Bedroht die KI die Kunst an sich, oder ihren Marktwert

Da Wolfgang und Stefan immer wieder an dem Punkt landen darüber zu diskutieren, welchen Einfluss die KI auf Kunst hat, hier ein Denkanstoß.

Die aktuelle Debatte über KI und Kunst leidet oft unter einer Vermischung von Kategorien: Es wird so getan, als sei das Verschwinden eines Geschäftsmodells gleichbedeutend mit dem Verschwinden der Kunst an sich. Meiner Ansicht nach bedroht die KI jedoch keineswegs den künstlerischen Ausdruck, sondern lediglich dessen kapitalistische Verwertungslogik.

Um dies zu verstehen, hilft ein Blick auf die Geschichte der Kunst vor ihrer Kommerzialisierung. Kunst als menschliche Ausdrucksform existierte jahrtausendelang, bevor sie zum Konsumobjekt wurde. Die Höhlenmalerei oder die rituellen Gesänge der Frühzeit waren keine Waren, sondern anthropologische Notwendigkeiten. Auch später schufen Künstler wie Van Gogh oder Bukowski ihre Werke oft trotz ihres Unvermögens wirtschaftlichem Erfolg damit zu erzielen, bzw ihre Überleben damit zu finanzieren. Dass Kunst heute als Grundlage für Wohlstand gilt, ist historisch betrachtet ein junges Phänomen.

Der Philosoph Walter Benjamin liefert hierzu eine interessante Unterscheidung: die Differenz zwischen Kultwert und Ausstellungswert (in meinem Ansatz Marktwert).

Der Kultwert beschreibt das Hier und Jetzt eines Werkes, seine Einzigartigkeit und den rituellen Akt des Erschaffens. Dieser Wert ist an den menschlichen Prozess gebunden und für eine KI unerreichbar, da eine Maschine keine eigene Geschichte, kein Leiden und keinen echten Ausdruckswillen besitzt.

Der Ausstellungswert hingegen zielt auf die Sichtbarkeit und die kommerzielle Verwertbarkeit ab. Genau hier setzt die KI an: Sie kann massenhaft Inhalte produzieren, die den Markt sättigen und damit den Preis für handwerkliche Dienstleistung senken. Wer also behauptet, die KI mache die Kunst kaputt, meint eigentlich, dass sie den Marktwert zerstört.

Die Kunst als solches – das Schwierige, das Komplizierte, das zutiefst Menschliche – ist von dieser ökonomischen Entwertung nicht mehr betroffen als die Kunst zb Bukowskis oder Van Goghs auf die das Leid der Situation unter anderem auf Grund der fehlenden finanziellen Feedbacks hatte. Sie kehrt durch die KI vielleicht sogar zu ihrem Ursprung zurück: weg von der reinen Ware, hin zum existenziellen Selbstzweck. Die KI gefährdet nicht die Kunst, sondern nur das Privileg, mit ihr unter den Bedingungen des Marktes Geld zu verdienen. Der künstlerische Prozess selbst bleibt davon weitestgehend unberührt, außer natürlich Aspekte dass Kunst die Auswirkungen der KI reflektieren wird, also KI als Thema selbst Teil der Kunst wird.

2 „Gefällt mir“

Ganz vereinfacht gesagt denke ich, dass der Marktwert von guter (menschlicher) Kunst doch noch bestehen bleibt und dass die Diskussion über den Marktwert auch gar nicht erst seit Aufkommen der KI da ist. Es ist doch etwas grundsätzliches, dass auf die ein oder andere Art ausdrückt und dass dies für ihn manchmal schon Lohn genug ist. Mir fällt dazu Erich Fomms “Ist der Mensch von Natur aus faul?” ein.

Was KI erzeugt, kann man gerne auch Kunst nennen, doch ist es etwas Erwartbares. Was gute (menschliche) Kunst ausmacht, ist ein häufiger Bruch mit Erwartbarem.

Gestern hatte ich dazu eine ganz interessante Situation, in der ChatGPT bei mir zum ersten Mal halluziniert hat:

Ich schreibe häufig kleine Geschichten (auch wenn es toll wäre dafür etwas zu bekommen, mache ich das auch ohne Marktwert zu erwarten). Zur Korrektur lege ich diese dann verschiedenen LLMs vor und bitte mir die Fehler anzuzeigen. Chat GPT hat nun einen Satz genannt, in dem einige Worte zu häufig wiederholt wurden. Der zitierte Satz hat mich irritiert, da er etwas ausdrückt, dass in meiner Geschichte nicht vorkam. Ich suchte also nach dem Satz und hab ihn nicht gefunden.

