Juni-Salon: Drang nach Härte & Kybernetik und Kritik

spürt ihr einen Drang nach Härte? Wir wollen ab heute das F-Wort nicht mehr benutzen, auch weil wir nochmal hervorragende Aufklärung dazu bekommen, was Faschismus eigentlich ist.

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Zu den Bauern und “die machen Geld ja auch nur am Schreibtisch und wegen Subventionen”: das ist richtig, aber das ist doch auch nur der Fall, weil die Lieferkette zum Markt inklusive der Markt selbst von Konzernen beherrscht wird und die Bauern sich an den Preisen von denen orientieren müssen. Daher kommt ja auch das Phänomen so vor, dass sie Milch ausschütten und Ernte vernichten müssen, weil sie unter anderem dadurch den Preis beeinflussen wollen oder weil ihre Produkte einfach nicht genu wert seien. Denen wurden irgendwo anders schon davor ein gewisser Profit vorenthalten.

Nchtrag: Wobei bei Bauernprotesten und in der Politisierung es hier aber auch die Verschiebung gibt, dass alle Bauern aufeinmal neben den Konzernen stehen.

zu “Kann man das Internet ausschalten” kann man sagen, dass es viele Ereignisse bereits gab, wo das Internet einfach national abgestellt wurde. Ich mein im Iran macht man sowas immer mal wieder. Wenn man alles insgesamt abschalten will, dann vlt bei den DNS-Root-Servern oder beim BGP die Einträge falsch konfigurieren bzw. überall falsche Adressen angegeben. Es gibt aber viele Stellen, wo das Internet versagen kann, aber das ist Teil der Entwicklung des Internets, nämlich dass genau da Redundanzen eingebaut wurden.

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Am einfachsten wird aktuell der Drang nach Härte doch am Wunsch nach “hart arbeiten” deutlich. Und da sind wir ja noch weit weg vom F-Wort.

Im Zusammenhang mit Arbeit findet auch ein interessanter Widerspruch statt: “Harte Arbeit” soll möglichst durch Roboter (KI) erledigt werden.

Dann besteht da mMn. ein grosses Dilemma zwischen Politik und Wirtschaft: Erstere will mehr Arbeit, zweitere weiß gar nicht, wie alle beschäftigt werden sollen.

Ich möchte hier nur kurz auf die Bemerkung Stefans eingehen, das es ja in den USA möglich sei zu einem Rechenzentrum zu fahren und dagegen zu protestieren und hier nicht. Wer den Ausbau von Rechenzentren in Europa beobachtt, der weiß das auch Deutschland, dem Land in der EU mit den meisten Rechenzentren, massiv in den Ausbau investiert wird. Die Folgen davon sind aktuell erst noch zu erahnen, wobei sich bereits abzeichnet das es weniger ein Umweltproblem durch den immensen direkten Wasserverbrauch geben wird, so wie derzeit in den USA zu beobachten ist. Hier zu Lande werden bisher andere Kühltechnologien eingesetzt, aber wo die einen Proleme aufhören fangen die neuen an: durch Kühltechnologien mit „geschlossenem“ Wasserkreislauf wird mehr Strom benötigt und so ist es genau die Energieversorgung die hier zum Begleitproblem des Ausbaus werden.

Damit ist gemeint das die Stromnetze durch RZs bereits dermaßen ausgelastet sind das die Errichtung von Gasturbinen an neuen RZ Standorten nun in Erwägung gezogen wird. Gleichzeitig wird massiv in das Stromnetz investiert, ua. für den Verbrauch der neuen Rechenzentren, was zu einer neuen Netzgestalt führt, die sich an den RZs ausrichtet und auf sie zugeschnitten wird. Der Ausbau wird vielerorts mit Subventionen und Steuergeldern finanziert.

