Eigentlich ist das nur ein kleiner Kommentar und ich nehme es Wolfgang gar nicht übel, dass er so euphorisch über Ruth-Maria Thomas’ Roman spricht. Aber ich finde es doch irgendwie lustig, wenn es vor der Besprechung von Theo Barker heißt, man könne nicht in jeder Folge über den Mietwahnsinn sprechen, Theo Barker von Wolfgang dann aber vor allem dafür kritisiert wird, dass er zu viel Persönliches in seinem Buch präsentiert – und man anschließend Ruth-Maria Thomas so viel Raum gibt.
Oder war ich der Einzige, der das Gefühl hatte, Wolfgang spricht hier weniger über klassenübergreifende Liebe als über seinen persönlichen Struggle nach seinem wirtschaftlichen Aufstieg und dem Ausstieg aus dem Prekariat?
Ich hatte das Gefühl, Wolfgang erkennt sich in beiden Figuren wieder: in Michelle, wenn es darum geht, woher er wohl ökonomisch kommt (und wahrscheinlich auch, für wen er den Podcast macht), und in Henry, dessen ökonomische Position wohl eher Wolfgangs jetziger gleicht. Das zusammen zu bringen ist bestimmt nicht ganz einfach. Gleichzeitig thematisiert Wolfgang bisher nicht direkt und ausführlich, dass sich seine ökonomischen Verhältnisse verändert haben und was das mit ihm macht – mehr oder weniger genau das, was er wiederum Theo Barker vorwirft.
Vielleicht kann man ein wenig versöhnlicher mit Baker sein – bei aller intuitiven Asympathie.
Das schöne ist, wir Menschen haben die Fähigkeit verschiedene Perspektiven einzunehmen. Also, Kritik zu formulieren gelingt erst aus einer Perspektive bezogen auf etwas. Am stichhaltigsten ist natürlich die Kritik, die sich an Fakten orientiert und ohne Spekulation auskommt. Das ist schwer erreichbar, deswegen gibt es Interpretationen, alles zu wissen ist kaum möglich - und wenn Ebenen miteinander verknüpft werden, die getrennt bleiben sollten - kann Kritik auch schnell unsachlich werden.
Du hast natürlich recht, aber irgendwie drängte sich mir dieser Eindruck auf. Er war deshalb ja auch als Kommentar angekündigt, der offensichtlich keine Grundlage für – was weiß ich – eine Beschlusslage sein sollte.
Theo Baker hat ein Sachbuch geschrieben.Wolfgang sagt in seiner Kritik, dass es ihn an Sachbüchern stört, wenn der Autor zu viel persönliches einstreut. Einem Roman muss man sich anders nähern.
Wolfgang spricht generell nicht viel über sein Leben und hat auch keine Bringschuld, was das angeht.
Nein, nein, um Gottes willen. Ich wollte auch keine Hanno-Sauer-re:publica-Sache daraus machen, sondern bin als regelmäßiger Zuhörer des Podcasts naheliegenderweise doch ein wenig am Menschen, dem ich schon so viele Stunden zugehört habe, interessiert. Mir drängte sich dieser Eindruck – auch ganz unabhängig von Theo Baker – auf, als ich Wolfgang über Ruth-Maria Thomas’ Buch sprechen hörte, und ich war neugierig, ob ich der Einzige bin, der diesen Höreindruck hatte.
Zumindest hatte ich diesen Eindruck nicht - das lag vor allem daran, dass ich bei Theo Baker und Wolfgang vollkommen verschiedene Rollen gesehen habe (Autor, Leser). Anders wär‘s für mich, wenn Wolfgang ein Sachbuch über Theo Bakers Sachbuch geschrieben hätte (Autor, Autor) - dann könnte man den gleichen Maßstab nutzen.
Deine Überlegungen zu Wolfgang enthalten dennoch keine üblen Transfergedanken - hinsichtlich allgemeiner Fragen: Wieviel Theo Baker steckt in verschiedenen bestimmten Stereotypen (als Modellierungsansatz)?
Ich weiß, was du meinst. Mich würde zum Beispiel auch interessieren, was die beiden von Autosoziobiografien a la Didier Eribon, Édouard Louis und Co. denken. Da werden ja auch die Schwierigkeiten von Aufstiegsbiografien in ein gehobeneres, akademisches Milieu beschrieben, aber mit dem Anspruch, was über die Gesellschaft an sich zu sagen. “Rückkehr nach Reims” ist aber nun auch schon etwas älter.