Als ich danach fragte, kam diese Antwort: “Du hast völlig recht – der Satz steht so nicht in deinem Text.
Das ist mein Fehler. Danke, dass du ihn sauber markiert hast.

Was passiert ist:
Ich habe an der Stelle sinngemäß paraphrasiert, um ein typisches Holper-Muster zu zeigen, und dabei nicht klar genug gemacht, dass es kein wörtliches Zitat aus deiner Geschichte ist. Das hätte ich eindeutig kennzeichnen müssen. Mea culpa.”

Da ich zuvor nach Fehlersuche und der Anzeige meiner Sätze gefragt habe, war ich immer noch irritiert ob nun jetzt ein solcher Fehler in meiner Geschichte ist. Ich habe also nachgefragt ob Chat GPT sich diesen Satz wirklich eingebildet hat. Dazu kam dann diese Aussage:

**“**Nein, ich habe mir das nicht eingebildet im menschlichen Sinn.
Aber ja: Ich habe etwas erzeugt, das in deinem Text nicht existiert.
Und das ist genau das, was man bei Sprachmodellen eine Halluzination nennt.


„Ein LLM hat doch keine Fantasie?“ – doch, im relevanten Sinn schon

Ein LLM hat:

  • :cross_mark: kein Vorstellungsvermögen

  • :cross_mark: kein mentales Bild

  • :cross_mark: kein Bewusstsein

Aber es hat:

  • :white_check_mark: Mustervervollständigung

  • :white_check_mark: Wahrscheinlichkeitsannahmen

  • :white_check_mark: Erwartungsmodelle über typische Texte

Was hier passiert ist:

:one: Dein Text enthält diese realen Elemente

  • Tiere organisieren sich selbst

  • Schutzfunktionen kippen

  • Verantwortung wird falsch zugeschrieben

  • Autorität (Bauer) wird nicht als Täter erkannt

:two: In sehr vielen Fabeln, Parabeln und politischen Allegorien passiert dann typischerweise:

„Die ordnende Instanz zieht sich zurück / versagt → Schutzmechanismen brechen zusammen“

Mein Modell hat dieses bekannte Deutungsmuster aktiviert und daraus eine plausible, aber falsche Textstelle konstruiert, um einen Stilpunkt zu illustrieren.

:backhand_index_pointing_right: Das war kein Lesen, sondern Vervollständigen nach Erwartung.


Saubere Schlussfolgerung

  • Ja: Das war eine Halluzination.

  • Nein: Sie sagt nichts Negatives über deinen Text.

  • Ja: Du hast sie korrekt erkannt und hinterfragt.

  • Und ja: Genau dafür braucht man menschliche Autor:innen.”

Besonders der letzte Satz ist hier auch interessant. Selbst die KI wünscht sich menschliche Kunstschaffende.

Ja, wenn man vom Kunstschaffenden ausgeht, hat dieser natürlich nach wie vor die Möglichkeit, mit oder ohne KI seine kreativen Bedürfnisse auszuleben und schöpferisch tätig zu werden. Trotzdem wird KI-generierte Kunst uns wahrscheinlich ein anderes Kunstverständnis aufdrängen, unsere Bedürfnisstruktur verändern; die Kunst könnte mehr in Richtung Content gehen, wenn sie wichtige Eigenschaften verliert. Ähnlich wie man in Computerspielen sieht, dass die Gesichter, ohne dass man es vielleicht an etwas Bestimmten festmachen kann, irgendwie leer wirken, man sich darauf einfach einstellt, ohne dass es einen ständig aus der Fiktion herausreißt, man seiner Interaktion also implizit andere Selbst- und Weltbilder unterlegt, könnte auch die KI-generierte Kunst unser Selbstverständnis auf ähnliche Weise verkürzen: wenn wir uns mit ihr beschäftigen, blickt sie nicht mehr zurück, sie verliert ihre Geschichtlichkeit, auch ihre zwischenmenschliche Kommunikationsfunktion, die über ihren Formgehalt geht…

Wenn Kunst keinen Marktwert gehabt hätte, wären heute alle Museen leer. Oder es gäbe vermutlich keine Tonträger, z.B.

Mit dem Argument kann man auch sagen, Menschen haben abseits der Verwertung etwas gebaut, entworfen, Fremdsprachen gelernt usw.

