Aktuell wird wieder viel über die sozialen Medien diskutiert - insbesondere eine mögliche Altersbeschränkung und andere Formen, die Macht des Mediums sowie der sie vereinnahmenden Konzerne zu beschränken. In diesem Podcast sowie kürzlich in der letzten WfA-Speakeasybar hat Wolfgang das Thema sehr stark über die Free Speech-Schiene bespielt. Entsprechende Gesetze könnten in der konkreten Umsetzung in der derzeitigen politischen Situation so konzipiert werden, dass sie einen konservativen Backlash begünstigen. Diese Befürchtung ist sicherlich berechtigt, beantwortet aber noch nicht die Frage (auch wenn dies in der Kritik an Habermas’ Position vermischt wurde), ob und wenn ja wie eine Regulierung idealerweise aussehen und umgesetzt werden könnte. Wie steht ihr zu dem Thema?
Kann man total vergessen.
Den Geist kriegst Du nicht mehr in die Flasche zurück.
Ist doch ganz einfach: Wer nicht nachweisen kann, dass er noch keine 40 Jahre alt ist darf Social Media nicht mehr benutzen, sondern nur noch Fernsehen gucken.
Hab die Folge noch nicht geschaut.
Die AFD wird ihr Hetzportal jedenfalls nicht schließen, die CDU findet da nicht statt und würde sich mit entsprechenden Vorschlägen nur Feinde machen. Dito die SPD.
Natürlich ist das gesellschaftlich sehr übel, aber irgendwo muss man die Bildschirmsüchtigen ja parken.
Sprichst du von der Altersgrenze? Die Stimmen der AfD würden wahrscheinlich gar nicht benötigt werden.
Dass CDU und SPD sich damit nur Feinde machen, bezweifle ich. Es gibt sicher viele Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen und sich nun vom Staat erhoffen, was sie selbst nicht in der Lage sind durchzusetzen. Und die, die es betrifft, können ja noch nicht wählen…
Hab gerade keine Zeit, ich erkläre es später
Es geht nicht um social Media.
Klar gibt es die Eltern, die für Ihre Kinder einen verantwortungsvollen Umgang mit Computer, Tablet oder Handy organisieren.
Aber ich denke, das sind die wenigsten, auch wenn die am meisten Gehör finden.
Natürlich gibt es dazu keine Studien, aber ich vermute, die allerwenigsten Erwachsenen könnten 2 Wochen auf einen Bildschirm verzichten.
Und ein Teil will beim Schauen auch nicht vom Nachwuchs gestört werden; die richten dann für Ihre Kinder alles ein, damit Ruhe ist.
Und alle anderen Kinder und Jugendlichen wechseln irgendwo anders hin, Hauptsache Bildschirm. Und werden jedenfalls nicht “ programmieren lernen".
-
Zahl der Schülerinnen und Schüler mit emotionalem und sozialem Förderbedarf nahm binnen zehn Jahren um 72 % zu
-
Das sind nur die, wo sich jemand die Mühe gemacht hat, etwas festzustellen.
Tolle Folge, die viele wichtige Stränge zusammenbringt. Ich möchte ein paar Gedanken ergänzen und weiterführen, die mich beim Hören beschäftigt haben.
Zum Datenschutzargument bei Altersverifikation
Wolfgangs Bedenken halte ich für berechtigt, aber ich denke, sie richten sich gegen schlechte Umsetzungen, nicht gegen das Prinzip. Stefans Hinweis auf datensparsamste Lösungen ist hier zentral: Ein staatlich bereitgestelltes System wie der digitale Ausweis könnte so integriert werden, dass an die Plattform ausschließlich ein binäres Signal übertragen wird, älter oder jünger als ein Schwellenwert, ohne weitere personenbezogene Daten. Das Discord-Beispiel zeigt, dass schlechte Umsetzungen real sind, aber daraus auf grundsätzliche Unmachbarkeit zu schließen wäre ein Fehlschluss. Die politische Aufgabe wäre, ausschließlich datensparsamste Lösungen zuzulassen.
