Wie wir uns selbst beherrschbar machen — eine Ideologiekritik am Beispiel des New-Yorker-Artikels über Sam Altman

Ich versuche mal beides zusammenzubekommen, @JakobB @Kokosmilch.

Was mich antreibt ist nicht die Einsicht dass ich einer höheren Macht ausgeliefert bin. Ich kann real nichts gegen staatliche Macht tun. Ich kann auch nichts gegen Elon Musk tun. Das ist mit Sicherheit so. Wonach ich suche ist der Weg wie ich mich selbst aus dieser Ausweglosigkeit emanzipieren kann. Wenn ich mich damit aufhalte wie schlimm das alles ist, bleibe ich stehen und fühle direkt wie sehr ich ausgeliefert bin. Das ist ein furchtbarer Gedanke wenn man ihn zu ende denkt.

Wenn mir jemand in irgendeinem Podcast sagt, du wirst dem nicht entkommen dann sage ich, nein, du lieber Podcaster wirst dem nicht entkommen, schon alleine dadurch, dass du das so formulierst.

Meine reale Welt spielt sich konkret dort ab, wo ich Einfluss auf die Sache nehmen kann. Ganz praktisch wenn ich arbeite, jede Arbeit die mit mehreren Menschen erledigt werden kann braucht den „Kampf“ um die bessere Lösung um den besten Prozess. Selbst wenn ich alleine bin, ringe ich mit mir selbst um so effizient wie möglich das Problem zu lösen.

Ich wende einen Trick an, ich frage nicht nach der Abhängigkeit, sondern wie ist mein gestalterischer Spielraum in dem ich mich bewegen kann.

Wenn dieser Trick nicht mehr funktioniert, kann ich die gestellte Aufgabe nicht mehr lösen und ich muss mir andere Arbeit suchen. Das ist ein Privileg was ich ohne meine direkte Umgebung nicht hätte, andererseits kann ich mein direktes Umfeld genauso direkt unterstützen indem ich das was mir diesen Vorteil verschafft hat, denen zu ermöglichen wenn sie es brauchen. Das funktioniert alles begrenzt - aber wenn es nicht funktioniert liegt das in den allermeisten Fällen an mir.

Um das so umzusetzen brauche ich keinen Foucault, keinen Adorno oder sonstige kritische Theorie.

Was ich dazu brauche ist einen Aushandlungsprozess. In diesem Prozess geht es ganz elementar um Macht. Wenn ich Macht negativ bewerte komme ich zu nichts, weil es mich lähmen würde. Wann ist der Moment Macht an andere abzugeben aus der Position des mächtigeren. Also zu sagen, du hast jetzt mehr Macht weil ich mich dir unterordne. Das kann nur ich selbst entscheiden. Ich kann aber gleichzeitig nicht erwarten dass mein Gegenüber genauso handeln würde. Das ist der Konflikt der ausgehandelt werden muss. Das geht nur auf persönlicher Ebene, alles was darüber hinausgeht - da wo mein Einfluss endet - geht es nicht mehr.

Aber natürlich gibt es auch die theoretische Ebene wie hier in diesem Forum. Selbe Situation, wir stimmen ideologisch überein dass Elon Musk ein Kotzbrocken ist. Er hat zu Unrecht diese Macht. Alle anderen Milliardäre genauso, ganz schlimm diese Leute.

Aber was kann ich tun, ich kaufe keinen Tesla, ich baue keinen Tesla, ich bin zumindest augenscheinlich in keine seiner Zaubereien involviert. Nur - was hat das für einen Effekt?

Der Spaß in diesem Forum zu schreiben ist solange Unterordnung solange ich das so denke. Denke ich so, fange ich an meine eigene Emanzipation zu zersägen. Die eigene Souveränität bedeutet nicht allen die Meinung zu geigen, und alles dafür zu tun diese durchzusetzen, die eigene Souveränität bedeutet die Schwäche anzuerkennen falsch zu liegen, Quatsch zu erzählen und die Enttäuschung oder Freude über Feedback als gleichwertig nehmen zu können. Das ist der Konflikt, den handle ich mit euch und mit mir aus.

Nur ihr könnt für euch entscheiden, macht das Sinn was der da erzählt? Das gilt für jeden hier und es gilt auch für unsere Podcast Hosts.