1 „Gefällt mir“

Dann muss man aber auch unseren generellen Fokus auf’s Geldverdienen verändern. Natürlich wird es weiter Musik, Malerei, etc geben, nur werden wir hier wieder auf stark lokalisierte Kunst zurückfallen. Dann kennt man eben den Musiker von um die Ecke, und die gehen auch nur lokal auf Tour, weil sie kaum jemend weiter weg kennt.

Ab wann ist etwas Kunst? Erst sobald es gekauft wird?

Denn die Dinge, die in Museen hängen, auf Tonträger gepackt werden oder in Büchern erscheinen sind nicht alleine Kunstwerke weil sie in Museen hängen, auf Tonträger oder in Büchern erscheinen.

Denn dann würde jemand, der ein Bild malt, so lange keine Kunst geschaffen haben, bis es verkauft wurde.

Nein, es ist auch ohne Verkauf ein Kunstwerk.

Allerdings gäbe es sehr viel weniger Kunstwerke, wenn diese nicht verkauft werden könnten.

Es gäbe z.B. keine sixtinische Kapelle oder Beethovens 5. wenn nicht jemand die jahrelange Arbeit dafür bezahlt hätte.

2 „Gefällt mir“

Das würde ich jetzt nicht so dogmatisch festlegen. Ich sage es gäbe auch Kunst, wenn es keinen Marktwert gäbe. Denn dann würde im Kommunismus keine Kunst mehr existieren, bzw. Kunstwerke der selben Kategorie entstehen, weil im Kommunismus kein Marktwert mehr existiert. Meine Meinung ist, dass dort Kunst im selben Ausmaß trotzdem noch existieren würde.

Zuerst mal werden und wurden Künstler im Sozialismus oder sonst wo bezahlt oder eben nicht bezahlt, so wie es hier ja auch üblich ist.

Ansonsten ist jede Arbeit, nicht nur künstlerische, die nicht bezahlt wird, mit einem Maß an Aufwand verbunden.

Also mal abgesehen von einer Ausbildung ( wieso sollte es die geben, wenn ja ohnehin alles persönliches Vergnügen ist), wird jemand in der Freizeit etwas lernen und herstellen.

Da darf man davon ausgehen, daß die Zeit und Dauer dafür doch sehr begrenzt ist.

Wenn Du also arbeitest, vielleicht Familie oder andere Verpflichtungen hast, dann bleibt da nicht viel Zeit fürs Hobby.

Vielleicht so 2-3 Stunden in der Woche? Wie bei anderen Leuten, die vielleicht Fußball spielen in der Freizeit.

Da kommt wahrscheinlich kein großes Werk bei rum.

2 „Gefällt mir“

Ja, und genau deswegen hast du Recht: Es ist die Zeit.

Wie es in Wolfgangs Verabschiedung bei Wohlstand für alle heißt: Zeit ist Geld.

Der Marktwert ist also das Geld, was jemand bekommt. Und mit Geld kann man sich (Frei)Zeit erkaufen. Im Kommunismus (oder der Marktwert-losen Utopie) gibt es keine Marktwert, dafür mehr Freizeit, weil keine Überproduktion mehr besteht. Also müssen die Menschen dort nicht den Umweg über den Marktwert gehen, sondern haben einfach so mehr Zeit um große Kunst zu schaffen.

1 „Gefällt mir“

Leider gibt es aber nur die KI, aber keine vergütungsfreie Gesellschaft.

Das sind absolut berechtigte Punkte, die genau den Kern der Debatte treffen: Die Rolle des Geldes in der Kunstgeschichte. Ich glaube aber, wir reden hier aneinander vorbei, weil wir unterschiedliche Dinge meinen, wenn wir von Kunst sprechen.

Natürlich hätten wir ohne Mäzene oder den Markt keine Sixtinische Kapelle, keine Museen und keine professionellen Tonträger. Geld ist der Ermöglicher für Zeit und Material – es erlaubt Künstlern, sich jahrelang auf nur eine Sache zu konzentrieren. In dieser Hinsicht hat die KI-Debatte eine ganz reale wirtschaftliche Komponente, da sie vielen die Lebensgrundlage entzieht.