Wer sich also gegen die zunehmende „Kybernetisierung“ als Regierungspraxis symbolisch durch Protest an Rechenzentren beteiligen möchte, kann dies bereits auch jetzt schon in Deutschland tun. Ausführliche Artikel zu dieser Entwicklung sind im deutschsprachigen Raum bisher noch rar, aber es gibt sie:

Beispiel Frankfurt:

Beispiel Berlin:

Ist mir letztens beim Besuch der Schwiegermutter in spe als grosse Baustelle aufgefallen:

https://www.datacenter-insider.de/datar-baut-in-norddeutschland-ein-nachhaltiges-datacenter-a-8cc49f5fd561b6698bf156c7a7767dbf/

Die Besinnung auf Materialität begrüß ich. In der Schweiz ist Anfang des Monats ein Protestcamp gegen den Bau eines Rechenzentrums vorzeitig aufgelöst worden. Mutmaßlich rechtswidrig, da der Protest geduldet auf der Privatfläche eines sympathisierenden Bauern stattfand.

https://www.tagesanzeiger.ch/benken-zh-kantonspolizei-loest-protestcamp-gegen-ki-auf-702220916678

Man ist dann kurzfristig auf Tengen, eine deutsche Gemeinde an der Schweizer Grenze ausgewichen und hat das Camp diese Woche nachgeholt. Die Orga hinter der Aktion Aufstände der Allmende scheint ganz schön was auf dem Kasten zu haben, auch wenn in der Bewerbung die Aktion Zusammenhänge zwischen dem Rechenzentrum, das eigentlich nur zum Training und Betrieb von LLMs taugen wird, und Militarisierung hergestellt wurden, die ich für sachlich falsch halte. Kann man mal im Auge behalten und ne Spende da lassen.

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Auch dieses Mal werde ich Wolfgangs Haraway-Hate nicht unkommentiert stehen lassen, vor allem, weil ich langsam Zweifel daran habe, ob er das Manifest für Cyborgs (So heißt das übrigens auf Deutsch, nicht Cyborg-Manifest, aber naja) überhaupt gelesen hat. Ich werde jetzt nicht nochmal erklären, wo meiner Meinung nach sein Missverständnis liegt, hab ich ja letzten Monat schon, sondern empfehle einen Blick in die Fußnoten, in denen Haraway seine Kritik eigentlich schon vorweggreift:

Ein provokatives und umfassendes Argument zu den Politiken und Theorien des »Postmodernismus« entwickelt Frederic Jameson (1984). Er zeigt, daß Postmodernismus nicht etwa eine Option oder ein Stil unter anderen, sondern eine kulturelle Dominante ist, die eine radikale Neuerfindung linker Politik von innen heraus erfordert. Es gibt kein Außen mehr, das der bequemen Fiktion kritischer Distanz Bedeutung verleihen könnte.

Jameson macht darüber hinaus klar, warum man nicht einfach für oder gegen Postmodernismus sein kann, denn beides stellt eine moralische Position dar. M.E. benötigen Feministinnen (und andere) eine kontinuierliche, kulturelle Neuerfindung, eine postmodernistische Kritik und historischen Materialismus: Nur Cyborgs hätten eine Chance. Die alten Herrschaftsverhältnisse des weißen kapitalistischen Patriarchats wirken heute auf nostalgische Weise unschuldig: Sie normierten Heterogenität, etwa in Mann und Frau, weiß und schwarz. Der »fortgeschrittene Kapitalismus« und der Postmodernismus entlassen die Heterogenität ohne Norm, wir selbst sind verflacht, ohne Subjektivität, die Tiefe erfordert, selbst wenn es sich um unfreundliche und verschlingende Tiefen handelt. Es ist Zeit, »Den Tod der Klinik« zu schreiben.

Die Methode der Klinik verlangt nach Körpern und Arbeit, wir jedoch verfügen über Texte und Oberflächen. Unsere Herrschaftsverhältnisse vermitteln sich nicht mehr durch Medikalisierung und Normierung. Sie vermitteln sich über Vernetzung, den Neuentwurf von Kommunikationszusammenhängen und Streßmanagement. Normierung verwandelt sich in Automation. Michel Foucaults Geburt der Klinik, Sexualität und Wahrheit sowie Überwachen und Strafen benennen eine Form der Macht im Augenblick ihrer Implosion. Die Diskurse der Biopolitik verwandeln sich in Techno-Geplapper, in die Sprache der gespaltenen Substantive. Kein Substantiv wird von den multinationalen Konzernen verschont.

Hier sind ihre Namen, alle einer Ausgabe der Zeitschrift Science: Tech-Knowledge entnommen: Genentech, Allergen, Hybritech, Compupro, Genen-cor, Syntex, Allelix, Agrigenetics Corp., Syntro, Codon, Repligen, Micro-Angelo von Scio Corp., Percom Data, Inter Systems, Cyborg Corp., Statcom Corp., Intertec. Wenn wir Gefangene der Sprache sind, dann benötigen wir für die Flucht aus diesem Gefängnis Sprachpoetinnen, eine Art kulturelles Restriktionsenzym, das den Kode zerschneidet. Die Vielzüngigkeit der Cyborgs ist eine Form radikaler Kulturpolitik.

