Ein hörenswertes Feature zum Thema Männlichkeit, Neue (alte) Rechte, „emotionaler Analphabetismus“. Arbeitet viel mit O-Tönen.
Danke für’s Teilen! Vor allem der Abschnitt am Ende zum emotionalen Analphabetismus hat mir sehr gut gefallen. Ich bin war froh, dass am Ende zumindest noch ein paar Typen zu Wort kamen die nicht AfD wählen und das Klischee ablegen wollen.
Die O-Töne von dem AfD’ler in seinem Büro waren mal wieder besonders erschreckend. :x
Erlebt ihr denn diesen emotionalen Analphabetismus bei euch selbst auch? Ich beobachte immer wieder an mir, dass ich echt noch einiges in Puncto emotionaler Intelligenz zu lernen habe. Und das es eine riesige Leerstelle gibt, im Bezug auf die persönliche Auseinandersetzung mit Männlich sein in einer patriarchalen Welt. Habt ihr da für euch Antworten gefunden?
Ich würde meinen der größte Teil der “Neuen Zwanziger” Community ist ja auch männlich..
“Emotionaler Analphabetismus” ist Victim Blaming. Punkt.
Hier die neurologische Basis: Säugetiere ohne funktionierendes limbisches System sind apathisch, handlungsunfähig. Keine Nahrungsaufnahme, keine Bewegung, nichts. Dekortikation - also Kortex weg, limbisches System intakt? Tier ist unkoordiniert, aber motiviert. Die Kausalität ist eindeutig: Ohne emotionale Bewertung keine Handlungsentscheidung. Emotion ist nicht Add-on zu Intelligenz, sondern deren Grundlage.
“Emotionale Intelligenz” als Begriff? Nebelwerfen. Es gibt nur Intelligenz, und die ist immer emotional integriert. Was als “pure Rationalität” verkauft wird, ist neurologisches Defizit, keine überlegene Kognition.
Was macht das Patriarchat mit Männern? “Sei hart” = ignoriere Warnsignale. “Heul nicht” = deine Bewertungen sind ungültig. “Ein Mann tut was getan werden muss” = fremde Ziele über eigene Bedürfnisse. Das Ergebnis ist kein Analphabetismus. Das ist Gehorsam.
Ein Mann ohne Zugang zu eigenen emotionalen Bewertungssystemen kann nicht identifizieren was er will. Hat keine Abbruchkriterien für selbstschädigendes Verhalten. Ist perfekt formbar für militärische, kapitalistische, faschistische Verwertung. Führt Befehle aus bis zur Selbstzerstörung.
Die AfD-Männer im Feature sind nicht emotional inkompetent. Sie sind perfekt konditioniert. Fremde Ziele (Nation, Volk, Führer) über eigene Bedürfnisse. Ihre emotionale Bewertungsfähigkeit wurde auf kollektive Substitute umgeleitet. Das ist erfolgreiche Dressur, nicht Bildungsdefizit.
Zu deiner Frage, Emi: Wenn du “emotionalen Analphabetismus” als Erklärung verwendest, reproduzierst du einen patriarchalen Frame. Der Begriff individualisiert ein strukturelles Problem. Er verschleiert, dass Männer aktiv daran gehindert werden, ihre eigenen Bedürfnisse als legitim zu betrachten. Die Frage ist nicht “Müssen Männer lernen, emotional intelligenter zu sein?” Die Frage ist: Wer profitiert davon, dass Männern der Zugang zu ihren eigenen Zielen systematisch verweigert wird?
Bourdieu, “Die männliche Herrschaft”: Männer inkorporieren Herrschaftsverhältnisse als Habitus. Die Libido dominandi ersetzt eigene Bedürfnisse. Männer leiden unter den Strukturen, die sie privilegieren - weil diese Strukturen ihre emotionale Bewertungsfähigkeit zerstören müssen, um Gehorsam zu erzeugen.
Der Begriff “emotionaler Analphabetismus” macht drei Dinge: Individualisiert ein strukturelles Problem. Verschleiert aktive Zurichtung. Legitimiert Herrschaft (“Die können ja gar nicht anders”).