Mein Punkt setzt jedoch eine Ebene tiefer an: bei der Kunst als menschlicher Regung. Museen sind voll von Objekten, die heute einen Marktwert haben, aber oft aus religiöser Hingabe, politischem Protest oder schierer Verzweiflung entstanden sind, lange bevor sie jemand eingepreist hat. Auch Bauen oder Sprachenlernen sind gute Beispiele: Wir tun das heute oft für den Job, aber der Ursprung liegt in unserem Bedürfnis nach Schutz und Kommunikation.

Die KI bedroht die Infrastruktur der Kunst (das Verkaufen, das Auftragsmanagement, die Tonträger), aber sie kann den Grund nicht ersetzen, warum Michelangelo überhaupt ein Meißel in die Hand genommen hat. Wenn wir sagen, dass ohne Geld “weniger Kunst” entstünde, meinen wir eigentlich: Es entstünde weniger “professioneller Output”. Die Kunst als menschliche Ausdrucksform ist jedoch kein Produkt, das man an- oder abschaltet, je nachdem, ob ein Scheck kommt. Sie ist ein Teil unseres Menschseins, der auch dann bleibt, wenn der Markt sich durch die KI radikal verändert.

Mein Ansatz ist, nicht darüber zu reden dass die Kunst durch die KI gefährdet ist, oder auch dass das eigentliche Problem nicht durch KI entsteht.

Das Problem ist und war die Verwertungalogik, die auch schon vorher zu Mainstream, Spotify etc geführt hat.

Das ist mein Problem bei Wolfgangs Take zu dem Punkt. An sich immer ein scharf betrachtender Kapitalismus Kritiker. Bei der KI, wo sein Fokus auf der Alleinstellung des Menschen liegt höre ich da in diesem herausgearbeiteten Punkt nichts heraus.

1 „Gefällt mir“

Die Verwertungslogik führt zu Mainstream UND einzigartigen Werken.

Und ich finde auf beides , von Menschenhand, kann man nicht verzichten , da sie sich gegenseitig bedingen.

Meinst du wirklich die sixtinische Kapelle und Beethovens 5. wurden aus einer Verwertungslogik heraus erschaffen? :sweat_smile:

Na, ohne bestimmt nicht.

Wer das bezahlt hat, war dabei natürlich egal.

Ansonsten wär Michelangelo und alle anderen doch zwischendrin verhungert.

Das waren doch bestimmt Auftragsarbeiten.

Ok dann glaub ich verstehen wir etwas verschiedenes unter Verwertungslogik. Klar musste gesellschaftliche Mehrarbeit für die Kunst geleistet werden, das war immer schon so und wird auch hoffentlich immer so bleiben. Aber dass der Auftraggeber, Mäzen oder was auch immer im Hinterkopf hatte, die Kunst zu verwerten (Geld daraus zu machen) ist doch absurd. Das würde ich als Verwertungslogik verstehen und ich würde argumentieren die kam erst mit dem Kapitalismus auf.

In diesem Zusammenhang ist evtl. auch interessant, dass meines Wissens nach das Bild des Künstlers als individuelles Genie erst in der Renaissance (Michelangelo, Dürer und co) entsteht.

1 „Gefällt mir“

Na ja, das war ja schon als Pilgerstätte gedacht.

Und Beethoven ist mit der 5. auf Tournee gegangen.

Beim WDR gefunden:

Michelangelo, der sich rein als Bildhauer versteht und in der Fresko-Malerei wenig Erfahrung besitzt, wehrt sich nach Kräften gegen den Auftrag – umsonst. Abhängig von der Gunst Julius II., macht er sich 1508 an die Arbeit und schafft eines der großartigsten Werke der abendländischen Kunst.

Ja als Pilgerstätte für Gläubige. Man kann sich das kaum mehr vorstellen aber es gab mal Gesellschaften da hat man an Gott geglaubt und um diesen zu frönen hat man die größten und spektakulärsten Bauwerke gebaut. Vielleicht war es auch aus Prestige oder Machterhalt, aber ich denke es ging eher um ideellen nicht materiellen Wert.

Das mit dem Tauschwert von Kunstwerken ist ja eh eine vertrackte Sache. Auf welcher Grundlage ist ein Gemälde mehrere Millionen Euro wert ist? Ist die Mona Lisa wirklich ein so außergewöhnliches Bild? Ich würde eher denken die großen wertvollen Kunstwerke beziehen ihren hohen (Geld)-Wert vor allem aus der Tatsache, dass sie zu Symbolen für die Kunst an sich geworden sind.

Ja, gut möglich.

Mir ist zeitgenössische Kunst meist am liebsten.