Plurale Rationalitäten – Ein Denkangebot zur Stärkung des Subjekts

Ich verstehe schon sehr gut, was du dort gedanklich vorhast, will bloß sagen, dass die KT bei dem Vorhaben fehl am Platz ist. Dieser sehr konstruktivistische Blick auf die Dinge überwindet nicht das, was du als Festung der KT beschreibst, weil diese Perspektive, die, wie harmloser Name ja bereits betont hat, auch schon vor Jahrzehnten ganz ähnlich diskutiert wurde, sich nicht aus der KT ableiten lässt. Die KT hat eine andere logische Struktur, eine etwas andere Urteilsform, sie ist eine materialistische Theorie und widerspricht einer solchen positiven Wendung aus sich heraus.

Sie würde dies z.B. als eine idealistische Sicht auf die Dinge ablehnen. Damit das Subjekt “frei in der Gewichtung von Einflüssen” ist, müsste man davon ausgehen, dass es neutral über diese Einflüsse urteilen kann. Gerade davon geht die KT jedoch nicht aus. Sie würde hierin also keineswegs eine praktische Einlösung der Mündigkeit vermuten, sondern wäre stattdessen vielmehr interessiert daran, die Momente und Orte auszuloten, an denen Mündigkeit aktiv verhindert wird. Wenn man die “Freiheit des Subjekts” mit der KT denken wollen würde, dann wohl insofern, dass sie jedem Menschen die “Freiheit zur Veränderung” (wie es in den oben genannten Zitat von Horkheimer anklingt) als emanzipatorisches Moment zugesteht.

Und die Vernunft ist in der KT nach meinem Verständnis ohnehin ein nicht ganz so eindeutiger Begriff. Der Begriff selbst spielt zwar an verschiedenen Stellen, z.B. später in Horkheimers “Kritik der instrumentellen Vernunft” eine zentrale Rolle, hat aber in seiner Rezeption auch innerhalb der KT einen Wandel erfahren, insofern ihm in den frühen Schriften des IfS vor der Shoah noch anders begegnet wurde. Vielmehr geht es ihr darum, Aussagen darüber zu treffen, an welchen Momenten sich die bürgerliche Gesellschaft objektiv unvernünftig verhält.

Kurz gesagt: Man kann die Idee der pluralen Rationalitäten gerne weiterverfolgen aber ohne die KT hier vorab anzuführen oder zu glauben, man könne diese Festung (die ich im Übrigen keineswegs als Festung begreife) hinter sich lassen. Die KT würde dies als ideologisch ablehnen. Wolfgangs Einwand zur Stärkung des Subjekts wäre damit nicht überwunden, eher im Gegenteil. Theoretisch hat harmloser Name das hier bereits sehr gut und deutlich präziser als ich begründet.

1 „Gefällt mir“

Ich schreibe vielleicht später nochmal ausführlicher, jetzt nur kurz: mein Kritikpunkt war, dass eine Betrachtungsweise der Gesellschaft als plurale Rationalitäten entweder trivial ist (da die basalste Alltagserfahrung wiedergebend), oder, wenn man sie als normativ für die Gestaltung der Gesellschaft ansieht, ihre Atomisierung vorantreibt. Ihr performatives Ziel ist es, gesellschaftsrelevante Fragen als Gegenüber der Gesellschaft als vollkommen für diese greifbar darzustellen. Dabei werden die Bedingungen der Möglichkeit des Rahmens ignoriert, in dem gesellschaftliche Selbstverhandlung stattfindet, die stattdessen mit dem Begriff “Rationalität” nur als praktische Problembewältigung erscheint. Dieser Rahmen wird von der KT thematisiert, die eine Selbstermächtigung des Individuums zum Subjekt ermöglichen will, das an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen in einer Weise teilnehmen kann, die nicht immer nur implizit die Selbstbestätigung einer rationalisierten Weltsicht meint.

1 „Gefällt mir“

Ich hab das mal versucht gedanklich aufzudröseln:

Marx beschreibt den entfremdeten Menschen mit einer Präzision, die nur möglich ist, wenn man weiß wovon er entfremdet ist. Entfremdung setzt etwas voraus, das vorher da war. Bei Marx ist das das Gattungswesen — der Mensch der kooperiert, schöpft, sich entfaltet. Nicht als Utopie, sondern als anthropologische Annahme. Der Motor seiner Kritik ist dieses Bild.
Die Kritische Theorie hat diesen Motor zunehmend zurückgezogen. Aus Vorsicht — weil positive Bilder vom Menschen historisch missbraucht wurden. Der Preis war hoch: Eine Theorie die präzise beschreibt warum es nicht geht, aber nicht mehr zeigen kann woher das Wollen kommt.
Dabei ist das Wollen beobachtbar. Jedes Kind kommt mit Lernantrieb auf die Welt — nicht erworben, nicht gelehrt, nicht gesellschaftlich erzeugt. Entwicklungspsychologie, Anthropologie und Spieltheorie zeigen übereinstimmend: Kooperation und Neugier sind biologisch verankert. Sie werden nicht erzeugt. Sie werden umgeleitet — oder geschützt.
Hier liegt ein naheliegendes Missverständnis. Wer sagt, der Mensch bringe einen angeborenen Lernantrieb mit, könnte damit meinen: Strukturen sind irrelevant, jeder ist seines Glückes Schmied, der Staat soll sich raushalten. Das wäre ein libertärer Schluss — und er wäre falsch.
Der Lernantrieb ist nicht das Argument gegen Strukturkritik. Er ist ihr tiefster Grund. Wer versteht dass Kooperation und Neugier angeboren sind, versteht auch warum Strukturen die das systematisch unterdrücken nicht neutral sind. Sie betreiben aktive Umleitung — weg von Kooperation und Neugier, hin zu Konkurrenz und Gehorsam. Das ist kein individuelles Versagen. Das ist Mechanismus. Systematisch, reproduzierbar, im Interesse bestimmter Kräfte stabil gehalten.
Daraus folgt: Emanzipation ist keine Acquisition. Man muss nichts Neues erwerben, keine richtige Theorie lernen, keinen akademischen Überbau aufbauen. Emanzipation ist Ausgrabung. Der Kern ist noch da — in der Lebenswirklichkeit jedes Menschen, vor jeder Theorie.
Die Pädagogik ist der Beweis. Keine funktionierende Pädagogik erzeugt Lernantrieb — sie setzt ihn voraus. Sie schützt ihn oder zerstört ihn. Das ist nicht Idealismus. Das ist beobachtbar, jeden Tag, in jedem Kind.
Marx wollte wissen warum der Mensch nicht so lebt wie er könnte. Die Antwort liegt nicht nur in den Produktionsverhältnissen — sondern darin, dass der Lernantrieb systematisch umgeleitet wird. Das zu erkennen ist der erste Schritt. Nicht weil man dann sofort anders handeln kann. Sondern weil man den Mechanismus kennt.

3 „Gefällt mir“

Ich denke dass du einen anderen Begriff von pluralen Rationalitäten entgegen arbeitest, als der hier ausgearbeitet werden soll.

Ich verstehe dass Begriffe zeitweise vorbeilegt sein können mir Deutungshorizonten, würde es aber zu schätzen wissen wenn du zumindest einen Anlauf nehmen würdest, das bisher beschriebene von mir aus aus einem Abschnitt eines dekonstruktivistischen Prozesses zu betrachten, in dem wir uns von diesen Vorbereitungen frei machen und noch einmal schauen was die Begriffe hier zu umschreiben versuchen.

Die Pluralität der Rationalitäten beschreibt keine Monaden die für sich bestehen und durch Zufall im Handeln trotzdem eine Gemeinschaft prozessieren.

Sie beschreibt die notwendiger Weise zu berücksichtigende Tatsache, dass der Horizont der Handlungsspielräume sich konstituiert aus Handlungen von pluralen Rationalitäten. Was du als trivial abhandelst ergibt jedoch ein Spannungsfeld zu dem gesetzten Vernunftbegriff.

Davon abgesehen finde ich die Praktik Erkenntnisse über ihre Koordinaten auf der Trivialitätsskala abzuhandeln nicht sehr zielführend, da man sich zb Fragen könnte wozu reden wir über ethische Fragen überhaupt. Auf Alltagserfahrung basierend sollte geklärt sein dass wir alle harmonisch zusammen leben müssen.

Die Alltags Erfahrung zeigt auch dass ich nur weiß dass ich nichts weiß. Trivialität kann über Metaebene weiter arbeiten.

In diesem Fall das Spannungsfeld subjektive Rationalitäten / Vernunft> kann eine vorgegebene starre Vernunft Prozess gerecht werden?

Ich tue mich auch schwer mit dem Einwand der Rationalität Begriff würde die Vielschichtigkeit der Prozesse gesellschaftlichen Handelns vernachlässigen die diese in sich tragen während die erörterten Überlegungen zu den Prozessen es ja ander umschreiben explizit

Auf der Ebene der Gesellschaft fungiert die Vernunft nicht als übergreifender Konsens, sondern als Raum, in dem Rationalitäten aufeinandertreffen und Konflikte austragen. Dieser Raum ist kein harmonisches Ganzes, sondern ein Ort der Aushandlung, an dem Widersprüche sichtbar und produktiv gemacht werden. Die Vernunft wird so zum Rahmen, in dem Rationalitäten nicht vereint, sondern in ihrer Konflikthaftigkeit gehalten werden.

Die „Aha-Momente“, die in diesen Konflikten entstehen, sind zentral. Sie sind keine Lösungen, sondern Einsichten, die neue Fragen aufwerfen und das Denken vorantreiben.

Unser Modell der Pluralität der Rationalitäten ist somit kein optimistisches Affirmieren von Vielfalt, sondern ein dynamisches und widersprüchliches Geflecht

Es geht also nicht um eine “Selbstbestätigung einer rationalisierten Weltsicht”. Die Rationalitäten sind Teil der Aushandlung, die darüber hinausgeht eine Weltsicht zu affirmieren. Sie werden verstanden als temporäre Ergebnisse der Aushandlungen und wiederum als reentry für weitere Aushandlungen.

Sie sind kein abzuschließender Affirmationsprozess.

Jede Rationalität ist selbst Teil des Problems, das sie zu lösen vorgibt.

