Trumps New Order

Hallo, bin neu hier und bekomme es grad noch hin unter „Deutschland wird an der Straße von Hummus“ verteidigt zu kommentieren.

Ich habe ein sehr spannendes Video eines Spieltheoretikers entdeckt. Predictive History, kennen vielleicht einige.

In einem neuen Video wählt er eine andere Einflugschneise um folgendes Denkangebot zu machen: Trumps Angriff auf den Iran war genial. Denn er geht davon aus, dass die Welt vorm Abgrund steht und möchte sich 1. darauf vorbereiten und profitieren 2. einen neuen Gesellschaftsvertrag etablieren. Trumps New Order eben. Statt Finanzmarkt , Manufaktur. Statt Materialismus, christlicher Nationalismus, etc. Unterlegt wird das ganze mit dem Argument von Ressourcen. Öl, Dünger aber auch z.B. Wasser Vorräte. Davon hat die USA bzw. der nordamerikanische Kontinet reichlich. Denn Spoiler: ab dem Äquador gehört alles zu den Amis. Spannende Perspektive statt dem immer gleichen „Trump ist doch nur ein Vollidiot“.

Er enfaltet das ganze über 48 Minuten. Aber mir doppelter Geschwindigkeit seid ihr ja in 20 durch. Hier der Link:

.Trumps New Order

Ich würde mich sehr über Gedanke dazu freuen :slight_smile:

1 „Gefällt mir“

„Genial“, hmm…? Und „Spieltheorie“?

Ich halte es da eher mit den iranischen Lego-Trollen: L.O.S.E.R. ← Das ist ein Link zu X

P.S.: Morgen kommt vielleicht noch eine ernsthafte Antwort. Vorher wäre aber zu klären: Genial - aus wessen Sicht? Irgendwelche US-amerikanischen Eliten, Epstein-Class? Jared Kushner? Das iranische Volk, dem Trump angedroht hat, es in die Steinzeit zu bomben? Der Rest der Welt?

Kurzes Fazit

Der innenpolitische Widerstand ist vermutlich das größte reale Hindernis für jeden kohärenten „Plan" – egal ob man Trump für einen Strategen oder einen Chaoten hält. Er verkürzt das Zeitfenster, erhöht die Kosten, und macht die nötige gesellschaftliche Kohärenz, die Dugin für Russland als Voraussetzung nennt, für Amerika nahezu unerreichbar. Amerika hat schlicht nicht die politische Struktur, um einen solchen Plan kontrolliert durchzuführen.

Was Jiang als Stärke des Plans verkauft – Amerika bricht die Weltordnung, um sich neu zu erfinden – könnte sich als seine größte Schwäche erweisen: Ein Land, das nach innen so zerstritten ist, kann nach außen keine kohärente Strategie durchhalten.

Anmerkung: Ich lagere meine A.I.-Selbstgespräche ab sofort aus. Wie Claude und ich zu dem Fazit kamen, hier:

2 „Gefällt mir“

hihi, der selbe “Professor Jiang” der sagt, dass Deutschland, Japan und Israel die nächsten Empire werden?

Es ist einfach verdammt hart sich die ganze Zeit vorstellen zu müssen die Welt würde von einem Idioten angezündet.

1 „Gefällt mir“

ja, wenn man nur “Personen” als Beobachtungsrahmen hat, dann muss man diesen Personen ja Eigenschaften zuschreiben, die das Handeln sinnvoll erklären. Entweder “Trump” ist ein Idiot, oder er hat einen feinen ausgeklügelten Plan von dem er “uns” mit seiner Idiotenhaftigkeit ablenken will.

Na ja, Jiangs „Beobachtungsrahmen“ umfasst mit den geopolitischen Gegebenheiten schon ein bisschen mehr als „nur Personen“.

ich hab nicht gesagt, dass Jiang den hat.

Auf wen bezogst du dich dann?

Allgemein: Berichterstattung “Trump macht dies, Trump macht das”, “Was ist Trumps Ziel im Iran?”, “Was plant Trump als nächstes?”

Im Speziellen: Kommentar von Flo, warum Jiang so spannend für Menschen ist, weil er die Erklärung anbietet, dass es neben dem erratischen Verhalten einer Person einen in sich schlüssigen Plan gäbe.

1 „Gefällt mir“

Ich weiß nicht, ob er wirklich “Spieltheorie” macht. Ich weiß, dass es das gibt in der Disziplin der internationalen Beziehungen, aber ich weiß nicht ob das genau das ist. Jiang hat ein Abschluss in englischer Literatur und davor wohl etwas Physik studiert.

