Den Machtbegriff zu besprechen ist eine seltsame Sache, aber da ich mich hier im Forum schon mal daran gewagt habe, kann ich basierend auf der Annahme das Macht ein Werkzeug ist - also neutrale Eigenschaften hat - Fragen zur Interaktion zwischen Menschen anders begreifen.
Ausgehend davon, Lernwille und Kooperation ist angeboren, ist Macht auf den verschiedenen Ebenen ein Aushandlungsprozess, der auf Ausgleich zielt.
Man könnte den bestehenden Machtbegriff auch als reproduktive Systemerhaltung bezeichnen — je nachdem aus welcher Position man ihn betrachtet, erscheint er positiv oder negativ konnotiert. Diese Wertung entsteht aber nicht aus der Macht selbst, sondern aus der Position des Betrachters: Wer sich selbst als ohnmächtig erlebt, bewertet dieselbe Machtausübung negativ, die der Mächtige positiv deutet - als Ordnung oder Führung. Macht als Werkzeug bleibt neutral — sie kann zur Kooperation eingesetzt werden oder zum Wettbewerb, zur Stärkung des anderen oder zu seiner Schwächung. Wer Macht missbraucht, missbraucht kein böses Werkzeug, sondern setzt ein neutrales Werkzeug für ein eigenes, gerichtetes Interesse ein. Der bestehende Machtbegriff beschreibt aber nur eine Richtung: von oben nach unten. Wie Macht ausgeübt wird, ist gut beschrieben — wie sie von unten erfahren, angeeignet oder zurückerobert werden kann, kaum. Er schreibt dem Werkzeug zu, was eigentlich Eigenschaft des Akteurs ist, und macht damit unsichtbar wer tatsächlich und vor wem handelt.
Wettbewerb in Konkurrenz als vermeintliche Grundidee menschlicher Interaktion tötet zwar nicht den Kern der Kooperation, er lenkt ihn um. Kooperation verschwindet nicht, sie wird auf die eigene Gruppe gerichtet und gegen eine andere gewendet. Haben wir gemeinsame Plausibilität innerhalb dieser Lenkung herstellen können, funktioniert Kooperation auf einer Interessenebene — aber entlang der vorgegebenen Richtung. Wir bekommen Kooperation als solche nicht weg, wir verschieben nur ihre Richtung. Das hat drastische Auswirkungen auf Gruppen, deren Zusammenhalt dann von außen organisiert werden muss — weil die Lenkung selbst von außen kommen muss, nicht aus der Kooperation selbst.
Historisch hervorzuheben ist der Moment von Eigenbesitz und nachfolgend Organisation von Arbeit als Umlenkungspunkt des Lernwillens und der Kooperation. Die Aneignung und die Verteidigung von Besitz macht Macht zum absoluten Erfordernis. Der jeweilig Unterlegene erfährt Macht, der Überlegene übt Macht aus. Dazwischen liegt der formulierte Besitzanspruch, der im Zweifel durch Gewalt durchgesetzt wird. Das Recht auf Eigentum legitimiert diesen Prozess.
Wenn Kooperation systemisch grundsätzlich umgelenkt wird und im historischen Sinne eine Schuld entsteht, die entweder durch Arbeit oder Geld ausgeglichen wird - was einen weiteren elementaren Schritt markiert - bedarf es einiger Anstrengung, einen Machtbegriff zu entwickeln, der die gewohnte Beziehung von überlegen und unterlegen zu einer produktiven, kollektivistischen, aber trotzdem nicht appellativen oder programmatischen Betrachtung führt.
Also die umgelenkte Kooperation als etwas zu sehen, was den Ausgleich nicht als Schuld begreift, sondern als Gewinn.
Das ist kaum vorstellbar, weil jede Strategie an einem Gegner ausgerichtet ist - und ein nicht erfülltes Interesse als Verlust gilt.
Herrschaft manifestiert Schuld, und ist deshalb ungeeignet. Die Definition der Gleichheit der Menschen, aufgeteilt in Rechte und Pflichten, ist ein Versuch, Macht zu bändigen - muss aber letztlich scheitern, weil die Schuld nicht aufgehoben wird. Davon abgeleitet, scheitert Freiheit als Begriff so an zwei Dingen gleichzeitig: an der Freiheit des anderen, und letztlich an der Macht des anderen, die den Eingriff in Freiheit überhaupt erst möglich macht.
Wenn Macht als Werkzeug für kooperative Prozesse gedacht werden kann, stellt sich die Frage anders: Recht, Pflicht und Freiheit sind bereits implementiert und werden auf Augenhöhe verhandelt. Sogar im Streit, denn wenn die bessere Lösung nicht in eine Schuld umgewandelt wird, entsteht Produktivität.
