Wie wir uns selbst beherrschbar machen — eine Ideologiekritik am Beispiel des New-Yorker-Artikels über Sam Altman

Ja natürlich. Du leitest den Times-Artikel aber als “investigativen Journalismus” ein. Ich halte ihn aber für “Unterhaltung” und “Personenberichterstattung”. Da funktioniert ja auch die Ideologiekritik (schreibe ich ja explizit).

Mein Einwand war lediglich: Nur weil der Artikel vorgibt investigativen Journalismus zu betreiben, darf man nicht enttäuscht sein wenn man feststellt, dass man sich im Ressort getäuscht hat.

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Wenn wir so rangehen:

Mein Einwand war lediglich: Nur weil der Artikel vorgibt investigativen Journalismus zu betreiben, darf man nicht enttäuscht sein wenn man feststellt, dass man sich im Ressort getäuscht hat.

wird es schwierig überhaupt Grundlagen für irgendwelche Betrachtungen zu finden.

Man könnte zugespitzt sagen, nur weil die Regierung vorgibt soziale Marktwirtschaft zu betreiben darf man nicht enttäuscht sein wenn wir eigentlich in Sizialdarwinismus enden.

Es bleibt weiterhin offen, inwiefern die Einwände gegen einzelne Punkte etwas an der eigentlichen Fragestellung ändern.

Was ein legitimer Hinweis ist, wie verhält es sich mit der Verantwortung des Individuums.

Ich würde den Weg nicht ganz zuende mitgehen sie ganz den Strukturen zuzuschreiben und das Individuum aussen vor zu lassen. Gleichzeitig ist es jedoch schlüssig, zumindest aus meiner Betrachtung der uns zugängigen Informationen, dass die Gewichtung mehr auf System Seite liegt.

Eine eindeutige Zuschreibung zu einer Seite kommt für mich aber schon allein deswegen nicht in Frage da ich den Dualismus Individuum/System nicht mitgehe.

Nichts desto trotz, auch unter Einbeziehung dieser Frage, die natürlich ein spinnoff der Frage ist, gibt es den freien Willen, ändert das alles nichts an der Kernaussage. Unabhängig ob wir dem Individuum Schuldfähigkeit zusprechen oder nicht, das wäre ja ein anderes Themenfeld, ist die Struktur die besprochen wird explizit vorhanden. Ich habe zumindest von den Einwänden her nichts in diese Richtung gelesen.

Die Ausarbeitung der Mikrokosmen, wie Gewichtung der Schuldzuschreibung, kann als Teil des beschriebenen Prozesses gesehen werden. Es wäre meines Erachtens bereits ein Schritt in die richtige Richtung, wenn sozusagen als Kompromiss, das Verlassen der Schlachtfelder dieser Mikrokosmen, direkt nach Stalingrad marschiert wird um auszuarbeiten, ob und in wie fern die Annahme der strukturell begründeten Firewall zuzustimmen ist. Und falls dem so ist was für Folgegedanken wir für den Umgang damit entwickeln können. Die Wahrscheinlichkeit dem Individuum Handlungsfähigkeit, Optionen und Schuld zuzuschreiben erhöht oder vermindert sich, je nach dem was man dann herausarbeitet;

inwiefern diese tatsächlich bestehen.

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Mehrmals nein.

Ausgangspunkt stark verkürzt von @fdoemges “Dann muss man sich fragen, warum wir Systeme bauen, die auf der Fiktion kohärenter Agenten aufgebaut sind — Recht, Demokratie, Vertragslogik, Governance —, während die tatsächlichen Agenten diese Kohärenz nicht leisten können.”

Der Widerspruch ist hier: Wir bauen genau Systeme weil wir es nicht mit kohärenten Systemen zu tun haben. Mein Einwand: “Der alkoholisierte Unfallverursacher ist kein Argument gegen die StVO." Systeme versuchen Stabilität zu erzeugen gerade in dem Wissen um Kontingenz.

Die kategoriale Täuschung (Es gibt Gesetze und Menschen halten sich nicht daran!) führt zu einer Enttäuschung (Gesetze bringen nix.), wo ich für eine Ent-Täuschung plädiere (Gesetze bestätigen sich erst durch den Verstoß gegen sie.)

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um es noch weiter auszuführen:

In dem Artikel werden zwei Dimensionen aufgemacht: Person und Struktur.