Die einen wehren sich dagegen, die anderen haben schlicht Bock eine These zu widerlegen, aus Sportsgeist oder so, wiederum andere sehen ihre Hegomonie gefährdet, kurz, eine wilde Gemengelage die ausgehandelt wird. Es kann erdrückend sein wenn sich jemand kristallin ausdrücken kann, es kann auch erdrückend sein einen elendslangen Text durchzugehen, es kann eine Einladung sein, so wie ich zum Beispiel den Podcast höre.

Das ist eine individuelle Entscheidung die jeder selbst treffen muss. Und wir sehen dass das längst nicht bei allen so offen gehalten wird. Wenn ich das bewerten will, brauche ich hier nichts mehr schreiben. Ich kann mich dazu äußern, ich kann sauer sein, dagegen sein, ich kann aber auch sagen das gehört dazu, was weiß ich was den Autor sonst so im Leben beschäftigt, hat er gerade Stress und hat einfach schlechte Laune? Was beherrscht ihn denn so im Alltag?

Jetzt hab ich lange genug geschrieben, ich sage, wir machen uns beherrschbar durch uns selbst. Die eigen Einstellung, die eigenen Gedanken machen uns beherrschbar.

ich bin doch bei Dir :wink:

Ich schreibe doch die ganze Zeit herunter, dass diese “Macht ist negativ” eine Perspektive ist, die nicht weiterhilft.

Deswegen nehme ich dieses Forum als Beispiel um herauszuarbeiten, wie auch hier genau das Selbe passiert.

Ich schreibe aber auch gegen die Verrätselung, Verzauberung, oder Personalisierung an, die Du auch wieder betreibst:

Daran ist nichts wild und man kann sich die Psychologisierung sparen, wenn man eine stumpfe Analyse macht:

Massenmedien>”Stefan Schulz”>Podcasts>Neue Zwanziger>Smalltalk

Das liegt alles schon vorher auf dem Tisch, bevor Du Dich überhaupt anmeldest und den ersten Post schreibst. Jetzt kann man sich darüber selbst täuschen, das ist dann aber eine selbstgemachte Täuschung. (Ein Forum ist nur ein Forum, wenn dort kommuniziert wird. Wenn Leute sich abmelden, oder schweigen ist es kein Forum mehr. Ein Podcast ist nur ein Podcast wenn er gesendet/empfangen wird etc.)

Nehmen wir den Grenzfall, wo für einige “die Macht” dann in Erscheinung tritt (im Machtkampf) und ent-täuscht werden:

Grenzfall: mehrdeutige Äußerung im Podcast durch Stefan Schulz>”Stefan Schulz” gefährdet>Machtkampf (auch) im Smalltalk>Vorgehen gegen die Beschädigung

>a fdoemges untertützt (KI als Waffe)>a fdoemges wird in den Podcast eingeladen

>b friendlynotes wird mit dem Tod im smalltalk bedroht >b friendlynotes wählt Buße

>c das Publikum hat die ausgebübte Macht beobachtet und aktualisiert sein Verhaltensrepertoire

Wie wir beide uns hier unterhalten, ob wir beide das für einen produktiven Austausch halten oder ob andere diesen Austausch beobachten und denken “oh das ist aber nett, ich habe bislang nur schlechte Erfahrung in Foren gemacht” bleibt alles davon unberührt. (Aber: nur durch den Austausch bleibt ein Forum ein Forum.)

Jetzt die Schleife zu OpenAI:

Wirtschaft>”Sam Altman”>OpenAI>OpenAI Global LLC>ChatGPT etc.: Es ist ein Produkt im Wirtschaftssystem, damit ist alles folgende gelaufen, es geht um kaufen/nicht kaufen.

Wenn der Verkauf “Sam Altman” schädigt (Weltverbesserung, OpenSource etc.) kommt es zu einem Machtkampf, wenn das Agieren von “Sam Altman” OpenAI gefährdet kommt es zu einem Machtkampf.