Haraway beschreibt hier genau das Phänomen, das Wolfgang benennt: Macht wirkt nicht mehr über Körper, Disziplin, Medikalisierung (das “klassische” Foucault’sche Dispositiv), sondern über Vernetzung, Kommunikationsdesign, Stressmanagement (“Normierung verwandelt sich in Automation”). Das ist strukturell sehr nah an Wolfgangs “der Mensch wird zu einem Muster, das erkannt werden muss”. Und “wir selbst sind verflacht, ohne Subjektivität, die Tiefe erfordert" ist kein triumphaler Satz. Es gibt hier also tatsächlich eine Ambivalenz, ein Bewusstsein für genau das Risiko, das Wolfgang formuliert.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Kausalität und in der daraus folgenden politischen Konsequenz.

Wolfgang argumentiert, dass die Negation der Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine die Dehumanisierung verursacht. Bei Haraway ist es umgekehrt: Die reale ökonomische Entwicklung macht die Unterscheidung ohnehin hinfällig, die Theorie muss darauf reagieren. Die Ablösung der körperlich-disziplinären Macht durch vernetzte, “geplapperte” Biopolitik ist ein bereits stattfindender historischer Prozess des fortgeschrittenen Kapitalismus, nicht die Folge davon, dass jemand (also sie selber) die Grenze Mensch/Maschine philosophisch aufgehoben hat. Die alte Machtform stirbt schon von selbst, unabhängig davon, ob man ihre Kategorien verteidigt oder nicht.

Sie nennt sie explizit “nostalgisch unschuldig” und erinnert daran, dass diese Ordnung selbst auf Normierung von Heterogenität beruhte (Mann/Frau, weiß/schwarz). Auch das “beherrschte” Sein-als-Mensch-mit-klaren-Grenzen war nie herrschaftsfrei. Wolfgangs Kritik setzt implizit eine Zeit vor der Grenzauflösung voraus, in der der Mensch noch nicht “Muster” war, sondern eben Mensch. Haraway bestreitet, dass es diese unschuldige Vorzeit gab.

Das Symptom, das Wolfgang beschreibt, hat Haraway durchaus selbst diagnostiziert und ernst genommen und war dabei keineswegs blauäugig-technikoptimistisch. Aber sie zieht daraus andere strategische Konsequenzen: nicht Rückkehr zur/Verteidigung der Grenze (die sie als nostalgische Fiktion entlarvt), sondern vielstimmige Politik innerhalb der Cyborg-Bedingung, weil ein Außerhalb gar nicht (mehr) zur Verfügung steht.

Man beachte bitte außerdem die Liste von Tech-Konzernen, die Haraway da sicherlich aus ähnlichen Gründen angefügt hat, aus denen Wolfgang und Stefan Nosthoffs Beschäftigung mit Protesten vor Rechenzentren lobend hervorgehoben haben. Wenn man diese Gründe ernst nimmt, sollte man den Cyborgs und ihrer Vielzüngigkeit vielleicht doch eine Chance geben und ihr Manifest mal aufmerksam lesen, anstatt mit immergleicher, altbackener Zunge über sie zu reden.

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Einen kleinen Kommentar muss ich jetzt doch mal zum Redecker-Buch loslassen. “Dieser Drang nach Härte” habe ich noch nicht gelesen und ich kann daher nicht ganz beurteilen, ob an der Kritik von Wolfgang etwas dran ist. Allerdings viel mir Wolfgangs Wunsch, dass sie sich doch mehr mit ihren Begriffen beschäftigen solle, auf.

Den Phantombesitz-Begriff hat Redecker schon vor einigen Büchern eingeführt. Sie beschäftigt sich also bereits zum wiederholten Mal damit.

Ich weiß nicht ob ihre anderen Bücher bekannt sind. Und ich kann auch nachvollziehen, dass das neue Buch einer eigenständigen Bewertung standhalten muss. Trotzdem macht es auch keinen Sinn, wenn die Autorin über mehrere Bücher hinweg diese Begriffe immer wieder haarklein erläutert.

Mein Tipp wäre also mal die alten Werke zu durchforsten. Womöglich findet Wolfgang dort das was er sich erhofft hat.

