Syds zentraler Punkt war: Man darf Akteure nicht aus ihrer individuellen Verantwortung entlassen. Er hat das über mehrere Posts verteidigt, in verschiedenen Formulierungen, mit zunehmender Schärfe. Was er in keinem einzigen Post getan hat: begründen warum. Er hat es als Axiom behandelt — als etwas das so offensichtlich richtig ist, dass es keiner Begründung bedarf. Herr Hegemon spricht.
Genau da wird es interessant. Überzeugungen die keiner Begründung bedürfen, sind die tragenden Wände unserer Ideologie. Wir bemerken sie nicht als Überzeugungen. Wir halten sie für Realität. Und wenn jemand daran rüttelt, reagieren wir nicht mit Argumenten sondern mit Abbruch — “case closed”, wie Syd es formuliert hat.
Also: Wer braucht individuelle Verantwortung?
Die kurze Antwort: Jedes bestehende Machtsystem.
Individuelle Verantwortung ist der Mechanismus, durch den Systeme die Ursachenanalyse beim Einzelnen beenden. Wenn der CEO lügt, ist der CEO das Problem — nicht das System das diesen Typus selektiert. Wenn der Politiker korrupt ist, brauchen wir einen besseren Politiker — nicht die Frage warum die Struktur Korruption belohnt. Wenn der Arbeitslose keinen Job findet, hat er sich nicht genug angestrengt — nicht der Arbeitsmarkt ist das Problem.
Das funktioniert in beide Richtungen. Nach oben schützt es die Architektur: Der Farrow-Artikel kritisiert Altman auf 35 Seiten und lässt die Kapitalstrukturen, die Investorenlogik, die geopolitischen Anreize in Ruhe. Nach unten diszipliniert es die Machtlosen: Wer arm ist, wer krank ist, wer scheitert — selbst schuld. Individuelle Verantwortung ist das universelle Werkzeug um Systemversagen in persönliches Versagen umzudeuten.
Das ist keine neue Einsicht. Das Konzept des Sündenbocks beschreibt genau diesen Mechanismus — und zwar seit dreitausend Jahren. Im Ritual des Jom Kippur wurden die Sünden der Gemeinschaft auf einen Ziegenbock übertragen und in die Wüste geschickt. René Girard hat daraus eine Theorie gemacht: Gemeinschaften stabilisieren sich, indem sie ihre internen Spannungen auf ein Individuum projizieren und es ausstoßen. Der Sündenbock trägt die Schuld, die Gemeinschaft ist gereinigt, die Strukturen die die Spannung erzeugt haben bleiben intakt.
Der Farrow-Artikel ist ein Sündenbock-Ritual in 35 Seiten. Altman wird mit den Sünden der Branche beladen — Profitgier, Täuschung, Machtmissbrauch — und symbolisch in die Wüste geschickt. Die Leserinnen fühlen sich gereinigt: Wir haben den Schuldigen identifiziert. Wir wissen Bescheid. Die Spannung ist entladen. Und OpenAI, Microsoft, die Kapitalstruktur, der Compute-Hunger, die Autokratie-Deals — alles bleibt wie es war.
Syd hat darauf bestanden, dass “verantwortliche Akteure” und “Sündenböcke” verschiedene Dinge seien. Oberflächlich stimmt das: Ein Sündenbock ist unschuldig, ein verantwortlicher Akteur ist schuldig. Aber die Funktion ist identisch. Ob der Ziegenbock die Sünden verdient hat oder nicht, ändert nichts daran, dass das Ritual die Gemeinschaft von der Selbstanalyse entlastet. Ob Altman tatsächlich gelogen hat oder nicht, ändert nichts daran, dass seine Verurteilung die Systemfrage verhindert. Die Schuldfrage ist der Mechanismus durch den die Ursachenfrage abgeschnitten wird — unabhängig davon ob die Schuld berechtigt ist.
Deshalb hilft individuelle Verantwortung nicht, Ursachen zu finden. Sie beendet die Kausalanalyse beim Individuum. Altman hat gelogen — fertig. Warum er so handelt, welche Strukturen ihn selektiert haben, warum Amodei am selben Punkt landet, warum jeder Nachfolger am selben Punkt landen wird — all das verschwindet hinter dem Urteil über die Person.
Syd hat am Ende gesagt, die Aufgabe individueller Verantwortung bedeute einen “Bruch mit Rechtsstaatlichkeit und Justiz.” Er hat recht. Das Strafrechtssystem basiert auf der Fiktion des kohärenten, zurechnungsfähigen Agenten. Wenn diese Fiktion empirisch nicht hält — und die Neurowissenschaften legen das nahe — dann hat das Konsequenzen für das Rechtssystem. Syd behandelt das als Widerlegung: Es kann nicht sein, weil sonst das Rechtssystem betroffen wäre. Aber das ist kein Argument gegen die Beobachtung. Es ist eine Beschreibung dessen, was auf dem Spiel steht.
Die unbequeme Frage bleibt: Wenn unsere zentralen Institutionen auf einer empirisch fragwürdigen Prämisse aufgebaut sind, was folgt daraus? Das ist keine Frage die ich hier beantworten will. Es reicht zu zeigen, dass wir sie nicht stellen — und dass das Konzept “individuelle Verantwortung” genau der Mechanismus ist, durch den wir sie nicht stellen.
Ideologie erkennt man daran, dass sie sich nicht begründen muss.