Beispiel: Wenn eine Gemeinschaft sagt „Wir handeln nach unserer eigenen Rationalität (z. B. Basisdemokratie)“ – dann fragt der Prozess: „Aber reproduziert diese Rationalität nicht selbst schon Ausschlüsse (z. B. wer darf mitreden?)?“

Die Aushandlung von Rationalitäten schließt immer die Kritik an der eigenen Position ein.

Folge: Es gibt keine „reine“ oder „überlegene“ Rationalität, sondern nur Rationalitäten, die sich gegenseitig infrage stellen. Die Affirmation liegt in der temporär ausgehandelten Vernunft die der Handlungsspielraum der Rationalitäten ist.

Handlungsspielraum insofern: Die Gemeinschaft handelt auf Basis dieses temporären Konsenses, ohne zu vergessen, dass er revisibel ist.

Handeln – nicht auf Basis von „ewigen Wahrheiten“, sondern auf temporären, kritisch reflektierten Stabilisierungen. Diese haben drei Eigenschaften:

Sie sind kontextabhängig:

Ein Konsens gilt nur für eine bestimmte Gemeinschaft, ein bestimmtes Projekt, eine bestimmte Zeit.
Beispiel: Eine Nachbarschaftsinitiative einigt sich auf eine Rationalität (z. B. „Wir organisieren uns ohne Hierarchien“) – aber diese gilt nur für diesen konkreten Kontext und muss in anderen Settings neu verhandelt werden.

Sie sind rekursiv:

Jede Stabilisierung wird durch die Praxis selbst wieder infrage gestellt.
Beispiel: Eine Gruppe beschließt, Ressourcen „fair“ zu verteilen – doch beim Umsetzen merken sie: „Unser ‚Fairness‘-Begriff schließt Menschen ohne Zugang zu Sprache aus.“ → Der Konsens wird im Handeln revidiert.

Sie sind kritikoffen:

Der temporäre Konsens ist kein Ziel, sondern ein Werkzeug – er dient dazu, Handeln zu ermöglichen, ohne die Widersprüche zu verleugnen.
Beispiel: Ein Kollektiv nutzt vorläufig eine bestimmte Technologie, weil es gerade keine bessere Option gibt – aber es dokumentiert gleichzeitig die Probleme dieser Entscheidung, um sie später neu zu verhandeln.

2 „Gefällt mir“

Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob deine Theorie deskriptiv oder normativ gemeint ist. Sie beschreibt das, was ohnehin andauernd in halbwegs deliberativen Öffentlichkeiten passiert. Allerdings haben die ständig geschehenden Selbstverständigungs- und Aushandlungsprozesse doch gerade darin ihre Ursache, dass man sich bei divergierenden Ansichten nicht mit der Einsicht zufrieden gibt, dass da einfach eine andere Rationalität am Werk ist, sondern einen universalistischen Anspruch vertritt, der schon in der Natur dieser Interaktionen selbst liegt. Von daher sehe ich nicht, inwieweit damit ein universelles Vernunftverständnis abgelöst werden soll. Zumal bei normativer Schlagseite die pluralen Rationalitäten nach deinem Verständnis doch einen ähnlich totalitären Anspruch auf die Praxis haben müssten wie der von dir gemeinte Vernunftbegriff (dessen genaue Natur mir nach wie vor unklar ist, der aber auf jeden Fall nicht der der KT ist).

1 „Gefällt mir“

Der Einwand, ob mein Konzept deskriptiv oder normativ gemeint ist, greift zu kurz, weil er von einer Trennung ausgeht, die in einem prozessualen Modell wie meinem gar nicht existiert. Es geht nicht um eine klassische Dualität zwischen Beschreibung und Bewertung, sondern darum, dass beide Aspekte untrennbar im Aushandlungsprozess selbst verwoben sind. Die Grundlage ist zwar deskriptiv – ich beschreibe, wie Rationalitäten in Gemeinschaften entstehen, kollidieren und sich verändern. Doch dieser deskriptive Teil ist nicht neutral, sondern schon Teil des Prozesses, weil die Beschreibung selbst die Aushandlung beeinflusst. Gleichzeitig entsteht der normative Teil nicht von außen, sondern im Zusammentreffen der Rationalitäten, also genau in dem rekursiven Moment der Aushandlung, das wir gemeinsam untersuchen.

Die Grundlage einer Untersuchung muss ja Immer deskriptiv sein , die Tatsache die ich auszuarbeiten versuche, dass die Pluralität der Rationalitäten in Handlungsfähigkeit münden soll, bedingt auch eine normativen Teil.

Ebenso ist auch die kt deskriptiv und normativ.

Der Vorwurf, mein Modell erhebe einen ähnlich totalitären Anspruch wie der von mir postulierte Vernunftbegriff der Kritischen Theorie, verkennt, dass es hier gerade nicht um feste Normen oder universelle Prinzipien geht. Stattdessen entstehen Normen im Prozess der Aushandlung selbst – sie sind temporär, kontextabhängig und immer revisibel. Während die Kritische Theorie mit ihrem starren Vernunftbegriff so wie ich es verstehe alles am Verblendungszusammenhang misst und damit jede Alternative ausschließt, die nicht ihrer radikalen Negation folgt( der normative Teil der kt wie ich es sehe), ermöglicht mein Ansatz Handeln, ohne die Kritik aufzugeben. Die Pluralität der Rationalitäten wird hier nicht als Harmonie oder Vielfalt affirmiert, sondern als Konfliktraum begriffen, in dem Widersprüche produktiv gehalten und neue Einsichten auch über den Einstiegspunkt, also die Gültigkeit der Vernunft bringen können.