Der Struktur wird “Kontrolle” entgegengesetzt, bei Person “Vertrauen”. (als Gegensatz)

Problem der StartUp-Kultur: Diese StartUps haben ihren Enstehungspunkt um eine Person herum, diese Person gründet ein StartUp und bildet bei wachsender Größe Struktur aus (mehr Mitarbeiter=Personalabteilung, Kontakte zu anderen Firmen= Rechtsabteilung, mehrere Abteilungen= Abteilungsleitungen= Abteilungsleitungsleitung= gleich oberstes Entscheidungsgremium etc.).

Bei “Problemen” kann man jetzt über zwei Einfallswinkel gehen: Struktur (Fehlerhaft, Gremien haben versagt, etc.), oder Person (sein Wille bestimmt in der Fima, er ist ein Soziopath etc….) die Zuordung von Schuld muss auf handelnde Akteure geschehen, also wird die Vertrauensfrage gestellt.

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Ich sehe den Punkt nicht in der Ausgangslage. Ich lese:” anstatt die systemischen Prozesse zu beleuchten, belassen wir es dabei den rigidisierten Einzelfall zu beleuchten. “

Ob da jetzt weiterführend behauptet wird, dass wir jetzt als Konsequenz die Strukturen auflösen sollten und lieber in Anarchie enden , sind für mich diese Mikrokampfplätze.

Ich verstehe nicht warum nicht auf diese Grundannahme eingegangen wird, die mit keinem der Einwände auch nur angekratzt wird.

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Es gibt eine bidirektionale Verbindung, die des Individuums nach außen (System) und entsprechend umgekehrt. Die Machtposition ist der markante Faktor, der entscheidet wie ausgeglichen diese Verbindung ist. Das ist eine quantitative Frage und keine qualitative - es hat nichts mit gut/böse zu tun, es hat mit Reichweite und Gewicht zu tun

Ein Individuum ist Teil des Systems, das System hat Einfluss auf das Individuum. Das sind sehr ungünstige Bedingungen um eine Kausalität zu erkennen. Die Abstraktion ist in sofern nicht hilfreich weil es Bedingungen gibt, die als Schnittstelle - also genau da wo System und Individuum aufeinandertreffen - einen Strudel erzeugt der für mehr Unklarheit sorgt, als dass er klären könnte. Das ist das Betriebssystem und wenn man dem entkommen will, muss man vor dem Strudel ansetzen, weil da die quantitativen Machtverhältnisse sichtbar sind.

Die Annahme es gäbe einen Schuldigen lässt das System außen vor, die Annahme das System wäre Schuld lässt das Individuum außen vor.

Das einzige was hilft ist die Frage, wer bin ich im kausalen Verhältnis zu einem mächtigen Individuum oder oder zu einem mächtigen System. Was trage ich zum Erhalt des Systems bei, was trage ich dazu bei wenn ich mich einem mächtigen Individuum unterordne.

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Das ist ja Teil der Frage. Muss das auf Ebene der Person geschehen. Und was ist funktional der Prozess.

Um den betrunkenen Autofahrer zu nehmen. Muss die Person adressiert werden? Strafrechtlich ja. Funktional damit überhaupt etwas adressiert werden kann. Damit Struktur des Straßenverkehrs kommuniziert wird. Damit gleichzeitig potentielle Adressaten in der Zukunft vorab adressiert werden um keine Adressaten zu werden. Gleichzeitig darf man sich die Frage stellen ist damit der Prozess zufriedenstellend abgeschlossen? Wie wahrscheinlich ist es dass der Mechanismus dieses adressieren in der Zukunft aufheben kann. Wenn man sich die Anzahl Verkehrsopfer anschaut kann man gespaltener Meinung sein.

Eine Meinung könnte sein, es nicht allein auf Ebene Addresse der Person beruhen zu lassen könnte funktional noch mehr Aussicht auf positive Ergebnisse bringen. Der Ansatz sagt, wie belassen es aber bei der persönlichen Adresse.

Damit ist aber noch nicht gesagt, dass man dann auch gleich die StVO abschaffen sollte, weil man meint es wäre sinnvoll über die persönliche Addresse hinaus zu wirken.

Dabei ist der Gedanke nicht Mal so radikal da nicht gefordert wird, es müssten sofort Mechanismen ausgearbeitet werden die dafür sorgen dass systemische Prozess Priorität bei Betrachtung sind.

Es wird vorerst aufgewiesen, der allgemeine Prozess endet bei der persönlichen Adresse und das scheint kein Zufall zu sein sondern systemisch bedingt.

