@anders Die fatalistische Prämisse stimmt für einen Teil der Tech-Elite, aber nicht für alle — und genau das macht die Koalition interessant.
Rushkoff beschreibt Leute die nach dem “Event” fragen, also nach dem erwarteten Kollaps. Thiel kauft ein Anwesen in Neuseeland, Altman hortet Gasmasken und Kaliumjodid, Hoffman schätzt dass über die Hälfte der Valley-Milliardäre irgendeine Form von Apokalypse-Versicherung hat. Für die ist der Ressourcen-Pivot ein Wettlauf: Festung fertig bauen bevor der Rest zusammenbricht.
Aber Musk ist kein Prepper. Musk ist Longtermist. Wer den Mars besiedeln will, geht nicht davon aus dass die Zivilisation endet — der will sie ausdehnen. Musks Interesse an Trump war nie die Festung, sondern Deregulierung: keine KI-Auflagen, keine Umweltauflagen, freie Hand für SpaceX und xAI. Im Juni 2025 hat er deshalb mit Trump gebrochen — über eine Haushaltsfrage, eine eigene Partei angekündigt, Trump hat zurückgeschossen. Inzwischen sind sie wieder zusammen, Musk war kürzlich beim Trump-Modi-Telefonat dabei. Warum die Versöhnung? Musk braucht Trump für den SpaceX-IPO. Das ist keine ideologische Allianz, das ist eine Geschäftsbeziehung die sich genau so lange hält wie beide Seiten etwas davon haben.
Dann gibt es die Thiel-Fraktion. Thiel finanziert Vance, platziert Ex-Palantir-Leute in Schlüsselpositionen, und sein intellektueller Zulieferer Curtis Yarvin propagiert offen die Abschaffung der Demokratie zugunsten einer CEO-Monarchie. Für die ist der Verwaltungsstaat nicht ineffizient — er ist der Feind. DOGE war kein Effizienzprogramm, es war die operative Umsetzung von Yarvins RAGE-Konzept: Retire All Government Employees.
Und dann die reinen Profiteure: Cook schenkt Trump eine Glasplakette und bekommt Zollausnahmen für iPhones. Huang erklärt “Ich komme nur um dem Präsidenten zu dienen” und kriegt Chipexport-Lockerungen nach China. Die haben keine Ideologie, die haben Quartalszahlen.
Jetzt wird es interessant, denn diese vier Gruppen verhalten sich zum Ressourcen-Pivot komplett unterschiedlich — und genau da zeigt sich, warum Jiangs Analyse zu kurz greift, wenn sie “die Tech-Elite” als Block behandelt.
Für die Prepper ist der Ressourcen-Pivot die letzte Gelegenheit. Wenn die Weltwirtschaft sowieso kollabiert, dann ist es rational, jetzt die Kontrolle über Öl, Wasser und Ackerland zu sichern, bevor es andere tun. Dass der Pivot seine eigene Nachfrage auffrisst — geschenkt. Das ist kein Bug, das ist der erwartete Verlauf. Die Festung muss nur fertig sein bevor es soweit ist. Für diese Fraktion hat Jiang recht, nur nicht aus den Gründen die er nennt. Die Strategie ist nicht Geopolitik, sie ist Zeitmanagement vor dem Kollaps.
Für die Longtermisten ist der Ressourcen-Pivot irrelevant, möglicherweise sogar hinderlich. Wer AGI und Marsbesiedlung will, braucht funktionierende globale Lieferketten für Halbleiter, seltene Erden und Fachkräfte. Ein Ressourcenkrieg der die Weltwirtschaft beschädigt, treibt die Chippreise hoch, verteuert Raketenstarts, macht H-1B-Visa zum Politikum. Genau deshalb wurde die H-1B-Debatte Ende 2024 so giftig: Musk und Krishnan verteidigten die Visa gegen Bannons nativistische Basis, weil die gesamte Tech-Industrie ohne importierte Ingenieure nicht funktioniert. Der Ressourcen-Pivot nach innen und die technologische Expansion nach außen widersprechen sich strukturell. Musk hält die Spannung aus, solange Trump ihm Deregulierung liefert — aber bei der ersten ernsthaften Kollision bricht sie auf. Die Haushaltskrise im Juni 2025 war ein Vorgeschmack.
Für die Thiel/Yarvin-Fraktion ist der Ressourcen-Pivot ein Werkzeug, kein Ziel. Die wollen nicht Öl exportieren, die wollen den Verwaltungsstaat ersetzen. Der Philosoph Rainer Mühlhoff hat das bei Jung & Naiv präzise beschrieben: Tech-Konzerne übernehmen staatliche Verwaltungsfunktionen — Identitätsprüfung, Zahlungsverkehr, Überwachung. Ressourceneinnahmen am Kongress vorbei sind nützlich, weil sie den Kongress als Geldgeber überflüssig machen — aber das eigentliche Ziel ist, dass Palantir die Einwanderungskontrolle betreibt, Anduril die Landesverteidigung, und die GSA ihre Kreditkartenabwicklung an Thiels Firma Ramp auslagert. Der Ressourcen-Pivot liefert die fiskale Unabhängigkeit, die Tech-Übernahme staatlicher Funktionen liefert die operative Kontrolle. Der Kongress wird nicht abgeschafft, er wird schlicht umgangen — von beiden Seiten gleichzeitig. Für diese Fraktion ist Jiangs geopolitische Analyse eine nette Ablenkung von dem was tatsächlich passiert: dem Umbau der Machtbasis im Inland.
Für die reinen Profiteure ist der Ressourcen-Pivot eine Rechnung die irgendwann nicht mehr aufgeht. Die leben von globaler Nachfrage. Apple verkauft iPhones in 175 Ländern. Nvidia liefert Chips nach Taiwan, Korea, China. Wenn die Weltwirtschaft kontrahiert, kontrahieren ihre Umsätze. Die Zölle vom April 2025 haben fast 1,8 Billionen Dollar Marktkapitalisierung vernichtet. Cook hat das verstanden — deshalb die Glasplakette, deshalb die 600-Milliarden-Investitionszusage: Er kauft sich Zollausnahmen, weil sein Geschäftsmodell auf genau der globalen Arbeitsteilung basiert, die der Ressourcen-Pivot zerstört. Für diese Fraktion ist Jiangs These schlicht bedrohlich.
Was alle vier verbindet: Sie sehen den Kongress als Hindernis und organisieren Einnahmen, Kapazität und Gewalt am Kongress vorbei — Tariffs, DOGE, Tech-Übernahme von Verwaltung, Ressourcenexport. Aber sie tun es aus vier verschiedenen Gründen, mit vier verschiedenen Zeithorizonten und vier inkompatiblen Endpunkten. Die Musk-Trump-Dynamik — Bruch, Versöhnung, nächster Bruch — ist kein persönliches Drama, sie ist der sichtbare Ausdruck dieser Instabilität. Kein Masterplan. Ein Bündnis auf Zeit, das sich selbst zerlegen wird.