Die Kritische Theorie, wie ich sie hier darstelle, lehnt Pluralität ab, weil sie sie als Affirmation des Bestehenden ansieht. Doch mein Modell zeigt, dass Pluralität sehr wohl kritisch sein kann – wenn man sie als dynamisches Geflecht begreift, in dem Rationalitäten sich gegenseitig herausfordern und verändern.

Es geht also nicht um eine Selbstbestätigung einer rationalisierten Weltsicht, sondern darum, Rationalitäten als Teil einer Aushandlung zu begreifen, die über die bloße Affirmation hinausgeht. Die Rationalitäten sind nicht starr, sondern prozessual – sie entstehen in Konflikten, verändern sich und erzeugen neue Widersprüche, die wiederum den Prozess vorantreiben. In diesem Sinne ist mein Modell eine “kritische Pluralität”, die Kritik und Handeln verbindet.

Es geht mir nicht darum, die Frage zu klären, ob der Kritischen Theorie nun ein fester Vernunftbegriff zugeschrieben werden kann oder nicht. Vielmehr zeigt sich an dieser Diskussion selbst, wie Pluralität der Rationalitäten funktioniert: Unsere unterschiedlichen Rationalitäten – meine, die Pluralität als dynamischen Aushandlungsprozess begreift, und die Rationalität, die sich auf die Tradition der Kritischen Theorie bezieht – stoßen hier aufeinander, ohne dass eine Seite die andere einfach negieren oder affirmieren könnte.

In diesem konkreten Moment wird sichtbar, was ich mit Pluralität der Rationalitäten meine: Es ist nicht nur theoretisches Konstrukt, sondern ein tatsächlich stattfindender Prozess. Meine Rationalität sucht nach Handlungsfähigkeit innerhalb von Widersprüchen, während die andere Rationalität diese Widersprüche als unvermeidlichen Ausdruck von Verblendung ansieht. Beide Positionen sind nicht einfach “richtig” oder “falsch”, sondern sie *kollidieren* in diesem Gespräch – und genau darin liegt der produktive Kern.

Die Kritische Theorie würde an dieser Stelle vielleicht sagen: “Dein Pluralitätsmodell ist selbst Teil des Verblendungszusammenhangs, weil es keine radikale Negation zulässt.” Die Antwort meiner Rationalität wäre nicht eine Gegenbehauptung, sondern die Feststellung: “Genau diese Kollision unserer Rationalitäten – deine radikale Kritik und meine prozessuale Pluralität – ist der Ort, an dem sich zeigt, dass Rationalitäten nicht isoliert existieren, sondern sich gegenseitig herausfordern und verändern(können).”

In diesem Sinne ist der Konflikt um den Vernunftbegriff der KT kein theoretisches Problem, das gelöst werden muss, sondern ein Beispiel für das, was ich beschreibe: Pluralität der Rationalitäten als einen Prozess, in dem unterschiedliche Denkweisen nicht harmonisiert werden, sondern in ihrer Spannung produktiv bleiben(können).

Natürlich hat der Prozess auch Grenzen. Deshalb die (können) Einschränkungen.

Zb in dem Fall , wenn ich mich aus diesem konkreten Aushandlungsprozess zurückziehe, da ich hier kein weiteres Potenzial für eine produktive Aushandlung sehe. Also die Frage nach dem Vernunft Begriff den ich der kt unterstelle.

Unsere beiden Rationalitäten – deine, die sich auf die Tradition der Kritischen Theorie stützt, und meine, die Pluralität als dynamischen Prozess begreift – stoßen hier an Grenzen: Sie haben in ihrer jeweiligen Logik Stellschrauben, die in der Frage des Vernunftbegriffs der KT keine wechselseitige Alteration mehr zulassen. Das ist kein Scheitern, sondern ein Moment der Klarheit – es zeigt, wo die Grenzen der wechselseitigen Übersetzbarkeit liegen.

Die Frage ist nun: Welche Schlussfolgerung zieht man daraus? Aus meiner Perspektive und meiner Rationalität heraus stelle ich mir die Frage, ob die Klärung des KT-Abschnitts für meine eigentliche Betrachtung überhaupt notwendig ist. Mein ursprünglicher Anliegen war es ja nicht, die KT als solche zu analysieren oder zu widerlegen. Vielmehr ging es mir – wie im ersten Post beschrieben – darum, den Moment sichtbar zu machen, in dem die KT als Differenzpunkt auftritt: starre Vernunft (aus dem Horizont der totalen Verblendung) versus Prozess der Rationalitäten (in dem Vernunft temporär und aushandlungsabhängig entsteht).