Die mögliche dramatische Ableitung ist aber, dass es in diesem Sinne keine institutionelle Instanz geben darf, die das regeln will. Das Risiko wäre enorm, aber konsequenterweise im freiheitlichen Sinne wäre das unausweichlich.
Dennoch, die Struktur ist immer durch denjenigen geprägt, der es schafft, mehr Macht als andere zu erlangen. Historisch war das schon immer so, aber genau das führe ich als Grund dafür an, warum es ein Irrtum ist, Macht zu monopolisieren und damit zu vergrößern. Es führt genau aus diesem Grund weg von Kooperation hin zu konkurrierenden Kräften, die ihrer jeweiligen unteren Ebene die Luft zum Atmen nehmen, durch gelenkte Schuld.
Die Paradoxie, die sich historisch zu einer solchen hinentwickelt hat, zeigt: Es ist immer derselbe Machtbegriff, der sich in verschiedenster Form durchkonjugiert hat - momentan aber, und das ist neu, droht er sich selbst ad absurdum zu führen. Es gibt Größenordnungen, die ein Umdenken verlangen, aber es findet keins statt. Macht wandelt sich zur Ohnmacht, was der Klimawandel sehr deutlich macht.
Ganz passend scheint mir, dass der bisherige Machtbegriff dafür gesorgt hat, dass extrem viel Wissen produziert werden konnte, immer im Kontext des Fortschritts, aber ohne Lösung. Klimawandel als Begriff zeigt dieses Paradox. Die Wissenschaft gegen Unvernunft, der sogenannte gesunde Menschenverstand gegen die Wissenschaft. Wieder: Institution gegen Individuum, während die Handlungsweise dem Profit folgt, den Schaden aber in der Handlungsanweisung massenhaft individualisiert - während die bloße Existenz des amerikanischen Militärs so viel Schadstoffe emittiert wie 150 Staaten zusammen.
Wie viele Denkmodelle es gibt, die Phänomene beschreiben können - jetzt von LLMs zusammengebunden und für jeden verfügbar gemacht -, die den Machtbegriff stützen, ihn sogar brauchen: Die Verwerfungen, die daraus entstehen, sind noch nicht absehbar. Aber schon jetzt ist klar: Es ist eine Zäsur, die entweder den Machtbegriff für immer festschreibt, oder ihn komplett auslöscht.
Es gibt unzählige Ismen, die genauestens analysieren, diagnostizieren und beschreiben. Sie sind die Ordnung des Denkmodells, erfüllen jedoch nur einen Zweck: Machtverhältnisse zu strukturieren, gleichzeitig zu reproduzieren und zu zementieren. Dialektischer Materialismus ist das Zauberwort, Wissenschaft das ausführende Organ, der Mensch in Zahlen aufgeschlüsselt, verfügbar gemacht, um ihn zu entmachten. Das Bedürfnis nach Berechenbarkeit ist so groß, dass selbst der Materialismus in Frage gestellt wird, denn was sich als Lücke auftut, wird in immer komplexeren Modellen erklärt - nur spürt es niemand mehr.
Der Wunsch nach Spiritualität und metaphysischem Erleben drückt das aus, und er schafft Verschwörungstheoretikern eine neue Plattform. Religiöse Gemeinschaften bis hin zu Organisationen greifen auf Ideen zurück, die tausende Jahre alt sind, um Sinn zu spüren. Gemeinsamkeit beider Strömungen: Sie sind auf dieselbe Machtstruktur angewiesen, um ihre Thesen zu argumentieren.
Politik verkommt zur Klasse, die Machterhalt als Prämisse setzt, statt politische Entscheidungen zu treffen. Es wird Zuarbeit geleistet, entweder um die Institution als Hebelverlängerung zu nutzen, oder aus dem absichtlichen Missverständnis heraus, dass Viele alles erwirtschaften müssen, um Wenige am Leben zu erhalten.
Vermeintliche ökonomische Realität wird zum Hebel der Politik für die Ökonomie, oder der Ökonomie für die Politik. Die Debatte, wer das Primat innehat, macht als Henne-Ei-Frage keinen Sinn mehr, denn sie lässt sich nicht mehr beantworten.
Wer baut so ein System, was gibt den Ausschlag? Was ist es, das den Lernwillen bricht? Kooperation so unmerklich verschiebt, dass die Vielen alles für die Wenigen erwirtschaften und es nicht merken?
Die Verwechslung von Werkzeug und Akteur.
