomische Anreize und Verteilungskonflikte treten demgegenüber in den Hintergrund.
Diese Verschiebung folgt einem wiederkehrenden Muster: Wenn Menschen politische Maßnahmen ablehnen, lautet die Frage meist, wie man besser kommuniziert und nicht, ob die Maßnahmen gerecht verteilt sind. Wenn Medien überwiegend negativ berichten, lautet die Antwort, man müsse Brücken bauen und den Dialog mit ihnen suchen und nicht, welche ökonomischen Anreize diese Berichterstattung eigentlich erzeugen. Und wenn Menschen Angst haben, lautet die Frage, wie man die Emotion reguliert und nicht, wie man den Stressor verändert, der sie auslöst. In allen drei Fällen wird ein Interessen- oder Verteilungskonflikt in ein Kommunikations- oder Emotionsproblem übersetzt.
Ein Einwand liegt nahe: Das Interview fragt Brakemeier explizit nach der psychologischen Perspektive, und es ist nicht ihre Aufgabe, im Gespräch Medienökonomie oder Politikwissenschaft zu betreiben. Diese Nachsicht ist an vielen Stellen berechtigt, etwa dort, wo sie schlicht Forschung referiert. Sie trägt jedoch nicht, sobald sie selbst die Rolle wechselt und explizite politische Handlungsempfehlungen gibt: wie Politiker kommunizieren sollen, wie man Menschen zu Opfern bewegt, was Medien tun sollten. Und gerade die zentrale Unterscheidung, die in diesen Empfehlungen fehlt, nämlich ist ein Stressor veränderbar oder nicht, ist keine fachfremde Zusatzaufgabe, sondern der diagnostische Kern jeder Psychotherapie. Diese Einschätzung trifft Brakemeier bei jedem Patienten, bevor sie über Bewältigungsstrategien entscheidet. Dass sie dieselbe Unterscheidung bei politischen Handlungsempfehlungen kaum anwendet, lässt sich mit dem Interviewformat kaum erklären.
1. Die Wahl der Bewältigungsstrategie muss sich nach der Kontrollierbarkeit des Stressors richten
Ein zentraler Grundsatz der klinischen Psychologie besagt, dass gute Bewältigungsstrategien von der Kontrollierbarkeit eines Stressors abhängen. Kann ein Problem verändert werden, steht problemorientiertes Coping im Vordergrund: Man versucht, den Stressor selbst zu verändern. Ist ein Problem dagegen nicht oder kaum beeinflussbar, wie eine schwere Krankheit, der Tod eines Angehörigen, eine Naturkatastrophe, gewinnen emotionsorientierte Strategien an Bedeutung: Gefühle wahrnehmen, akzeptieren, soziale Unterstützung suchen.
Politische Entscheidungen sind jedoch keine Naturereignisse. Gesetze können geändert, Regierungen abgewählt und Entscheidungen gerichtlich überprüft werden. Politik soll gerade demokratisch veränderbar sein. Die erste psychologische Frage lautet daher: ist dieser Stressor veränderbar? Bei politischen Entscheidungen ist diese Frage grundsätzlich mit „ja" zu beantworten. Problemorientiertes Handeln sollte deshalb Vorrang haben. Emotionsregulation kann dieses Handeln unterstützen, ersetzen sollte sie es nicht.
Ein Gedankenexperiment verdeutlicht den Unterschied: Wenn ich auf einem Bahngleis stehe und ein Zug auf mich zukommt, wäre es offensichtlich unangemessen, ausschließlich meine Angst mit Atemübungen oder Akzeptanzstrategien regulieren zu wollen. Die Angst erfüllt hier eine sinnvolle Funktion, sie signalisiert mir, den Stressor zu verlassen. Anders läge der Fall, wenn ich auf den Gleisen gefesselt wäre und mich tatsächlich nicht befreien könnte: Dann wäre der Stressor real unkontrollierbar, und emotionsorientierte Strategien, Trost suchen, sich ablenken, sich an jemanden wenden, wären angemessen. Welche Strategie richtig ist, hängt also davon ab, ob der Stressor tatsächlich kontrollierbar ist und nicht davon, wie bedrohlich oder unangenehm er sich anfühlt.
Bezeichnend ist dabei bereits die Ausgangsprämisse, mit der Brakemeier in die Frage geht: Sie beschreibt Fight, Flight und Freeze und erklärt dann, man könne systemisch erst mal nicht direkt ganz viel verändern, weshalb Akzeptanz der nächste Schritt sei. Das ist keine Schlussfolgerung aus einer vorherigen Prüfung, ob der Stressor veränderbar ist, es ist eine Prämisse, die sie an die Stelle dieser Prüfung setzt, noch bevor die eigentliche Coping-Wahl beginnt.