Das Patriarchat braucht Männer ohne eigene Agenda. Gehorsame Soldaten, Arbeiter, Wähler dürfen keine eigenen Ziele haben. “Emotionaler Analphabetismus” ist verharmlosende Beschreibung für systematische Zurichtung zur Handlungsunfähigkeit bezüglich eigener Bedürfnisse.
Die Aufgabe ist nicht Lernen. Die Aufgabe ist Dekonditionierung.
Wow was für ein erhellender Take vielen Dank! Trotzdem wirkt sich ein strukturelles Problem ja auch individuell aus und diese (Ver)Lern- bzw. Dekonditionierungsprozesse müssen ja trotzdem stattfinden. Denn die Kondition (emotionaler Analphabetismus/ Blockierung der von Basisemotionen/Gehorsam/nenn es wie du willst) ist doch trotzdem real. So what to do about it?
Also ja wie sieht ein antipatrichaler Ungehorsam von Männer denn aus?
Ein Teil meiner Antwort ist bisher der Versuch mir eine Wahrnehmungsfähigkeit für meine Emotionen zu entwicklen und mit ihnen Umgehen zu lernen, gerade weil ich “aktiv daran gehindert werde, eigene Bedürfnisse als legitim zu betrachten”. Hast du denn da eine Antwort für dich gefunden?
Mir genügt ein (absolut korrektes) “im Grunde ist das Problem strukturell” auf jeden Fall nicht, weil das ein Gefühl von Machtlosigkeit auslößt.
Du sagst zu Recht: Strukturelle Analyse ohne praktische Antwort fühlt sich machtlos an. Also warum ist Ungehorsam so schwer?
Warum es schwer ist:
Weil die sozialen Konsequenzen real sind. Wenn du Nein sagst, wirst du tatsächlich abgewertet. Die Angst “Wenn ich versage, bin ich wertlos” ist keine Paranoia - das Patriarchat bestraft Männer, die nicht performen, mit sozialem Ausschluss. Die Belohnungsstrukturen funktionieren.
Warum du es trotzdem tun musst:
Weil die Alternative ist, dich selbst als Mittel zu behandeln. “Ich bin wertvoll weil nützlich” = Ich bin Funktion, nicht Person. Kant: Du bist Zweck an sich. Du schuldest dir selbst, dich nicht als Mittel für fremde Zwecke zu behandeln. Das ist nicht Egoismus, das ist ethische Pflicht dir selbst gegenüber.
Wie du das überwindest:
Bevor du handelst: “Wessen Zweck verfolge ich?” Wenn nicht deinen - stopp. Konkret:
- Du bist erschöpft, aber “ein Mann macht das fertig”: Das “ein Mann macht…” ist nicht deine Stimme, das ist Konditionierung. Deine Erschöpfung ist valide Information.
- Freunde machen sich über dich lustig, du bist verletzt: Frag nicht “Bin ich zu weich?”, frag “Will ich das?” Das “zu weich” ist die Konditionierung, die dein Subjektsein leugnet.
- Du sollst “stark sein” für andere: Frag “Für wen bin ich stark?” Wenn nicht für dich - du behandelst dich als Mittel.
Das ist die kognitive Operation. Ja, es hat soziale Kosten. Aber die Alternative ist Selbstauslöschung als Subjekt.
Ich stimme deiner Analyse zu, aber frage mich trotzdem wie man bei Dritten damit umgehen soll? Müssen wir uns einfach eingestehen, dass es Menschen gibt, die nicht gerettet werden möchten und die man dann weitestgehend meiden sollte?
Was ich damit meine ist folgendes:
Die Diskussionen darüber, wie das klassische Bild von “Männlichkeit” Frauen und Männern zugleich schadet, sind recht offen. Ich denke jeder bekommt davon mit. Trotzdem weigern sich viele Männer dieses Bild anzuzweifeln. Sie fühlen sich angegriffen. Oder - noch schlimmer - sie kämpfen sogar dagegen an.