Was er macht ist, er gibt diesen Akteuren Charaktereigenschaften, sucht Ziele, Interessen von denen und aufgrunddessen spekuliert er über deren Verhalten und zukünftigen Situationen. Das geht mehr in die Richtung Storytelling, aber es ist in Ordnung und er selbst hat das nach seinem Interview bei Zeteo (mit Mehdi Hasan) nochmal betont, dass er spekuliert. Es ist aber auch fehleranfällig und seine Spekulation enthalten selbst Motive, die nicht neutral sind. Wenn er sagt, der Genozid im Gazastreifen sei ein kollektiver Ritualmord von Israel aus, damit die Juden zusammengeschweißt werden, dann ist das ein Schritt zu weit im Antisemitismus. Und dazu stellt er das obskurer dar als es ist. Dasselbe gilt auch dafür, dass wenn er über Epstein redet, er plötzlich zu Illuminati und Freimaurer umschwenkt.

Also, er sagt richtiges, geht aber auch zu weit an bestimmten Stellen. Andererseits sollte man nicht bei ihm stehen bleiben. Mich erinnert das an eine Stelle bei Gramscis Kritik am Ökonomismus (die Idee das Weltgeschehen als Aktionen mit ökonomische Interessen zu interpretieren):

Wie Engels schrieb, ist es für viele sehr bequem zu glauben, sie könnten billig und ohne jede Mühe die gesamte Geschichte und die gesamte politische und philosophische Weisheit, in einer handlichen Formel konzentriert, in der Tasche haben. Da man vergessen hat, dass die These, nach welcher die Menschen auf dem Terrain der Ideologien das Bewusstsein von den grundlegenden Konflikten erlangen, nicht psychologischer oder moralischer Art ist, sondern einen organischen erkenntnistheoretischen Charakter besitzt, hat man die forma mentis hervorgebracht, die Politik und folglich die gesamte Geschichte als einen einzigen marché de dupes , ein Spiel von Illusionismen und Tricks zu betrachten. Die “kritische” Aktivität hat sich darauf reduziert, Betrügereien aufzudecken, Skandale herbeizuführen, in den Angelegenheiten der repräsentativen Leute herumzukramen.

(es ist nicht ganz dasselbe, was Jiang macht, aber er muss mit solchen Unterstellungen arbeiten und Masterpläne aufdecken. Er arbeitet damit zunächst selbst dabei an einer Form Volksglaube und wenn er kein Plan offenlegt, so kann es sein, dass er deswegen so gepusht wird vom Algorithmus, weil das Verbreiten von seinen Erklärungen in Interesse von anderen liegt)
Nachtrag: Wobei ich auch sagen würde, dass das Denken in ökonomischen Interessen den Leuten heutzutage oftmals abhanden gekommen ist, gerade die eigenen Interessen werden oft nicht beachtet, sondern man hält sich oft an die herrschenden Verhältnisse und Ideologie wie Liberalismus, moderate Sozialdemokratie und International an den sog. Westen mit der USA als Polizei.

zum Punkt Spieltheorie hat JJ_Anon schon etwas geschrieben. Abgesehen davon ist das basically Rational Choice. Die Methode ist eigentlich gar nicht so wichtig, es geht mir viel eher um die Ideen, eines neuen Gesellschaftsvertrags und einer neuen Weltordnung im Trumpschen Sinne. Damit kommen wir auch schon zum „genial“. Den Begriff führt Prof Jiang ein um ihn mit „Moron“ zu kontrastieren. Dabei meint er vor allem die Interessen von ihm selbst und den Menschen die mit ihm die Elite bilden. Ist das spezifisch genug,

cool, danke für deine Einordnung!

1 „Gefällt mir“

Trumps „Elite“:

„Multiculturalism doesn’t work. It leads to stupidity such as DEI, woke politics, transgenderism, it’s all […] Let’s focus on what makes us proud to be Americans, which is Christian nationalism. Our love of the white race, our nation, and God."

Zitat ist aus dem Video.

Ich:

White supremacy. Faschismus.

So oder so, die Interpretation von Trump als „Genie“ dafür, dass er bei seinem Rettungsversuch des US-Imperiums mittels eines zum Scheitern verurteilten Krieges über Leichen geht - des iranischen Volkes, seiner Soldaten, des von Energiemangel und Hungersnot bedrohten Rests der Welt -, bleibt fragwürdig.

Claude:

Ja, absolut. Und das ist vielleicht der fundamentalste blinde Fleck in Jiangs gesamtem Ansatz.

Er analysiert Geopolitik konsequent als Schachspiel – Ressourcen, Machtverschiebungen, strategische Gewinne. Menschen kommen darin nicht vor. Die Millionen Iraner, die in diesem Szenario sterben oder vertrieben werden, sind Variablen. Die Soldaten, die in Bergpässen sterben, sind Kosten. Die Milliarden Menschen, die von Nahrungsmittel- und Energieknappheit betroffen wären, sind Hebel.