Das heißt nicht, dass jede einzelne Person zur Aktivistin werden müsste, denn Kapazität, Lebenslage und Kräfte sind ungleich verteilt, und auch die Bedeutung, die jemand einem Ziel im eigenen Leben geben will, ist verschieden: Für die einen ist es zentral genug, um sich ganz dafür einzusetzen, für andere reicht eine einzelne Demonstration. Es heißt aber, dass problemorientiertes Handeln als Option sichtbar und real bleiben muss, als Sache, die kollektiv getragen werden kann, gerade weil sich unterschiedlich viel Engagement zu etwas Wirksamem summieren lässt, nicht als Bürde, die jedem Einzelnen in vollem Umfang individuell auferlegt wird.
2. „Aktiv werden" bleibt merkwürdig unpolitisch
Bemerkenswert ist, dass Brakemeier die Unterscheidung zwischen Kontrollierbarem und Unkontrollierbarem selbst benennt. Sie empfiehlt zu analysieren: Was kann ich verändern, was nicht, wo kann ich selbst aktiv werden? Genau diese Unterscheidung gehört zum ureigenen Handwerkszeug jeder Psychotherapeutin. Umso auffälliger ist, womit sie „aktiv werden" anschließend konkretisiert: weniger Fleisch essen, häufiger Zug fahren, Fahrrad statt Auto, Wärmepumpen ausprobieren, Vorbild sein, anderen von positiven Erfahrungen erzählen, bis sich das gewünschte Verhalten über soziale Kipppunkte gleichsam von selbst verbreitet.
Das sind durchweg individuelle Lebensstilentscheidungen, deren Ausbreitung über private Nachahmung laufen soll. Klassische Formen problemorientierten politischen Handelns kommen dagegen kaum vor: Demonstrationen, Bürgerinitiativen, Verbandsarbeit, Petitionen, Klagen, politische Organisation, Wahlen. Fridays for Future wird zwar erwähnt, aber bezeichnenderweise als Beispiel dafür, mit der Angst „nicht mehr allein" zu sein, und nicht als Instrument politischer Einflussnahme.
Damit verschiebt sich der Fokus systematisch: von der Veränderung politischer Entscheidungen hin zur Veränderung individuellen Verhaltens. Die naheliegende Frage bleibt unbeantwortet: Wenn ein Stressor grundsätzlich veränderbar ist, warum liegt der Schwerpunkt dann auf der Anpassung des Individuums und nicht auf der Veränderung des Stressors? Diese Leerstelle wiegt umso schwerer, als Brakemeier selbst die fachliche Prämisse liefert, aus der sich das Gegenteil ergeben müsste – ohne diese Konsequenz zu ziehen.
Selbst wo individuelles Verhalten geändert wird, bleibt zudem fraglich, wie viel damit tatsächlich bewegt wird. Weniger Fleisch essen oder Fahrrad statt Auto zu fahren ist zwar formal problemorientiertes Handeln, denn es setzt am Stressor an, nicht nur am Umgang mit ihm, aber nur an einem winzigen Ausschnitt davon. Der Hebel einzelner Konsumentscheidungen steht in keinem Verhältnis zu politischen Entscheidungen wie Industriepolitik, Grenzwerten oder Subventionen. Es bleibt dann bei einem bekannten Bild: das Umräumen der Stühle auf der sinkenden Titanic, während das eigentliche Leck unberührt bleibt.
Eine ähnliche Verkürzung zeigt sich in der Gegenüberstellung von „aktiv werden" und Selbstfürsorge. Brakemeier trennt beides: hier Konsumverhalten, dort Auftanken, in den See springen, Psychohygiene. Dabei kann wertegeleitetes politisches Handeln, der Einsatz vor Gericht, in Verbänden, in Gremien dieselbe psychologische Funktion erfüllen wie Selbstfürsorge im engeren Sinne: Es stärkt Selbstwirksamkeit und steht im Einklang mit den eigenen Werten. Der Unterschied ist dabei nicht nur kategorial, sondern auch qualitativ: Kurzfristige Erholung wie ein Sprung in den See wirkt meist nur vorübergehend, während Handeln im Einklang mit den eigenen Zielen tendenziell länger anhaltende Zufriedenheit erzeugt. Bezeichnenderweise führt Brakemeier genau diese Unterscheidung an anderer Stelle im Interview selbst ein: Sie lobt das Engagement der Podcast-Moderatoren als „eudaimonisches" statt „hedonistisches" Wohlbefinden, wertegeleitetes Handeln also, nicht bloßen Genuss. Auf das, was sie den Hörerinnen und Hörern selbst empfiehlt, wendet sie diese Erkenntnis jedoch nicht an. Dort bleibt es bei der hedonistischen Kategorie, obwohl sie selbst weiß, dass diese Form der Erholung weniger trägt.
