Ole bei Sternstunde Philosophie und Emanzipation durch Wehrpflicht für alle

In der neusten Folge von Sternstunden Philosophie stellt man sich die Frage: “Würden Sie für Ihr eigenes Land in den Krieg ziehen?” Zu Gast ist auch Ole, der wieder mit seiner Position wieder einmal in der Minderheit ist und gegen zwei Gesprächspartner argumentieren muss.

Am schrecklisten empfand ich hier tatsächlich den weiblichen Gast. Neben der vielen Einschübe in Oles Argumentationen, brachte sie auch eine seltsame Begründung warum es eine Wehrpflicht für alle geben müsse. Sie ist der Meinung, dass Männer, die gegen eine Wehrpflicht für Frauen argumentieren, dies nur wegen der klassischen Geschlechterrollen tun.

Ich nehme tatsächlich das Gegenteil wahr:

Männer, die gegen eine Wehrpflicht für Frauen sind, sind diejenigen, die gegen eine allgemeine Wehrpflicht sind und möchten auch selbst nicht wehrtauglich gemacht werden. Sie lehnen also die alte Geschlechterrolle, wonach Männer kämpfen müssen, grundsätzlich ab.

Männer, die in alten Schemata denken, und gegen alle möglichen Mittel von Emanzipation sind (Frauenquoten usw.) sind seltsamerweise recht positiv gegenüber einer Wehrpflicht für alle eingestellt.

Ist das nur meine Wahrnehmung oder wie seht ihr das?

Hier der Link zur Episode:

Würden Sie fürs eigene Land in den Krieg ziehen? - Sternstunde Philosophie - Play SRF

2 „Gefällt mir“

Grundsätzlich fand ich, daß Ole seine Standpunkte besser verteidigt hat, als in früheren Formaten, allerdings wäre er gut beraten, den letzten Diskussionspunkt noch mal zu überdenken.

Deine Beobachtung zur Geschlechter-Debatte ist absolut richtig. Das ist tatsächlich die paradoxe Allianz: Konservative, die sonst gegen jede Gleichstellungsmaßnahme sind, entdecken bei Wehrpflicht plötzlich ihr Herz für “Gleichberechtigung”. Nicht aus Überzeugung, sondern nach dem Prinzip “wenn wir leiden, sollen die auch leiden”.

Aber genau diese Debatte ist das eigentliche Problem. Das ist der klassische Autoverkäufer-Trick: “In welcher Farbe hätten Sie gern Ihr neues Auto?” - während die Frage “Will ich überhaupt ein Auto kaufen?” komplett übersprungen wird.

Die Geschlechter-Frage setzt voraus, dass Wehrpflicht überhaupt sinnvoll ist. Und das ist sie nicht. Nicht aus pazifistischen Gründen, sondern aus militärischen:

Was der Ukraine-Krieg zeigt: Kriegsentscheidend sind Drohnenproduktion, Munition, Elektronik, Logistik, spezialisierte Ausbildung. Nicht Masse von Grundausgebildeten.

Was Wehrpflicht produziert: Sie zieht genau die Menschen (18-25, technisch versiert, lernfähig) aus der kriegswichtigen Produktion für 12-18 Monate irrelevanten Drill. Im Ernstfall bräuchten wir sie in Fabriken, Softwareentwicklung, Logistik - nicht mit halbgarer Infanterie-Grundausbildung.

Die Debatte “Wer soll dienen?” lenkt perfekt ab von “Macht das überhaupt militärisch Sinn?” Die Antwort ist nein. Wehrpflicht ist ressourcenfressende Symbolpolitik, die uns im Ernstfall schwächer macht, nicht stärker.

Nehme ich genauso wahr. Vielleicht spielt da auch mit rein, dass die sich radikalisierenden Konservativen und besonders die nach rechts driftende “bürgerliche Mitte” sich ihrem Selbstverständnis nach oft gar nicht radikalisiert haben, sondern nur auf schwierigere Anforderungen entschlossener reagieren. Da braucht man dann Themengebiete, wo man sich immer wieder von seiner humanen Grundhaltung überzeugen kann; Antisemitismus z. B. oder eben “Gleichberechtigung” bei der Wehrpflicht. Für sein Land zu sterben ist ein Privileg, das nicht länger größtenteils Männern vorbehalten sein sollte!