Was diese Verwechslung so wirksam macht, ist, dass sie selten als Verwechslung erlebt wird. Sie fühlt sich wie Erkenntnis an, nicht wie Verzerrung - und genau das ist der Mechanismus, den man am Bild des Frosches im immer heißer werdenden Topf gut beschreiben kann. Materialismus ist die Ideologie, die sich selbst immunisieren muss, indem sie erklärt, wie Menschen funktionieren. Was braucht sie dazu? Macht. Die Macht des Dualismus, die Macht des kritischen Denkens, die Macht der Dialektik. Der Spagat zwischen dem Mensch-Sein an sich und dem Versuch, aus dieser Position den Menschen zu analysieren, bringt genau das mit sich: die steigende Temperatur nicht mehr zu bemerken.
Ziel kann nicht sein, die Komplexität herunterzudampfen in erklärbare Phänomene, gepresst von dem einen oder anderen großen Denker, verpackt in tausend Ismen. Ziel ist auf der anderen Seite auch nicht, Komplexität noch komplexer zu machen, indem man sich auf genau den großen Geist beruft, der sie so komplex gemacht hat. Das führt nur zum nächsten Ismus.
Meines Erachtens geht es um ein „sich zurechtfinden”. Um zu lernen, wann Komplexität hinderlich dafür ist, den Basiszusammenhang zu sehen, und ebenso, wann Vereinfachung buchstäblich die einfachere, bequemere, kognitiv entlastende Art ist, sich Zusammenhänge zu erschließen. Oben, unten, rechts, links sind Positionen, die vielleicht als Kompass gut funktionieren, weil sie einen Bezug herstellen - nur der Bezug selbst sagt nichts aus.
Es braucht dazu Identität und Ideologie. Ideologie ist die Verführung - bildhaft gesagt - ein Topf, in den alles reinpasst, was in der eigenen Plausibilität zulässig ist. Der Topf ist gewissermaßen die Heimat eines Froschs, der nicht merkt, wann es zu heiß wird, weil er den Unterschied nicht kennt. Er hat keinen Abgleich zur Kälte, die er zwar als Zustand kennt, aber nicht abrufbar, denn der Ist-Zustand ist omnipräsent. Die Temperatur ist die Identität. Deshalb fühlt sich Ideologie so gut an. Es ist schlicht unplausibel, dass es zu heiß wird. Die Frage des Abgleichs ist dann existenziell im wahrsten Sinne.
Nirgends beginnt dieser Mechanismus so früh und so grundlegend wie in der Kindheit. Der Erwachsene, eingebettet in eine verinnerlichte Machtasymmetrie, hat die eigene Macht oft falsch verstanden und übersetzt sie in Disziplin und Gehorsam - von sich selbst und von anderen. Weil das die eigenen Eltern auch schon so gemacht haben. Die Liberalisierung über die Generationen hinweg hat nur den theoretischen Überbau geschaffen, der sich aber nicht mit dem Machtbegriff selbst auseinandergesetzt hat. Und so wird es von Generation zu Generation weitergegeben.
Der Erwachsene hat eine Verantwortung in der natürlichen und notwendigen Machtasymmetrie zum Kind. Wenn er aber nicht in den Spiegel schaut, den das Kind ihm vorhält, sieht er nicht den Raum, den er schaffen muss. Jedes erwachsene Nein an ein Kind zeigt eine Überforderung: den Raum zu schaffen, der erst die Möglichkeit gäbe, Vorgelebtes in Relation zu setzen. Das Nein ersetzt den Raum, es schafft ihn nicht. Kinder brauchen Grenzen - ein Nein ist eine Grenzverschiebung. Wie soll es auch anders gehen: Die Vermögenden können sich leisten, ihre Nachkommen an Eliteuniversitäten auf die Härten des Lebens zu trimmen, die Ärmeren haben schlicht keine Zeit dafür.
Die verbale Erklärung im aufgeklärten, wissenden Erwachsensein zeigt dem Kind: Worte sind nicht Taten. Wenn Worte sich nicht in Taten wiederfinden lassen, entsteht Beliebigkeit. Wenn die Worte etwas beschreiben, das den Taten widerspricht, spürt das Kind eine Differenz. Wird diese Differenz als Widerspruch verinnerlicht, folgt ein Trauma. Ein Erwachsener, der den Konflikt in Verantwortung zeigen kann - welchen Kampf er mit sich selbst führen muss -, lebt vor, weil er Grenzen erfahrbar macht.
Es scheint ein Widerspruch zu sein, wenn man den Frosch als Bild betrachtet, denn der Mensch ist ja kein Frosch und kann Paradoxien nebeneinander als solche stehen lassen und existiert trotzdem weiter. Über genau diesen Mechanismus wird der Mensch gewissermaßen zum Frosch. Er merkt nicht mehr, wann die Hitze bedrohend ist, denn das Paradox ist in der Ideologie zwar existent, aber durch fehlenden Abgleich nicht erfahrbar.