Besonders deutlich wird diese unpolitische Schlagseite an einer Stelle, die eigentlich in die andere Richtung weisen müsste. Brakemeier stellt fest, dass Klimaangst und Klimatrauer nicht pathologisch, sondern angemessene Reaktionen auf eine reale Bedrohung seien. Damit erkennt sie im Grunde an: Das Gefühl hat recht, weil die Gefahr real ist. Die naheliegende Konsequenz wäre, die Bedrohung mit den Mitteln zu bekämpfen, die einer Demokratie dafür zur Verfügung stehen, Organisation, Druck, notfalls auch Protestformen, die über das Individuelle hinausgehen. Diesen Schritt geht sie jedoch nicht. Sie eröffnet die politische Konsequenz ihrer eigenen Diagnose und kehrt dann zu genau den individuellen Strategien zurück, die oben bereits auffielen. Der Gedanke nimmt Anlauf und bleibt auf halber Strecke stehen.
3. Aktivismus und Protest werden auf Emotionsregulation reduziert
Brakemeier empfiehlt, über Ängste zu sprechen und sich mit anderen zu verbinden („Tend-and-Befriend"), um mit der Angst nicht mehr allein zu sein. Diese Rahmung ist jedoch unvollständig. Der Austausch mit anderen erfüllt mindestens drei Funktionen: Er befriedigt das Grundbedürfnis nach Beziehung, er gibt emotionalen Halt und er ist die Voraussetzung kollektiver politischer Veränderung. Diese dritte Funktion ist die entscheidende, denn nur sie kann den Stressor selbst verändern statt nur den Umgang mit ihm. Erst wenn Menschen erkennen, dass ihre Belastung geteilt wird und veränderbar ist, hier liefert Brakemeier mit der pluralistischen Ignoranz selbst das passende Konzept, kann aus individueller Betroffenheit organisiertes Handeln werden. Gewerkschaften, Bürgerbewegungen und Protest beginnen historisch fast immer damit, dass Menschen miteinander über ihre Lage sprechen, dabei bleibt es dann jedoch nicht.
Wie eng die Rahmung im Interview bleibt, zeigt sich, wenn man das Bahngleis-Gedankenexperiment aus Punkt 1 weiterdenkt. Wer auf den Gleisen steht und den Zug kommen sieht, dem hilft es wenig, sich mit anderen zusammenzuschließen, um die Wartezeit gemeinsam angenehmer zu verbringen. Genau in diese Richtung geht aber die Beschreibung von Fridays for Future in diesem Interview: Man gehe dorthin, „damit man mit der Klimakrise nicht mehr allein konfrontiert ist", als Mittel, die eigene Angst zu teilen, nicht als Instrument, den Zug zu stoppen. Bezeichnend ist auch das eigene Beispiel der Moderatoren, die ihre wöchentlichen Gespräche selbst als „Gesprächstherapie" bezeichnen, man räume auf, sortiere, tausche sich über die gemeinsame Angst aus. Das mag für sie tatsächlich etwas bewirken, weil sie mit ihrem Podcast eine Öffentlichkeit erreichen und Einstellungen beeinflussen können. Für die meisten Hörer gilt diese Reichweite nicht: Ihr Gespräch mit Freunden bleibt ein Gespräch. Diese Asymmetrie wird im Interview an keiner Stelle reflektiert.
Im Interview endet der Austausch damit bei der Entlastung: Man fühlt sich verbunden, man ist nicht mehr allein. Dass dasselbe Gespräch der Anfang von Organisation, Forderung und demokratischer Einflussnahme sein könnte, kommt nicht vor. Damit wird der Austausch therapeutisch gezähmt und stillgestellt, seine politische Funktion, die ihn in einer Demokratie gerade auszeichnet, bleibt unsichtbar.