Ein Gerangel im Smalltalk ändert nichts an den Massenmedien, ein Gerangel im OpenAI-Board ändert nichts am Wirtschaftssystem, ein Gerangel im SPD-Ortsverein Dettmold ändert nichts am politischen System. “Sam Altman” mit Sam Altman zu erklären bringt nichts, “Stefan Schulz” mit Stefan Schulz zu erklären bringt nichts, “Friedrich Merz” mit Friedrich Merz zu erklären bringt nichts.

und jetzt zu Dir:

auch, aber nicht nur. Wenn ich “Stefan Schulz” für einen Gott halte, mache ich mich beherrschbar, wenn ich ihn für einen Tyrannen halte auch. Trotzdem ist er in letzter Konsequenz der Souverän im Smalltalk. Deswegen muss ich ihn noch lange nicht anbeten, oder mit Fackeln und Mistforken gegen ihn losziehen. Ich kann mich auch einfach nett austauschen im Bewusstsein um die Grenzen.

und damit ist es dann kein “Trick”, sondern ein produktiver Umgang mit den Grenzen des eigenen Handelns.

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Willst du sagen, wir treffen auf das System welches bereits existiert und haben keinen Einfluss?

Während ich sage, klar existiert das System, es ist aber meine Entscheidung wie ich mich dazu verhalte.

Ist das der Unterschied?

ich sage (an anderer Stelle habe ich es schon mal angerissen): Es gibt kommunikative Sperrklinkeneffekte.

In diesem Forum: Macht verteilt sich “von alleine” in eine Richtung. Hier: Im Sinne von “Stefan Schulz”. Jetzt kann man sich täuschen und diese Machtverteilung für legitim erklären (im Sinne von: Warum sitzt der König auf dem Thron? Weil Gott es will! /Warum wird fdoemges eingeladen? Weil Stefan es will!) oder für illegitim erklären (Im Sinne von: Es gibt keinen Gott! Köpft den König!/ Stefan ist eigentlich ein Arschloch! fdoemges ist dann wohl auch…). Aktion und Reaktion bewegen sich aber entlang der Sperrklinkeneffekte (Hier: Massenmedien>Podcast>”Stefan Schulz”>Die neuen Zwanziger>Smalltalk)

In diesem Forum kommt es immer wieder zu dem Punkt, Systeme durch das eigene Verhalten ändern zu wollen (Kapitalismus, Politik, Nation), ohne diese Sperrklinkeneffekte zu beachten.

Eine Umwelt/Friedensbewegung erklärt sich zu einer Partei, tritt damit in das Parteiensystem ein, verhält sich nach den kommunikativen Sperrklinkeneffekten eines Parteiensystems und ist am Ende ent-täuscht eine Partei zu sein und der selbstverblödete Wähler kann sich gar nicht erklären, wie eine Friedensbewegung Rüstungsfanatiker geworden ist…

Fridays for Future denkt: “Wir stören das Wirtschaftssystem, um auf das Klima hinzuweisen!” und ist dann erschrocken, wenn der Staat kommt, flieht in das Parteiensystem und ist dann traurig, dass sie keine Bewegung mehr sind und der selbstverblödete Klimaaktivist kann sich nicht erklären, warum die Bauernproteste (Wirtschaftssystem fordert von Politik), mit der selben Störung zu anderen Ergebnissen kommt.

Linksliberale gehen “friedlich und kreativ” für eine Verbesserung des Asylrechtes demonstrieren und werden ignoriert. Rechte zünden ein paar Asylunterkünfte an und Politik “nimmt die Sorgen der Bürger ernst” und verschärft das Asylrecht. Die selbstverblödeten Linksliberalen sagen sich “Wir müssen nur bunter, kreativer und mit mehr Menschen demonstrieren und die Politik auf ihren Fehler hinweisen!” (vielleicht sagen linksextremistische Gruppen: “Dann müssen wir auch was anzünden, wenn wir politische Forderungen durchsetzen wollen!” und sind dann darüber erschrocken, dass sie viel härter als rechte Gruppen verfolgt werden…)

Der geneigte Konsument beobachtet die Qualität der öffentlich rechtlichen Medien und kritisiert selbstverblödet die GEZ, weil er sich im System geirrt hat (Wirtschaft/Massenmedien), oder sieht eine “jüdische Weltverschwörung” hinter der geringen Israelkritik im ZDF…

Der Unterschied wäre vielleicht:

Du sagst: Ich bin ein Mensch, richte mich nach meinen Möglichkeiten/Interessen und bemerke, wenn ich an Systemgrenzen komme.

Ich sage: Kenne die Systemgrenzen und kenne die Sperrklinkeneffekte, dann sparst Du Dir schmerzhaftes Feststellen der Systemgrenzen.