Daraus ergibt sich für mich die Schlussfolgerung, dass – auch wenn keine totale Affirmation der Pluralität der Rationalitäten vonseiten der KT zu erwarten ist – vielleicht doch ein Eingeständnis ihrer Existenz und Relevanz die Sichtweise, die ich Wolfgangs Position unterstelle, bereichern könnte. Nicht im Sinne einer Überwindung der KT, sondern als eine Erweiterung des Blicks: Die Pluralität der Rationalitäten ist kein Gegenentwurf zur Kritik, sondern ein anderer Modus der Kritik – einer, der Widersprüche nicht nur aufdeckt, sondern sie als Ort der Aushandlung begreift, in dem sich Handlungsfähigkeit und Reflexion wechselseitig bedingen.

In diesem Sinne bleibt die Frage nach dem Vernunftbegriff der KT für mich sekundär. Wichtiger ist die Beobachtung, dass selbst in der Ablehnung der Pluralität durch die KT ein Moment der Pluralität liegt: Die KT selbst ist eine Rationalität unter anderen – und ihre radikale Kritik eine Form der Aushandlung, die andere Rationalitäten herausfordert, ohne sie zu absorbieren. Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich unsere Rationalitäten doch noch einmal berühren: Nicht in der Frage, was Vernunft ist, sondern wie sie sich in der Begegnung unterschiedlicher Rationalitäten immer wieder neu konstituiert – oder auch nicht.

2 „Gefällt mir“

Die KT hat gerade das Ziel, Pluralität wieder zu ermöglichen. Verhindert wird diese nach ihr dadurch, dass Freiheit und Vielfalt durch Scheinformen beider ersetzt sind, die durch die Illusion eines Individuums, das sich gewissermaßen selbst fernsteuert (“navigierendes Subjekt”) und damit über sich selbst aus sich selbst heraus vollkommen verfügt (“Rationalität”), aufrecht erhalten werden können. Das Problem ist nach ihr eben, dass das Individuum glaubt, frei zu handeln, da das System, in dem es lebt, bis in die eigene Begehrensstruktur abfärbt, damit aber entindividualisierende Systemlogiken verwirklicht, die die Unfreiheit versträrken. Deshalb setzt sie folgerichtig beim Individuum an, um es zum Subjekt zu ermündigen, indem es das Nicht-Identische des Verblendungszusammenhanges erkennt. Der Vernunftbegriff ist hier nicht starr, sondern benennt eine Methode, die noch dazu nicht positivistisch ist. Das hier beschriebene kann auch nicht dadurch weggewischt werden, dass es nicht in Handlungsfähigkeit mündet, denn gerade die Illusion, dass die Welt nur in praktischen Organisationsproblemen besteht, die man kooperativ lösen kann, würde ihr zufolge in den Verblendungszusammenhang einer totalisierten Rationalität fallen.

Wenn du nun den Fokus auf Aushandlungsprozesse legst, entspricht das dem, was ich in deinen ersten Einlassungen zu vermissen meinte, allerdings müsste man auch die Konstitution des Subjektes intersubjektiv sehen, denn es ist im Gegensatz zum Individuum dialektisch zu denken: nicht als Rationalität als “unbewegter Beweger”, die sich dann erst im zweiten Schritt in die Gesellschaft bewegt, sondern die Konstitution seiner selbst geschieht schon intersubjektiv. Als Teil und Folge des kommunikativen Prozesses steht man aber schon per se in einem universellen Zusammenhang.

2 „Gefällt mir“

Dialektik heißt schon an sich Bewegung, nicht Blockade. Es ist eine Denkbewegung, eine Methode. Die “Festung der KT” kann selbst als eine Navigationshilfe gelesen werden, sonst würden sie keine Texte produzieren.

Die KT sagte nicht, dass es nur eine Vernunft gab oder kritisiert Vernunft an sich (und ich muss hier wirklich verkürzen bis zu Karrikatur), sondern es gibt eine instrumentelle Vernunft und eine wertende Vernunft. Sie kritisiert die Dominanz der ersteren.

Was ich spannend finde: Bei deinem Modell habe ich mich gefragt, ob da nicht doch eine normative Ebene mitläuft, also ob aus der Beschreibung pluraler Rationalitäten implizit schon folgt, dass wir so denken sollten.

Das wäre für mich noch eine offene Frage.

3 „Gefällt mir“

Jo, genau das meinte ich; und da ich sonst nichts besseres zu tun habe, schreibe ich es jetzt einfach nochmal auf: wenn man möchte, dass wir uns als plurale Rationalitäten begreifen, schließt dies einen anders gearteten Vernunftbegriff genauso aus wie umgekehrt; sie sind in dieser Hinsicht nicht offener oder weniger starr.

Wenn man den Fokus auf Intersubjektivität legt, um nicht in die Ideologiefalle zu tappen, die die KT hier vermutlich vermuten würde, ist er hingegen bestenfalls überflüssig, wenn nicht gar irreführend.

Eine Stärkung des Subjekts kann nur darüber erfolgen, denn dieses konstituiert sich gerade intersubjektiv. Insofern Mikkis Intentionen darauf abzielen, stimmen sie mit meinen überein, nur passen die “pluralen Rationalitäten” als Ausgangspunkt m. E. nicht dazu.

1 „Gefällt mir“

Sorry, hat ein bisschen gedauert. Ich habe mir heute Abend Mal die Zeit genommen. Die Sache mit dem Lernantrieb und den verschiedenen (pädagogischen, biologischen, entwicklungspsychologischen) Perspektiven würde ich (bei Interesse), um zumindest noch ein bisschen beim ursprünglichen Thema zu bleiben, an eine andere Stelle auslagern.

