Ich musste bei eurer Diskussion zu Meritocracy Trap an das Buch Der Seneca-Effekt von Ugo Bardi denken. Bardi zeigt im Kapitel „Finanzlawinen“ ein Weiterdenken des Pareto-Prinzips für Vermögensverteilung, die mir vorher nicht bekannt war: Es keinen fließenden Übergang zwischen der Mittelschicht und der Elite, sondern einen strukturellen Bruch in der Art, wie Reichtum verteilt ist. Die Verteilung von Geld lässt sich dabei mit statistischen Verteilungen basierend auf Netzwerk-Analysen beschreiben, wobei sich eine eine Zweiteilung der Gesellschaft zeigt:
Die unteren 97% (die genauen Prozentzahlen würd ich hier nicht so genau nehmen, es geht um die statistische Logik): Für den Großteil der Bevölkerung folgt die Geldverteilung der Boltzmann-Gibbs-Statistik. Interessanterweise ist das vergleichbar mit der Verteilung von Energie unter Gasmolekülen: Geld wird durch Arbeit und Konsum “zufällig” hin- und hergetauscht. Ich weiß dieser Vergleich wird Wolfgang nicht gefallen, weil es eine Art Naturalisierung von Ungleichheit ist (ich sage nicht, dass es deshalb so sein muss, aber es ist ja schon interessant, dass der Kapitalismus scheinbar eine ähnliche Energieverteilung bei Vermögen produziert, wie die von Gasmolekülen). Seneka Effekt (S. 111): “In einem Gas stoßen Moleküle aneinander und entfernen sich dann, nachdem sie etwas kinetische Energie ausgetauscht haben. Ähnliches gilt für die wirtschaftlichen Interaktionen, mit denen wir in der Regel zu tun haben: Wir bekommen unser Gehalt oder Einkommen von einem Arbeitgeber und wir geben es in Geschäften aus, in denen wir Dinge kaufen; und unsere Steuern zahlen wir an den Staat. Dies sind größtenteils paarweise Wechselwirkungen, so wie bei Molekülen in einem Gas, und es überrascht nicht, dass die resultierende Verteilung ähnlich aussieht.“
VS.
Die oberen 3%: Sobald man jedoch die Spitze der Pyramide erreicht, ändert sich die mathematische Regelhaftigkeit radikal. Hier herrscht das Potenzgesetz (Power Law), oft auch als Pareto-Verteilung bekannt. Statt in den oben genannten Wechselwirkungen zu leben, wie wir Anderen, sind die Reichen viel vernetzter “und ihre zahlreichen Verbindungen ermöglichen es ihnen, weit mehr Gelegenheiten zur Geldvermehrung zu entdecken und zu nutzen, als uns Normalsterblichen offen stehen. Also spielen sie in Wirklichkeit gar nicht das Boltzmann-Spiel, sondern etwas völlig anderes. Ob diese Beobachtung die festgestellte Einkommensverteilung erklärt, bleibt zu beweisen, aber sie zeigt, wie wichtig Netzwerkfaktoren in unserer Welt sind.“ (S.111f). Sie leben also nach der Netzwerkanalyse - und das beschreibt ja auch Meritocracy Trap - in einer Parallelgesellschaft, die dazu führt, dass Sie aus dem ohnehin schon vielen vorhandenen Geld noch mehr Geld anhäufen, aber scheinbar auch sich selbst in ihre unglücklichmachende Selbstausbeutung mobben. “Scott Fitzgerald soll einmal gesagt haben: »Die Reichen sind anders als du und ich« oder »Die Reichen sind anders als wir«. Worauf Ernest Hemingway erwiderte: »Ja, sie haben mehr Geld.« Aber vielleicht
war Fitzgerald auf etwas gestoßen, das der Physiker Yakovenko erst viel später beweisen sollte: Der Unterschied zwischen den Reichen und den Armen besteht nicht nur darin, wie viel Geld sie haben. Sondern darin, wie sie vernetzt sind.“ (S. 112)
Falls Menschen an der Primärliteratur interessiert sind:
Yakovenko V. M., Rosser J. B. (2009): Colloquium: statistical mechanics of money, wealth, and income. ArXiv. 20, http://arxiv.org/pdf/0905.1518.pdf
Banerjee A., Yakovenko V. M. (2010): Universal patterns of inequality. New J Phys. 12(7): 75032.