Alle Ent-Täuschung entsteht aus einer Täuschung. Meist wurde man gar nicht, sondern hat sich selbst getäuscht.

Das hat was.

Ich hab jetzt ein bisschen Zeit gehabt darüber nachzudenken.

Ich glaube ich möchte lieber im Prozess Erfahrungen sammeln. Das bedeutet natürlich genau was du sagst,

Dazu denke ich, es hat sicherlich mit schmerzhaftem Erfahren der Systemgrenzen zu tun, auf der anderen Seite bilde ich mir ein kreativer mit ihnen umzugehen.

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@Flo

Ich bin auch ein Fan des Auslotens von Grenzen. Schon allen deshalb, weil sie selten unverrückbar feststehen.

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Das Postskriptum liest sich ziemlich aktuell, wobei es braucht ein wenig Auslegung, aber die Konzepte sind da. Man denke an die Datensammlungen und -auswertungen von Palantir. Bei einen selbst fällt einem natürlich die Fitness-Gadgets ein, aber das Smartphone an sich enthält schon viele Möglichkeiten der (Selbst-)Kontrolle. Das kann Verhalten lenken und bietet Feedback-Loops.

Man müsste eine Liste machen, was für Mechanismen er sich alles vorstellt hier. Beispielsweise recht am Ende, wo er sagt, dass Kapitalismus und Unternehmerethos überdauern werden. Dadurch würden Leute sich aber eher verschulden und das wird dann eher zu mehr Slums und Ghettos führen wird, wodurch dann Zugangskarten bestimmend werden (S. 260 f.). Das geht auch etwas durcheinander, aber auch weil es ja verzahnt sein muss, um zu funktionieren:
S. 255

ultra-schnelle Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen

Dh. wenn man darüber nachdenkt, dann werden Kontrolle und Freiheit in der Kybernetik eigentlich auch nicht getrennt gedacht. Man ist frei seine eigene Kontrolle zu bestimmen. Man steuert sich selbst, aber entlang von vorgegebener Parameter.

Wenn hier im Forum nach sowas wie Navigationshilfen in pluralen Rationalitäten gefragt wird, wie weit entfernt ist das dann?

Ich habe immer das Gefühl, Kybernetik lässt sich schlecht aus der allgemeinen Philosophie herleiten. Mathematisch ist das alles viel klarer.
Die Behauptung lautet: Kontrolle und Freiheit werden in der Kybernetik nicht getrennt gedacht.
Gut, nehmen wir die mathematische Steuerungstheorie, also den Zweig der linearen Algebra, an den die Kybernetik andockt.
Kalman (1960) zeigt: Controllability und Observability sind duale Probleme. Du kannst genau das kontrollieren, was du beobachten kannst. Die Matrizen sind transponiert zueinander. Daraus folgt die Gleichsetzung von Kontrolle und Wahrnehmung direkt aus der Mathematik — keine philosophische Entscheidung nötig.
Aber Kalman liefert auch die Begrenzung mit. Der Zustandsraum eines Systems zerfällt in einen kontrollierbaren und einen nicht-kontrollierbaren Unterraum. Was im nicht-kontrollierbaren Unterraum liegt, ist strukturell unerreichbar — keine Frage von Ressourcen oder politischem Willen. Jenseits der Kontrolle muss Freiheit existieren, weil der Zustandsraum dort gar nicht adressierbar ist.
Und selbst innerhalb des kontrollierbaren Unterraums greift eine zweite Grenze: die Kostenfunktion. Jede Steuerung verbraucht Energie (LQR, Pontryagin). Du kannst nicht alle kontrollierbaren Zustände gleichzeitig auf Sollwert halten, weil jede Regelung hier Regelung dort kostet.
Zwei harte Grenzen also: Kalman strukturell, Energie ökonomisch. Freiheit verschwindet nie, solange die Energie endlich ist. Das ist kein politisches Zugeständnis, das ist Thermodynamik.