Das ist keine Kleinigkeit am Rande seiner Analyse – es ist ihr strukturelles Fundament. Und an diesem Punkt wird die intellektuelle Faszination für seine Methode selbst zum Problem.

Es gibt nämlich einen Begriff dafür: Ergebnisorientiertes Denken ohne ethische Beschränkung. In der Spieltheorie heißt das „amoraler Realismus" – und Kissinger hat damit Generationen von Analytikern geprägt. Das Ergebnis war unter anderem Vietnam, Chile 1973, der Irak 2003. Jedes Mal wurde die Katastrophe im Nachhinein als strategisch notwendig oder sogar klug verkauft.

Wie siehst du das, @anders ?

jetzt mal ne Meta-Frage: warum sind solche Formate attraktiv für Menschen?

Weil sie in einer chaotischen Welt einen “Sinn” beschreiben und man sich dann damit (oder dem Gegenteil) identifizieren kann?

Ist das dann so wie ein TED-Talk bloß für “die ganze Welt”?

1 „Gefällt mir“

Meint Claude damit eine Art Antihumanismus? weil ich würde schon sagen, Menschen kommen vor indem er den Akteuren Charaktereigenschaften gibt wie “Trump ist ein Genie” oder davor “Trump fühlt sich als Messias”. Aber es ist dann eher eine Geschichte “großer Menschen” und Staatenlenker. Die Milliarden Menschen werden durchaus zur Ressource, Zweck, Variable…

Ich glaube das ist ein Grundbedürfnis. Vielleicht ist die Antwort, Sinn nimmt Unsicherheit. Sinn löst aber keine Unsicherheit.

1 „Gefällt mir“

Jiang hat mit den Ressourcen recht. Mehr noch als er selbst sieht, denn die geologische Basis ist breiter als er darstellt: Die USA sind seit ein paar Jahren Netto-Energieexporteur. Fracking hat das möglich gemacht, Obama hat 2015 das Exportverbot aufgehoben, und damit ist die stille Voraussetzung für alles geschaffen was Jiang beschreibt. Hormuz dicht? Schadet China, Japan, Europa. Den USA nicht mehr. Soweit hat Jiang seinen Stoff gemacht.

Was er daraus macht, ist allerdings Charakterstudie statt Strukturanalyse. Jiang fragt: Ist Trump so schlau, dass er das absichtlich herbeiführt? JJ_Anon hat hier im Thread schon darauf hingewiesen, dass Jiangs Methode eher Storytelling ist als Spieltheorie. Man kann aber tatsächlich spieltheoretisch an die Sache rangehen — und landet dann bei einer Erklärung, die ohne Genies und Idioten auskommt.

Unter Jiangs geopolitischer Ebene liegt eine einfachere Regel, die mehr erklärt als sein gesamtes Video: Woher ein Staat sein Geld bekommt, bestimmt wie er regieren muss. Saudi-Arabien und Deutschland sind beide wohlhabend, regieren aber komplett verschieden. Das liegt nicht an der Kultur und nicht an der Religion. Es liegt an der Einkommensquelle. Ein Staat der arbeitende, ausgebildete, kreative Menschen braucht, muss denen was bieten: Schulen, Straßen, Gerichte, Mitsprache. Ein Staat der Öl aus dem Boden pumpt, braucht Ingenieure, Wachpersonal und eine loyale Führungsschicht. Sonst nichts.

Was passiert, wenn die USA diese Regel wechseln? Genau das lässt sich gerade beobachten. Drei Kanäle umgehen gleichzeitig den Kongress als demokratisches Kontrollinstrument. Erstens Tariffs — das sind Executive-Einnahmen, die der Präsident per Dekret erhebt, kein Kongressbeschluss nötig. Zweitens DOGE und die Tech-Konzerne, die Verwaltungsaufgaben übernehmen — das ist keine Effizienzsteigerung, das ist der Aufbau einer parallelen Staatskapazität, die nicht demokratisch kontrolliert wird. Musk kommt nicht als Berater, er kommt als Infrastruktur-Ersatz. Drittens Ressourcenexport, der Einnahmen generiert, die nicht durch demokratische Institutionen fließen müssen. “Drill Baby Drill” klingt nach Energiepolitik. Es ist Fiskalpolitik. Es ist der Aufbau einer Einnahmequelle, die den Kongress als Geldgeber überflüssig macht.