Da gibt es zum Beispiel diese (entlarvende) Stelle einer Rede von Tucker Carlson: ‘Daddy Donald Trump will give spanking…’: Watch Tucker Carlson’s full address at Georgia rally
Er beschwört hier den strengen Familienvater herauf, der seine Kinder bestraft. Mit “Daddy” wird hier ein klassischer Patriachat gezeichnet und von der Menge bejubelt. Natürlich kennen diese Leute das Gegenmodel, doch sie entscheiden sich bewusst dagegen.
Warum?
Vielleicht glauben sie nicht mehr daran, dass sich das eigene Leben irgendwie verbessern kann. Also will man zumindest die Gewalt, die man über Frau & Kinder hat, behalten.
Was tun wir also mit den Menschen, denen man ein Gegenangebot macht, die sich aber trotzdem dagegen entscheiden? Mir fällt es schwer weiterhin in ihnen ein Opfer zu sehen. Und fern halten kann man sich auch nicht immer (Kollegen, Familie, Freundeskreis usw.).
Deine Frustration ist berechtigt, aber dein Frame führt dich in eine Sackgasse. “Gegenangebot machen, sie lehnen ab, also selbst schuld” — das ist Konsumentenlogik auf Identitäten angewendet. Und genau da liegt das Problem.
Schau dir an was passiert ist: Feminismus hat für Frauen Identitäten addiert. Alles was vorher männlich codiert war, steht jetzt auch Frauen offen — zusätzlich zu allem was vorher schon da war. Für Männer hat derselbe Prozess Identitäten subtrahiert, ohne Ersatz. Früher gab es Kostüme für “Feuerwehrmann” (für Männer) und “sexy Feuerwehrmann” (für Frauen). Heute ist es eher “Feuerwehrfrau” (für Frauen) und “toxischer Feuerwehrmann” (für Männer). Der Identitätskorridor wird enger, und das kommt von einem hohen Niveau — es ist nicht absolute Deprivation, aber es ist weniger als die Generationen davor hatten, und relativ zum expandierenden Angebot der Frauen schrumpft es.
Carson und Co. machen Identitätsangebote in genau diese Lücke hinein. “Daddy” ist ein positives Identitätsangebot — vergiftet, ja, aber positiv. Die emanzipatorische Seite hat für Männer kein Identitätsangebot. Sie hat eine Subtraktionsliste: Hör auf damit, mach das nicht mehr, sei nicht so. Das ist kein Gegenangebot, das ist Arbeit mit unklarem Ergebnis. Dass Männer das “schlechtere Produkt” wählen, ist in dieser Logik völlig rational.
“Müssen wir uns eingestehen, dass es Menschen gibt, die nicht gerettet werden möchten?”
Nein. Weil das nicht dein Risiko ist.
Du kannst dich fernhalten. Du bist ein Mann, du kannst gehen. Die Frau die mit diesem Mann zusammenlebt, kann das nicht immer. Femizid ist nicht wie Regen. “Wir haben es versucht, jetzt sollen sie selber gucken” ist eine Perspektive die du dir leisten kannst, weil du nicht diejenige bist die stirbt. Den Konsumenten-Frame zu Ende gedacht: Dein Produkt floppt, du ziehst es vom Markt — und die die mit dem anderen Produkt leben müssen, haben Pech gehabt.
Zu deiner Frage “Was tun?”: Deinen Frame anpassen.
Männer sind ursprünglich Opfer systematischer Konditionierung. Viele werden zu Mittätern — es bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig, weil sie einen verengten Identitätskorridor haben und keinen Zugang zu ihrer eigenen Motivation und ihren eigenen Zielen. Das ist kein individuelles Versagen, das ist systematisch. Du kannst es individualisieren, aber dann kannst du es nicht mehr analysieren — dann sind Männer 3,5 Milliarden Einzelmysterien statt ein erklärbares Muster.
Solange du fragst “Warum wollen die nicht?”, bleibst du im Konsumenten-Frame. Die produktivere Frage: Was bietet die emanzipatorische Seite Männern positiv an? Nicht: Was sollen sie aufgeben. Sondern: Was bekommen sie? Solange die Antwort darauf “die Erlaubnis, Gefühle zu haben” ist, verliert sie gegen “Du gehörst hierher, du bist stark, du bist Daddy.” Nicht weil Männer dumm sind, sondern weil Zugehörigkeit ohne Vorbedingung das stärkere Angebot ist für jemanden, dessen Bewertungssystem auf Zugehörigkeit durch Gehorsam konditioniert wurde.
