Wir waren in der Käs, um Elon Musk zum Billionärstatus zu gratulieren und von Reemtsma erklären zu lassen, wie man soziologische Grundbegriffe (besser nicht) nutzt.
Wie soll man Reemtsma einschätzen? Ich mein was macht er? Er verneint z.B. ob man aus der Geschichte lernen könnte. Problem ist da, dass prosaischer Weise Ingenieure aus der Geschichte lernen müssen, weil sie nicht andauernd mit denselben Fehlern konforntiert werden wollen. Das ist keine große Kunst das auf das Regieren oder sogar persönliches Handeln zu übertragen.
Was war noch? er sagt die transatlantische akademische Mittelklasse sei in einer Krise und verfalle in einen Bezeichnungswahn. Da ist bestimmt was dran, aber das ist doch auch irgendwo ein ad hominem oder? Also er redet eher über die Position als über den Inhalt und genauso kann man bei ihm auch fragen, ob es aus seiner Position heraus besser wäre, wenn es kein Faschismus sei und man das nicht so nennt.
Dazu dann auch Hitlers Wahl als Kammerspiel darzustellen ist möglich, aber strukturell unterkomplex in diesem Kontext oder?
Wo ist der Vortrag btw? sehe kein Link und finde online nichts.
Reemtsma spricht einfach den wunden Punkt an. Klar nervt das, wenn man glaubt alle Gedanken schon gedacht zu haben.
Die kritische Auseinandersetzung bezieht sich auf vergangenes, was aus der Geschichte lernen, Parallelen zu finden und daraus richtig abzuleiten und dann entsprechend zu handeln. Was aber wenn das nicht standhält? Wenn Zukunft einfach anders sein wird? Wenn die Vorhersage nicht eintritt und etwas passiert was zwar in der Geste winzig scheint aber in der Katastrophe endet egal welcher Begriff verwendet wird?
Wolfgang gibt zumindest für mich den Anhaltspunkt: die Ausgangslage ist ambivalent, der Begriff muss erweitert werden und wird dadurch schwammig. Wenn Faschismus diagnostiziert wird, welche Handlung muss in der Zukunft erfolgen? Laut Nachtwey Tyrannenmord, laut Tooze russische Panzer, zwar nicht als Aufforderung, dennoch als historische Konsequenz zu Ende gedacht
Die Frage ist aber, wie wird die Zukunft aussehen mit dieser Diagnose, erstellt aus einer Vergangenheit die darüber bestimmt wie weit die Begriffsdefinition Faschismus ausgelegt werden darf, was ja legitim ist. Die Geste selbst die in die Katastrophe führt wird nicht erkannt. Den Moment kann man nur im Rückblick beschreiben, die Entwicklung dorthin lässt sich hingegen besser beschreiben, Das blöde dabei, die Zukunft lässt sich lang und breit aus den Parametern der Vergangenheit herleiten, aber nicht voraussagen. Alleine diese Diskussion bindet schon so viel Energie, dass, während man noch rätselt, der Genozid in Gaza bereits stattgefunden hat.
Anders gesagt, also wenn Faschismus, dann Verbot der AFD, was aber historisch nicht so richtig passt. Dann, was bedeutet das für die Zukunft wenn es noch nicht einmal historisch passt? Achso, weiß man ja nicht, Tyrannenmord irgendwie doof, Panzer auch. Wenn das trotzdem alles so klar ist, könnte man dann wenigstens juristisch eindeutig zu Potte kommen? Scheinbar auch nicht. Ist komplex das alles, immer viele Wenns und Abers.
Was man weiß haben Aldinger und Nachtwey zusammengetragen und aufgearbeitet. Endlos wichtige Arbeit die zeigt, Faschismus ja, aber keiner der befragten verwendet diesen Begriff selbst. Sind vielleicht nicht so gut gebildet. Nur, deren Bereitschaft zu zerstören mit allem was dazugehört ist real existent.
Krieg gegen den Iran in der Zwischenzeit, angezettelt von einem…? Man kann sich die Bezeichnung für Netanjahu und Trump überschneidend aussuchen.
Das ist die eigentliche Pointe: Amlinger und Nachtwey brauchen den Begriff eigentlich garnicht, weil sie die Zerstörungslust direkt sehen. Trump und Netanjahu brauchen ihn ebenso wenig — aus demselben Grund, nur mit echten Konsequenzen.