4. Zuhören ersetzt keine politische Antwort
Auf die Frage, wie Politik Ängste in der Bevölkerung aufgreifen sollte, empfiehlt Brakemeier vor allem: hingehen, zuhören, validieren, containen und schließlich Haltung zeigen. Der Zuspitzung des Moderators („man muss einfach nur mal die Fresse halten und zuhören") stimmt sie ausdrücklich zu: „Absolut, ja."
Zuhören, Validieren und Haltung zeigen sind zweifellos wichtige kommunikative Fähigkeiten. Sie ersetzen jedoch keine politische Entscheidung. Containment ist in der Psychotherapie eine sinnvolle Technik, dort, wo der Stressor nicht unmittelbar veränderbar ist. Bemerkenswert ist zudem, dass der Begriff selbst ein bestimmtes institutionelles Verhältnis voraussetzt: Ein Therapeut hält eine Belastung für jemanden aus, der selbst nur wenig Einfluss auf die Rahmenbedingungen hat, etwa in einer Klinik. Politik befindet sich gegenüber ihren Bürgern in einer grundlegend anderen Position als eine Klinik gegenüber ihren Patienten. Wenn Menschen konkrete Belastungen erleben, steigende Energiepreise, gekürzte Leistungen, Wehrpflicht der eigenen Kinder, genügt ein offenes Ohr nicht. Ein Politiker, der aufmerksam zuhört, Verständnis signalisiert und die Belastung anschließend bestehen lässt, hat das Problem nicht gelöst.
Genau darin liegt der strukturelle Rollenkonflikt: Wenn politische Entscheidungen den Stressor verursacht haben oder ihn zumindest abmildern könnten und dieselben Akteure anschließend als Anbieter seiner emotionalen Bewältigung auftreten, wird der Verursacher zum Therapeuten seiner eigenen Betroffenen. Auch das im Interview beschriebene Muster, zuhören, verstehen, dann Haltung zeigen und widersprechen, bleibt vollständig im kommunikativen Register. Der Schritt von „ich verstehe dich, teile aber deine Schlüsse nicht" zu „wir verändern die Politik, die deine Angst verursacht" wird an keiner Stelle vollzogen.
Bemerkenswert ist, dass Brakemeier im selben Atemzug, in dem sie Containment erklärt, auch die Diagnose liefert, die eigentlich zum problemorientierten Handeln führen müsste: Wenn man sehr tief frage, dann gehe es bei den meisten Ängsten um die Grundbedürfnisse. Das bedeutet, dass die Grundbedürfnisse der Menschen tatsächlich in Gefahr sein könnten. Die naheliegende Konsequenz wäre dann nicht, diese Angst zu containen, sondern die Grundbedürfnisse zu sichern. Genau diesen Schritt geht sie nicht.
Ein konkretes Beispiel aus dem Interview zeigt diese Verschiebung besonders deutlich. Im geschilderten Gespräch im Café lautet der Vorwurf, Karl Lauterbach „kümmert sich nicht" und „setzt sich nicht ein", eine Aussage über Repräsentation von Interessen. Brakemeiers Erwiderung, er arbeite „nahezu Tag und Nacht", beantwortet dagegen eine andere Frage: die nach dem Arbeitspensum, nicht die nach der Vertretung. Dass jemand viel arbeitet, sagt noch nichts darüber, für wessen Interessen er sich einsetzt. Das Gespräch wechselt danach vollends das Thema, zur Frage, was für ein Mensch Lauterbach sei und entfernt sich damit weiter vom ursprünglichen politischen Einwand. Bezeichnend ist, dass genau dieser Moment im Interview anschließend als Beispiel dafür angeführt wird, „über die Nöte" gesprochen zu haben.
Ganz ähnlich verläuft es beim Thema Rente. Brakemeier benennt die Zukunftsangst treffend, die Sorge, dass die Rente unsicher ist und kündigt an, man müsse „schauen, wie dann die Umsetzung ist". Was diese Umsetzung konkret bedeuten würde, wird jedoch nicht ausgeführt. Stattdessen folgt unmittelbar der Übergang zu Haltung zeigen: „Die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, die teile ich nicht." Die inhaltliche Frage, was tut man gegen die Rentenunsicherheit, bleibt an genau der Stelle offen, an der sie gestellt werden müsste.