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Falls jemand mal in die Situation kommt, einem „Corona-Schwurbler“ oder „Querdenker“ die beiden grundlegenden Begriffe aus Redeckers Buch, „Phantombesitz“ und „Verflixung“ erklären zu müssen, dann empfehle ich, das anhand dieses legendären Clips zu tun. Er zeigt Emilia Festers Redebeitrag im Bundestag zur Impfpflicht-Debatte. Soweit ich weiß war das Festers erste Rede vor dieser Kulisse überhaupt und ich finde ihre Performance echt genial. Jeder Querdenker wird sofort verstehen, was die beiden Begriffe meinen:

  • Phantombesitz: Das Recht auf Unbeschwertheit, Partys, Auslandssemester und Clubbesuche wird als ein selbstverständlicher Besitz angesehen, der Fester und ihrer Generation zusteht. Fester schreit förmlich danach, diesen „Besitz“ wiederzuerlangen. Ob sie dabei auch mit dem Fuß aufstampft, müsste ich nochmal nachgucken.
  • Verflixung: Anstatt die Einschränkungen als Resultat eines hochkomplexen, oft überforderten und „verflixten“ staatlichen Institutionengefüges und einer globalen biologischen Krise zu sehen, findet eine Personalisierung statt. Die Schuld am Verlust dieses „Besitzes“ wird auf eine greifbare Gruppe projiziert – die Ungeimpften.

Der Auftritt ist Legende! Aber die eigentliche Pointe kommt erst noch: Redecker selbst gehörte nämlich zu denen, die, ausgestattet mit akademischer Autorität, das geistig-moralische Fundament lieferten für die „Freiheitsberaubung“, die Fester beklagt: Redecker war Erstunterzeichnerin der Zero-Covid-Initiative. Diese Kampagne forderte bekanntlich einen radikalen, mehrwöchigen Total-Shutdown der gesamten Gesellschaft und Wirtschaft, um die Inzidenz auf Null zu drücken.

Der blinde Fleck „Corona“ in Redeckers Sicht erklärt sich damit von selbst. Dankenswerterweise hat ihn Wolfgang mal kurz erwähnt, knapp vor Stunde 2 (falls jemand die Stelle sucht). Es scheint nicht der einzige zu sein - dass Kriegspflicht im Buch nur in der Vergangenheitsform vorkommt, wurde im Podcast erwähnt. Überhaupt scheint Redeckers Analyse ziemlich rechtslastig zu sein und die sogenannte „Mitte“ zu verschonen.

Am Ende der Besprechung denke ich mir: Ist das Buch vielleicht nur „Another Brick in the Wall“ - nämlich der Brandmauer gegen die AfD?

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Zum Buch “Dieser Drang nach Härte”: Ich kann Wolfgangs Argument verstehen, was die Theorieproduktion angeht. Ich denke es hängt einerseite mit dem Versuch Vorgänge ganzheitlich zu verstehen und dann auch so zu beschreiben, zusammen, und andererseits auch mit der Art, wie akademisches Schreiben (vllt v.a. in Deutschland) funktioniert, zusammen. Was den Beschreibensaspekt angeht, bin ich bei Stefan, da muss Wolfgang mal seine Privilegien checken, was er an Vorwissen hat, dadurch dass er quasi alle Bücher gelesen hat :).

Aus der Diskussion genommen, ich habe das Buch von Eva von Redecker (noch) nicht gelesen: Mir fehlt in der kritischen Theorie und auch ganz aktuell in der Rezeption (auch bei Amlinger/Nachtwey) der Aspekt der Sozialisation bzw. der Reproduktion von Gesellschaft. Ich habe den Eindruck es geht ganz häufig um “Autoritärer Charakter” ja oder nein, aber viel weniger darum, wie unsere sich reproduziert. Dabei formen eben nicht nur die Individuen die Gesellschaft, sondern auch anders herum. Die Erziehung, die Schulbildung, die Religion, die politische Kommunikation etc. erfolgt hauptsächlich von oben herab. Ich weiß, wie es geht, du hast es nicht in Frage zu stellen. Da bestimmt die Form den Inhalt, wenn das autoritäre Denken strukturell in den Menschen angelegt wird, Widerspruch oder Partizipation (unter anderem auch durch “Verflixung”) verhindert wird, werden die Menschen schon strukturell zum Gehorsam und nicht zum kritischen Denken erzogen. Wenn dann die Versprechen derjenigen, die als Autoritäten betrachtet werden, nicht aufgehen, ist der Impuls nicht zu Überlegen, wie es tatsächlich sein könnte. Sondern die Suche nach einer neuen Autorität, die weiß wie es geht. Wenn das Overton-Fenster und damit auch die gängigen Narrative stark nach rechts verschoben wurden, sucht Mensch sich natürlich dort die Autorität. Und auch wenn das Problem und da würde ich Wolfgang komplett zustimmen, einen ökonomischen Ursprung hat, werden, um unbedingt von Kapitalismuskritik abzulenken, nur noch Phantomdebatten über alle möglichen Bevölkerungsgruppen, die angeblich Schild sind, geführt. Ich habe den Eindruck, dass dort, genauso wie beim Wehrpflichts-/Kriegsdiskurs (v.a. politisch) der Mut fehlt, die Probleme konkret zu benennen. Das politische Kalkül wird zur Grundlage genommen, zu sagen, da können wir die Menschen nicht abholen, wobei der Aufbau einer Gegenhegemonie erstmal erforderlich wäre, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, dort Anschluss zu finden.