Mein Vorschlag wäre, Stimmen wie Reemtsma ernst nehmen, denn für mich jedenfalls impliziert er Handlungsbedarf der sich nicht mit Begrifflichkeit eine Zukunft ausmalt sondern erkennt was gegenwärtig Phase ist, den der Begriff aus der Vergangenheit nicht beschreibt.
Ausdrücklich gesagt:
Das ist keine Kritik an der Soziologie, es ist Kritik an dem Umgang, der energieraubenden Endlosschleife die nirgends hinführt.
ein Kritikpunkt wäre ja der historische Vergleich, den man sich selber aufzwingt:
Ein Genozid wird am Holocaust gemessen, Faschismus an Hitler und Mussolini.
Solange kein industrieller Massenmord, solange kein Genozid. Solange keine Fackelumzüge von Braun- (oder Schwarz-) Hemden, solange kein Faschismus.
Wenn industrieller Massenmord: Angriff internationaler Truppen und Befreiung der Opfer.
Wenn Faschismus: Tyrannenmord, Bildung von Widerstandsgruppen, offener Straßenkampf, “russische Panzer”
Vielleicht nette Ergänzung dazu, weil Redecker zwar im Publikum saß, es aber keinen Ton davon gibt:
da geht es dann bei Fragen des guten alten Hufeisens recht turbulent zu.
Für mich reicht das nicht aus. Die Vergangenheit ist nichts starres, sondern je nach Gegenwartsintention und Antizipation der Zukunft muss man sie neu herausholen und neu formulieren. Er stellt sich da nur quer, um unbedingt keine Parallelen sehen zu müssen. Dazu gehört übrigens auch ein Diskurs darüber, was der Staat ist und was er nach 1945 leisten müsse. Für was er stattdessen anscheinend plädieren will ist, das alles in den Schubladen zu lassen und Individuen zu überhöhen. Alles ist neu, nichts kann abgeschätzt werden und wir die Opfer der Flut an Informationen und Spekulationen anderer.
Außerdem wäre allgemein ein Gegenvorschlag angebracht, denk ich.
Also Amlinger und Nachtwey benutzen ihn auch, um in diesen Diskurs anzuschließen. Das, was die Theoretiker damals untersucht haben, findet man heute wieder, wenn auch in leicht anderer Form. Das musste herausgearbeitet und aktualisiert werden und ist ein Baustein mehr in dieser Faschismustheorie.
Trump und Netanjahu benutzen ihn auch nicht so wirklich, sondern die jeweilige Opposition. Das ist auch etwas, was bei Reemtsma fehlt: die Reflektion über die politischen Standpunkte, die das behaupten oder verneinen und wie er sich dazu verhält oder stellt. Diese Forderung von ihm “dann müssen sie aber auch konsequente Handlungen in die Wege leiten” ist da auch etwas zu kurz: vlt können die gerade keine konsequenten Handlungen in die Wege leiten, weil bereits Unterdrückung und Drohungen im Gange sind. Ansonsten hört man durchaus hier und da Forderungen, dass Tel-Aviv konsequenterweise besetzt werden müsste wie bei z.B. Irak und die Farmer und MAGA-Anhänger in Umerziehungslager gesteckt werden müssten. Was wäre falsch daran, außer dass man glaubt, man lebe in einer großen Familie der Menschheit oder dass man glaubt, dass der Liberalismus wirklich funktioniere? Die Gegenseite baut dagegen KZs in El Salvador mit CECOT und macht willkürliche ICE Raids inklusive Überwachungsapparat.
Wobei ja ansich mehr politische Forderungen mal formuliert werden könnten und spruchfähig gemacht werden könnten.
Wobei bei Reemtsma ja durchaus ein Gegenvorschlag gibt mit bullying. hmmm
Ja gut, dann ist die Reaktion nicht “russische Panzer”, sondern “Erwachsene im Raum”.
Die Hoffnung für die USA ist ja immer gewesen, dass die “adults in the room” Dinge wie Einsatz des Militärs aus kindlicher Bockigkeit oder Bullying verhindern könnten. Stellt sich raus: naja… nicht ganz. Weil die “Erwachsenen im Raum” recht schnell kalt gestellt worden sind.