Zum Argument der neu erhobenen Daten
Bei der Umsetzungen stellt sich zusätzlich die Frage, ob die erhobenen Informationen wirklich substanziell neue Erkenntnisse für die Plattformen fördern würden. Angesichts dessen, was Plattformen bereits aus Nutzungsverhalten, sozialem Graphen und Interaktionsmustern ableiten können, ist das Alter eines Nutzers wahrscheinlich bereits gut schätzbar. Qualitativ neue Kontrollmöglichkeiten entstünden erst durch Übertragung des tatsächlichen Geburtsdatums, und genau das wäre durch datensparsamste Umsetzungen ja gerade ausgeschlossen.
Zum Plattformprivileg: Jenseits der Binärdebatte
Hier würde ich gerne einen Gedanken einbringen, der vielleicht weiterführt. Das Plattformprivileg wurde einst als Schutz für kleine Foren wie dieses konzipiert. Heute ist es der rechtliche Rahmen für Infrastrukturen, die mehr kumulative Nutzungszeit auf sich vereinen als die traditionellen Medien zusammen. Die Frage muss also nicht lauten: Plattformprivileg ja oder nein? Sondern: Kann dasselbe Regelwerk sinnvoll für beide gigantische und winzige Akteure gelten?
Ein möglicher Ansatz wäre eine progressive Regulierung analog zur Steuerpolitik gestaffelt nach Reichweite. Als Messgröße könnten dauerhafte eingehende Verbindungen dienen, also Abonnements, Follows und ähnliches, weil sie strukturelle Reichweite abbilden und nicht bloß virale Einzelereignisse. Der Mediannutzer auf YouTube hat etwa sechzig Abonnenten. Die Monetarisierungsgrenze liegt bei rund fünfhundert bis tausend Abonnenten, also ungefähr vier Verdopplungen. Diese Schwelle markiert den Übergang vom Creator zum Influencer (nach meinem Verständnis) und könnte als erster regulatorische Stufenübertretung dienen. Mit jeder weiteren Verdopplung könnten neue Pflichten einsetzen, bis ab einer bestimmten Schwelle redaktionelle Standards greifen. Kleinen Akteuren wie einem Forum bliebe das Privileg vollständig erhalten. Das ist natürlich nur eine SEHR grobe Skizze, aber sie zeigt, dass der Möglichkeitsraum größer ist, als die Debatte oft suggeriert.
Zur Frage Staat und Plattformen: kein Monolith
Der Vergleich zwischen dem Amazon-Ring-Beispiel und Zuckerbergs Gerichtsverhandlung hat mich zum Nachdenken gebracht, weil er zwei strukturell sehr verschiedene Situationsmuster nebeneinanderstellt. Einmal decken sich die Interessen von Exekutive und Plattform, beim Zugriff auf Kamera- und Gesichtsdatenbanken etwa. Das andere Mal stehen sich Plattform und Judikative antagonistisch gegenüber, wie bei Zuckerbergs Vorladung. Der Staat ist kein perfekt einheitlicher Akteur. Exekutive, Legislative und Judikative verhalten sich gegenüber den Plattformen strukturell etwas unterschiedlich. Die berechtigte Warnung vor einem Schulterschluss zwischen Staat und Plattformen trifft vor allem auf die Beziehung zwischen Exekutive und Plattforminfrastruktur zu. Daraus aber zu schließen, dass auch judikative Regulierungsversuche wie Altersbeschränkungen notwendig und vollständig derselben Logik folgen, wäre meines Erachtens ein fehler. Hier lohnt sich die analytische schärfe aufrecht zu erhalten.
Alles in allem eine sehr anregende Folge. Diese Diskussionen sind genau der Grund, warum ich den Podcast höre.