Wobei ich mich hier auch frage, was das bedeutet, dass Geld in die Bundeswehr gesteckt wird und junge Leute dort wirklich glauben, dass sie dadurch “bessere Menschen” werden durch frühes Aufstehen, Aufräumen, 12 rules for life usw. Das sind alte Disziplinarformen

Viele junge Leute verlangen seltsamerweise, “motiviert” zu werden, sie verlangen nach neuen Ausbildungs-Workshops und nach permanenter Weiterbildung S. 262

Es gibt hier anscheinend ein Bedürfnis der Führung und Selbstformung. Dabei funktionieren andere Teilbereiche des heutigen Kapitalismus mehr über Kontrolle von Verkauf, Markt und Produkt und nicht über die Produktion. Das ist Amazon, Plattformkapitalismus usw. Vlt. hat man hier diesen meritokratischen Eifer mit der Idee eben ein “besserer Mensch” zu werden, aber die Ökonomie und damit auch die Lebensgestaltung von Leuten ist ganz woanders hingegangen.

Zum Zentrum oder zur “Seele” des Unternehmens ist die Dienstleistung des Verkaufs geworden. Man bringt uns bei, daß die Unternehmen eine Seele haben, was wirklich die größte Schreckens-Meldung der Welt ist.
Marketing heißt jetzt das Instrument der sozialen Kontrolle. S. 260

Man bindet alles zusammen von Verhaltenskontrolle, Konsumkontrolle, Identitätszuordnungen und man bekommt zu einem großen Teil Marketing heraus. Das Produkt sei nicht mehr so wichtig. Die Öffentlichkeit und deren Signale dagegen sind extrem wichtig. Das ist doch am Ende eigentlich der Kulturkampf und dieses Aufregen um “woke”. Naja gut, Aufmerksamkeitsökonomie kennen wir eigentlich auch, aber im nächsten Satz sagt er, dass Disziplin sich gegen Kontrolle länger hält. Ersteres formt die Kontrollziele, letzteres führt sie aus. Auf jeden Fall wird Kontrolle und Marketing hier als Herrschaftsform gedacht. Ein Waffe ist dann wirklich sich in die Kontrolle einzuklinken und zu unterlaufen.

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Klar, auf der mathematischen Ebene stimmt das: Es gibt strukturelle und energetische Grenzen von Kontrolle.

Aber die interessante Frage ist ja, was daraus gesellschaftlich gemacht wird.

Denn praktisch wird genau mit dieser Steuerungsvorstellung gearbeitet: Man nimmt Modelle aus der Kybernetik, überträgt sie auf große Datenmengen und behandelt Verhalten so, als wäre es prinzipiell vollständig beobacht- und steuerbar. Daraus entsteht eine bestimmte Form von Steuerungsoptimismus (etwas, was bei Luhmann skeptischer verhandelt wird: solche Steuerungseingriffe haben unvorhersebare Nebenfolgen).

Entscheidend sind dabei weniger die tatsächlichen Grenzen dieser Modelle als die zugrunde liegenden Annahmen: dass mehr Daten bessere Kontrolle ermöglichen, dass Verhalten hinreichend modellierbar ist usw.

Auch wenn das nie vollständig aufgeht, ist die Wirkung real. Man muss nicht alles kontrollieren können, damit Kontrolle effektiv wird. Es reicht, wenn sie partiell funktioniert und entsprechend organisiert wird.

“Freiheit” verschwindet hier nicht einfach wegen systemischer Grenzen. Sie wird eher darüber definiert, wie weit solche Kontrollansprüche praktisch durchgesetzt und akzeptiert werden.

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Auf der mathematischen Ebene stimmt das nicht nur — die Mathematik begrenzt, was gesellschaftlich überhaupt möglich ist.

Kontrolle entsteht entlang eines Vektorbündels, das den Kontrollraum aufspannt. Der Rest des Zustandsraums ist Freiheit. Innerhalb des kontrollierbaren Unterraums kommt die Kostenfunktion dazu: jede Regelung hier kostet Regelung dort. Das Bündel ist dünn, und es wird nicht dicker durch mehr Daten oder mehr Rechenleistung — die Struktur des Zustandsraums ändert sich dadurch nicht.

Dein Argument ist im Kern: diese Grenzen sind irrelevant, weil Akteure so handeln als gäbe es sie nicht. Aber Kalman beschreibt nicht was Akteure glauben kontrollieren zu können, sondern was strukturell kontrollierbar ist. Wenn das Kontrollbündel so dünn ist wie die Mathematik sagt — woher kommt dann die beobachtete Konformität? Nicht aus Steuerung, sondern aus Erwartung. Das Panoptikum funktioniert nicht weil es sieht, sondern weil die Insassen glauben, es sieht. Und dieses Panoptikum hat ein doppeltes Problem: Flächendeckende Beobachtung ist prohibitiv teuer, also muss sie durch Enshittification skalierbar gemacht werden — schlechtere Sensoren, gröbere Modelle, mehr false positives. Gleichzeitig hat ein neoliberaler Staat, der sich systematisch selbst aushöhlt, gar keinen Betreiber mehr für den Apparat.