Und hier, in der Kindheit, liegt auch der Ursprung dessen, was sich später verselbständigt: Die Identität wird zum Machtfaktor, der sich gegen sich selbst richtet. Was als Schutz begann - die Abspaltung von dem, was nicht ausgehalten werden konnte -, wird mit der Zeit zur Person selbst. Man hält dann nicht mehr eine Strategie für sich, man ist sie. Die Vermeidung, die einmal half zu überleben, wird zur Wand, die den Abgleich verhindert, den sie ursprünglich nur aufschieben sollte.
Was in der Mechanik der erlittenen Machterfahrung liegt, ist der Weg des geringsten Widerstands. Es endet mit der Ohnmacht gegenüber der Außenwelt, durch eine Macht, die plötzlich nicht mehr von außen kommt, sondern von innen, gegen sich selbst gerichtet.
Was beim Einzelnen als Ohnmacht innen endet, wiederholt sich in der Gesellschaft im Großen: Auch dort wandelt sich Macht in Ohnmacht, sobald der Abgleich fehlt - beim Klimawandel ebenso wie beim Kind, das lernt, seiner eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Der Mechanismus ist derselbe, nur die Größenordnung wechselt.
Wissen aneignen spielt in all dem eine zentrale Rolle, ist aber nicht entscheidend für einen Abgleich, denn der spielt sich innerhalb einer Plausibilität ab, die Wissen zwangsläufig subjektiviert. Jetzt könnte man ja sagen, Wissen objektiviert und verhindert geradezu die unbemerkte Entwicklung, weil man ja das Wissen hat. Stimmt - nur setzt das Bewusstsein voraus, das die ideologische Komponente erkennt und die Gruppe verlässt, die die Ideologie erst geschaffen hat.
Würde man nichts wissen, hätte man also keine Möglichkeit der Objektivierung, gäbe es nur die Identität gegenüber der Ideologie, die zusammen Plausibilität herstellen kann. Das würde nicht bedeuten, man könnte den Abgleich vollziehen - es zeigt einfach nur, dass Wissen allein nicht reicht.
Was hat das mit Macht zu tun: Mein Punkt ist, alle Parameter brauchen Bewusstsein, also die ständige Vogelperspektive, aus der ich auf mich selbst blicken kann. Ich muss wissen, wenn ich Macht einsetze, Macht verliere oder Macht gegen mich eingesetzt wird. Dann besteht eine realistische Chance, zu bemerken, wann die Temperatur zu hoch ist. Das ist unmittelbar der erste Schritt, die eigene Macht zu haben, eine Entscheidung zu treffen.
Materialismus tut sich mit Bewusstsein deshalb schwer, weil Bewusstsein selbst nicht messbar ist - es lässt sich nur an seinen Effekten ablesen, nie direkt erfassen. Für ein Modell, das Präzision und Reproduzierbarkeit verlangt, ist das ein blinder Fleck: Bewusstsein passt in jeden Topf, weil es sich nicht dagegen abgrenzen lässt. Gleichzeitig kann der Materialismus Ideologie und Identität - die beiden Zutaten des Topfs - selbst nicht erklären, ohne auf genau das Bewusstsein zurückzugreifen, das er nicht fassen kann. Und mehr noch: Die Fähigkeit, diese Blindstelle überhaupt als Blindstelle zu erkennen, ist selbst schon ein Akt von Bewusstsein - das Modell bräuchte also genau das, was es ausschließt, um die eigene Grenze zu sehen. Ein Modell, das den zentralen Begriff seiner eigenen Blindstelle nicht beantworten kann, ist an dieser Stelle fragwürdig.
Wie sich der Machtbegriff über Generationen wechselseitig ausgewirkt hat - denn die jüngere Generation beeinflusst auch die ältere zurück, etwa indem sie bei ihr auf völliges Unverständnis stößt -, lässt sich vielleicht am folgenden Beispiel beschreiben. Das Ende der Geschichte ist die Formulierung einer Generation, die sich gewissermaßen genau das sehnlichst gewünscht hat. Gleichzeitig ist diese Generation das Vorbild für jene, die sich heute im Internet radikalisieren, ständig falsch abbiegen und sich mit einfachen Erklärungen in fast schon spielerischer Art begnügen. Also als Fortführung der Erzählung vom verheißungsvollen Ende der Geschichte, in der hoffnungsvollen Naivität, die die Erwachsenen an den Tag legen - in, wie die KT sagen würde, unkritischer Weise verworfen, bekämpft, bespielt und unhinterfragt vereinfacht, und trotzdem radikal und uneinsichtig daherkommt. Was so interessant ist: Die Rebellion und die Radikalität der Memekultur möchte die erlernte Struktur über Bord werfen und hält trotzdem an dem Vorgelebten fest. Aber nicht an der Erzählung, sondern an der Naivität.