Fortgesetzter politischer Dissens nach einer Entscheidung ist in einer Demokratie kein Zustand, der eingehegt werden muss, sondern die normale Fortsetzung des demokratischen Prozesses – über die nächste Wahl, Klagen, Protest, öffentlichen Druck. Bezeichnend ist, dass Brakemeier an anderer Stelle im Interview genau das Gegenteil nahelegt: Politik solle intern ringen, nach außen aber „mit einer Stimme" sprechen und zu einer einmal getroffenen Entscheidung stehen. Das erzeugt Vertrauen, sagt sie – und tatsächlich mag Geschlossenheit kurzfristig beruhigend wirken. Doch ständiger interner Streit, wechselnde Mehrheiten und das Zurückrudern von Entscheidungen sind in einer Demokratie kein Defekt, sondern ihr eigentlicher Mechanismus. Eine Institution, die stattdessen verlangt, bei einmal getroffenen Entscheidungen zu bleiben, während Kritik containend aufgefangen wird, überträgt ein Modell von Geschlossenheit, das eher zu einer Klinik passt als zu einer Demokratie – zu einer Klinik, bei der die Regeln notwendigerweise nicht von den Patienten selbst gemacht werden, weil fachliche Expertise diese Asymmetrie rechtfertigt. Genau diese Rechtfertigung fehlt im Verhältnis zwischen Staat und Bürgern: Politische Entscheidungen sind demokratisch legitimiert, gerade weil die Betroffenen sie mitgestalten sollen.
5. Von der demokratischen Debatte zur Akzeptanzsteuerung
Dieses Muster, Kommunikation statt Veränderung, zeigt sich noch grundsätzlicher in einer wiederkehrenden Fragestellung des Gesprächs: „Wie bewegt man Menschen dazu, Opfer zu bringen?" Diese Frage setzt bereits voraus, dass die politischen Maßnahmen richtig sind. Schon der Ausgangspunkt ist dabei bezeichnend: Brakemeier spricht wiederholt von „guter Politik" und bewertet konkrete Maßnahmen als gut oder schlecht. Was politisch gut ist, ist jedoch selbst der Gegenstand demokratischer Auseinandersetzung, keine psychologische Tatsache. Indem sie das Gute stillschweigend voraussetzt, verengt sich die psychologische Frage von vornherein auf die Umsetzung, die vorgelagerte Frage, ob und für wen eine Maßnahme überhaupt gut ist, bleibt unthematisiert und unpolitisiert zugleich.
Die psychologische Aufgabe besteht dann nur noch darin, Akzeptanz zu erzeugen, durch sogenannte Co-Benefits, also den Hinweis auf angenehme Nebeneffekte wie bessere Gesundheit, durch Rollenvorbilder und emotionale Kommunikation. Ausgeblendet bleiben die vorgelagerten demokratischen Fragen: Sind diese Opfer notwendig? Sind sie gerecht verteilt? Gibt es Alternativen? Die Frage „Wie bewegt man Menschen dazu, Opfer zu bringen?" setzt zudem voraus, dass Chancen und Opfer der Transformation bereits angemessen verteilt sind. Ungeklärt bleibt, wer die Chancen dieser Transformation tatsächlich wahrnimmt und wer die Opfer bringen muss. Fallen beide auseinander, ist Widerstand keine kommunikative Fehlleistung, sondern eine berechtigte Reaktion auf eine ungleiche Verteilung und die Frage, wie man Menschen zu Opfern „bewegt", wirkt dann weniger nach Vermittlung als nach Verwaltung eines Verteilungskonflikts, dessen Ursache nicht mehr zur Debatte steht.
Die Psychologin beantwortet im Interview überwiegend die Frage, wie politische Entscheidungen besser vermittelt werden können, nicht, ob sie richtig sind. Darin liegt die Gefahr einer Verschiebung: von demokratischer Willensbildung hin zur Akzeptanzsteuerung.
6. Gefühl ohne Ratio als Kommunikationsziel
Aufschlussreich ist auch die Frage, mit der einer der Moderatoren das Churchill-Beispiel einführt: wie man Reformen so kommunizieren könne, dass sie „die Gefühle der Leute erreicht und nicht nur den Kopf". Diese Fragestellung blendet aus, dass Fühlen, Denken und Handeln sich kaum trennen lassen, jede Emotion enthält bereits eine Bewertung, keine Ansprache erreicht das eine ganz ohne das andere. Problematischer ist jedoch die Richtung der Frage selbst: Sie fragt nicht, wie eine Maßnahme inhaltlich überzeugt, sondern wie Zustimmung erzeugt werden kann, ohne die Sache selbst begründen zu müssen. Churchills Rede bot den Briten immerhin ein gemeinsames, klar benanntes Ziel, die Verteidigung gegen einen äußeren Angreifer, für das die Kosten unmittelbar einleuchteten. Wird dasselbe Muster auf innenpolitische Verteilungsfragen übertragen, verschiebt sich der Charakter der Kommunikation: von der Begründung einer Position zur bloßen Erzeugung von Zustimmung.
