Ich möchte sehr die geldsoziologische Arbeit von Aaron Sahr: Fake Coins. Digitales Geld und analoge Freiheit zur Besprechung in einem der kommende Salons empfehlen. Einerseits gibt es viele Schnittmengen mit bereits aufgegriffenen Themen (EZB, Debanking, Bitcoin, Inflationsbekämpfung, digitaler Euro, Stablecoins, etc.) und andererseits fehlt es an einem entsprechenden analytischen Rüstzeug, um über unsere gegenwärtige Geldordnung zu sprechen, die, und das zeigt Sahr mMn hervorragend, durch Kommerzialisierung und Privatisierung zur groß angelegten Freiheitsberaubung geworden worden. Das Rüstzeug liefert Sahr und räumt nebenbei das gesamte Bitcoin-Projekt ab, zeigt den paläolibertären Irrsinn auf und macht deutlich, wie tief die falschen Vorstellungen von Geld und seiner Funktionsweise unsere Gesellschaft lahm gelegt haben.
Auf über 400 Seiten wird eine sehr dichte, stilistisch angenehm zu lesende und äußerst präzise Argumentation entfaltet, die sich im Kern um acht Dimensionen der monetären Freiheit dreht. Anhand dieser verschiedenen Freiheiten zeigt Sahr auf, wie diese Freiheiten eingeschränkt werden können, z.B. mit dem genannten Debanking oder der Bezahlkarte für Empfänger von Bürgergeld. Dabei nimmt er immer wieder Bezug auf verschiedene soziologische Klassiker und Autoren, aber arbeitet ebenso detailliert Bitcoin, Blockchain, Paläolibertarismus und die Geldgeschichte auf, bei der zeigt, wie Zentralisierung und Verschuldung unser Geld geschaffen haben.
Die Lektüre ist ohne geldtheoretisches Vorwissen möglich, wenn vermutlich auch anspruchsvoll, aber in jedem Fall sehr erkenntnisreich und unterhaltsam. Wegen meinem Vorwissen habe ich die Aufarbeitung der Geldgeschichte etwas weniger intensiv studiert, aber sie ist auch sehr zu empfehlen. Der Nachweis, dass Geld jeher Schuldgeld war, zerlegt nicht nur die Tauschparabel, sondern im Prinzip auch den darauf aufbauenden Zweig der Österreichischen Schule.
Auf Basis dieser Fiktion, die u.a. Einzug in die Art und Weise hält, wie wir Inflation bekämpfen, wird eine Politik der Ungleichheit zu Gunsten der Wenigen gefördert: “() setzen wir die Freiheitsinteressen der Geldbesitzenden durch eine Zentralbankpolitik durch, die Preiserhöhungen durch die Dämpfung der Nachfrage bekämpft, indem verteuerte Kredite ökonomische Investitionen dämpfen, damit Wachstum abschwächen und so Neueinstellungen drosseln und Forderungen nach Lohnerhöhungen den Wind aus den Segeln nehmen. Arbeitslose und Lohnabhängige zahlen im Regime der Gegenwart den Preis für unsere elementaren monetären Freiheiten” (S. 428f.)
Sahr liefert viele sehr gute Pointen und lüftet den Schleier, der auf der gegenwärtigen Geldordnung liegt. Adam Tooze bezeichnete die Schuldenbremse mal als “Freiheitsberaubung” und genau das wird thematisiert. Zahlungsfähigkeit zu haben und nehmen zu können, versetzt Menschen in (mächtige) Positionen. Was nützen all die progressiven Ideen, wenn “wir” uns nicht endlich die Frage nach der Ausgestaltung der Geldordnung stellen? “Geldpolitik ist Freiheitskampf” (S. 431) ist sein Fazit, aber um diesen Kampf zu führen, muss Geld als soziale Institution verstanden werden, eine Ordnung, bestimmt durch materielle und technische Bedingungen, gesetzliche Direktionen, soziale Konventionen und kognitive Vorstellungen und Wertausrichtungen (vgl. S. 78f.)