Ich möchte einmal versuchen aus dem was Eva von Redecker schreibt, aber auch für den generellen Diskurs über Wirtschaft und Politik ein systemtheoretisches Argument zu machen. Um auch mal in dieser Weise ins Blaue zu schießen :). Es besteht eine Verflechtung von Politik und Wirtschaft, die Wirtschaft wurde zum quasi einzig relevanten Feld für Politik, politische Entscheidungen, abgesehen von Wahlen alle paar Jahre, werden erstens von Menschen mit Geld bestimmt und hängen zweitens stark vom Geld (Schuldenbremse etc.) ab. Die “Sprache” der Wirtschaft spielt eine extrem große Rolle in der Politik. Und so wie ich Luhmann verstanden habe, steht die Funktionsweise von Systemen in Wechselwirkung mit der jeweiligen Sprache. Lässt sich daraus nicht ableiten, dass ein derartiges Primat der Wirtschaft, dieser Einfluss des Geldes auf das politische System, auch andere wirtschaftliche Funktionslogiken auf Politik und Gesellschaft überträgt. So werden Menschen wie Besitztümer behandelt, weil die Funktionslogik der Wirtschaft, durch deren Primat, auf die Politik übergeht. Da schließt sich dann der Kreis zwischen der kritischen Theorie “Wer vom Faschismus reden möchte, darf vom Kapitalismus nicht schweigen”, der Satz wurde ja von Amlinger/Nachtwey um den Liberalismus ergänzt, zur Systemtheorie. Die expansive Art des Kapitalismus (der Neoliberalismus macht es deutlich, weil er ja im Prinzip die Entfesselung eines vorher einigermaßen eingehegten Kapitalismus darstellt) greift auch in andere Systeme ein und zwingt ihnen dadurch quasi die eigene Logik auf. Der “Phantombesitz” wäre dementsprechend ein nach ökonomischer Logik formulierter Anspruch im gesellschaftlichen Bereich. So können andere Systeme nicht mehr nach ihren Logiken funktionieren und das äußert sich gesellschaftspolitisch in einer Weise, die wir als Faschismus bezeichnen (oder eben nicht mehr). Und solange das (kapitalistische) Wirtschaftssystem international agiert und kein anderes System auf der gleichen Ebene dagegenhalten kann, kann dem Primat der Wirtschaft, dem sich alle unterzuordnen haben, nichts entgegengesetzt werden. Verflixung findet wie Stefan sagt “Das System, das der eigentliche Plünderer ist, zieht sich einfach raus..” in der Anwendung und Verschleierung ökonomischer Logiken in allen geselkschaftlichen Teilbereichen statt. AGBs sind ja auch nicht viel anderes als eine Erklärung, wie groß der Einfluss des jeweiligen Unternehmens auf das Privatleben der User ist. Dinge werden nicht mehr geregelt, es gibt keine Ansprechpersonen mehr, weil eine ökonomische Logik des Sparens auf gesellschaftliche Bereiche angewendet und gleichzeitig durch die “absolute Alternativlosigkeit” verschleiert wird.

Im Zusammenspiel zwischen Mikro und Makro-, oder indivudeller und struktureller Ebene entsteht eine hegemonielle Vormachtstellung eines kapitalistischen Systems, das alle anderen Systemen seiner Logik unterwirft und sich durch die immer explizit oder implizit formulierte Alternativlosigkeit immunisiert.