Man kann jetzt Bildung gegen Social Media als Verdummungsmaschine in Stellung bringen, nach dem Motto: So, ihr lest und versteht jetzt erstmal Adorno oder Horkheimer, dann wird das schon wieder. Das ist wenig plausibel und wird kontraproduktiv, weil gefühlte Wahrheit die stärkste Plausibilität ist, mit der der Mensch umgehen kann - und die von den Plattformen bewusst, durch einen Algorithmus, noch stärker gemacht wird.
Die Naivität, die im Ende der Geschichte als Sehnsucht nach Frieden als Ende von Macht formuliert ist, zeigt: Macht hat in diesem Bild nur eine Richtung, aber eine doppelte Funktion, die der nächsten Generation vererbt wird.
Was sich für mich darstellt ist: Navigation pluraler Rationalitäten, die sich aus materialistischer Perspektive katastrophal anfühlt, aber den Lernwillen auf ganz andere Art beweist. Keine Bildung, Aufmerksamkeitsspanne im Minusbereich, vor allem bei den männlichen Personen, schafft ganz neue Probleme.
Aber: die jüngere Generation stellt die richtigen Fragen, auf die sie aber von uns gut gebildeten Erwachsenen keine Antworten bekommen. Weil wir uns darin verlieren, Ist und Soll zu verwechseln - fast wie der Frosch, der keine Relationen feststellen kann. Fast deshalb, weil wir im gleichen Dilemma festhängen, Paradoxien im Grunde gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen. Wir sind einerseits Frosch, andererseits mit Fähigkeiten ausgestattet, die wir aber nicht nutzen - und unser Verhalten entwickelt sich zurück zum Froschsein.
Navigation ist die Vorstufe zur Plausibilität, daraus folgt die Legitimation des Handelns. Das lässt sich nur fassen, wenn Moral als Kategorie konsequent getrennt wird. Denn es ist ein Prozess, dessen Ergebnis von kognitiven Fähigkeiten abhängig ist, aber keinerlei Wissen oder gar Bildung braucht. Plausibilität entsteht einfach. Wer eine qualitative Bewertung des Handelns abgibt, muss auf moralische Kategorien zurückgreifen, um zu legitimieren oder zu delegitimieren.
Die Wertung, was richtig und was falsch ist, reicht nur so weit wie der eigene Horizont - und genau das ist der Zündstoff, den die Objektivierung zu entschärfen versucht. Sie verspricht Horizonterweiterung, schafft aber ein neues Korsett: den Materialismus. Der erzeugt seinen eigenen Widerspruch, denn Messbarkeit funktioniert nur dort, wo es etwas Messbares gibt - ganz abgesehen davon, welcher Machtmissbrauch sich aus dieser Verengung selbst wieder ergeben kann.
Man könnte also sagen: Der unübersichtliche Bereich der eigenen Wertung soll übersichtlicher, objektiver werden, indem man ihn in eine reproduzierbare Phänomenologie überführt. Aber Reproduzierbarkeit ist keine Horizonterweiterung - sie ist nur eine andere Art von Enge, die sich als Weite ausgibt. Dieses Missverständnis muss sich selbst immunisieren, um nicht aufzufallen. Denn reine Plausibilität, ohne diesen materialistischen Anspruch, verbirgt zumindest nicht, dass sie an einen Horizont gebunden ist - der Materialismus dagegen tut so, als hätte er diese Grenze überwunden, ohne sie überwunden zu haben.
Je höher die Machtebene, desto bewusster und strategischer wird gehandelt - aber die Weite des Horizonts wächst dabei nicht zwingend mit.
Worauf dann also aufbauen? Die Antwort ist einfach: auf allem, was wir bis jetzt als Menschheit erarbeitet haben. Die Horizontverengung genauso wie die Öffnung. Wir haben ja den Unterschied gelernt, nur eben noch nicht angewandt.
