Auch dieses Mal werde ich Wolfgangs Haraway-Hate nicht unkommentiert stehen lassen, vor allem, weil ich langsam Zweifel daran habe, ob er das Manifest für Cyborgs (So heißt das übrigens auf Deutsch, nicht Cyborg-Manifest, aber naja) überhaupt gelesen hat. Ich werde jetzt nicht nochmal erklären, wo meiner Meinung nach sein Missverständnis liegt, hab ich ja letzten Monat schon, sondern empfehle einen Blick in die Fußnoten, in denen Haraway seine Kritik eigentlich schon vorweggreift:
Ein provokatives und umfassendes Argument zu den Politiken und Theorien des »Postmodernismus« entwickelt Frederic Jameson (1984). Er zeigt, daß Postmodernismus nicht etwa eine Option oder ein Stil unter anderen, sondern eine kulturelle Dominante ist, die eine radikale Neuerfindung linker Politik von innen heraus erfordert. Es gibt kein Außen mehr, das der bequemen Fiktion kritischer Distanz Bedeutung verleihen könnte.
Jameson macht darüber hinaus klar, warum man nicht einfach für oder gegen Postmodernismus sein kann, denn beides stellt eine moralische Position dar. M.E. benötigen Feministinnen (und andere) eine kontinuierliche, kulturelle Neuerfindung, eine postmodernistische Kritik und historischen Materialismus: Nur Cyborgs hätten eine Chance. Die alten Herrschaftsverhältnisse des weißen kapitalistischen Patriarchats wirken heute auf nostalgische Weise unschuldig: Sie normierten Heterogenität, etwa in Mann und Frau, weiß und schwarz. Der »fortgeschrittene Kapitalismus« und der Postmodernismus entlassen die Heterogenität ohne Norm, wir selbst sind verflacht, ohne Subjektivität, die Tiefe erfordert, selbst wenn es sich um unfreundliche und verschlingende Tiefen handelt. Es ist Zeit, »Den Tod der Klinik« zu schreiben.
Die Methode der Klinik verlangt nach Körpern und Arbeit, wir jedoch verfügen über Texte und Oberflächen. Unsere Herrschaftsverhältnisse vermitteln sich nicht mehr durch Medikalisierung und Normierung. Sie vermitteln sich über Vernetzung, den Neuentwurf von Kommunikationszusammenhängen und Streßmanagement. Normierung verwandelt sich in Automation. Michel Foucaults Geburt der Klinik, Sexualität und Wahrheit sowie Überwachen und Strafen benennen eine Form der Macht im Augenblick ihrer Implosion. Die Diskurse der Biopolitik verwandeln sich in Techno-Geplapper, in die Sprache der gespaltenen Substantive. Kein Substantiv wird von den multinationalen Konzernen verschont.
Hier sind ihre Namen, alle einer Ausgabe der Zeitschrift Science: Tech-Knowledge entnommen: Genentech, Allergen, Hybritech, Compupro, Genen-cor, Syntex, Allelix, Agrigenetics Corp., Syntro, Codon, Repligen, Micro-Angelo von Scio Corp., Percom Data, Inter Systems, Cyborg Corp., Statcom Corp., Intertec. Wenn wir Gefangene der Sprache sind, dann benötigen wir für die Flucht aus diesem Gefängnis Sprachpoetinnen, eine Art kulturelles Restriktionsenzym, das den Kode zerschneidet. Die Vielzüngigkeit der Cyborgs ist eine Form radikaler Kulturpolitik.
Haraway beschreibt hier genau das Phänomen, das Wolfgang benennt: Macht wirkt nicht mehr über Körper, Disziplin, Medikalisierung (das “klassische” Foucault’sche Dispositiv), sondern über Vernetzung, Kommunikationsdesign, Stressmanagement (“Normierung verwandelt sich in Automation”). Das ist strukturell sehr nah an Wolfgangs “der Mensch wird zu einem Muster, das erkannt werden muss”. Und “wir selbst sind verflacht, ohne Subjektivität, die Tiefe erfordert" ist kein triumphaler Satz. Es gibt hier also tatsächlich eine Ambivalenz, ein Bewusstsein für genau das Risiko, das Wolfgang formuliert.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Kausalität und in der daraus folgenden politischen Konsequenz.
Wolfgang argumentiert, dass die Negation der Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine die Dehumanisierung verursacht. Bei Haraway ist es umgekehrt: Die reale ökonomische Entwicklung macht die Unterscheidung ohnehin hinfällig, die Theorie muss darauf reagieren. Die Ablösung der körperlich-disziplinären Macht durch vernetzte, “geplapperte” Biopolitik ist ein bereits stattfindender historischer Prozess des fortgeschrittenen Kapitalismus, nicht die Folge davon, dass jemand (also sie selber) die Grenze Mensch/Maschine philosophisch aufgehoben hat. Die alte Machtform stirbt schon von selbst, unabhängig davon, ob man ihre Kategorien verteidigt oder nicht.
Sie nennt sie explizit “nostalgisch unschuldig” und erinnert daran, dass diese Ordnung selbst auf Normierung von Heterogenität beruhte (Mann/Frau, weiß/schwarz). Auch das “beherrschte” Sein-als-Mensch-mit-klaren-Grenzen war nie herrschaftsfrei. Wolfgangs Kritik setzt implizit eine Zeit vor der Grenzauflösung voraus, in der der Mensch noch nicht “Muster” war, sondern eben Mensch. Haraway bestreitet, dass es diese unschuldige Vorzeit gab.
Das Symptom, das Wolfgang beschreibt, hat Haraway durchaus selbst diagnostiziert und ernst genommen und war dabei keineswegs blauäugig-technikoptimistisch. Aber sie zieht daraus andere strategische Konsequenzen: nicht Rückkehr zur/Verteidigung der Grenze (die sie als nostalgische Fiktion entlarvt), sondern vielstimmige Politik innerhalb der Cyborg-Bedingung, weil ein Außerhalb gar nicht (mehr) zur Verfügung steht.
Man beachte bitte außerdem die Liste von Tech-Konzernen, die Haraway da sicherlich aus ähnlichen Gründen angefügt hat, aus denen Wolfgang und Stefan Nosthoffs Beschäftigung mit Protesten vor Rechenzentren lobend hervorgehoben haben. Wenn man diese Gründe ernst nimmt, sollte man den Cyborgs und ihrer Vielzüngigkeit vielleicht doch eine Chance geben und ihr Manifest mal aufmerksam lesen, anstatt mit immergleicher, altbackener Zunge über sie zu reden.