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ok, ich eröffne mit einem Autoritätsargument (zur Erhellung des Hintergrundes, nicht um einen inhaltlichen “Punkt zu machen”.

Ich baue, überprüfe und berate Systeme, die sich gegen Machtmissbrauch absichern wollen.

Man kann das schöne Wort “multifaktoriell” bedienen: Beide Angriffswinkel (Struktur/Person) sind relevant, mal stehen sie alleine, mal gibt es Überschneidungen, mal gibt es Interdependenzen, aber nie Deckungsgleichheit zwischen Person und Struktur.

Und @Miki ich denke ich habe die Punkte schon sehr genau adressiert.

und da ist mein Argument: Weil es sich um Unterhaltung handelt und ich @fdoemges recht gebe: Hier spiegelt sich der Individuumskult der StartUp-Branche.

Man muss die Idee über Bord werfen, dass man nur “das richtige Programm” entwerfen muss, dann gibt es keine Fehler mehr. Es wird immer Probleme geben, die Frage ist nur wie man sie bearbeitet.

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Exakt! Ich hätte es nicht besser formulieren können.

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Und genau hier endet unsere Weisheit:

Oder…?

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so einfach ist es nicht.

Beispiel StVO:

Keine Regel zu Alkoholkonsum: jemand fährt einen anderen tot= es gibt einen Schuldigen.

Keine Regel zu Alkoholkonsum= jemand fährt besoffen einen anderen tot= es gibt einen Schuldigen.

Erkenntnis= besoffen Fahren steigert die Wahrscheinlichkeit für Tote.

Regel zu Alkoholkonsum= jemand fährt besoffen einen anderen tot= es gibt einen Schuldigen + jemand fährt besoffen= schuldig (aber nicht für den Tod eines anderen). Präventionsmaßnahmen, “Idiotentest”, Suchtberatungen etc. schließen sich an werden vor- oder nachgelagert etc. (Ausbildung von Strukturen wegen des Verhaltens von Individuen)

Auftauchen anderer Rauschmittel= Aufnahme in den Verbotskatalog (Anpassung der Maßnahmen)

Trotzdem werden Menschen andere Menschen totfahren. Es folgt nichts daraus, außer dass man weitermacht, oder mit Max Horkheimer: “Wir müssen theoretische Pessimisten und praktische Optimisten sein.”

Wer sich nicht am amerikanischen Geniekult abarbeiten will, kann sich das gleiche Problem und die Problembearbeitung auch in der deutschen Kommunalverwaltung angucken:

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um das ganze noch ein Stück weiterzudrehen: In der von mir beschriebenen Logik verfeinert sich die Problembearbeitung immer weiter, sie differenziert sich immer weiter aus.

Die Feststellung endet dann in der Klage der “überbordenden Bürokratie”, die mal nur so richtig zusammengekürzt gehört und den Apellen nach “mehr Vertrauen” (El-Mafaalani etc.) und hier schließt sich der Kreis: Vertrauen als Gegensatz zu Kontrolle und damit verbunden die Hoffnung man könne das eine mit dem anderen lösen (Kategorienwechsel).

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Natürlich bezog sich mein ganz kurzes Mini-Zitat nicht auf Alkoholfahrten, sondern auf Karrieren wie die von Altman - das ist hier der Kontext. Wahlweise auch Trump, Netanjahu oder, ein paar Etagen tiefer, Masken-Spahn. Oder (autsch!) Lauterbach, Drosten.

Riethig? Nie gehört. Was wirft man ihm vor?

Übrigens, das kommt mir gerade in den Sinn: Man muss auch aufpassen, dass „das System“ eingebaute Korrekturmechanismen nicht missbraucht. Knast für Masken-Atteste fällt mir als Beispiel ein, oder für modifizierte Impfausweise. Oder, aktueller: Entzug der Bürgerrechte für Hüsein Dogru und Jacques Baud.

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aber dann lies doch einfach, was ich geschrieben habe. StartUp=Personenzentriert, anschließend Strukturbildung, Problem= Umstellung von Personenzentrierung auf Strukturbildung. Person= Vertrauen, Struktur= Kontrolle.

lies doch einfach: ausgebildete Struktur (Kommunalverwaltung), Person hält sich nicht an die Struktur, Reaktion von Personen auf Person keine Folge, Reaktion der Struktur auf Person= Enthebung.