Was wäre, wenn Würde kein Wert wäre, den man hat oder verletzt, sondern der Anzeiger, an dem sich die Verwechslung von Werkzeug und Akteur ablesen lässt? Würde ist nicht antastbar oder unantastbar im Sinne eines Besitzes - sie zeigt sich erst im Vollzug: dort, wo Macht den anderen noch als Akteur behandelt, mit dem verhandelt wird, bleibt Würde erhalten. Dort, wo der andere zum bloßen Werkzeug des eigenen Interesses wird, kippt sie. Würde ist damit kein Parameter neben Macht, sondern die Rückmeldung, ob Macht noch als Werkzeug zwischen Akteuren eingesetzt wird, oder bereits zur Eigenschaft eines Akteurs über den anderen geworden ist.
Da liegt die ideologische Komponente von Macht: wenn sie verherrlicht wird, wenn sie negativ konnotiert wird, wenn sie missbraucht wird, und wenn sie würdelos ist. Dazu braucht es aber zwingend einen Akteur, also ein Subjekt, das Plausibilität in Legitimation verwandelt und handelt.
Umgekehrt: Wenn Macht ausgeübt wird und ein positives Ergebnis erzielt wird - etwa eine Einigung, die Lösung eines Problems, oder eine Grenze, die aufgezeigt wird, um eine Gefahr abzuwenden -, ist Ideologie zwar nicht ausgeschlossen, aber die Orientierung an der Würde hat stattgefunden. Der Topf wird nicht verhindert, er wird als solcher wahrgenommen, und es wird möglich, ihn zu verlassen.
Man könnte einwenden, Handlungsfähigkeit oder Wirksamkeit wären die besseren Begriffe - sie lassen sich aber in der Bedeutung der Begriffe selbst nur mit Macht erklären. Denn ohne Macht keine Wirksamkeit oder Handlungsfähigkeit. Interessant ist die Handlungsweise, denn die lässt sich in moralischen Kategorien bewerten.
Macht als Werkzeug zu verstehen, birgt die Möglichkeit der Entwicklung - zu verstehen, dass Entwicklung ewig ist, verschiebt den Machtbegriff wiederum auf etwas Hoffnungsvolles: nämlich nicht ohnmächtig zu sein. Die Ebenen zeigen, wo man selbst wirkmächtig ist, wo sich der Kampf lohnt, und wie ein Individuum die unmittelbare Interaktion im Kollektiv bewusst wahrnehmen kann.
Wenn Macht als Werkzeug verstanden wird, geht es um das Wie, während sich die materialistische Ebene mit dem Was beschäftigt.
Die Synthese könnte lauten: Das Warum verbindet das Wie mit dem Was. Das Wie, rein materialistisch gedacht, birgt die Gefahr, zu beliebig, zahlenmäßig nicht fassbar zu werden. Ohne das Wie wird das Was lustigerweise genauso beliebig - den ganzen Tag irgendwas machen. Das lässt sich als Frage stellen, aber auch als Feststellung formulieren: Ohne Wie macht Was keinen Sinn, und umgekehrt.
Das Warum stellt vielleicht die richtige Frage an das Was und an das Wie.
Alles in allem lasse ich die genaue Ausgestaltung, wie Macht gedacht werden könnte, einfach weg. Auf die genaue Definition verzichte ich auch. Das kann man dem Text anlasten. Es ist eine Utopie, die beim Gedanken anfängt, diesen aber bewusst offen lässt, damit er in der eigenen Plausibilität stattfinden kann.
Der Text hat viele interessante Ansätze an sich, verfehlt aber eine Beschreibung von Macht. Du löst das am Ende als offene Begrifflichkeit.
Aber wenn du zb davon redest dass Wissenschaft Klima beschreibt aber Menschen es ignorieren, verkürzt dargestellt, beschreibt der Text eher Ohnmacht, meiner Meinung nach. Dagegen stehen die positiven konstruktiven Ansätze, die ich unterschreibe. Ich denke du könntest den Machtbegriff aber unten fallen lassen, nicht bloß als offene Begrifflichkeit zum Schluss. Sondern generell. Also das er nicht das Fundament der Überlegung ist, sondern eine Randerscheinung der eigentlichen Perspektiven. Das Kollektiv, die Plausibilitätsräume, die Art und Weise, wie wir Wissen und Handeln verknüpfen primär – und Macht nur eine sichtbare Ausprägung dieser tieferliegenden Strukturen ist?
Dein Text zeigt ja schon, dass Kooperation, Lernwille und die Aushandlung von Räumen die eigentlichen Treiber sind und Macht erst dort relevant wird, wo diese Prozesse verzerrt, umgelenkt oder blockiert werden. Vielleicht wäre es spannend, diese Perspektive noch stärker in den Vordergrund zu rücken und Macht als das zu behandeln, was sie oft ist: ein Epiphänomen der eigentlichen Konflikte, nämlich der Frage, wie wir kollektiv handlungsfähig bleiben, ohne uns in Ideologien oder Hierarchien zu verlieren.