Ob psychologische Politikberatung neutral ist oder implizit Partei ergreift, lässt sich mit einem einfachen Gedankenexperiment prüfen: Man wende dieselben Empfehlungen auf eine Politik an, die man selbst entschieden ablehnt. Angenommen, eine Regierung beschlösse, Sozialleistungen deutlich zu kürzen, Radwege zurückzubauen und Abschiebungen massiv auszuweiten und Psychologen empföhlen anschließend: „Die Politik sollte empathisch zuhören, Ängste validieren, geschlossen auftreten und die Vorteile dieser Maßnahmen emotional kommunizieren." Viele würden unabhängig von der inhaltlichen Bewertung dieser Politik sofort fragen: Warum sprechen wir über Kommunikation statt über die Inhalte?
Genau diese Frage muss man aber auch dann stellen, wenn man die kommunizierten Ziele teilt. Nur wenn psychologische Beratung unabhängig von den jeweiligen politischen Zielen dieselben Maßstäbe anlegt, bleibt sie Wissenschaftskommunikation und wird nicht zum Vermittlungsinstrument für vorab feststehende Ziele.
7. Interessenkonflikte werden zu Kommunikationsproblemen umgedeutet
Bezeichnend ist, wie im Podcast Widerstand gegen die Transformation bewertet wird, nämlich als „objektiv irrational" und, zugespitzt, als „selbstverletzendes Verhalten", etwa wenn die Moderatoren betonen, Elektroautos seien angenehmer zu fahren und billiger, einer Rahmung, der Brakemeier nicht widerspricht, sondern mit psychologischen Erklärungen unterfüttert. Das übersieht, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung sich unabhängig vom Antrieb gar kein Auto leisten kann; der Vergleich setzt bereits eine Kaufkraft voraus, die nicht alle haben. Reaktanz wird hier als kognitive Verzerrung dargestellt. Ebenso plausibel ist jedoch eine andere Lesart: Für Menschen, die den anstehenden Systemwechsel real als Verlust erleben, etwa weil das Alte für sie funktioniert hat und das Neue mit ökonomischer Unsicherheit einhergeht, ist Widerstand keine irrationale Reaktanz, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf einen Wandel, der sie zu Verlierern macht. Auch sozialer Druck kann diese Reaktanz verstärken: Wer sich in einem Umfeld bewegt, das eine bestimmte Haltung zur Bedingung der Zugehörigkeit macht, riskiert mit einer Wärmepumpe nicht nur eine Kaufentscheidung, sondern möglicherweise auch den eigenen sozialen Rückhalt.
Noch deutlicher wird das bei den empfohlenen Co-Benefits selbst. Weniger Fleisch essen oder Fahrrad statt Auto fahren mag für viele eine Konsumentscheidung mit angenehmen Nebeneffekten sein. Für jemanden, der in der Automobilindustrie oder im Fleischereigewerbe arbeitet, ist es das nicht: Setzt sich das empfohlene Verhalten in der Breite durch, steht sein Arbeitsplatz zur Disposition. Die Aufforderung, sich vorzustellen, wie gut sich der Umstieg anfühlt, geht an dieser Lage vorbei, zumal dieselben Menschen häufig zugleich den Abbau sozialer Sicherung erleben, der einen solchen Übergang eigentlich auffangen müsste. Wer von zwei Seiten unter Druck gerät, nämlich durch die wegfallende Erwerbsgrundlage und ein schwindendes soziales Sicherungsnetz zugleich, für den ist die Empfehlung, sich auf die positiven Gefühle beim Radfahren zu konzentrieren, keine hilfreiche Reframing-Übung, sondern verkennt die tatsächliche Lage.
Viele Konflikte entstehen also nicht, weil Menschen Informationen falsch verstehen, sondern weil unterschiedliche Gruppen tatsächlich unterschiedliche Interessen haben. Kommunikation kann einen Interessenkonflikt erklären oder überdecken, aber auflösen kann sie ihn nicht.