Kurzum: “Wer an der Realwelt und nicht nur an utopischen Träumereien interessiert ist, muss sich einem solchen Politikfeld wie dem des Geldes in seiner ganzen Komplexität und Einbettung in sozio-ökonomische Zusammenhänge und Divergenzen, gewachsene Strukturen und kulturelle Besonderheiten nähern, anstatt sich von einer viel zu einfach gestrickten technologischen Lösung blenden zu lassen. () Wer an der Realwelt interessiert ist, braucht eine politische Soziologie monetärer Freiheiten, nicht Nakamotos Techno-Ethik einfacher Auswege aus strukturellen und akuten Auseinandersetzungen” (S. 430f.).
Um die Lektüre schmackhaft zu machen mal die ersten 5 prägnante Zitate, die für mich besonders herausgestochen haben, und mir beim Durchblättern ins Auge fallen. Gäbe noch zahllose Weitere, aber ich hoffe, dass die Tragweite und Anschlussfähigkeit der Arbeit deutlich wird. Ich war wirklich begeistert und im besten Sinne radikalisiert ![]()
“Die Geldtheorie, auf die das Bitcoin-Projekt seine Plausibilität aufzubauen versucht, ist eine volkswirtschaftlich betrachtet riskante, historisch gesehen haltlose und - allgemein gesagt - empirisch gewagte Ethik eines monetären Weges in eine präferierte Lebensweise. Bitcoiner wie Mangold betreiben mit der Bezugnahme auf das Ideal digitalen Goldes Ethik im Sinne einer Sittlichkeitslehre, die () eine in ein Gewand vermeintlich neutraler technischer und ökonomischer Sprache gekleidete Lehre einer ´natürlichen´ verankerten Lebensführung. () Das konservative Motiv einer Rückkehr zu einer natürlichen und verloren gegangenen Ordnung verbindet die Geldtheorie hinter Bitcoin mit dem radikalen Liberalismus der Bargeld-Freiheit” (S.226f.)
“Als Teil des paläolibertären Programms der Verbindung kulturkonservativer Werte mit libertären Staatskritik dient das Königreich der Sparenden, das die Bitcoiner errichten willen, nicht nur im eigenen Sinne kommerziellen Interessen, sondern soll einen gesellschaftlichen Retro-Wandel bewirken, zurück zu einer verloren geglaubten Welt der Bescheidenheit und Besinnung, der “ehrlichen Arbeit” und kulturellen Eindeutigkeit. Das aber ist eine Dystopie, bestehenden aus einer verschleierten Parteinahme für eine minoritäre Klientel und einem realökonomisch haltlosen, konservativen Moralismus” (S. 288)
“Der politische Diskurs um Inflation als allgemeinem Kollektivschicksal, das uns einfach widerfährt, eine “Entwertung des Geldes”, ist darauf ausgelegt, den konfliktiven Verteilungscharakter zu verschleiern. Das ist besonders perfide, weil die offizielle Inflationspolitik immer wieder () darauf drängt, dass diejenigen ihre relativen Einkommenspreise unangetastet lassen, die () am schlechtesten wegkommen (): Die Lohnabhängigen.” (S. 321)
“Nicht das Fiatgeld “enteignet” die Arbeiter, sondern der Kapitalismus, die Ungleichheit also, die Macht von Investoren und Unternehmen, Profite durchzusetzen, fehlende Besteuerung und Umverteilung () statt breitenwirksame Investitionsoffensiven, eine einseitige, vorherrschende Inflationspolitik, die auf Zinsen und Lohnbremsung setzt - und natürlich auch der Rückzug des Staates aus der Lenkung der Geldschöpfung, also wofür und für wen neues Geld geschaffen wurde ()” (S. 323.)
“In den Diskussionen und Streits um die Distribution monetärer Einkommen und Vermögen kommt Geld als Ressourcenbestand vor, das in einer bestimmten Menge vorhanden ist und verteilt werden kann - aber nicht als ein soziales Artefakt, das innerhalb einer Architektur aus gesellschaftlichen Institutionen und Praktiken produziert und verwaltet wird. Aber Geld existiert eben nicht einfach so als ein historisch immer gleiches Abstraktum, sondern wir durch soziale Ordnungen “verfasst” und damit in seiner Funktion und Wirkungsweise gestaltet und basiert auf technologischen Infrastrukturen, die so oder anders aufgebaut sein könnten und die () verschiedene Dinge möglich oder unmöglich erscheinen lassen können und die Vor- und Nachteile in der Regel ungleichmäßig verteilen.” (S. 386)