Zunächst glaube ich, dass Entfremdung ein wahrscheinlich unvermeidlicher Vorgang ist, hinter den die Menschen, nachdem sie aus dem Naturzustand herausgetreten sind, ohnehin nicht mehr zurück können. Bei Marx geht es bei diesem Begriff vor allem um die Entfremdung durch die aus der kapitalistischen Produktionsweise resultierenden veränderten Bedingungen für die Arbeit. Dass die Betrachtung des “Gattungswesens” insbesondere in den frühen Schriften von Marx ein “Motor” der Kritik war, ist sicherlich nicht verkehrt, greift aber zu kurz, denn schon in der Deutschen Ideologie und spätestens mit dem ersten Band des Kapitals verschiebt sich seine Kritik grundlegend. Das positive anthropologische Bild wird weitgehend ersetzt durch eine immanente Kritik der politischen Ökonomie, durch eine Analyse der Wert- und Warenform, durch die Beschreibung von Lohn, Preis und Profit, durch den Fetischcharakter usw. usf. Dabei ist es zum Verständnis des Kapitals auf jeden Fall hilfreich, sich den frühen Marx und die gedanklichen Schritte, die ihn (und Engels) zu dieser Verschiebung der Analyse- und Kritikebene brachten, anzusehen.[1]

Marx behauptet ja gerade, dass so etwas wie eine “menschliche Natur” gar nicht bestimmt werden könne, da das Subjekt bei ihm immer gesellschaftlich vermittelt ist. Die Vorstellung von einem Kern der Emanzipation, der in jedem Menschen angelegt sei und bloß durch gesellschaftliche Strukturen überlagert werde, lässt sich mit Marx nicht herleiten. Das Subjekt wird ja erst konstituiert durch die gesellschaftlichen Verhältnisse; es gibt bei Marx kein präsoziales, außerhalb dieser Verhältnisse liegendes Selbst, das sich sinnvoll “ausgraben” ließe. Emanzipation – stark verkürzt verstanden mit Marx bzw. mit der KT – verweist vielmehr auf ein im bürgerlichen Selbstverständnis postuliertes aber nicht eingelöstes Versprechen, weil die bürgerliche Gesellschaft aktiv an den Bedingungen des (Re-)Produktionsprozesses festhält, die an der Verhinderung von Emanzipation beteiligt sind.[2]

„(N)icht die Ideen des Bürgertums, sondern Zustände, die ihnen nicht entsprechen, haben ihre Unhaltbarkeit gezeigt. Die Losungen der Aufklärung und der französischen Revolution haben mehr denn je ihre Gültigkeit. Gerade in dem Nachweis, daß sie ihre Aktivität bewahrt und nicht auf Grund der Wirklichkeit verloren haben, besteht die dialektische Kritik an der Welt, die sich unter ihrem Mantel verbirgt. Diese Ideen sind nichts anderes als die einzelnen Züge der vernünftigen Gesellschaft, wie sie in der Moral als notwendiger Zielrichtung vorweggenommen ist“ (Horkheimer, Materialismus und Moral (1933)).

Deshalb würde ich gerade hier mit der kritischen Theorie selbst widersprechen. Insbesondere die frühe KT (bevor das IfS aufgrund der nationalsozialistischen Herrschaft ins Exil genötigt wurde) baut noch, wenn auch nicht unbedingt begrifflich, sehr explizit auf den Marxschen Kategorien auf, was sich z.B. an dem programmatischen Aufsatz “traditionelle und kritische Theorie” (aus dem ich ein zentrales Zitat weiter oben im Thread bemüht habe) aus dem Jahr 1937 sehr gut nachvollziehen lässt. Zum zentralen Entstehungshintergrund der KT gehört ja gerade, dass die Marxsche Theorie an ihre Grenzen kam, weshalb diese in der kritischen Theorie selbst weiterentwickelt werden sollte. Denn anstatt dass das Proletariat nach dem Ersten Weltkrieg sein Schicksal selbst in die Hand nahm, sich aus seiner Unterdrückung befreite und die emanzipierte Gesellschaft herbeiführte[3], lief es in Deutschland scharenweise zu den Nationalsozialisten über, während sich in der Sowjetunion mit dem Stalinismus eine ebenfalls autoritäre Gesellschaftsformation durchgesetzt hat.

Die einzelnen Protagonisten am IfS haben ganz verschieden auf diesen Umstand reagiert. Grob verkürzt: Horkheimer bspw. hat hierin z.B. eine Notwendigkeit gesehen, das Marxsche Basis-Überbau-Modell zu erweitern, weil es angesichts der ausbleibenden Revolution ganz offensichtlich auch eine umgekehrte Wirkung – von dem Überbau auf die Basis – geben müsse (aber auch bei Horkheimer blieb wie bei Marx die Basis Basis und der Überbau Überbau). Hierzu war es notwendig, die Psychoanalyse in die Arbeit am IfS mit einzubinden. Die kritische Theorie versteht sich zwar nach wie vor als eine materialistische Theorie, sie geht allerdings nicht von einer teleologischen Geschichtsphilosophie und auch nicht davon aus, dass ihre wissenschaftliche Arbeit außerhalb des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs vonstatten gehen kann. Daher ist sie (u.a.) auf die “Psychologie” angewiesen, um ihre eigene Verstrickung in diesen Zusammenhang in ihren Analysen berücksichtigen zu können.[4]