Ich habe nur in der Anfangszeit nach Erscheinen seines Buches in ein paar seiner Auftritte reingeschaut, in letzter Zeit und in diesen nicht, von daher weiß ich nicht, ob das immer noch so ist: ich fand, es wirkte oft nicht so überzeugend, dass er, wenn die Anderen wieder mal versucht haben, ihn auf konkrete Szenarien festzunageln, eher ausgewichen ist. Bei einem bei diesem Thema konservativ eingestellten Freund von mir ist gerade das nicht gut angekommen, da es bei ihm den Eindruck erweckte, das sei nur eine idealistische Position, die in der Praxis nur dazu diene, sich zu drücken. Ich kann mir vorstellen, dass das einige so sehen könnten; vielleicht ist es besser, sich da von vornherein gut durchdachte Antworten zu überlegen…

Ist es ja nicht. Es gibt ja zum Glück schon lange weibliche Soldatinnen.

1 „Gefällt mir“

@Lymi Grundsätzlich fand ich, daß Ole seine Standpunkte besser verteidigt hat, als in früheren Formaten, allerdings wäre er gut beraten, den letzten Diskussionspunkt noch mal zu überdenken.

Das sehe ich ähnlich. Ich hatte den Eindruck, dass seine Argumente fast durchgängig Oberhand gegenüber den zwei anderen Gästen hatten. Bis auf die Beantwortung der letzten Frage hat er stets sehr souverän gekontert. Aber da war auch nicht mehr viel Zeit, da die Sendezeit bereits aufgebraucht war.

Wenn ich das damals richtig verstanden habe, sind die meisten Soldaten vom Typus her Feiglinge; sie müssen mit Druck und Gewalt zum kämpfen geschickt werden.

Helden gibt es nur wenige.

Daher ist es so wichtig, das Desertieren oder Verweigern möglichst wenig attraktiv erscheinen zu lassen, weil das sonst um sich greifen könnte.

Stand mal ungefähr so irgendwo bei Theweleit.

Ich hab Oles Buch gar nicht gelesen und bin also bis zu seiner Aussage am Schluss auch davon ausgegangen, daß er grundsätzlich gegen irgendeinen Kriegsdienst ist.

Sein Buch habe ich tatsächlich auch noch nicht gelesen. Er sagt am Ende: “Dann wäre das meine persönliche Entscheidung und dennoch find ich es falsch, Leute dazu zu zwingen. […] würde ich eher tun (einen sozialistischen Staat verteidigen), als den bürgerlichen Staat zu verteidigen.” Das klingt für mich noch lange nicht nach einer Kriegsdienstbefürwortung.

2 „Gefällt mir“

Mag sein, aber alle Überzeugungsversuche, egal wo sie stattfinden laufen so:

Bestimmt gibt es auch für dich den einen Grund, doch zu kämpfen.

1 „Gefällt mir“

Stimmt. In eigentlich jeder Debatte wurde Ole nach irgendeiner Situation gefragt, in der er sich verteidigen würde. Und er hat nie abgestritten, dass es so eine Situation geben mag.

Doch wird mit der Frage etwas ganz wild durcheinander geworfen, das so nicht zusammen gehört: Das Individuum und das Kollektiv. Wer das in einen Debatte gleichsetzen möchte argumentiert einfach dumm.

Ich habe gestern ein Video von einer rechten Youtuberin gesehen, die Passanten auf der Straße fragt ob es okay ist, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt. Wenn die Leute das befürworten, ruft sie eine Person, die den “Flüchtling” spielt, herbei und sagt den Leuten, dass sie ihn jetzt mit nach Hause nehmen müssen. Und da viele Leute nicht bereit sind die Person mitzunehmen, glaubt sie, dass sie irgendwas bewiesen hätte. Dabei ist es genau das selbe dumme Argument.

Genauso könnte man die üblichen Vergleiche zwischen Privatschulden und Staatsverschulden nennen.

Auf der anderen Seite aber existiert das Kollektiv nicht, wenn jemand ein persönliches Schicksal erleidet. Ganz der neoliberalen Logik ist da jeder für sich selbst verantwortlich und eine Gesellschaft nicht existent.

Ich habe Oles Buch auch noch nicht gelesen (ich fasse es aber als positives Zeichen auf, dass es in der Bibliothek ständig verliehen ist, wenn ich gerade da bin), finde aber auch Wolfgangs Essay in “Selbst Schuld!” schon recht passend. Da schreibt er: “Im Falle eines Falles missversteht sich eben jeder Deutsche als Bundespräsident.”

2 „Gefällt mir“

Das sind dieselben Fragen, die Wehrdienstverweigerern in den 60er/70er/fühen 80er Jahren auch noch gefragt haben, in der sogenannten “Gewissensprüfung”.