8. Die Beispiele selbst tragen eine Klassenperspektive
Auffällig ist zudem, aus welcher Warte die Beispiele für gelingende Transformation gewählt werden. Der Nachbar mit Elektroauto und Wärmepumpe, den man vom Grillen im Garten kennt, dessen entspanntes Leben als Beleg dafür dient, dass die Transformation „gar nicht so von übel" sei, setzt Wohneigentum und ein Grundstück voraus. Der Zugurlaub durch Skandinavien als „positives Abenteuer" blendet aus, dass Bahnreisen für eine mehrköpfige Familie oft teurer sind als ein Kurzstreckenflug. Und laut Schätzungen des Statistischen Bundesamts konnte sich 2025 gut jede fünfte Person in Deutschland keine einzige Urlaubswoche im Jahr leisten und im einkommensschwächsten Fünftel der Bevölkerung war es fast jede zweite. Für diese Menschen ist die Wahl zwischen Mallorca und Skandinavien-Zugreise keine Frage der Klimaverträglichkeit, sondern bereits die Frage, ob überhaupt eine Reise stattfindet.
Bezeichnend ist außerdem, dass gerade die Regionen, die im Gespräch selbst als Hochburgen der AfD benannt werden, wirtschaftlich schwächer sind als der Bundesdurchschnitt, dort, wo die Beispiele am wenigsten zutreffen, ist der Widerstand am größten. Diese Beispiele sind nur aus einer bestimmten ökonomischen Position heraus nachvollziehbar. Wer sich weder Elektroauto noch Bahnurlaub leisten kann, wird darin kaum eine Einladung erkennen, sondern eher einen Beleg für einen Unterschied, den er nicht überbrücken kann, was eher Distanz und Neid als Annäherung erzeugen dürfte. Darin liegt eine gewisse Ironie: Ein Gespräch, das ausdrücklich vor Othering und Polarisierung warnt, tut dies mit Beispielen, die selbst nur für einen Teil der Angesprochenen erreichbar sind. Auch das ist im Kern ein ökonomischer, kein kommunikativer Unterschied und er lässt sich durch behutsamere Beispiele oder wärmere Ansprache ebenso wenig auflösen wie die Interessenkonflikte an anderer Stelle. Wer sich die Transformation schlicht nicht leisten kann, wird durch kein noch so einladendes Bild eines nachhaltig lebenden Nachbarn abgeholt.
9. Fehlattribution: Die Emotion kann berechtigt sein, ihre Ursachenzuschreibung falsch
Psychologisch ist nicht nur wichtig, wie Menschen mit Angst oder Ärger umgehen, sondern auch, worauf sie diese Gefühle zurückführen. Emotionen können angemessene Reaktionen auf reale Belastungen sein, während ihre Ursachen falsch zugeschrieben werden. Menschen erleben reale wirtschaftliche Unsicherheit und schreiben sie je nach Milieu der Migration, der Wirtschaftspolitik oder internationalen Krisen zu, Fehlattributionen sind dabei in alle Richtungen denkbar. Zum Beispiel können die erneuerbaren Energien dabei auch zum Symbol werden: für den Wandel vom Alten, das für viele funktioniert hat, zum Neuen, das mit realer ökonomischer Unsicherheit einhergeht. Die Wut richtet sich dann womöglich gegen das, was tatsächlich vergleichsweise unproblematisch ist, während die eigentliche Ursache, eine Politik, die einen guten Übergang zu gestalten versäumt oder gleichzeitig Sozialleistungen kürzt, unbenannt bleibt.
Das Problem liegt in solchen Fällen nicht in der Emotion; die kann vollkommen berechtigt sein. Der naheliegende Schluss wäre allerdings nicht, den Menschen ihre vermeintlich falsche Zuschreibung auszureden: Das verlagert das Problem erneut ins Individuum und unterstellt, sie hätten es nur noch nicht richtig verstanden. Wirksamer wäre, an der realen Belastung selbst anzusetzen. Wenn sich die wirtschaftliche Lage der Betroffenen tatsächlich verbessert, entschärfen sich viele Konflikte, die zuvor anderen Ursachen zugeschrieben wurden und auch falsche Zuschreibungen verlieren dann oft an Bedeutung, ganz ohne dass man vorher über die „richtige" Deutung streiten müsste.