Das ist ja auch die Hoffnung von Semsrott in Bezug auf Beamte, die ihren Eid ernst- und ihre Rolle einnehmen…
Sehe ich dann aber eher als Verzögerungstaktik bis das Ende der Amtszeit erreicht ist… wenn dann die Wiederwahl den selben Bully ins Amt bringt hilft es auch nicht… siehe Trump 1 und Trump 2… und diese Mechanismen haben wir in der deutschen Verwaltung auch…
Herr Hegemon, ick hör dir trapsen…
Nachdem ich es mir mehrfach überlegt habe, mal mitzudiskutieren, muss ich jetzt mal sagen, dass die Bedeutung des Storytellings, des Narrativs auch in der Folge über das Storytelling noch zu kurz kommt.
Wir befinden uns gerade in einem Krieg der Narrative. Nach dem “Ende der Geschichte” befinden wir uns gerade so sehr in einer Krise des Kapitalismus, wie sie Clara Mattei in “Die Ordnung des Kapitals” (Ich hatte ja wirklich gehofft, ihr besprecht das Buch im Salon :)) beschreibt, in der Austerität als alternativlosen Weg unsere Gesellschaft, unsere Demokratie zu retten geframed wird, jedoch eigentlich nur dem Erhalt der Besitzverhältnisse, der kapitalistischen Ordnung dient.
Darim braucht es dringend eine Renaissance des Begriffs der Entfremdung, um beschreiben zu können, warum Menschen so sehr entgegen ihrer eigenen Interessen wählen/handeln. Das Gefühl, das etwas nicht stimmt, dass es so nicht weitergehen kann, ist da, aber das Wissen über die Verhältnisse nicht. Menschen rennen der AfD hinterher, weil sie sich eine Antwort auf ihre Gefühle suchen. Dahingehend ist die funktionale Wirkungsweise der heutigen Feindbilder, derer sich die AfD bedient, genau gleich der Feindbilder bei der NSDAP. Es geht nicht darum, wer es ist, sondern darum, dass es eben nicht die besitzende Klasse ist. Adorno beschreibt das zumindest anteilig mit dem Begriff des strukturellen Antisemitismus. Es geht nicht darum, wer das Feindbild ist, sondern, wer es nicht ist.
Und da wird auch die Ebenenunterscheidung in Sachen Primat Staat/Wirtschaft wichtig. Die Hegemonie, wie Gramsci sie beschriebt, wird ja von Unternehmen, Politik, Medien, Menschen gleichermaßen getragen. Dementsprechend liegt die Macht zwar formal oder de jure beim Staat, aber de facto, oder in den Narrativen bei den Unternehmen, oder eigentlich noch dahinter, bei dem internationalen System, welches nicht in Frage gestellt wird. Deswegen ist es so, dass Regierungen zwar grundlegende Entscheidungen treffen können, es aber deswegen nicht tun, weil sie ohne die Zustimmung der besitzenden Klasse und deren Meinungsmobilisierung gar nicht in diese Position gekommen wären. Die Frage danach, welches Ereignis dann den Kipp in den Faschismus gebracht hat, ist somit auch keine Frage der Soziologie, sondern eher der Massenpsychologie. Weil die gesamten Vorraussetzungen dafür ja bereits geschaffen wurden. Die Hegemonie wurde schon erzeugt. Da ist sicher auch der Begriff der Faschisierung, wie ihn Judith Muster und Stefan Kühl im Gespräch mit Stefan in Stellung gebracht haben, treffender. Also was passiert eigentlich alles, bis eine derart faschistische Grundstimmung(Hegemonie) erzeugt werden konnte, dass eine kleine Singularität dann das System zum Umsturz bringt.
Da wird eben auch die rechtsautoritäre Wende, wie sie die CDU derzeit vorantreibt relevant, weil ja gerade die hegemonielle Voraussetzung für ein Umkippen in den Faschismus geschaffen wird. In der LTO war ein Artikel, dass der Autor einen Weltartikel, in dem die Gerichte als aktivistisch dargestellt wurden, weil sie sich dem migrationspolitischen Kurs von Dobrindt und der Bundesregierung entgegenstellen, einordnet. Er macht klar, dass die Haltung des Weltautors aktivistisch ist, weil sich die Gerichte ja an das Revht halten. V.a. aber ist die Arbeit der Bundesregierung als aktivistisch einzustufen, weil sie zeigt “Wir würden ja gerne, aber wir scheitern, an einem zu liberalen Recht, das wir gerade noch haben”. Es wird in allen möglichen Arenen dafür gekämpft, die Hegemonie darüber zu erhalten, dass die kapitalistischen Verhältnisse nicht das Problem darstellen, sondern Migras, Arbeitssuchende etc.