Aus einer streng orthodox marxistischen Sicht hat die KT damit diesen “kritischen Motor” der Marxschen Theorie wahrscheinlich zurückgezogen. Ich würde das allerdings nicht so deuten und den Grund für eine gewisse Änderung in der Rezeption Marxscher Theorie auch nicht in einer “Vorsicht”, sondern vielmehr im Sinne einer kritischen Wissenschaft verorten, die der bürgerlichen Wissenschaft (im Grunde bis heute) den Spiegel vorhalten kann. Auch glaube ich nicht, dass überhaupt eine Theorie bisher dazu in der Lage war, konkret bestimmen zu können, woher “das Wollen” denn nun genau kommt (wenn wir beobachterrelative radikalkonstruktivistische Positionen mal außen vor lassen). Umgekehrt glaube ich allerdings, dass man sich dieser Frage mit der KT, die eine gewisse normative Differenz ja gerade offenhält, doch eigentlich ganz gut nähern könnte.

Gegenwärtige kritische Theorie muss natürlich die veränderten gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen[5] in ihrer Theoriebildung berücksichtigen und auch die kritischen Theorien der späten Frankfurter Schule nach der Dialektik der Aufklärung mit einbeziehen. Genauso wichtig ist es den Entstehungshintergrund der frühen Schriften einzuordnen, um mit den teilweise knapp 100 Jahre alten Texten heute umgehen zu können. Ideologiekritik und die Kritik der politischen Ökonomie gehören dabei allerdings nach wie vor zu ihren zentralen Bestimmungsmerkmalen (und sind m.E. auch nach wie vor von hoher Bedeutung, wenngleich auch die Ideologiekritik in Zeiten total gewordener Kulturindustrie der ein oder anderen Erweiterung bedarf).


  1. oder anzuhören z.B. in den alten Wohlstand für Alle Spezialfolgen ↩︎

  2. Wobei so etwas wie subjektive Emanzipation, also bestimmte emanzipatorische Fortschritte unter den Bedingungen einer konkurrenz- und profitgetriebenen, demokratisch verfassten Ökonomie durchaus möglich, käuflich zu erwerben und ein Stück weit politisch einklagbar ist ↩︎

  3. wie es nach dem marxistischen Geschichtsverständnis eigentlich hätte geschehen müssen ↩︎

  4. Horkheimer betont in dem 1932 erschienenen Aufsatz „Geschichte und Psychologie“ die „Bedeutung der Psychologie als Hilfswissenschaft der Geschichte“, um „das Funktionieren einer schon bestehenden“ sowie „die Aufrechterhaltung bereits versagender Organisationsformen“ besser nachvollziehen zu können: „Daß die Menschen die ökonomischen Verhältnisse […] aufrecht erhalten, anstatt sie durch eine höhere und rationalere Organisationsform zu ersetzen, ist nur möglich, weil das Handeln […] nicht durch die Erkenntnis, sondern durch eine das Bewußtsein verfälschende Triebmotorik bestimmt ist […] ↩︎

  5. (funktionale (Aus-)Differenzierung, postfordistische Wirtschaftsstruktur, kein klare Klassenstruktur usw. usf. ↩︎

Das wichtigste voran. Selbstverständlich geht es nicht darum normativ zu sein, derart dass dies the way to Go ist. Das würde ja dem Selbstanspruch zuwiderlaufen. Ich habe ja bereits in der Diskussion hier darauf hingewiesen dass sie ein Beispiel für den Prozess ist. Dass der Prozess selbst normative Elemente hat, liegt daran dass jede Interaktion von Individuen in ihrem Prozess selbst diesen Moment hat.

So sehe ich in der Position, alles muss aus dem Verblendung Zusammenhang betrachtet werden als normativ, die Zuordnung ob das nun eine instrumentelle Vernunft und eine wertende Vernunft auch wiederum, wie es die Diskussion zeigt, selbst ein Auseinandersetzung ist.

Nach meinem Verständnis drehen sich die hier vertretenen(meine eingeschlossen )pluralen Rationalitäten im Kreis.

Ich denke zusammenfassend lässt sich meine Einstiegsfrage umformulieren. Kann die Position der kt die ich als Festung aufgemacht habe, sich öffnen und die Pluralität der Rationalitäten als positive Perspektive annehmen wie ich sie umreiße. Die Antwort auf Grund der Diskussion lautet dann , nein kann sie nicht.

1 „Gefällt mir“

Kann sie nicht? Oder will sie nicht?

1 „Gefällt mir“

Denke das kann man je nach Rationalität differenziert betrachten:)

1 „Gefällt mir“

Danke für deine Antwort.

Ich würde gerne an dieser Stelle einen Gang zurückschalten.

Über was reden wir eigentlich, hab ich mich gefragt. Meine Antwort (ohne mir wirklich sicher zu sein) wäre:

Wir theoretisieren Theorien. Für mich ist das entscheidende, du hast gesagt, dass Theorien in ihrer Zeit entstanden sind, wie sie im zeitlichen Kontext betrachtet sich wandeln aber ihren Kern behalten. Den Kern behalten ist eine Entscheidung, denn im Wandel der Zeit, liegt immer die Abwägung was noch in die Zeit passt und was sich durch Veränderung als nicht mehr haltbar erweist.