Vielleicht ist der Machtbegriff sogar eines der Probleme, weil er uns dazu verführt, alles durch diese Linse zu betrachten, während die eigentlichen Fragen ganz woanders liegen: Nicht Wer hat Macht? sondern Wie schaffen wir es, dass Macht gar nicht erst zum Thema wird?’ sehr Utopisch, aber dafür sind wir ja hier ![]()
Denn das würde den Fokus von der Macht als solches auf das vermeintlich Banale lenken: Wie organisieren wir uns? Wie schaffen wir Räume, in denen Kooperation nicht umgelenkt, sondern gelebt wird? Und erst dann, als zweite Ebene, kommt Macht ins Spiel – nicht als Ursache, sondern als Folge von Fehlentwicklungen in diesen Prozessen.
Das wäre vielleicht ein Weg, die Offenheit deines Schlusses schon von Anfang an zu tragen.
Sehr guter Gedanke. Vielen Dank Miki!
Kurz zur Analogie, dass Macht ein Werkzeug sei und deshalb neutrale Eigenschaften habe: Das sehe ich nicht so - nicht beim Werkzeug und nicht bei Macht.
Neutralität bedeutet: Absichtslosigkeit.
Ein Werkzeug wird aber überhaupt erst zu einem Werkzeug, wenn es mit einer Intention benutzt wird. Der unbenutzte Hammer ist kein Werkzeug - er ist einfach ein Gegenstand mit physikalischen Eigenschaften.
Deshalb kann ein Werkzeug nicht neutral sein - es dient entweder der Befreiung oder der Unterdrückung (beides im weitesten Sinne). Ebenso verhält es sich mit Macht, und ungenutzt ist sie keine. Wird auch nur auf ihre konkrete Verfügbarkeit verwiesen, kommt das schon ihrem Einsatz gleich. Das ist der Unterschied zu einem physischen Werkzeug.
Den Gedanken von der gelebten Kooperation als erste Ebene, ohne Anwesenheit von Macht, finde ich sehr gut - und beinahe zu schön. Die Menschen wären dann ständig dem Modus des freien Spielens nahe. Um das zu organisieren, kann Pestalozzis Pädagogik als gedanklicher Absprungpunkte genutzt werden. Und damit wird klar: die Bereitschaft zur Kooperation muss vom frühen Kindesalter an mit positiven Impulsen gefördert werden. Ohne an dieser Stelle näher darauf einzugehen: Macht kommt bei diesem Konzept tatsächlich erst in einer zweiten Ebene zum Tragen, in Form einer sozialen Konsequenz bei absichtlichen Verfehlungen im Verhalten (die über spielerischen Übermut hinausgehen), und es wirkt dann lediglich das unbedingt nötige Minimum an Macht - weit entfernt von unserem allgemeinen Verständnis von Autorität.
In diesem Modus des Zusammenlebens sind die größten Mächte äußere Naturgewalten.
Die Antwort geht an euch beide, @Miki @Ernst
Die Vermeidung des Machtbegriffs auf der ersten Ebene, um ihn dann auf der zweiten wieder sichtbar zu machen, funktioniert deshalb, weil ihr beide aus derselben Perspektive argumentiert.
Wenn Macht nicht neutral sein soll, kann das nicht mit dem bloßen Verweis auf ihre Verfügbarkeit begründet werden — denn auch dieser Verweis braucht jemanden, der ihn macht, also einen Akteur, der bereits handelt. Neutralität sagt zudem nicht aus, dass etwas nicht existiert. Sie sagt aus: Es ist absichtslos. Das steht im Widerspruch dazu, den bloßen Verweis auf Macht schon als ihren Einsatz zu werten — denn ein Verweis kann absichtslos sein, ein Einsatz nicht.
Pestalozzi hat ein Ziel formuliert: Er möchte, dass Erziehung einen Endpunkt hat, und beschreibt, wie man dahin kommt. Dabei degradiert er Macht auf eine zweite Ebene, als etwas, das erst bei Verfehlungen zum Tragen kommt. Ich sage: Macht ist Bedingung, von Anfang an. Wer als Erwachsener von Sanftheit oder Lenkung spricht, verdeckt das nur — damit es nicht so offensichtlich wirkt. In Wahrheit liegt der Unterschied allein in der Konnotation: Macht gilt als negativ. Was mich dann aber fragen lässt: Wenn Macht negativ ist, was ist dann Ohnmacht?
Von Ideologie kann man sich vielleicht befreien. Von Identität nicht. Schon der Gedanke, ideologiefrei zu sein, fällt in der Konsequenz so schwer, dass er ein moralisches Argument braucht, um sich zu behaupten — etwa: Rationalität gegen Plausibilität. Aber wer legt fest, was rational ist? Plausibilität wird von jedem selbst festgelegt.