Du musst in ihnen kein Opfer sehen. Du musst aber auch nicht in ihnen einen freien Akteur sehen, der sich “bewusst dagegen entscheidet”. Beides ist zu einfach. Was hilft: Verstehen dass die Entscheidung innerhalb eines beschädigten Bewertungssystems stattfindet, klare Grenzen setzen wo nötig, und aufhören die Frage als individuell-moralische zu behandeln.
Wow, bin sehr beeindruckt. Ich glaube das zeigt endlich mal in die richtige Richtung.
Das begleitet mich täglich und ich muss extrem an mir selbst arbeiten. Nach diesem Text fällt mir das wieder ein Stückchen leichter.
Konsumentenlogik kann sich, so wie ich das sehe, keiner entziehen. Ich bin daher nicht so ganz zufrieden mit der Aufforderung sich der Konsumlogik zu entziehen, doch das Thema würde zu weit gehen und müsste wohl mal in einer gesonderten Diskussion durchgeführt werden.
Zunächst aber nur so viel:
Im Grunde ist man immer dazwischen und gerade beim Identitätsthema bin ich (und jeder der nicht eine riesige Followerschaft oder andere Möglichkeiten hat, seinen Punkten in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen) meist auf Konsumentenseite. Im Umkreis mag man etwas mehr Einfluss haben, doch am Ende gibt es reichlich Stellen, wo man mit vielem, was einem gegenübersteht, klarkommen muss (Arbeitskollegen wäre ein Beispiel).
Da kann ich mich auch als Mann nicht immer fern halten. Natürlich bin ich bei weitem nicht so Leid tragend wie die Frau, den Vergleich möchte ich gar nicht aufmachen. Ich weiß, dass ich am Ende aber auch leidtragend bleibe, wenn das Bild des “typischen Mannes” so bleibt wie es ist. Jeder Mann - ob er sich es eingestehen will oder nicht - leidet darunter, insofern sind das natürlich Opfer, auch wenn ich sie ungern so nennen möchte, wenn sie keine Hilfe annehmen.
Ganz so negativ wie du sehe ich aber die Alternativen, die uns Männern geboten werden, nicht. Du kommst aus NRW, wo Karneval etwas religiöses hat, insofern möchte ich dir mal verzeihen, dass du Karnevalskostüme als Beispiel herangezogen hast
. Doch wenn es heute die Feuerwehrfrau als Kostüm gibt, dann ist das doch etwas, was eigentlich normal sein sollte. Dass es früher keine Feuerwehrfrauen gab, bzw. nur die sexualisierte Form davon, war doch das Problem. Für den Mann bleibt eigentlich alles gleich. Wenn er in sich nun den toxischen Feuerwehrmann sieht, ist das sein Problem.
Meine Frage nach dem Umgang damit, habe ich schon beim Schreiben eigentlich als “nicht beantwortbar” oder zumindest “nicht eindeutig beantwortbar” erkannt. Es ist doch auch nur eine Abwandlung der Frage “Was tun mit Leuten, die anderer Meinung sind”. Trotzdem bin ich der Meinung, dass mit Männer, die eigentlich ganz klar unter ihren Bild leiden und trotzdem nur mit Spott auf andere Perspektiven antworten, schwer umzugehen ist. Und alleine der Ausbruch aus den alten Muster, ist meiner Meinung nach schon genug positiver Frame. Im Grunde ist es doch auch Opfermentalität nach positiven Beispielen zu schreien und sie selber nicht wahrnehmen zu wollen. Das Ablegen der Rolle ist das positive Beispiel. Die Frau, die nun auch “normal” in Berufe gehen darf, ist nicht die Heldin, während der Mann der Bösewicht ist. Beide sollen das machen, was sie für sich wählen und das ist das Gute.
Ein kleiner Tipp noch:
Ich fand das Dilemma, das ich meine, ganz gut im aktuellen Brennpunkt-Podcast besprochen. Folge 123: Montana Ulmen ~ Brennpunkt Podcast