Noch ein kleiner Punkt zum Phantombesitz, weil sich der Begriff an der Stelle mMn so gut anwenden lässt. Wenn man sich die Debatte über “Fachkräftemangel” vs. Migration anschaut, qird noch einmal deutlich, was für ein krasser Phantombesitz dort geltend gemacht wird. Die Zuwanderung von Fachkräften ist ja prinzipiell nichts anderes als “Brain-drain”. Es werden Menschen aus dem Ausland geholt, in deren Ausbildung kein Geld mehr investiert werden muss, sondern die direkt Geld “erwirtschaften”. Wenn aber viele junge, unausgebildete Menschen nach Deutschland kommen, werden sie wieder abgeschoben, weil es zu viel kosten würde, sie auszubilden. Ärmere Länder werden nicht nur als günstige Produktionsstätten für Waren betrachtet, sondern auch für “fertige” Arbeitskräfte. Das kann man natürlich als Kolonialismus bezeichnen, aber im Sinne der Argumentation oben könnte man auch sagen, gemäß einer kapitalistischen Logik, die internationale Beziehungen bestimmt, wird alles, was der Zulieferer “produziert”, dem Hauptstandort zur Verfügung gestellt.

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Das habe ich weder gesagt noch gemeint. In Frankfurt kannst du an jeder Straßenecke gegen ein Rechenzentrum demonstrieren.

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Eine Verständnisfrage, weil dein Text beide Lesarten zulässt: Ist Phantombesitz für dich eine Folge der Ökonomisierung — also ein eigenständiges Phänomen, das kausal entsteht, wenn die Wirtschaftslogik andere Bereiche erfasst hat? Oder ist er deren Erscheinungsform — also nicht Wirkung, sondern die Ökonomisierung selbst, wie sie auf der Mikroebene sichtbar wird? Im ersten Fall wäre die Kette: Entdifferenzierung → verändertes Denken → Besitzansprüche im Sozialen. Im zweiten Fall gäbe es keine Kette, sondern Identität: Der Besitzanspruch ist der ökonomische Code im Sozialen.

Kurzer Erfahrungsbericht: Sowohl ich als auch einige Freunde und Bekannte sind von ChatGPT zu Claude gewechselt. Der erste Anstoß kam, als ich mitbekommen habe, wie unmöglich Altman auftritt und dass es mit Claude einen deutlich sympathischeren Konkurrenten gibt. Den Ausschlag für den tatsächlichen Wechsel gaben dann ein paar Monate später zwei Dinge: der Aufruf einiger Leute, deren Meinung ich schätze, und die Tatsache, dass Anthropic mittlerweile ein mindestens ebenbürtiges Produkt liefert. Das war mir den Umstieg dann wert.

Eine Instagram-Memeseite, der ich schon länger folge, nutzt ihre Reichweite ab und zu für ziemlich spannende Story-Umfragen. Was am Ende mit den Ergebnissen passiert, weiß ich ehrlich gesagt nicht – aber ich mache trotzdem gerne mit, wenn mich Thema und Ausgang interessieren. Wäre das nicht auch mal was für euch, bei Fragen wie: „Seid ihr von ChatGPT zu Claude gewechselt?“ oder „Aus Überzeugung oder wegen des besseren Produkts?“

Mir hat Eure Besprechung des Buches von Eva von Redecker sehr gut gefallen - werde es umgehend lesen. Eine Anmerkung zu Wolfgang: es gibt schlimmeres als das Kapital, nämlich die Barbarei, die aus ihm kroch. (Zitat von dem viel zu früh gestorbenen Joachim Bruhn vom Freiburger ISF

Da wurde der Zusammenhang zwischen meinem ersten Abschnitt und dem weiteren wohl nicht ganz klar.

Ich denke, dass die Dominanz einer kapitalistischen Denkweise sich in Form eines existenziellen Kampfes um begrenzte Ressourcen bei der der Besitz als Legitimation seiner selbst gilt, weil die Funktionsweise zur Natur (im Gegensatz zu Ideologie) erklärt wird, zeigt. Dementsprechend entsteht eine Sozialisation, bei der die kapitlistische Logik, die in allen Bereichen der Gesellschaft Anwendung findet, permanent strukturell vermittelt und damit unsichtbar wird. Nachdem Stefan ihn auch schon zitiert hat und es hier gut passt, wie David Foster Wallace es mit dem Witz umschriebt: “There are these two young fish swimming along and they happen to meet an older fish swimming the other way, who nods at them and says <Morning, Boys! How is the water?> And the two young fish swim on for a bit, and then eventually one of them looks over to the other and goes, <What the hell is water?>”

Diese tiefe Verankerung in den Menschen, wird in positivitischer Manier dann meßbar und dementsprechend wird geschlussfolgert, man könne die Welt nur so organisieren, weil die Menschen eben so funktionieren.