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Dem Göttinger Landrat Marcel Riethig werden vor allem Vorwürfe aus der eigenen Kreisverwaltung gemacht. Die wichtigsten Punkte, die in Berichten genannt werden, sind:

:receipt: Zentrale Vorwürfe

  • Machtmissbrauch / autoritärer Führungsstil
    Führungskräfte sollen ihm vorwerfen, Entscheidungen ohne Abstimmung zu treffen und Mitarbeitende unter Druck zu setzen.

  • Einschüchterung von Mitarbeitenden
    Es wird behauptet, dass Kritik intern nicht erwünscht gewesen sei und ein Klima der Angst entstanden sei.

  • Vetternwirtschaft / Begünstigung
    In einzelnen Fällen soll es um Personalentscheidungen gehen, bei denen angeblich bestimmte Personen bevorzugt wurden.

  • Mögliche Rechtsverstöße bei Personalentscheidungen
    Einige Vorwürfe beziehen sich darauf, dass Verfahren nicht korrekt eingehalten worden seien.

  • Konflikte mit der Verwaltungsspitze
    Mehrere Dezernenten und Führungskräfte sollen einen Brandbrief verfasst haben, in dem sie strukturelle Probleme schildern.

:balance_scale: Wichtig

  • Das sind Vorwürfe, keine bestätigten Tatsachen.

  • Marcel Riethig weist die Anschuldigungen zurück.

  • Das Disziplinarverfahren soll klären, welche Punkte tatsächlich zutreffen.

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Das wäre dann ein Fall, wo Korrekturmechanismen greifen.

Oder missbraucht werden?

Was ist dein Eindruck, @JakobB ?

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Das StVO-Argument stimmt: Institutionen preisen Inkohärenz ein, Gesetze bestätigen sich durch den Verstoß. Aber das ist eine andere Frage. Der Farrow-Artikel ist handwerklich erstklassig — auch nicht der Punkt.

Der Punkt ist: 35 Seiten über den betrunkenen Fahrer, null Seiten über die Straße, die Alkoholindustrie, die fehlende Bahnanbindung, die Stadtplanung die Autoabhängigkeit erzwingt. Im politischen Journalismus kennen wir das als Horse Race — wer führt, wer liegt hinten, wer hat wen ausmanövriert. Der Farrow-Artikel ist Horse Race Journalism für die Tech-Branche: Wer hat wen belogen, wer hat wen auf der Superyacht besucht. Die Leserin geht raus mit einem Urteil über eine Person. Nicht mit einer Frage über eine Struktur.

Wer so trainiert wird — über Jahre, über ein ganzes Mediensystem — lernt in Personen zu denken. Das ist der Kern jedes neoliberalen Arguments. Mindestlohn? Wer sich anstrengt, verdient genug. Bürgergeld? Wer es bezieht, ist faul. Schuldenbremse? Der Staat muss haushalten wie eine schwäbische Hausfrau. Feminismus? Frauen müssen sich halt durchsetzen. Immer dasselbe Muster: Das Individuum ist der Hebel, die Struktur ist unsichtbar.

Warum wählt jemand CDU? Weil die CDU verspricht, die richtigen Leute an die richtigen Stellen zu setzen. Warum AfD? Weil die AfD sagt: Entfernt die falschen Leute, dann wird alles gut. Trump funktioniert nicht trotz des Mediensystems das ihn kritisiert — er funktioniert wegen eines Mediensystems das Menschen darauf trainiert hat, in Personen zu denken statt in Strukturen.

Keiner soll aufhören Farrow zu lesen. Aber die Kulturtechnik, regelmäßig zu fragen — welche Struktur schützt dieses Narrativ? Was sehe ich nicht, solange ich auf die Person starre? — die fehlt. Und sie fehlt nicht zufällig.

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ach… lesen wäre so viel hilfreicher gewesen…

Es ist genau das Gleiche. Nur das Du Altman eben kennst (Personenberichterstattung!) und Riehtig eben (noch) nicht (erst durch Personenberichterstattung).

und das in Göttingen geschilderte Problem trifft auf potentiell alle Landkreise zu (selbe Struktur), die Problembearbeitung siehst Du nur selten in der Öffentlichkeit).

genau das und damit bekommt es eigentlich nur noch Unterhaltungscharakter, der keine Analyse mehr zulässt…

(Ich bin ja immer wieder erstaunt, wo Lesende einen Konflikt sehen wollen, wo ich explizit zustimme…:rofl: )

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Das könnte an einer unklaren, „raunenden“ oder einfach missverständlichen Art der Formulierung liegen.

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