Auch wenn Brakemeier das Gefühl vieler AfD-affiner Menschen als Wunsch nach Anerkennung beschreibt, bleibt eine Dimension unbenannt: Ein Teil dieser Unsicherheit hat eine materielle Grundlage, zum Beispiel Kürzungen, Zukunftsangst um Rente und Einkommen. Diese lässt sich nicht durch Zuhören auflösen, sondern nur durch tatsächliche Umverteilung. Eine Antwort, die bei Gesehenwerden und Dialog stehen bleibt, adressiert damit die kostengünstigere der beiden Ebenen nicht notwendigerweise aus Kalkül, aber mit der Folge, dass die teurere Ebene, die tatsächliche materielle Verschiebungen verlangen würde, unangetastet bleibt.
10. Die gesellschaftliche Funktion: Gefahr der Depolitisierung
Der grundsätzlichste Einwand betrifft die gesellschaftliche Funktion dieser Perspektive. Ich unterstelle Frau Brakemeier ausdrücklich nicht, politische Auseinandersetzung unterdrücken zu wollen. Ihr Modell könnte diese Wirkung jedoch unabhängig von ihren Absichten entfalten.
Wenn gesellschaftliche Konflikte überwiegend als individuelle Belastungen verstanden werden, verschiebt sich der Ort ihrer Bearbeitung: vom politischen in den therapeutischen Raum. Die zentrale Frage lautet dann nicht mehr „Wie verändern wir politische Entscheidungen?“, sondern „Wie gehen wir emotional mit ihnen um?” Psychotherapie übernimmt damit – unbeabsichtigt – eine gesellschaftliche Stabilisierungsfunktion: Sie hilft Menschen, belastende politische Verhältnisse besser auszuhalten, statt deren Veränderung in den Mittelpunkt zu stellen. Bei unveränderbaren Belastungen ist das sinnvoll und notwendig. Bei demokratisch veränderbaren Entscheidungen droht dagegen Depolitisierung: Aus dem Bürger, der Veränderung anstrebt, wird ein Mensch, der lernen soll, seine Gefühle gegenüber politischen Entscheidungen besser zu regulieren. Diese Gefahr ist dabei nicht nur abstrakt: Wenn viele Psychotherapeut*innen ihren Patient*innen ähnliche Empfehlungen geben, containen, akzeptieren, individuelle Selbstfürsorge statt Organisation, kann sich das über viele einzelne Behandlungen hinweg zu einem gesellschaftlich relevanten Effekt summieren: Menschen, die glauben, ihr Beitrag lohne sich ohnehin kaum, koordinieren sich seltener mit anderen und genau diese Koordination wäre für politische Veränderung notwendig.
Fazit
Mein Einwand lautet nicht, dass Frau Brakemeier psychologisch falsch argumentiert. Viele ihrer Erklärungen etwa zu Angst, Reaktanz, Dissonanz, Einsamkeit, Kontakthypothese sind fachlich überzeugend. Problematisch ist der Anwendungsbereich: Psychologische Modelle, die für die individuelle Bewältigung weitgehend unkontrollierbarer Belastungen entwickelt wurden, sollten nicht ohne Weiteres auf politische Konflikte übertragen werden. Dort wirken nicht nur Emotionen und Kommunikation, sondern reale Interessengegensätze, Machtverhältnisse, ökonomische Anreize und demokratische Einflussmöglichkeiten. Die negative Emotion ist dabei selten das eigentliche Problem, sie ist eher eine Warnleuchte, die anzeigt, dass etwas nicht stimmt. Wer die Warnleuchte abklebt, statt in die Werkstatt zu fahren, hat sich zwar kurzfristig beruhigt; das zugrunde liegende Problem bleibt bestehen.
Eine Politikberatung, die Psychologie ernst nimmt, würde deshalb nicht in erster Linie fragen: „Wie verkaufen wir die Maßnahme emotional?" Sie würde fragen: „Wie verändern wir die Entscheidung selbst so, dass die Betroffenen tatsächlich mitbestimmen und nicht nur angehört werden?" Und wo der Konflikt nicht auf Kommunikation, sondern auf realer Belastung beruht, würde sie nicht bei der Deutung ansetzen, sondern bei der Sache selbst: die wirtschaftliche Lage der Betroffenen verbessern, statt ihnen zu erklären, warum ihre Sorgen falsch attribuiert seien. Psychologie kann politische Prozesse auf diese Weise bereichern – auf Kommunikation und Emotionsregulation sollte sie sie jedoch nicht reduzieren.
Die eigentliche Frage lautet nicht, ob Psychologie in der Politik eine Rolle spielen sollte, sondern wozu sie überwiegend eingesetzt wird: um Bürger an politische Entscheidungen zu gewöhnen oder um Politik stärker an den Bedürfnissen und Einflussmöglichkeiten der Bürger auszurichten.