Ja, sehe ich genauso, sie sind praktisch alle nach dem nicht zwingenden Argumentationsmuster “Wenn man dies sagt/tut, müsste man ja auch jenes sagen/tun” gestrickt (Slippery Slope); oder es werden ohne Vermittlungsstufen Entweder/Oder-Szenarien entworfen, deren implizierter Gefahr man angeblich nur entgehen kann, indem man die Flinte gleich ins Korn wirft. Das Bestreben, das Ganze systematisch aufzuarbeiten und einzuordnen, ist nicht wirklich zu erkennen. Trotzdem ist der Hinweis auf die vielen Gefahren, in die die Leute hier mehr oder weniger blind oder wissentlich laufen, sehr hilfreich.
Bevor man nach Regulierungen fragt, muss man sich erst mal über die Natur der sozialen Medien klar werden. Ich muss gestehen, dass ich, was eigene Nutzungserfahrungen angeht, nicht mitreden kann, da ich trotz meiner jungen Jahre noch nie in diesen war (auch nicht probehalber). Gerade deswegen bin ich aber besonders skeptisch, wenn Wolfgang meint, dass die sozialen Medien klüger machen (können) oder ein irgendwie besonderer Bereich der politischen Urteilsbildung sind. Ich jedenfalls bin noch nie auf den sozialen Medien entnommene Informationen gestoßen, die ich nicht auch außerhalb ihrer problemlos in kurzer Zeit nachrecherchieren konnte. Und mit “klüger” kann wohl auch nicht Bildung gemeint sein, denn die wird dort definitiv nicht befördert, sondern eher eine Up to date-Informiertheit über überdrehende (und deshalb oft leerlaufende) soziale Dynamiken bezüglich dieser oder jener Themen, die durch das Format der sozialen Medien überhaupt erst so entstanden sind.
Damit ist zweierlei angedeutet: erstens heißt wie bei der KI die Tatsache, dass wir die sozialen Medien als Werkzeug benutzen (z. B. um uns zu informieren) nicht, dass sie als Werkzeug wirksam sind. Man könnte sogar sagen, dass gerade diese rationalisierende Illusion des Nutzers dazu führt, dass sich tiefere Dimensionen besonders gut realisieren können. Diese Dimensionen betreffen -zweitens - den Bereich des Sozialen. Dies ist der entscheidende Unterschied zu “klassischen” Medien, die wesentlich zu einer Aufklärung dienen, aufgrund derer sich Gesellschaft organisieren soll. Bei den sozialen Medien ist dieses Verhältnis gewissermaßen umgekehrt: sie stellen den kollektiven Versuch dar, soziale Interaktion nach Marktbedingungen zu organisieren (mit welcher Freiheit und Ungebundenheit scrollt man, Scheinflaneur, der man ist, durch die Posts; und nie ist man scharfsinniger, als wenn man einen solchen in seiner Oberflächlichkeit entlarven kann!); die Inhalte sind hingegen Mittel zum Zweck. Hier ist also das Medium auf eine grundlegendere Weise als sonst die Botschaft, indem es sich als Bedingung von Gesellschaft selbst darstellt.
Wenn Kinder und Jugendliche soziale Medien nutzen, ist die Gefahr also in erster Linie nicht, dass sie schlecht informiert werden (dementsprechend entkräftet auch nicht das Gegenargument, dass man dort Inhalte komsumieren kann, die in den “klassischen” Medien unterrepräsentiert sind), sondern dass sich durch den Konsum in diesem formbaren Alter ein implizites Dispositiv von Öffentlichkeit und Gesellschaft bildet, das auf einer Scheininteraktion und -Aushandlung (dem Wesen, nicht den realen Konsequenzen nach) beruhend, demokratischen Prozessen nicht unbedingt förderlich ist. Suchtpotenzial und Konzentrationsschwierigkeiten sind in diesem Zusammenhang als Symptome einer Scheinverbundenheit erkennbar, die als Block gerade das Eingehen auf die Umwelt erschwert…