Da ist auch das Problem beim ÖRR, es wird zwar nicht direkt ein Zusammenhang hergestellt, aber wenn immer und immer nur darüber geredet wird, dass wir sparen müssen und wie viel Geld der Sozialstaat und die Migrant*innen uns kosten, bleibt für die, nicht tiefergehend politisch gebildetete, Bevölkerung nur der Schluss, dass diese wohl für unserer Misere des Sparen müssens verantwortlich sind.
Schau, Reemtsma ist nicht der Heiland. Kritik der Kritik wegen würde ich ihm nicht unterstellen.
Was alles fehlt trägst du ja ganz gut zusammen.
Ich bin auch nicht gegen Faschismusforschung, ich bin nur etwas empfindlich wenn die Begriffsdefinition wichtiger wird als das Ereignis.
Weil der ÖRR auch längst zur quotenheischenden Kulturkampf-Arena geworden ist - mit einer unbehaglichen Vernetzung im Hintergrund, zwischen Rundfunkräten, Redakteuren, sogenannten progressiven Figuren, unlustig belehrenden sogenannten Satirikern, beängstigend verkürzenden sogenannten journalistischen Formaten, nicht aufklärenden Unterhaltungssendungen und Verfilmungen, und - wie nennt man eigentlich das, was Maischberger und Lanz tun? - sowie scheininvestigativen Enthüllungen, Politikern und sogenannten Experten, deren eigene Hintergründe und Interessen nie benannt werden - so, als hätten sie keine. Einige Perlen gibt es dazwischen auch, aber die muss man erstmal finden. Ja, nun habe ich einfach alles in einen Topf geworfen und einen Deckel drauf gestülpt.
Das Verrückte ist, dass der ÖRR die einzige Sendeanstalt der Welt ist, die keine Rücksicht auf Quoten und Gefälligkeit nehmen müsste, weil sie zuverlässig unabhängig und großzügig finanziert ist.
Jedenfalls ist er eine Arena - und als vierte Gewalt im Staat seit geraumer Zeit ein Totalausfall. Diese Arena kann allerdings rekonstruiert werden, und zwar von außen.
Unabhängig davon, dass die Fragen nach dem Faschismusbegriff nochmal aufgeworfen und überarbeitet werden - was ich gut finde, wenn es zu Denkprozessen führt - hat Herr Reemtsma mit dem Wort des „Bully“ eine hervorragende Figuren-Vorlage zur Verfügung gestellt. Diese erschließt sich sogar ohne Weiteres der Gen Z, und vor allem steht deren Zukunft (und die ihrer Nachkommen) auf dem Spiel. Wenn man sich mit ihnen unterhält, wird offensichtlich, dass von ihnen Friedrich Merz ebenso als Bully einsortiert wird, wie viele andere Größen, bei denen scheinbar soziopathische Wesenszüge die Agenda bestimmen - gelegentlich kombiniert mit scheinbar gestörter Impulskontrolle.
Was sagt die Lehrmeinung der Soziologie, welche Charaktere in unserem Gesellschaftssystem besonders durchsetzungsfähig sind - und warum ist das so?
danke für den Hinweis und den guten Kommentar in Länge!
aber war das nicht schon bei Euch Thema?
Juni23- da lag es nur auf englisch vor.
(Ich zweifle gerade an mir selber: Habe es auf eure Empfehlung gekauft und dachte im ersten Moment bei @Falky Kommentar: Toll! Ein neues Buch von Mattei…bis ich beim Blick ins Regal lachen musste…)
Also ich habe mir die Folge von Juni 23 nochmal angeschaut und teilweise durchgehört (bei Spotify, komischerweise sind nur bei der Folge, die Kapitel alle auf Englisch) und finde nichts davon. Auch wenn ich über die Suchfunktion nach Autorin oder Schlagworten suche, finde ich nichts. Bist du sicher, dass das Buch behandelt wurde?
Ja eben nicht ![]()
Also Mick hat es zumindest beim Einmischen-Podcast besprochen (05.06.2023)…
(Ich habe im Buchdeckel nur “DNZ 06/23” gefunden… aber wir müssen ja nicht meine rückständige “Buchführung” diskutieren
)