Die Koalition die dahinter steht ist sichtbar wenn man aufhört nach einem Masterplan zu suchen und stattdessen fragt: Wer muss hier wen bei Laune halten? Die Tech-Oligarchen liefern Verwaltungskapazität und bekommen dafür etwas, das man auf dem Markt nicht kaufen kann — hoheitliche Funktionen: Identitätsverwaltung, Datenhoheit, Infrastruktur-Kontrolle. Die Ressourcenindustrie liefert Einnahmen am Kongress vorbei. ICE projiziert staatliche Gewalt nach innen, direkt dem Präsidenten unterstellt. Und die Christian Nationalists liefern die Massenbasis plus einen Loyalitätsfilter: wer gehört dazu, wer nicht. Der Kongress wird bei all dem nicht abgeschafft. Er wird irrelevant. Er darf weiter tagen, er kontrolliert nur nichts mehr.

Jeder Leader, der in dieser Konstellation sitzt — sinkende Hegemonie, verfügbare Ressourcen, willige Tech-Oligarchen, eine polarisierte Gesellschaft — hätte ähnliche Anreize. Die Struktur erzwingt den Move. Was es braucht ist jemand, der intuitiv versteht, dass der Kongress ein Hindernis ist, und der skrupellos genug ist, ihn zu umgehen. Davon gibt es nicht wenige.

Jiang beschreibt reale geopolitische Verschiebungen. Aber er hält sie für den Plan und übersieht, dass sie Nebenprodukt eines innerstaatlichen Machtumbaus sind. Er behandelt “Amerika” als einen Akteur der Entscheidungen trifft. In Wirklichkeit gibt es zwei Koalitionen die um die Kontrolle des Staates kämpfen: die alte, die über Kongress, Justiz und föderale Strukturen läuft, und die neue, die über Executive-Einnahmen, Tech-Infrastruktur und Repressionsinstrumente läuft. Ob der Pivot funktioniert entscheidet sich nicht am Persischen Golf. Es entscheidet sich daran, ob die neue Koalition stark genug ist, die alte zu verdrängen.

1 „Gefällt mir“

Man kann aber auch die ganze Analyse nochmal eine Ebene tiefer drehen und fragen ob der Ressourcen-Pivot sich selbst trägt.

Rohstoffe haben keinen Wert an sich. Sie haben einen Wert weil irgendwo jemand Autos baut, Fabriken betreibt, Häuser heizt. Also weil funktionale Volkswirtschaften existieren, in denen Menschen arbeiten, produzieren und konsumieren. Der Ölpreis ist kein Naturgesetz, er ist ein Derivat der globalen Produktionskapazität.

Für einen kleinen Petrostaat ist das kein Problem. Saudi-Arabien lebt als Trittbrettfahrer der Weltwirtschaft. Ob Saudi-Arabien existiert oder nicht, ändert nichts an der globalen Nachfrage nach Öl. Die Weltwirtschaft läuft unabhängig von ihm, er schöpft nur ab.

Für den Hegemon gilt das nicht. Wenn die USA auf Ressourcenexport umstellen, passieren drei Dinge gleichzeitig: Ihre eigene produktive Wirtschaft schrumpft — Brain Drain, institutionelle Zerstörung, Abwanderung von Kapital. Durch Tariffs und Lieferkettenbrüche beschädigen sie die produktiven Ökonomien ihrer Handelspartner. Und wenn China und Europa wirtschaftlich einbrechen, sinkt die Nachfrage nach genau den Ressourcen, von denen der neue Reichtum abhängen soll.

Das ist der Widerspruch, den Jiang nicht sieht: Du kannst nicht gleichzeitig die Weltwirtschaft anzünden und von ihren Einkäufen leben. Der Petrostaat-Trick funktioniert für Trittbrettfahrer. Er funktioniert nicht für den Spieler, der den Tisch besitzt.

Was bleibt ist ein Extraktionsproblem mit endlichem Horizont. Der Pivot auf Ressourcen konsumiert die Nachfrage die ihn finanziert. Kurzfristig funktioniert das, weil Energie preisunelastisch ist — Fabriken brauchen Strom, egal was er kostet. Aber mittelfristig setzt Substitution ein, die Nachfrage fällt, und dann sitzt du auf Öl das niemand mehr braucht, mit einer Wirtschaft die du selbst zerstört hast.

2 „Gefällt mir“

Den Part versucht Trump ja dadurch zu durchbrechen, dass er ausländische Industrie zwingen will in den USA zu produzieren Seine Wunschvorstellung ist vermutlich, dass deutsche Automobilkonzerne in den USA bauen und dann nach Europa exportieren.

Das ist ein Problem für Trump’s Nachfolger. Und ich kenne Project 2025 nicht gut genug um zu wissen, ob die das Problem auch gesehen haben und dafür eine Lösung für die Zukunft parat haben.

2 „Gefällt mir“