Klingt wie eine Feedbackschleife, vielleicht sollte ich mir den Teil über das Kybernetik-Buch noch anhören, bevor ich das Argument weiter ausführe :grinning_face_with_smiling_eyes:.

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Noch ein kleine Anmerkung zum Artikel in der Zeit zum Thema Hitze. Ich habe gelernt, dass beim DRK nicht Fahrzeuge in Bereitschaft gezählt werden. Wenn also der Leiter von 40 + 14 Fahrzeug im Einsatz über das ganze Wochenende redet, waren diese wirklich unterwegs und haben Menschen geholfen.

Bonus: in Baden-Württemberg leisten zumeist FSJler ihren Dienst auf den Rettungswagen am Wochenende, weil diese kein Extra-Tarif bezahlt bekommen. Das sind jetzt genau die jungen Mitmenschen, die bei Fridays-for-Future mitgemacht haben.

Ich habe bei der Frage der Diskussion zur Entwicklung Mensch / Maschine immer die Frage, auch in anderen Selbstbeschreibungen von Mensch sein, was das immer sein soll, der eigentliche originäre Mensch der jetzt dieses originäre verliert.

Aber besonders in diesem Kontext kann man sich auch die Frage stellen warum man gerade jetzt die Differenz aufmacht, und nicht bereits bei Nutzung von Werkzeugen, wenn man es überspitzt darstellen will. Aber auch andere hybride Formen, sie heutzutage gar nicht als solche wahrgenommen werden, Brille, Herzschrittmacher, Prothesen usw.

Meiner Meinung nach ist der Mensch nicht nur auf Grund des historischen Prozesses des fortgeschrittenen Kapitalismus in der Hybridität verrortet.

Daher ist meiner Meinung nach die Frage nach der Berechtigung von Hybridität, oder ob und wann sie entstand / entstehen wird nicht zielführend.

Die Frage ist wie wir mit der Hybridität umgehen.

Eine Frage nach einem emanzipatorischen Design des Hybriden.

Hintergrund dieses Gedanken ist die Frage, aus welchem Grund man die Hybridität wieweit treibt.

Wahre Emanzipation bedeutet hier einen Reifeprozess: das Ende der pubertären Rebellion gegen die biologischen Zwänge. In einem fast schon freud’schen Sinne müssen wir den Drang, Mutter Natur durch technologische Allmacht zu überwinden – oder sie symbolisch zu töten –, hinter uns lassen.

Erwachsenwerden hieße in diesem Kontext, die eigene Hybridität nicht als Flucht vor dem Verfall zu nutzen, sondern als Werkzeug innerhalb unserer Endlichkeit. Ein Mensch werden, der technische Hilfsmittel nicht als Rüstung gegen das Leben versteht, sondern als Prothesen seiner existenziellen Fragilität.

Ein Menschsein, das heranwächst, sich aus funktionalen Gründen erweitert – sei es die Brille, der Herzschrittmacher oder das neuronale Implantat – und diese Erweiterung ästhetisch annimmt, ohne die Verbindung zum Ursprung zu kappen; nicht als Werkzeuge der Selbstoptimierung zum unfehlbaren Gott nutzt, sondern als Eingeständnis seiner eigenen Mängel.

Die Flucht in die Maschine ändert nichts an unserer existenziellen Verortung; der hybride Mensch bleibt Teil eines Ganzen, selbst wenn sein Fleisch durch Silizium ersetzt wird. Die Frage ist nicht, ob wir uns verchromen, sondern ob wir dabei das Bewusstsein für die eigene Fragilität behalten.

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Okay, dann ordnest du Phantombesitz als eigenständiges Phänomen ein, kausal entstanden als Folge der Ökonomisierung - zumindest vorerst, und unter dem Vorbehalt, dass der Kybernetik-Abschnitt ergänzende Impulse beisteuern könnte.:wink:

You will be assimilated.

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I will be, am i not already?