Wenn man vom Ende her denkt — von der Vision einer besseren Welt als Ziel vordefiniert —, stellt sich die Frage, wie man dorthin kommt. Das ist nicht meine Frage. Ich weiß, warum wir da noch nicht sind.
Was vielleicht das wichtigste Argument ist:
Wenn Macht vermieden werden soll, kann es nicht erstrebenswert sein Macht zu erlangen.
Das ist aber womit sich der Text auseinandersetzt. Macht negativ konnotiert stammt entweder aus der Feststellung selbst nicht mächtig zu sein, also die eigene Position nicht durchsetzen zu können, oder aus dem Erleiden einer Machtausübung (Machtdemonstration, Machtdurchsetzung Machtmissbrauch inbegriffen). Auch Solidarität lässt sich nur über eine ungerecht empfundene Unterdrückung, Diskriminierungserfahrung definieren.
Macht auf zweiter Ebene erinnert mich stark an mein Beispiel vom Ende der Geschichte als Sehnsucht.
Ich hab nicht gesehen, dass einer der Leute hier im Thread Macht ausdrücklich negativ gerahmt hat. Weder negativ noch positiv. Woher kommt die von dir angegebene Konnotation? Ich hab noch nicht begriffen, was du für Menschen voraussetzt. Sind es Menschen ohne Absichten?
Ja, gute Frage. Wenn Macht als überflüssig oder vermeidbar gedacht wird — wie bei Mikis Vorschlag, sie könnte irgendwann gar nicht mehr zum Thema werden —, welche Konnotation steckt dann implizit darin, wenn nicht eine negative?
Was das Menschenbild angeht: Ich setze keine Absichtslosigkeit voraus, eher das Gegenteil — dass jede Handlung eine Absicht hat, auch die kooperative. Vielleicht bin ich da aber auch betriebsblind und übersehe, wie du das gemeint hast. Magst du das genauer ausführen?
Ich habe gemeint, dass ein Mensch mit einer Absicht, diese Absicht umsetzen möchte. Und irgendwie kommt dann ins Spiel, wie er das macht. Ich kann nicht sagen, ob man das ‚Macht‘ nennen darf, wenn jemand seine Ziele dort unterbringt, wo auch andere Leute im Spiel sind. Das kann doch Konflikte auslösen, wenn die unterschiedliche Ziele haben. Das meinte ich. Also innerhalb der Kooperative. Oder handeln die alles ohne Reibungen aus?
Das Aushandeln ist immer ein Konflikt. Die Frage ist, wie wird er gelöst.
Mein Ansatz ist, bin ich mir bewusst darüber ob ich Macht eingesetzt habe oder Macht abgegeben habe. Die nächste Frage ist, wie hab ich Macht eingesetzt wenn ich mich durchsetze. Wer muss zB darunter leiden wenn ich meine Absicht verwirklichen kann. Wann muss ich darunter leiden wenn jemand anderes seine Absicht verwirklicht hat. Was lerne ich aus dieser Auseinandersetzung innerhalb einer Gruppe für die nächste Auseinandersetzung.
In deinem Post steckt wieder implizit eine negative Konnotation weil Macht als Konfliktauslöser beschrieben wird. Den Konflikt kann ich vielleicht vermeiden wenn ich ein anderes Bewusstsein entwickeln kann.
Mein Text ist eben keine Handlungsanweisung, mein Text sagt, so wie bisher geht es nicht, vielleicht ist es an der Zeit einen Begriff anders zu denken.
Du möchtest, dass Macht und Ohnmacht nicht mehr als typischer Gegensatz gesehen werden? Es gibt zwar Macht, sie ist dann aber kein Auslöser von Konflikten mehr, sondern löst die Konflikte sogar? Mit Emphatie kann jemand die Ohnmacht eines anderen erkennen und demjenigen helfen, nicht mehr in der ohnmächtigen Rolle zu sein. So ungefähr? Macht wird positiv besetzt?
Ich möchte mich selbst als Akteur sehen der Macht bewusst anwendet. Denn ich habe Macht.
Ich betrachte Macht weder positiv noch negativ weil ich selbst der entscheidende Faktor bin. Bin ich in der Lage Entscheidungen so zu treffen, dass sie anderen zu gute kommen, zumindest aber nicht schaden. Das ist schwer genug. Empathie kann ich nicht voraussetzen oder gar verlangen, deshalb spielt das keine Rolle.
Wenn ich Macht als neutrales Werkzeug betrachte, fällt mir das leichter.