Aus der Wikipedia dazu:

Die Vorgehensweise in den mündlichen Verhandlungen waren ein dauerhafter Streitpunkt. Bevorzugt wurden Szenarien vorgestellt, die teilweise jenseits jeder Wahrscheinlichkeit lagen. Ein Beispielszenario, als [Brett des Karneades](https://de.wikipedia.org/wiki/Brett_des_Karneades "Brett des Karneades") bekannt, war, dass man sich nach dem Untergang eines Schiffes dank eines Stückes Treibholz über Wasser halten konnte. Ein anderer Schiffbrüchiger schwimmt heran, aber das Treibholz reicht nicht aus, um beide zu tragen. Was tut der Antragsteller? Weist er den anderen zurück, so konnte er offensichtlich doch die Tötung eines anderen Menschen akzeptieren. Sagte er aus, er würde sich opfern und das Treibholz dem anderen überlassen, so war die Antwort offensichtlich unglaubwürdig. Sagte er, es käme zu einem Kampf, so wurde dem Antragsteller entweder unterstellt, er versuche einer Antwort auszuweichen, oder aber er sollte Stellung beziehen, ob er im Rahmen des Kampfes die Tötung des anderen in Kauf nahm. Weitere beliebte Szenarien hatten die [Notwehr](https://de.wikipedia.org/wiki/Notwehr_\(Deutschland\) "Notwehr (Deutschland)") zum Thema. Es wurde jedoch gerichtlich festgestellt, dass die Bereitschaft zur persönlichen Notwehr und Nothilfe nicht zu Ungunsten des Antragstellers ausgelegt werden darf und die Glaubwürdigkeit einer Gewissensentscheidung nicht mindert.

Es gab gute Gründe dafür, diese Art von Dilemma-Fragen nicht mehr als Grundlage für diese Entscheidung herzunehmen

In Teilen der Gesellschaft fand man es stets bedenklich, dass ein Kriegsdienstverweigerer nachweisen musste, dass er schweren seelischen Schaden erleiden würde, sollte er gegen sein Gewissen Kriegsdienst an der Waffe leisten und bei dieser Gelegenheit möglicherweise einen anderen Menschen töten müssen. Dagegen wurde postuliert, dass ein normaler Soldat keinen solchen Schaden erleiden müsste, was allerdings der Gefechtsrealität widersprach.

1 „Gefällt mir“

Wehrdienst bedeutet Ausbildung. Das ist glaube ich jedenfalls der wesentliche Unterschied. Die Ausbildung ermöglicht ein Verhalten welches die Gefahr rationalisiert und damit zumindest bewältigbar erscheinen lässt.

Im Unterschied zur individuellen Gefahrensituation in Form einer Bedrohung kann niemand wirklich sagen wie er sich verhalten würde. Selbst dann wenn eine Waffe in Reichweite wäre.

Diese Diskussion ist in der Tat dumm. Aber sie kann einfach geführt werden und deswegen wird sie ja Ole immer wieder Gebetsmühlenartig vorgesetzt.

Ein sehr guter Freund mit zwei kleinen Töchtern hat mir mal gesagt er sei für die Wehrpflicht. Er sei auch für die massive Aufrüstung. Er begründete das mit der Angst dass seine Töchter von verfeindeten Soldaten vergewaltigt werden.

Ich hab ihm geantwortet dass keiner meiner 3 Söhne dafür getötet werden sollten.

2 „Gefällt mir“

Auch nach dieser Folge, wie schon bei anderen Formaten in denen Ole sich über dieses Thema ‘rechtfertigen’ musste, war mein Puls wieder auf 180.

Mir ist es einfach unbegreiflich, wie sich vollkommen privilegierte Menschen öffentlich hinstellen und irgendwas von ‘Verteidigung’, ‘Kriegstüchtigkeit’ und ‘Pflichten für das Heimatland’ faseln ohne auch nur den letzten Schimmer zu haben, was es bedeuten würde, im Schützengraben zu sitzen oder bombardiert zu werden und aus nächster Nähe mitzuerleben, dass Menschen neben einem zerfetzten. Ich selbst habe das nie erlebt und wünsche es nicht Mal meinem aller schlimmsten Feind.

Ich finde der Begriff ‘Wohlstandsverwahrlosung’ beschreibt diese ganze Misere am besten…

4 „Gefällt mir“

Da wird man immer wieder in die Defensive kommen wenn man nicht die Position verteidigt, die am ehesten sachlich argumentiert:

Wehrpflicht ist nicht nötig, sogar kontraproduktiv.

Nur ein Berufsheer kann uns adäquat schützen.

Also muss man nicht diskutieren wen man rekrutiert.