Weder Wolfgang noch dem Heiligen Vater lass ich unwidersprochen durchgehen, den Posthumanismus so rabiat mit dem Transhumanismus in einen Topf zu werfen.
Was in der Enzyklika dazu zitiert wurde
Sie bilden den ideologischen Hintergrund, der in einigen technologischen Machtzentren anzutreffen ist und kolonisieren vereinfachend das kollektive Bewusstsein, insbesondere in den Medien und sozialen Netzwerken, indem sie mit einer futuristischen Version vom verbesserten Menschen (enhanced human) oder vom Hybriden aus Mensch und Maschine Begeisterung für die neuen Technologien wecken.
kann ich für den Transhumanismus ohne Probleme unterschreiben. Wenn wir vom Posthumanismus reden, halte ich das erstens für eine Fehldarstellung der Position im Wesentlichen und zweitens für eine maßlose Übertreibung ihres Einflusses.
Wolfgang merkt selbst an, dass er sich konkrete Bezugnahme auf bestimmte Autor*innen gewünscht hätte. Ging mir ähnlich, deswegen bin ich mal auf die Suche gegangen.
Der Passage hängt in der Enzyklika eine Fußnote an, die auf ein Papier aus diesem Jahr mit dem Titel Quo vadis, humanitas? verweist. In der wiederum wird Posthumanismus, mit Verweis unter anderem auf Rosi Braidotti, wie folgt definiert:
Posthumanism, understood in the strict sense, criticises traditional humanism, questioning the specificity of human beings and the existence of a ‘human form’ that, as such, deserves to be preserved because it carries a universally valid meaning. It therefore emphasises the ‘hybrid’ (cyborg) to the point of deconstructing the human subject, making the boundary between humans and machines completely fluid, and rejecting the anthropocentrism that remains characteristic of transhumanism. Ultimately, posthumanism in the strict sense can be understood as an existential expression of escapism, which starts from a radical devaluation of the human.
Das ist zumindest etwas differenzierter, enthält aber immer noch Wertebestimmungen (“deserves”, “universally valid”, “radical devaluation”), die ich in dieser Absolutheit noch in keinem posthumanistischen Text gefunden habe.
Komplett unterschlagen wird, dass die posthumanistische Perspektive in sehr vielen Fällen, zum Beispiel dem von Braidotti oder der von Wolfgang angesprochenen Haraway, auch eine feministische ist, und die Kritik am Humanismus zunächst Mal eine Kritik von regelmäßig dehumanisierten Subjekten (zum Beispiel Frauen) an einem selektiven Humanismus (Thema “Alle Menschen werden Brüder”). Man sollte also durchaus fragen: Eskapismus wovon eigentlich?
Witzig ist ja, dass ein ganz zentraler Unterschied zwischen diesen beiden Denkschulen in der Betrachtung des Verhältnis von Mensch und Natur liegt, das die transhumanistische wenig originell quasi direkt aus Genesis 2:15 übernimmt.
Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.
Adam als Hausmeister Gottes, der alle anderen Lebewesen für ihn beherrscht und verwaltet, von fast allen Bäumen im Garten Eden Essen darf, als erkennendes Subjekt den Tieren ihren Namen gibt. Die Natur und die Eva als untergeordnete Objekte.
Ein Beispiel für die Übernahme dieser Vorstellung ist A Letter to Mother Nature von Max More:
Dear Mother Nature,
[…] We want to thank you for the many wonderful qualities you have bestowed on us with your slow but massive distributed intelligence. You have raised us from simple self-replicating chemicals to trillion-celled mammals. You have given us free rein of the planet.
Genau dieses Naturverständnis stellt der Posthumanismus in Frage, unter anderem Haraway in Otherworldly Conversations, Terran Topics, Local Terms:
Neither mother, nurse, lover nor slave, nature is not matrix, mirror or tool for reproduction of that odd, ethnocentric, phallogocentric, putatively universal being called Man. Nor for his euphemistically named surrogate, the “human.”
Nature is, however, a topos, a place, in the sense of a rhetorician’s place or topic for consideration of common themes; nature is, strictly, a commonplace. […] Nature is also a tropos, a trope. It is figure, construction, artifact, movement, displacement. […] Troping, we turn to nature as if to the earth, to the tree of life – geotropic, physiotropic. We turn in hopes that the park police, the cherubim are on strike against God and that both swords and ploughshares might be beaten into other tools, other metaphors for possible conversations about inhabitable terran other-worlds.
Also, ich check schon, dass man das im Vatikan nicht gerne hört, wär ja auch irgendwie blöd für ne feministische Autorin, wenn die katholische Kirche alles super findet, was du schreibst.
Warum Wolfgang allerdings behauptet, Haraway gehöre zu denjenigen, die “im Prinzip schriftlich das vorbereitet haben, was das Silicon Valley dann mit viel Kapital umgesetzt hat”, ist mir schleierhaft. Selbst das Manifest für Cyborgs war ja schon eine Reaktion auf die junge Tech-Industrie, nicht umgekehrt, auf die Forschungsgelder des US-Militärs, auf Fairchild Semiconductors, die ihre Fabrik auf das Land der Navajo bauten, dann Navajo Frauen in der Fabrik einstellten und ihnen weniger zahlten als weiße Arbeiterinnen bekommen hätten, und sie in der öffentlichen Kommunikation zu Cyborgs machten, indem sie auf ästhetische Ähnlichkeiten zwischen Halbleiterplatten und traditioneller Weberei der Navajo aufmerksam machten. Womit wir wieder bei Entmenschlichung und selektivem Humanismus wären.
Und wahrscheinlich nur um mir ganz persönlich den Rest zu geben, schließt Wolfgang das Thema dann so:
Das zu kritisieren ist das Entscheidende, nicht zu gucken, wie wirksam wird der Posthumanismus sein? Was kann man da bald machen? Sondern zu sehen: Es verändert schon jetzt das Denken. Nämlich zum Beispiel das Denken insofern, als dass man sich sagt, man genüge nicht als Mensch sondern müsse eigentlich über sich hinausgehen und das Menschliche hinter sich lassen.
Nochmal: Das ist das transhumanistische Heilsversprechen. Haraway so zusammenzufassen ist einfach unterkomplex und wird ihr nicht gerecht, unabhängig davon, ob und an welchen Stellen man ihr zustimmt oder widerspricht. Um das zu verstehen, muss man nicht mal das Manifest für Cyborgs gelesen haben (obwohl man sollte), der letzte Satz reicht:
Though both are bound in the spiral dance, I would rather be a cyborg than a goddess.
Das ist kein Aufruf, dass “wir das Menschliche hinter uns lassen müssen”, sondern die Weigerung von einer, die eh niemals Adam sein darf, sich mit Eva zufrieden zu geben.