Hier greift Kalmans Dualität ein zweites Mal, diesmal reflexiv: Controllability und Observability sind dual. Wer die Grenzen seiner eigenen Kontrolle nicht beobachten kann, dem fehlt das Werkzeug sie zu überwinden. Die Kontrolleure stecken im selben Theorem fest wie die Kontrollierten — sie können ihre eigenen Blindstellen nicht sehen und haben damit strukturell keine Möglichkeit, vollständige Kontrolle zu erlangen.

Alle Kontrolle heutzutage ist virtuell. Sie ist darauf angewiesen, dass jemand mitspielt und sich nicht wehrt. Der Mechanismus bricht zusammen sobald der Glaube wegfällt, echte Kontrolle tut das nicht. Verschlüsselung macht den Kanal blind. Datenflut erzeugt bei den Beobachtern alert fatigue schneller als Erkenntnisgewinn. Und den Geist des Betrachters greift man an indem man dafür sorgt, dass es unerträglich wird hinzuschauen — Menschen haben Sachen die sie nicht angucken können, und wer das weiß kann den Beobachter vertreiben ohne seine Technik anzurühren.

Die Antwort auf deine Frage ist also: fast alles was als Kontrolle erscheint ist bloß der Glaube an Kontrolle.

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Ja, Kontrolle ist Glaube, aber nein, der Mechanismus bricht nicht zusammen durch einfaches nicht befolgen. Erstens weil Akten, Scores und Klassifikationen auch dann Wege verbauen, wenn man an ihrer Logik zweifelt. Aber wichtiger: weil der Glaube nicht außen sitzt, sondern in den Leuten und den Köpfen selbst. Kybernetik ist dabei eine gesellschaftliche Idee und hier Chiffre dafür, dass wer kontrollierbar ist, besser funktioniert, und wer sich selbst kontrolliert, freier ist. Das strukturiert Beziehungen und Herrschaftsformen von innen heraus.
Es ist ein bisschen so wie, dass man vlt Gott logische widerlegen könnte, aber die Wirksamkeit und Institutionen des Glaubens damit nicht ausgehebelt werden.
(allgemein: man muss Leute ernst nehmen, wenn sie danach handeln, dafür argumentieren und sich Sinn herausziehen)

Der Sicherheitsapperat wird auch oder gerade bei neoliberalen Staaten extrem wichtig. Diese Idee von “schlanker Staat” ist da fake oder selektiv. Der Kontrollapperat wird selten wirklich beschnitten, aber sowas wie die Daseinsvorsorge schon (was ja auch mal im Podcast immer mal wieder vorkam: die brauchen schon Bürokratie z.B., weil sie regulieren wollen, wer Geld für z.B. bei Bürgergeld bekommt und die Bundeswehr-Finanzierung aus Staatsschulden steht sogar im GG.)

Du sagst: ja, Kontrolle ist Glaube, aber der Mechanismus bricht nicht zusammen wenn einer aufhört mitzuspielen. Stimmt. Für die anderen bricht er nicht zusammen. Für mich schon.

Und jetzt kommt der Witz: je mehr Leute brav mitspielen, desto einfacher wird es für die, die es nicht tun. Weil die Masse der Konformen dem System genau die Signale liefert, die es braucht um zu glauben, alles sei in Ordnung. Jeder der seinen Schufa-Score pflegt, jeder der sich benimmt, jeder der funktioniert, erzeugt ein “System wirkt”-Signal. Und je mehr davon ankommen, desto weniger fällt auf wenn einer fehlt. Die Schlafschafe sind nicht das Argument gegen die Freiheit — sie sind die Tarnung.

Das ist Kalman nochmal, diesmal reflexiv: die Kontrolleure können ihre Blindstellen nicht sehen, und die Compliance der Mehrheit vergrößert genau diese Blindstellen. Mehr Konformität heißt nicht mehr Kontrolle, es heißt mehr Rauschen in dem die verschwinden die aussteigen.