Ich glaube darum geht es. Für mich - auch wenn ich nicht alles bis ins letzte Detail verstanden habe, orientiere ich mich an Sprechakten, die aus einer Identität (der des sprechenden, oder schreibenden) entstehen, die selbstverständlich ideologisch sind, und trotzdem oder gerade deshalb zu meiner individuellen Vorstellung passen, weil meine Identität und Ideologie eine Vernunft sucht.

Ich will es nochmal ein bisschen konkretisieren.

Wenn wir über plurale Rationalität sprechen, ist implizit das nicht fertig sein als Individuum etwas, was sich durch Orientierung versucht im Abgleich immer wieder zu erneuern. Um den Begriff Navigieren zu beschreiben, es ist eben nicht per se sich auf einen Vernunftsbegriff zu konzentrieren, sondern es können viele Vernunftsbegriffe existieren. Das birgt eine Gefahr, nämlich die Gefahr der Abweichung von einem definierten und für richtig befundenen Begriff von Vernunft. Es wird beliebig, und damit unkontrollierbar auf der einen Seite und kontrollierbar auf der anderen. Was Navigation dann eben meint, die Kontrolle entsteht dann wenn nicht mehr navigiert wird. Wenn die Wohlfühltemperatur erreicht ist, hören die meisten auf zu navigieren.

Um das zu bebildern, die heutige Informationsbeschaffung ist geprägt von einer erdrückenden Vielfalt. Ich behaupte dass diese Vielfalt Navigation systematisch und strukturell tötet. Wenn man eine Antwort gefunden hat, also die Wohlfühltemperatur erreicht hat, ist die Erleichterung so groß, dass jeder weitere Schritt in unbekanntes Terrain als Gefahr wahrgenommen wird. Runtergebrochen ist das die Spaltung die aber nur als solche empfunden wird, weil man aufhört zu navigieren. Weil man glaubt etwas verstanden zu haben.

Ein unfertiges Subjekt, was die Unfertigkeit entdeckt, hört nicht auf zu navigieren. Ich kann mich jetzt leider nicht auf irgendwelche Studien berufen, aber ich denke das jetzt so in meiner Unfertigkeit.

Was aber hat jetzt die kritische Theorie damit zu tun, sehr viel, denn sie hat einen Vernunftbegriff. Diesen aufzugeben bedeutet nicht ihn abzuschaffen, es bedeutet zu navigieren, ob dieser eine Relevanz hat im Jetzt. Oder nur Teile weil zeitlich bedingte blinde Flecken an Relevanz gewinnen.

1 „Gefällt mir“

Runtergebrochen ist das die Spaltung die aber nur als solche empfunden wird, weil man aufhört zu navigieren.

Ich würde nicht soweit gehen das nicht mehr dem navigieren zuzuordnen. Man navigiert, aber im Kreis.

An sich würde ich dem auch nicht unbedingt eine allzu negative Bedeutung zuordnen. Es ist strukturell sinnvoll eine geschlossene Sicht zu entwickeln ab einem bestimmten Punkt der Selbstbildung zu entwickeln. Bzw einen abgesteckten Navigation Bereich.

Das Problem entsteht meiner Meinung daraus, dass die Pluralität nicht ernst genommen wird. Bzw als Bedrohung. Derart dass bestimmte Rationalitäten in ihrer Struktur und der der Geschlossenheit fest verankert haben, dass das bestehen anderer Rationalitäten bzw Navigations Muster eine Bedrohung für die eigene Navigation ist. Meiner Rationalität nach liegt das daran dass Teil der Strategie zur Reduzierung der Komplexität ist, anderen Rationalitäten keine Existenzberechtigung zuzusprechen um sie nicht mit den eigenen abstimmen zu müssen.

Teil der Reduktion von Komplexität in meiner Rationalität ist, der Existenz anderer Rationalitäten keine allzu große Wirkmacht zuzusprechen, da mir klar ist dass bestimmte Rationalitäten ganz einfach nicht verhaften können auf Grund ihrer Inkompatibilitäten. Also ich werde selten in Gefahr laufen zu denken und zu handeln dass eine Person auf Grund ihrer Herkunft determiniert ist. Die Offenheit zur Existenz dieser Rationalität hilft mir sogar zu erkennen wenn solche Denkmuster doch auftauchen und ich kurzweilig zb dem Reichen per se dies und das zuspreche.

1 „Gefällt mir“

Im Kreis navigieren ist ein sehr gutes Bild. Ich hatte noch den Gedanken was der Unterschied zwischen navigieren und suchen ist. Da bin ich aber noch nicht so weit etwas dazu zu schreiben.

Spontan würde ich meinen, wenn das Suchen im Kontext der Navigation steht ist es selbst zu unterscheiden in mindestens zwei grobe Formen.

Dem allgemeinen Scan und dem zielgerichteten Fokussieren.

Der allgemeine Scan betrachtet die Konstellation der Gemeinschaft, die eigene Position. Die Wechselwirkungen.

Der Fokus sucht nach einem Möglichkeitsbereich der Positionierung.