Kurze Anmerkung zu den logischen Sprüngen
Interessanter Thread! Ich glaube, ich verstehe das Unbehagen, das du beschreibst - aber ich sehe ein paar logische Probleme in der Argumentation, die es schwer machen, dir zu folgen:
1. Das Kausalitätsproblem
Du beobachtest: “LEGO-Anleitungen sind einfacher geworden” und “Schulen schließen bei Glatteis” und schließt daraus: “Die Gesellschaft verhindert Mündigkeit.”
Aber: Woher wissen wir, dass A tatsächlich B verursacht? Vielleicht sind LEGO-Anleitungen einfacher, WEIL der Markt internationaler wurde? Vielleicht schließen Schulen aus Haftungsgründen? Das wären ganz andere Mechanismen als “Entmündigung”.
Analogie: Wenn ich beobachte “Störche sind zurückgekommen” und “mehr Babys werden geboren”, kann ich nicht schließen, dass Störche Babys bringen. Ich brauche den Mechanismus.
2. Das Äpfel-und-Birnen-Problem
Du vergleichst:
- LEGO = freiwilliges Spielzeug, Privatunternehmen, Ziel ist Spaß
- Schulschließung = Institution mit Aufsichtspflicht, Ziel ist Sicherheit
- ÖPNV-Verspätung = Arbeitsverhältnis + Infrastruktur
- Gewaltkriminalität = Staatsversagen
Das sind vier völlig verschiedene Systeme mit verschiedenen Logiken. Die Gemeinsamkeit ist nur: “Jemand entscheidet etwas.” Aber nach der Logik könnte ich auch sagen: “Ärzte entscheiden Medikamente, Richter entscheiden Urteile, Piloten entscheiden Flugrouten - überall wird uns Entscheidung abgenommen!”
3. Das Nostalgie-Problem
“Früher bei LEGO musste man nachdenken” klingt schön, aber:
- Wie viele Kinder haben frustriert aufgegeben?
- Wie viele hatten keinen Zugang (zu teuer, keine Geduld der Eltern)?
- Waren Menschen in den 80ern tatsächlich “mündiger”? Woran messen wir das?
Wir erinnern uns gern an die positiven Aspekte unserer Kindheit, aber das heißt nicht, dass es objektiv besser war.
4. Das Verschiebungs-Problem
Angenommen, LEGO-Anleitungen sind einfacher. Aber:
- Was machen Kinder mit der freigewordenen kognitiven Energie?
- Vielleicht bauen sie komplexere Minecraft-Strukturen?
- Vielleicht lernen sie früher Programmieren?
- Vielleicht navigieren sie komplexere soziale Situationen online?
“Einfacher an Stelle A” bedeutet nicht automatisch “weniger kognitiv insgesamt”.
5. Das Macht-statt-Pädagogik-Problem
Dein Beispiel mit der weinenden Person am Bahnhof zeigt nicht “Unmündigkeit”, sondern prekäre Machtverhältnisse. Das Problem ist nicht, dass die Person nicht gelernt hat, mit Verspätungen umzugehen, sondern dass der Chef mit Kündigung drohen kann für etwas außerhalb ihrer Kontrolle.
Das ist ein strukturelles Problem, keine Charakterschwäche.
Was fehlt für die Argumentation?
Um die These “Vereinfachung führt zu Unmündigkeit” zu stützen, bräuchte man:
- Definition: Was genau ist “Mündigkeit”? Wie messen wir sie?
- Evidenz: Sind junge Menschen heute messbar unmündiger? Nach welcher Metrik?
- Mechanismus: WIE GENAU führt einfacheres LEGO zu weniger Mündigkeit? Welche kognitiven Prozesse sind betroffen?
- Alternativen ausschließen: Gibt es andere Erklärungen für die beobachteten Phänomene?
Ich vermute, was du eigentlich meinst, ist etwas wie: “Ich habe das Gefühl, dass moderne Institutionen zu vorsichtig sind und dass Menschen dadurch weniger Gelegenheit haben, aus Fehlern zu lernen.”
Das wäre eine diskutierbare These! Aber dafür müsste man:
- Konkret werden (welche Institutionen, welche Entscheidungen?)
- Den Trade-off anerkennen (Risiko vs. Sicherheit)
- Empirisch prüfen (stimmt das überhaupt?)
Aktuell springt der Beitrag zwischen sehr unterschiedlichen Themen hin und her, und das macht es schwer, ihm zu folgen oder ihm zuzustimmen/zu widersprechen.