Ich kann die Schufa hacken, ich kann Geld anders beschaffen, ich kann den Glauben so auslegen wie ich will — und das System bemerkt es nicht, weil genug andere brav ihr Signal senden.

In Deutschland nicht. Hier haben wir den Sicherheitsapparat komplett kaputt gespart.

Das ist ein Aussteiger-narrativ und bleibt auf einer individuellen Ebene stecken. Das nur als ein individuelles Problem zu betrachten, wird der Analyse nicht gerecht.

doch Kontrolle in einem selbst, aber Konformität wird dann dem Phänomen nicht gerecht. Es geht um ein Selbstverhältnis und Erwartungen in Beziehungen und zu einem selbst.

Das ist auch irgendwo Survivalship-Bias. Ist das “nicht mitspielen” nicht die andere Seite von “mitspeilen”? So, brauchst du nicht auch diese Ordnung?

Ich mag nicht auf die Leute herunter zu gucken. “Schlafschafe” ist zur politischen Agitation oder Polemik ok, aber zur Gesellschaftsanalyse kann man auch darüber hinaus gehen. Im Prinzip ist die Frage eher, wie eine Lebensweise herausgebildet wird. Ich hatte das mal hier Forum erwähnt mit dem Fordismus als Lebensweise (Rationalität und Massenfertigung) als Antwort darauf, wie Menschen zur Massenproduktion passen und z.B. Sinn erhalten. Heutzutage ist das alles offen und deswegen kommt sowas wie die Armee zurück als Lebensgestaltung (dann Ernst Jüngers “Kampf als inneres Erlebenis” als subjektives Sinnangebot) oder das was in Fitnessapps und Selbstoptimierung steckt oder das was in Techno-Optimismus steckt.

Ich würde behaupten bei dir ist dann diese Hacker-Idee oder Videogamer-Perspektive verankert und das “ich spiele die anderen einfach aus” und übervorteile andere (oft mit Mathematikbezug, Spieltheorie und Logik).

Nein. Das ist einfach nur die Aussage, dass Widerstand möglich ist.

Nein. Brauch ich nicht.

Dann lass es doch einfach. Ist ja deine Entscheidung wie Du das Wort verstehen willst. Ich empfehle allerdings, es im Sinne meines Beitrags zu verstehen, das würde ich als nützlicher betrachten

Keine Ahnung wovon Du redest. Ich empfehle: Halte Dich an den Text anstatt zu spekulieren

Das ist übrigens interessant: Deleuze nennt im Postskriptum den Hacker neben Viren und Störungen direkt als deren eigene aktive Gefahr.
S. 259

Es ist einfach, jede Gesellschaft mit Maschinentypen in Beziehung zu setzen,
nicht weil die Maschinen determinierend sind, sondern weil sie die Gesellschafts-
formen ausdrücken, die fähig sind, sie ins Leben zu rufen und einzusetzen. Die alten Souveränitätsgesellschaften gingen mit einfachen Maschinen um: Hebel, Flaschenzüge, Uhren; die jüngsten Disziplinargesellschaften waren mit energetischen Maschinen ausgerüstet, welche die passive Gefahr der Entropie und die aktive Gefahr der Sabotage mit sich brachten; die Kontrollgesellschaften operieren mit Maschinen der dritten Art, Informationsmaschinen und Computern, deren passive Gefahr in der Störung besteht und deren aktive Gefahr Computer-Hacker und elektronische Viren bilden.

Also zum einen ist dieser historische Abriss interessant: Souveränität sei Kraftauswirkung an richtiger Stelle (Hebel auf der einen, Streitkraftmobilisierung auf der anderen Seite), Disziplin sei Energiekonzentration und -umwandlung auf Zeit mit Nutzen (und immer gegen die Bedrohung des Auseinanderfallens wie Faulheit, Unordnung, weswegen Stundenpläne wichtig waren) und die Kontrolle hat die Störung als Problem. Das ist anscheinend wirklich unbrauchbare Informationen, Rauschen und Inkohärenz.
So wie der Saboteur die Fabrik als Ziel hat, agiert der Hacker über das Netz. Ich find nur, dass sowas wie Flaschenhälse im Netz und Paywalls eigentlich doch auch dazu gehören, um das Netz zu verstehen.

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